03.12.2012

TURNIERE„Wir rücken zusammen“

Der Europapolitiker Daniel Cohn-Bendit, 67, über eine Fußball-EM auf dem ganzen Kontinent
SPIEGEL: Uefa-Präsident Michel Platini hat den Vorschlag gemacht, die EM 2020 in mehreren europäischen Metropolen auszutragen, darunter London, Rom, Madrid, Berlin. Was halten Sie von der Idee?
Cohn-Bendit: Ich finde die Vorstellung reizvoll. Der ganze Kontinent würde in diesen vier Wochen enger zusammenrücken, enger jedenfalls, als wenn das Turnier in zwei nebeneinanderliegenden Ländern stattfindet, wie wir das in den Niederlanden und Belgien, der Schweiz und Österreich oder diesen Sommer in Polen und der Ukraine erlebt haben.
SPIEGEL: Das Exekutivkomitee der Uefa berät diese Woche über den Vorschlag. Ein Argument, das Platini besonders hervorhebt, zielt auf die Kosten: In Zeiten der Finanz- und Wirtschaftskrise könne kein einzelner Staat mehr Milliarden für den Bau von Stadien aufbringen.
Cohn-Bendit: Natürlich ist das ein schlagkräftiges Argument. Die meisten großen europäischen Hauptstädte, in denen die Euro 2020 gespielt werden soll, verfügen bereits über moderne Stadien. Für mich sind die Fußball-EM in Portugal und die Olympischen Spiele in Athen abschreckendste Beispiele dafür, dass sportliche Großveranstaltungen Staaten mit an den Rand der Zahlungsunfähigkeit führen können. Ein Irrsinn, der nicht zur Wiederholung einlädt.
SPIEGEL: Bei vielen Fußballfans stößt Platinis Plan auf Ablehnung. Sie monieren die langen Reisedistanzen und dass die typische EM-Stimmung verlorengehe.
Cohn-Bendit: Was soll das sein: typische EM-Stimmung? Wenn die Deutschen in Berlin Gruppenspiele austragen würden, würde dort ausgelassene Stimmung herrschen. Dasselbe gilt für die anderen großen Nationen, die dann Heimrecht hätten. Und was die Entfernungen angeht: Wenn man eine Fußball-WM in ein Riesenland wie Brasilien vergibt, kann man eine Fußball-EM auch in Europa spielen: Von Madrid nach Moskau ist es kaum weiter als von Manaus nach Rio de Janeiro.
SPIEGEL: Sie kennen Michel Platini persönlich. Hat er Sie um Rat gefragt?
Cohn-Bendit: Nein. Muss er auch nicht. Im Ranking sinniger oder unsinniger Vorschläge ist diese Idee aller Ehren wert. Die schlimmste Entscheidung traf die Fifa, als sie die Fußball-WM 2022 nach Katar vergab. Und auch noch im Sommer. Abartig. Diese Absurdität lässt sich nicht überbieten.
SPIEGEL: Bei der EM 2020 werden 24 Nationen vertreten sein, 8 mehr als beim vergangenen Turnier in Polen und der Ukraine. Die Aufstockung gilt als ein Wahlversprechen Platinis an die kleinen osteuropäischen Verbände, die ihn ins Amt hievten - und die nun von der größeren Teilnehmerzahl profitieren. Erst dadurch, so der Vorwurf, seien die Kosten für ein oder zwei Ausrichterländer nicht mehr zu stemmen.
Cohn-Bendit: Das ist doch Unsinn. Ich finde es richtig, dass vermehrt kleine Nationen bei so einem wichtigen Turnier dabei sein können. Das gibt dem Fußball dort wichtige Impulse. Und es erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass ein Außenseiter wie Griechenland 2004 zum Überraschungsteam eines Turniers avanciert.
Interview: Michael Wulzinger
Von Michael Wulzinger

DER SPIEGEL 49/2012
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