26.11.2012

PSYCHOLOGIEKindheit ohne Gewissen

Was macht einen Menschen zum Serienmörder? Die dissoziale Persönlichkeitsstörung gilt als unheilbar und rätselhaft. Nun hoffen Forscher, einen Schlüssel zur Behandlung der Psychopathen entdeckt zu haben.
Sollte der kleine Jeff jemals so etwas wie ein unschuldiges Gemüt besessen haben, so war es ihm im Alter von zehn Jahren bereits abhandengekommen. Der Junge streunte herum, köpfte Hamster und nagelte einmal einen Hundekadaver an einen Baum. Den Kopf des toten Tieres spießte er auf einen Stock wie eine Kriegstrophäe.
Auch der kleine Ted irritierte seine Mutter mit befremdlichem Verhalten. Als deren Schwester einmal aus dem Mittagsschlaf erwachte, hatte Neffe Ted einen Ring aus Küchenmessern um seine Tante gelegt. Da war er vier Jahre alt.
Die beiden Jungen wuchsen zu Berühmtheiten heran: Jeffrey Dahmer und Ted Bundy gingen als grausigste Serienmörder Amerikas in die Geschichte ein.
Dahmer entführte junge Homosexuelle und träufelte ihnen Säure in den Kopf, um sie in willenlose Sexsklaven zu verwandeln. Die Schädel seiner Opfer, die diese Prozedur nicht überlebten, bewahrte er im Kühlschrank auf.
Bundy tötete bis zu hundert Frauen und verging sich an den Leichen - teils auch noch, nachdem sie schon stark verwest waren.
Psychologen zählen die beiden Schwerverbrecher zur Gruppe der Psychopathen - ein extrem gefährlicher Typus Mensch, dem jegliches Mitgefühl für andere fehlt.
Diese schwere Störung des Sozialverhaltens gilt als unheilbar. Jeder Versuch, einen psychopathischen Gewaltverbrecher therapeutisch zu bekehren, scheitert: Die Betroffenen empfinden keinen Funken Reue. Jedes Mittel scheint ihnen recht, um ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen.
Bislang interessierte sich die Wissenschaft fast nur für erwachsene Straftäter mit ausgeprägt psychopathischen Zügen. Genau das aber könnte eine große Schwäche der Forschung sein. "Es ist doch klar, dass man so eine Persönlichkeit nicht mit 18 zum Geburtstag geschenkt bekommt", sagt Essi Viding, Psychologin am University College in London.
Deshalb nimmt eine Gruppe von Psychologen nun jene Lebensphase in den Blick, in der ihrer Auffassung nach die Anzeichen der Seelenunwucht erstmals zutage treten: die Kindheit. Schon Fünf- und Sechsjährige, so ihre These, können Verhaltensmerkmale psychopathischer Persönlichkeiten aufweisen.
Diese Kinder stehlen und quälen Tiere, fallen als notorische Schulschwänzer auf und kennen gegenüber ihren Altersgenossen auf dem Schulhof und im Sandkasten auch dann keine Gnade, wenn die anfangen zu weinen.
Die Eltern dieser schwierigen Zöglinge haben sich zumeist in jahrelangem Erziehungskampf verschlissen und martern sich mit der immer gleichen Frage: "Was haben wir bloß falsch gemacht?"
Therapeuten versuchen, ihnen zumindest diese Sorge zu nehmen: Die auffälligen Kleinen sind nach derzeitigem Kenntnisstand der Wissenschaft bereits mit der Anlage für Psychopathie auf die Welt gekommen. Darin erschöpfen sich allerdings die guten Nachrichten.
Denn die Fachleute müssen den Eltern auch klarmachen, dass ihre Kinder grundsätzlich anders sind als andere Kinder: Sie empfinden kaum Angst, Ermahnungen und Drohungen fruchten deshalb wenig bei ihnen. Schlimmer noch: Die betroffenen Kinder sind zu tieferen Empfindungen für andere Menschen offenbar nicht in der Lage. Auch die elterliche Liebe und Zuneigung erwidern sie kaum - und wenn, dann sind die Gefühle meist nur gespielt.
Der amerikanische Psychiater Hervey Cleckley hatte schon 1941 in seinem Buch "The Mask of Sanity" verschiedene Typen psychopathischer Persönlichkeiten beschrieben; unter anderem schilderte er den Fall des zehnjährigen Tom: Der schwänzte die Schule und vertrieb sich die Zeit, indem er auf Hühner schoss, mit Steinen nach Eichhörnchen warf, Brände legte und Diebstähle beging.
All dies brachte den jungen Delinquenten jedoch kaum in Schwierigkeiten. "Er log so plausibel und mit gelassenem Gleichmut, erfand solch raffinierte Alibis oder bestritt seine Verantwortung derart überzeugend, dass sein wahrer Charakter jahrelang unentdeckt blieb", erzählt Cleckley.
Schilderungen dieser Art wecken bei manchen Psychologen allerdings Unbehagen. Sie scheuen sich, schon Zehnjährige mit dem Befund der schlimmstmöglichen Persönlichkeitsstörung zu brandmarken. Andererseits lässt sich kaum leugnen, dass dissoziale Neigungen mitunter bereits in jungem Alter deutlich ausgeprägt sind.
Für die 2013 erscheinende Neuauflage des Standardwerks für psychiatrische Diagnostik, DSM-V, schufen dessen Autoren nun erstmals eine eigene Kategorie für Kinder mit psychopathischen Merkmalen: Solchen Heranwachsenden soll demnach künftig ein "kalt-unemotionales Erscheinungsbild" attestiert werden.
Doch was folgt auf diese unerfreuliche Diagnose? "Wir sollten jetzt nicht versuchen, die alle zu identifizieren, um dann nichts mehr mit ihnen zu machen", mahnt Christina Stadler, Leiterin der Diagnostisch-Therapeutischen Tagesklinik in Basel, die an der Ausarbeitung der Krankheitsdefinition mitgearbeitet hat.
Was allerdings genau mit solchen Kindern zu tun ist, weiß auch Stadler nicht zu sagen: "Noch warten wir auf spezifische Behandlungsprogramme. Leider wirkt so wenig." Genau genommen wirkte bislang überhaupt nichts.
Mitten in diese Hoffnungslosigkeit platzt nun die Arbeit von Mark Dadds von der University of New South Wales in Sydney, von der sich die Experten einen Durchbruch erhoffen.
Der australische Psychologe führte eine geradezu banal anmutende Versuchsreihe mit als kalt-unemotional diagnostizierten Jungen durch: Die Väter und Mütter der Kinder forderte er auf, diesen in regelmäßigen zehnminütigen Sitzungen gezielt in die Augen zu blicken und mit warmer Stimme zu sagen: "Ich habe dich lieb!" Wichtig war, dass die Kinder dabei den Blick ihrer Eltern erwiderten.
Die schlichte Intervention zeigte verblüffende Wirkung: Nach sechsmonatigem Training waren die betroffenen Kinder erstmals in der Lage, Emotionen im Gesicht ihres Gegenübers zu erkennen.
Dadds eröffnet damit nicht nur einen möglichen Weg, die schwer gestörten Kinder zu behandeln. Er könnte zugleich einen Schlüssel zum Verständnis der Psychopathie gefunden haben: "Dadds liefert erstmals den Beweis, dass der Augenkontakt von kühl-unemotionalen Kindern mit ihren Eltern deutlich reduziert ist", erklärt der Neuropsychologe James Blair vom National Institute of Mental Health in den USA.
Experten wie Blair versuchen seit Jahren, das Rätsel der Psychopathie zu knacken. Bislang kursieren im Wesentlichen zwei Theorien, die das Verhalten der auf so merkwürdige Art Gestörten erklären sollen: Eine Fraktion sieht im Mangel an Furcht vor Bestrafung den Schlüssel zur dissozialen Persönlichkeitsstörung. Die andere macht das mangelnde Einfühlungsvermögen verantwortlich dafür, dass Psychopathen anderen Menschen ohne Skrupel Schaden zufügen.
Hirnscans der Neuropsychologen scheinen letztere These zu bestätigen; die Amygdala - jenes Zentrum, in dem Hirnforscher das Mitgefühl verorten - ist bei Psychopathen auffällig zurückgebildet.
Nur: Ist das wirklich die Ursache oder doch nur eine Folge der Störung? Möglich ist, dass Psychopathen wegen ihres unterentwickelten Gefühlszentrums im Gehirn auf Abwege geraten; denkbar ist aber auch umgekehrt, dass ihre Amygdala verkümmert ist, weil sich in ihnen im Laufe des Lebens nie Mitgefühl geregt hat.
Bei der Klärung solcher Fragen könnten nun Dadds Befunde weiterhelfen. Der Australier vermutet, dass spätere Psychopathen im Babyalter keinen Augenkontakt zu ihren Bezugspersonen herstellen können; wichtige emotionale Botschaften, die über Blicke und Mimik vermittelt werden, gehen an den Kleinen vorbei - mit fatalen Folgen: "Das führt zu einer Kaskade von Fehlern bei der Entwicklung von Mitgefühl und Gewissen", warnt Dadds.
Woran aber liegt es, dass der Austausch ohne Worte zwischen Eltern und ihren Säuglingen so gestört ist?
Dadds und sein Team untersuchten die Familien der auffälligen Kinder - und machten dabei eine überraschende Beobachtung: Während andere Forscher meist der Mutter die Schüsselrolle bei der frühkindlichen Gefühlsbildung zugeschrieben hatten, rückten die australischen Forscher die Väter in den Mittelpunkt - zumindest was die Ausprägung kalt-unemotionaler Merkmale anbelangt.
Gerade die Väter, so zeigte sich, sahen ihren von diesem Symptom befallenen Kindern kaum in die Augen. Und mehr noch: Einige der Männer zeigten selbst gewisse Anzeichen von Psychopathie.
Dadds Beobachtungen könnten erklären, warum psychopathisches Verhalten in manchen Familien gehäuft auftritt. Vereinzelt spekulierten Forscher schon in der Vergangenheit über die Vererbbarkeit der Störung; ein Psychopathie-Gen indes wurde nie ausgemacht.
Der kanadische Kriminalpsychologe Robert Hare entwickelte Ende der siebziger Jahre ein bis heute gebräuchliches Instrument, um Psychopathen zu identifizieren. Übersteigertes Selbstwertgefühl, pathologische Neigung zum Lügen, Gefühlskälte, mangelndes Verantwortungsgefühl: Auf einer Checkliste gilt es dabei einzelne Eigenschaften abzufragen.
Der höchste erzielbare Wert auf Hares Skala liegt bei 40 Punkten, die Schwelle zur Psychopathie setzte er bei 30 Punkten an. Der durchschnittliche Mann erzielt 4 Punkte. Psychopathische Frauen sind eine Seltenheit.
Hare vermutet, dass jede Stadt von ein bis zwei Prozent Psychopathen bevölkert wird, die etwa 50 Prozent aller schweren Verbrechen begehen. Diverse Untersuchungen zeigen, dass im Durchschnitt jeder vierte männliche Insasse eines Gefängnisses psychopathisch ist.
"Psychopathen haben einen beträchtlichen Anteil an allen Gewalttaten", sagt auch Essi Viding. Das allein sei ein triftiger Grund, dem kalt-unemotionalen Erscheinungsbild schon bei Kindern größte Aufmerksamkeit zu schenken.
Anders als bei Erwachsenen sind die Messinstrumente für Heranwachsende jedoch kaum entwickelt. Als Bewertungskriterien gelten etwa die Neigung zu Langeweile, häufiges Lügen und das Abwälzen der eigenen Schuld auf andere. Doch wo auf dem Planeten, so wenden Kritiker ein, sind Eltern ausfindig zu machen, die mit ihren Kindern nicht solche Phasen durchlebt hätten?
Zudem regen sich Zweifel, ob Kinder jemals den Weg zurück in ein normales Leben finden werden, wenn ihnen erst einmal das Stigma der schweren Sozialstörung anhaftet. Therapeutin Stadler plädiert deshalb für Geduld: "Diese Kinder können sich auch entwickeln, ohne dass sie normverletzendes Verhalten zeigen."
Selbst wenn ein Junge zum typischen Psychopathen heranreift, bedeutet dies nicht, dass er automatisch zum Serien- oder Gewalttäter wird. Dazu bedarf es einer sogenannten Co-Morbidität wie etwa Sadismus.
Im Gegenteil: Für Emotionslose und Empathieunfähige hält die Gesellschaft durchaus Nischen bereit. So können sie zum Beispiel als Chefs von Banken und Konzernen Karriere machen, erklärt der Experte Hare.
Liebend gern würden die Forscher solch erfolgreiche Lebensläufe von dissozial veranlagten Menschen untersuchen. Doch solange ein Psychopath keine Straftat begeht, bekommt ihn kaum je ein Psychologe zu Gesicht. Von sich aus wird er keinerlei Bedarf nach seelischem Beistand erkennen.
Gerade die Beschäftigung mit Kindern könnte helfen, auch die Stärken von Psychopathen besser kennenzulernen. "Es muss ja evolutionär einen Sinn ergeben, dass es dieses Persönlichkeitsmerkmal gibt", vermutet Stadler.
Der in Cambridge lehrende Psychologe Kevin Dutton etwa ist davon überzeugt, dass brave Normalbürger von Psychopathen einiges lernen könnten. Schließlich lasse sich das Leben mit einer gewissen Kaltschnäuzigkeit mitunter besser meistern, meint er - und hat einen Ratgeber zum Thema verfasst.
Auch Duttons Kollegin Viding entdeckte eine bemerkenswerte und zugleich beunruhigende Fähigkeit dieser unheimlichen Art Mensch: "Sie können sich nicht in die Gefühle anderer hineinversetzen, aber sie sind sehr gut darin, zu wissen, was andere denken", berichtet sie.
Von Frank Thadeusz

DER SPIEGEL 48/2012
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