03.12.2012

KONGOWer tötet wen?

Wenige Kriege sind so archaisch grausam wie der im Herzen Afrikas. Die Kämpfer sind Männer mit Zaubertränken und Kinder mit Kalaschnikows.
Gut gelaunt sitzt Rebellenoffizier Amani Kabasha im gepflegten Garten des Caritas-Hotels und genießt den Sieg über die kongolesische Armee. "Allein im Hafen von Goma sind uns 500 Tonnen Kriegsgerät in die Hände gefallen", prahlt der Mann von der Rebellentruppe M 23: "Jetzt haben wir Raketen, jede Menge Munition, sogar einen Panzer." Dann lässt er seinen Blick schweifen: über die Hotelanlage, die seine Männer nach der Einnahme der Stadt Goma requiriert hatten, über den Kivu-See, die Virunga-Vulkane.
Seit einer Woche residiert die M-23-Spitze unter ihrem Anführer Sultani Makenga in diesem Paradies. Die Uno stuft ihn und weitere Kommandeure als "notorische Killer" ein. Nun aber wollen die Rebellen sich vielleicht aus Goma zurückziehen und die Beute in die umliegenden Berge schleppen: Positionen ausbauen, womöglich weiter nach Norden marschieren. Und abwarten, welche Zugeständnisse der angeschlagene Präsident Joseph Kabila in der fernen Hauptstadt Kinshasa macht, um Frieden im Osten seines Landes zu bekommen. Die Rebellen wissen noch nicht genau, wie der Kampf weitergehen soll, aber ihre Forderungen sind klar. Sie wollen Geld, sie wollen Land.
"Mehr als 200 000 Tutsi mussten vor der Gewalt aus dem Kongo fliehen und hausen nun in Lagern in Ruanda, Uganda oder Tansania", behauptet Kabasha. Ob die Zahl stimmt, weiß niemand. Die Lager gebe es, die Tutsi dort "wollen zurück in den Kongo, dafür kämpfen wir", sagt der Offizier. Es soll also um neuen Raum im Westen gehen - hauptsächlich für die Tutsi im dichtbesiedelten Nachbarland Ruanda. Der Kongo nämlich ist riesig im Vergleich zum ruandischen Zwergstaat, der seit 1994 von Paul Kagame, einem Tutsi, mit harter Hand regiert wird.
So tobt dieser Krieg im Osten des Kongo nun schon seit anderthalb Jahrzehnten: Tutsi-Milizen streifen auf der Jagd nach Bodenschätzen und verfeindeten Hutu-Milizionären durch das Land. Zu ihren Gegnern gehören zudem eine demoralisierte Regierungsarmee und diverse Mai-Mai-Gruppen - archaische Kämpfer sind das, mit Amuletten behängt.
Der Kongo ist ein verwirrender Alptraum, schon Joseph Conrad hat ihn als "Herz der Finsternis" beschrieben: ein Land so groß wie Westeuropa mit nur 70 Millionen Menschen, aber 400 Ethnien, die fast 400 Sprachen sprechen und um ihr Leben kämpfen. Die Allianzen wechseln ebenso schnell wie die Namen der Milizen - auch die M 23 gehörte vorher zur Rebellentruppe des Generals Laurent Nkunda, dann zur kongolesischen Armee, die sie aber jetzt wieder beschießt. Meist kämpfen jedoch Hutu gegen Tutsi - und eins ist immer gleich: Am schlimmsten leiden Zivilisten, die oft nicht einmal wissen, wer gerade wen angreift.
300 Kilometer nördlich von Goma rumpeln lange Militärkonvois durch die kleine Handelsstadt Beni. Sie ist wichtig für die kongolesische Armee, denn hier rollen Lastwagen mit den Bodenschätzen des reichgesegneten Landes an den Mondbergen vorbei Richtung Uganda: mit Gold und Diamanten, Coltan und Kassiterit, Nickel und Kupfer, Tropenholz.
Es sieht für den 17-jährigen Elvis Sikiline in Beni jetzt wieder alles nach Krieg aus. Seit einem Jahr nimmt er an einem Programm der Organisation World Vision teil, die ehemaligen Kindersoldaten hilft. Mit seinem Leidensgenossen Jonathan Kibondo betreibt er eine kleine Schreinerwerkstatt, die beiden hobeln Betten und Tische. Nun peinigt Sikiline die Angst, dass die Milizen zurückkehren und ihn wieder verschleppen könnten, um ihn kämpfen zu lassen. So wie schon einmal vor sieben Jahren.
Damals war Elvis Sikiline gerade zehn Jahre alt, er verkaufte in einem kleinen Straßenkino in der Stadt Butembo Erdnüsse. "Eines Abends stürmten Bewaffnete herein und nahmen alle Kinder mit." Gemeinsam mit 20 anderen Jungs wurde er auf die Ladefläche eines Lastwagens geworfen, in den Wald verschleppt.
"Wir erfuhren, dass wir uns nun in der Gewalt einer Mai-Mai-Miliz befanden, die gegen die Tutsi kämpfte", sagt Sikiline, "nach einer Woche mussten wir uns entscheiden: Wenn wir uns den Kriegern anschließen würden, würden sie uns irgendwann freilassen." Zwei Jungs weigerten sich. Vor den Augen der anderen wurde einer erhängt, der andere erschossen. Dann marschierte die Truppe mit den neuen Rekruten fort.
Drei Monate lang lernten sie, mit Panzerfäusten und Sturmgewehren zu schießen. Schließlich gehörten sie zur Truppe: 19 Kinder im Krieg. Sie zogen durch den Wald, überfielen Dörfer, stahlen Vieh. Frauen wurden vergewaltigt. Vor jedem Kampf rieben die Kämpfer sich mit Kräutern ein, die sie unverwundbar machen sollten, oder sie tranken einen bitteren Sud für das Schießglück. Mal kämpften sie gegen die Regierung, mal für sie. Fast immer aber kämpften sie gegen die verhassten Tutsi. "Ich habe viele Tutsi getötet", sagt Elvis Sikiline - wie jene von der M 23, der zumeist Tutsi angehören.
Nachts plagten den Jungen Alpträume, er dachte an seinen Vater, der Soldat bei der Regierungsarmee war. Hatte er womöglich gegen seinen eigenen Vater kämpfen müssen? "Wir tranken viel Bier und rauchten Gras, um die Gedanken zu vertreiben."
Auch auf der anderen Seite der Front, in Goma, haben jetzt viele Menschen Angst. Angst vor den Tutsi-Eindringlingen, die aus Ruanda kamen. Angst aber auch vor der eigenen Armee. Als die M-23-Krieger einrückten, waren Kabilas Soldaten geflohen. Sollte die Tutsi-Miliz nun tatsächlich abziehen, entstünde ein Machtvakuum. Die Uno-Truppen in Goma sind schwach, sie werden das Vakuum nicht ausfüllen können. Zu oft haben die Blauhelme die Menschen hier schon im Stich gelassen. Was aber geschieht, wenn die kongolesische Armee zurückkehrt, undiszipliniert wie sie ist, und sich für ihre Schmach rächen will? Oder wenn sie, wie so oft, eine der unheimlichen Mai-Mai-Milizen mitbringt, die jede Seite anheuern kann, wenn es richtig brutal werden soll.
Elvis Skilines Freund Jonathan Kibondo hatte sich freiwillig den Mai Mai angeschlossen, da war er zehn. Kurz zuvor war sein Vater gestorben, "da wurde das Leben schwer", sagt Kibondo. Eines Tages packte er ein paar Kleider, um sich einer Miliz anzuschließen. Ungewöhnlich ist das nicht im Kongo: Die Mai-Mai-Anführer versprechen genug zu essen, Geld, Waffen und Abenteuer. Viele Familien schicken ihre Kinder freiwillig zu den Banden, weil sie sich dafür ein wenig Schutz im ewigen Krieg versprechen.
Jonathan kochte für die Kämpfer, er schoss auch. Es war wirr, es war grausam, sechs Jahre lang. Als er einmal Wasser von einem Fluss holen sollte, rannte er einfach fort. Er schaffte es bis in seine Stadt. Er fand das Haus seiner Mutter wieder, die dachte, er wäre tot.
Über der kleinen Werkstatt von Jonathan und Elvis kreisen jetzt die Hubschrauber der Armee, Flugzeuge, vollbeladen mit Waffen und Munition, landen auf einer holprigen Piste nahebei. Das Städtchen Beni will die Armee den M-23-Rebellen auf keinen Fall überlassen. Jonathan betet, dass der Krieg diesmal an ihm vorüberziehen möge.
Von Thilo Thielke

DER SPIEGEL 49/2012
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