03.12.2012

HOCHSCHULENBlau wie blöd

Deutschlands Professoren wollen ihre Leistung nicht mehr messen lassen - Fachvereinigungen und Universitäten rufen zum Boykott von Rankings auf.
Chemiker schreiben in ihren Fachzeitschriften oft Sätze, die für Laien unverständlich sind, und Formeln, die kryptisch wirken. In der kommenden Ausgabe von "Chemie in unserer Zeit" werden jedoch Worte von großer Anschaulichkeit stehen. "Die Karotte aus der Erde zu reißen, um zu sehen, wie viel sie schon gewachsen ist, führt offensichtlich zu einer schlechten Ernte", heißt es im Editorial.
Autor der Zeilen ist Peter Schreiner, Professor für Organische Chemie an der Universität Gießen. Er fühlt sich wie ein Gemüsebauer, dem keine Zeit gelassen wird, sein Feld ordentlich zu bestellen: Die Früchte werden so häufig kontrolliert, klassifiziert, kategorisiert, dass sie nicht zur Reife gelangen können.
Die zahlreichen Evaluationen und Rankings, beklagt der Professor, ließen ihm nicht mehr die nötige Ruhe. Und weil es vielen Kollegen ähnlich geht, hat die Gesellschaft Deutscher Chemiker mit ihren rund 30 000 Mitgliedern nun beschlossen, das wichtigste deutsche Hochschul-Ranking mit sofortiger Wirkung zu boykottieren.
Die Chemiker befinden sich in bester Gesellschaft, die Wissenschaftler in Deutschland begehren gegen die Vermessung ihrer Arbeitswelt auf. Ein halbes Dutzend Universitäten stiegen zuletzt aus den Ranglistenspielen aus, die Bildungsanstalten wollen keine Angaben mehr liefern: Hamburg, Leipzig, Köln, Lüneburg, Vechta, die Fernuniversität Hagen. Und fast ebenso viele Fachvereinigungen empfahlen ihren Mitgliedern den gleichen Schritt: Soziologen, Anglisten, Pädagogen und Historiker.
Die Liste dürfte bald noch länger werden, denn die Verbände von Biologen, Physikern, Kommunikationswissenschaftlern und Mathematikern denken ebenfalls über Konsequenzen nach.
Während Rankings - tabellarische Vergleiche von Universitäten und Fächern - in der Öffentlichkeit eher als Ausweis von Modernität und Leistungswillen gelten, wächst der Widerstand unter Wissenschaftlern. Denn Kritiker sehen darin nur lästige, teils irreführende Zahlenhuberei.
Den Protest bekommt vor allem das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) in Gütersloh ab, ein von der Bertelsmann Stiftung und der Hochschulrektorenkonferenz gegründeter Think-Tank. Jedes Jahr bewertet das CHE die Qualität wichtiger Fächer an rund 250 Hochschulstandorten - oder das, was das CHE als Qualität definiert.
Die Forscher erheben dazu je nach Fach etwa das Zahlenverhältnis von Lehrenden zu Studenten, die Ausstattung von Laboren und Bibliotheken oder die Meinung der Studierenden. Die Methodik ist im Vergleich zu anderen Rankings ausgefeilt, das Ergebnis unter anderem ein simples Ampelsystem: Grün leuchten die Hochschulen der Spitzengruppe, Gelb steht für das Mittelfeld, blau markiert sind die potentiellen Blödmacher unter den Bildungsanstalten.
Doch angesichts der Ranking-Inflation sehen Hochschullehrer rot. Die Stichproben seien zu klein, monieren Kommunikationswissenschaftler. Wegen zu geringer Rückläufe oder technischer Pannen tauchten etwa Trier, Eichstätt und Bamberg im Ranking gar nicht auf. Die Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft sieht die "hohe Lehrbelastung" im eigenen Fach nicht berücksichtigt. Und nach Meinung der Soziologen lädt das CHE-Ranking "Fakultäts- und Hochschulleitungen sowie Ministerialbürokratien zu extrem simplifizierenden Lesarten ein".
Die Protestbewegung hat die Vertreter eher nüchterner Fächer erfasst. Das Präsidium der Mathematiker-Vereinigung etwa bezeichnet es als problematisch, dass das CHE-Ranking "wegen seiner Prominenz häufig auch offiziell zur Studienortsauswahl empfohlen wird", es stelle "in seiner derzeitigen Form ein Auslaufmodell" dar. Und Dietrich Nies, Sprecher der Konferenz Biologischer Fachbereiche, spricht von "sinnloser Erbsenzählerei, die nur Arbeit macht".
Das Centrum für Hochschulentwicklung versucht, die Boykottaufrufe zu kontern. Geschäftsführer Frank Ziegele bezeichnet das 1998 eingeführte Ranking als Instrument, "das im Studiendschungel Orientierung bietet und den Studierenden eine Stimme verleiht". Die Gütersloher betonen die "multidimensionale" Herangehensweise und verweisen auf die internationale Strahlkraft ihrer Arbeit: Frankreich und Spanien seien interessiert, sogar Kenia orientiere sich am CHE. "Im Ausland wird uns der rote Teppich ausgerollt", sagt Ziegele, "hier sind wir ein Ventil für Unmut."
Der Verdruss der Professoren rührt nicht allein von Rankings. Viele Wissenschaftler fühlen sich im Klammergriff kleingeistiger Administratoren. Sie haben den Eindruck, dass sie vor lauter Bewertungen und Drittmittelanträgen nicht mehr zum Kerngeschäft kommen: zu Forschung und Lehre. Radikale Kritiker plädieren für eine Kehrtwende. "Kooperation ist leistungsfördernder als Wettbewerb", sagt Dieter Lenzen, Präsident der Universität Hamburg.
Lenzen, Wortführer der CHE-Gegner, will den aus dem angelsächsischen Uni-Raum stammenden Rankings privater Träger am liebsten den Garaus machen und Hochschulbewertungen nur noch von staatsnahen Institutionen betreiben lassen. In dieser Woche will der Sprecher der Universitäten dem Präsidium der Hochschulrektorenkonferenz seine Reformpläne vortragen: Die Daten der Universitäten, die mitmachen, sollen hauptsächlich intern genutzt werden. Die Zeit der öffentlichen Schönheitswettbewerbe wäre dann vorbei.
Von Jan Friedmann

DER SPIEGEL 49/2012
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