26.11.2012

Von Aleppo nach Athen

GLOBAL VILLAGE: Wie ein Syrer dem Bürgerkrieg entflieht und nun in Griechenland verzweifelt
Athen und Aleppo haben vieles gemeinsam: das Mittelmeerklima, antike Gebäude und Shishas, Wasserpfeifen, im Café. Anas Tassawi, aufgewachsen in Syriens Wirtschaftsmetropole Aleppo, seit fünf Monaten in Griechenlands Hauptstadt, fällt noch mehr dazu ein: An beiden Orten sei Überleben Glückssache, sagt er.
Tassawi hat es eilig an diesem Morgen. Er ist unterwegs im Athener Diplomatenviertel. Seit er als illegaler Einwanderer in dieser Stadt gestrandet ist, hat er nur noch ein Ziel: Er will raus hier. Raus aus Athen, raus aus dem Elend, wieder mal. Der Bürgerkriegsflüchtling versucht, dem Krisenland Griechenland zu entkommen, aber das ist nicht so einfach.
Er geht vorbei an der britischen, der französischen, der kanadischen Botschaft, dort hat er schon um Hilfe gebeten, vergebens. Heute also die deutsche Botschaft. Sicherheitscheck, Treppe rauf, geradeaus. "Ich bin Kriegsflüchtling. Können Sie helfen?", fragt er die Frau am Empfang auf Englisch.
Tassawi erzählt seine Geschichte: Wie er sich vor mehr als einem Jahr vom Arabischen Frühling anstecken ließ und in Aleppo demonstrierte. Wie ihn Assads Soldaten niederknüppelten und ins Gefängnis warfen. Er entkam, bestach Soldaten an der Grenze, floh in die Türkei und arbeitete in Hotels. Tassawi, der ein Wirtschaftsstudium abgeschlossen hat, wollte mehr im Leben als Flucht und illegale Jobs.
In Syrien, das ahnte der damals 29-Jährige, würde der Krieg noch lange dauern. Aber in Westeuropa, da müsste man ihm doch helfen können! Vielleicht könnte er dort sogar seinen Master machen.
Ein Schlepper brachte ihn über den Fluss, auf der anderen Seite war Griechenland. Und Polizei. Tassawi sagte den Beamten, er sei Kriegsflüchtling und wolle Asyl. Die Polizisten aber gaben ihm ein Papier, auf dem stand, dass er innerhalb von drei Monaten das Land zu verlassen habe.
Mittlerweile sind Tausende syrische Flüchtlinge wie er in der Stadt. Die meisten bekommen kein Asyl und schlagen sich illegal durch. Wenn sie aufgegriffen werden, landen sie ein paar Tage im Gefängnis und dann wieder auf der Straße. Mit einem neuen Papier, auf dem sie aufgefordert werden, das Land zu verlassen.
Die Geflohenen haben keine Wohnungen, sie hausen oft in feuchten Kellern, in denen es nach Katzenpisse stinkt. Oder auf dem Dachboden einer Moschee. Viele leben von ihren letzten Ersparnissen, bald können sie kein Essen mehr kaufen. Illegal zu arbeiten sei unmöglich, sagt Tassawi, selbst Griechen fänden ja keine Jobs mehr. Und sie alle fürchten die rechten Schlägertrupps.
"Verstehen Sie bitte meine Situation. Ich muss raus hier", sagt Tassawi in der deutschen Botschaft. Die Frau am Empfang nickt.
"Haben Sie ein Kind in Deutschland?", fragt sie. "Nein", antwortet Tassawi.
"Dann kann ich nichts für Sie tun." Die Frau erklärt, dass es eben Abkommen in Europa gebe. Eines davon besage, ein Flüchtling, der in Griechenland ankomme, müsse auch dort bleiben.
Sie gibt Tassawi eine Adresse: Solomou 25, 10682 Athen. Es ist das Gebäude der Flüchtlingshilfe GCR. Eine lange Menschenschlange steht vor der Tür.
"Was soll ich machen?", fragt der Syrer, als er an der Reihe ist. "Wir beraten hier Flüchtlinge, die seit 15 Jahren auf Asyl warten", sagt der Mann, "es ist schwierig." Seit Ausbruch der Krise bewillige die Regierung noch weniger Asylanträge als zuvor. Tassawi solle es trotzdem bei der Asylbehörde versuchen.
Ein Polizist hält am nächsten Morgen Wache vor dem schweren Eingangstor des Gebäudes, das in einem Industriegebiet außerhalb der Stadt liegt. Fast eine Stunde dauert das Warten. "Ich möchte Asyl beantragen", sagt Tassawi.
"Sie müssen freitagabends um 22 Uhr wiederkommen und die Nacht über warten. Dann wählen wir 100 Flüchtlinge aus, die interviewt werden. Wenn Sie die Fragen richtig beantworten, wird ein Asylverfahren eröffnet", antwortet der Polizist und wünscht ihm "viel Glück". Danach verschwindet er in seinem Wachhaus.
Wenn Anas Tassawi hier in Athen überhaupt noch irgendjemandem traut, dann ist es wohl der Mann von der Mafia, der sich George nennt und auf gefälschte Pässe spezialisiert ist. George sitzt in einem Straßencafé im Osten Athens und raucht Tabak mit Vanillegeschmack in der Shisha. "Du bist noch hier? Was ist schiefgegangen?", fragt er.
George hatte Tassawi schon vor Monaten einen gefälschten rumänischen Pass verkauft. Damit gelangte er in ein Flugzeug nach Wien. Kurz vor dem Start zogen ihn vier Polizisten wieder aus der Maschine. Er solle Schmiergeld zahlen, dann dürfe er zurück ins Flugzeug. Tassawi hatte kein Geld. Er blieb.
"Dumm gelaufen", sagt George. Er schiebt ihm unter dem Tisch einen Briefumschlag zu, darin ein gestohlener deutscher Reisepass. "Gib mir 500 Euro, dann kriegst du den hier mit deinem Foto", sagt George.
"Ich hab kein Geld mehr", sagt Tassawi. "Dann besorg welches", antwortet George.
Von Jörn Petring

DER SPIEGEL 48/2012
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