03.12.2012

GESUNDHEITAnhören, zuschlagen

Ihren Hauptgegner DocMorris hat die Apotheker-Lobby schon niedergerungen. Jetzt geht sie gegen die Easy-Apotheken vor, die Medikamente billiger abgeben.
Kaum hatte Susan Krieger, 48, am 16. März ihre Easy-Apotheke in Velbert eröffnet, ging der Ärger los. Wie in allen Apotheken des Easy-Verbunds (Slogan: "Das beste Mittel gegen teuer") gibt es hier freiverkäufliche Präparate wie Hustensaft und Schmerztabletten 10 bis 50 Prozent unter dem Listenpreis, und für jedes Rezeptmedikament erhalten Kunden einen Gutschein über einen Euro.
Noch am Tag der Eröffnung faxte die "Apotheke zum Schlotschmet" Kriegers Werbezettel an die Apothekerkammer und regte an, gegen die Kollegin "eine Unterlassung zu erwirken". Drei Tage später wandte sich sogar die Kreisvertrauensapothekerin Heike Kraft in einem Brief an die Kammer. Der Angebots-Flyer der neuen Kollegin habe "untertrieben ausgedrückt den Unmut der Velberter Kollegen getroffen".
Die Justitiarin der Kammer schwärzte die neue Easy-Apothekerin daraufhin beim Gesundheitsamt an, weil deren Rezeptgutschein angeblich gegen geltendes Recht verstoße. "Vor diesem Hintergrund stellen wir anheim, gegen den verantwortlichen Apothekenleiter rechtliche Schritte einzuleiten."
In einem internen Schreiben an das Präsidium gibt die Rechtsanwältin der Kammer dagegen zu, dass der Bundesgerichtshof bereits im Jahr 2010 klargestellt habe, dass geringfügige Rezeptgutscheine "wettbewerbsrechtlich nicht mehr angreifbar" seien. Nachdem sich in den vergangenen Tagen aber "etwa zehn Apotheker aus dem Raum Velbert" über die neue Easy-Apotheke beschwert hätten, so die Juristin weiter, schlage sie nun vor, die neue Kollegin "zumindest einmal berufsrechtlich anzuhören". Die E-Mail-Antwort des Vizepräsidenten der Apothekerkammer Nordrhein, Heinz-Peter Barleben, war ebenso knapp wie klar: "Anhören, zuschlagen, Beste Grüße".
Inzwischen hat die Kammer gegen die Apothekerin ein Verfahren vor dem Berufsgericht angestrengt. Vorgeworfen werden ihr neben den Ein-Euro-Gutscheinen auch der Ausschank von Sekt und Bier bei der Eröffnungsfeier. Dies sei, nach Ansicht der Kammerjuristen, unvereinbar mit dem Auftrag eines Apothekers.
Nicht nur in Velbert haben Easy-Apotheker Probleme. Bundesweit wurden bereits in mehr als 50 Fällen Easy-Apotheken-Inhaber vor Gericht gezogen, einige wurden sogar verurteilt. Auch in Frankfurt steht einer von ihnen vor Gericht, weil er mit Rabatten auf Listenpreisen geworben hat. In Duderstadt lehnt ein zum Teil mit Apothekern besetzter Ortsrat die Ansiedlung einer Easy-Apotheke ab.
Den bisherigen Hauptgegner DocMorris hat die Apotheker-Lobby bereits erfolgreich niedergerungen. Im August hatte der Gemeinsame Senat der obersten Gerichtshöfe entschieden, dass auch ausländische Internetapotheken wie DocMorris in Deutschland keine größeren Rabatte auf rezeptpflichtige Medikamente gewähren dürfen. Der Celesio-Konzern, der DocMorris einst für mehr als 200 Millionen Euro gekauft hatte, verlor daraufhin das Interesse und verkaufte die Kette für 25 Millionen Euro. Der Niedergang des niederländischen Revoluzzers ist damit besiegelt.
Jetzt scheinen die Apotheker sich mit der Easy-Apotheke einen neuen Lieblingsfeind ausgesucht zu haben. Denn ähnlich wie DocMorris bedroht auch sie die Profite der Pharmazeuten.
Gegründet wurde der Franchise-Verbund bereits 2004, mittlerweile gibt es 75 Easy-Apotheken, jedes Jahr sollen künftig 20 bis 30 neue hinzukommen. Im Kern handelt es sich dabei um eine Werbe- und Einkaufsgemeinschaft: Die Filialen sehen alle gleich grün aus, und der Apotheker bestellt seine Präparate beim Hersteller mit Rabatten, die zuvor von Easy-Managern ausgehandelt wurden.
Günstig können Easy-Apotheken aber auch deshalb sein, weil ihre traditionellen Konkurrenten so teuer sind. Obwohl die Apotheker seit 2004 die Preise für rezeptfreie Medikamente frei gestalten können, verkaufen sie diese am liebsten zum Listenpreis, um sich gegenseitig nur ja keine Konkurrenz zu machen.
In Velbert zum Beispiel kostet eine Packung Aspirin, 20 Tabletten, offizieller Listenpreis nach Lauer-Taxe 5,47 Euro, in der Easy-Apotheke 4,33 Euro.
Von den elf Apothekern, die sich bei der Kammer über die neue Konkurrentin beschwert haben, verkaufen neun das Präparat exakt für 5,47 Euro. Eine einzige Apotheke liegt darunter, eine darüber.
Zu einem ähnlichen Ergebnis kamen Forscher der Universität Hannover, die vor zwei Jahren die Preise für Aspirin überprüften. Bereits 2006 hatten die Verbraucherzentralen Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Sachsen einen noch größeren Test unternommen. Sie erfragten den Preis in 343 Apotheken. Das Ergebnis: In 91 Prozent der Apotheken war der Preis identisch mit dem Listenpreis.
In Velbert versteht Easy-Apothekerin Krieger die Attacken gegen sie als simple Verteidigung des bisherigen Profits. "Aber ich denke, das ist nicht mehr zeitgemäß", sagt Krieger, die zuvor in Göttingen 22 Jahre in einer traditionellen Apotheke gearbeitet hat. "Ich finde das Beharren auf Listenpreisen ungerecht, ich merke doch jeden Tag, dass vor allem Rentner wirklich wenig Geld haben und auf den Rabatt angewiesen sind."
Ärgerlich finde sie hingegen, dass die Kammer, in der sie selbst Mitglied sein müsse, sogar Rechtsanwälte gegen sie mobilisiert.
Von Markus Grill und Fidelius Schmid

DER SPIEGEL 49/2012
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