10.12.2012

„Jung und müde“

26 Prozent der jungen Franzosen sind arbeitslos, fast genauso viele leben in Armut.
Er würde gern öfter nach Paris fahren, aber die 6,40 Euro für ein Ticket sind meistens zu viel. Einmal im Monat, sagt Kafui Affram, schaffe er es. Elf Stationen liegen zwischen Lieusaint Moissy und Paris Châtelet, etwa 40 Minuten dauert die Fahrt von einer Welt in die andere, von der Banlieue im Südosten ins Zentrum.
In beiden Welten fühlt sich Affram nicht zu Hause. Nicht in seinem Vorort, wo er im kleinen Häuschen seiner Eltern mit 22 Jahren immer noch sein Kinderzimmer bewohnt, und auch nicht in Paris, wo er sich im Centre Pompidou jetzt gern die Dalí-Ausstellung anschauen würde. Wenn er das Geld dazu hätte.
Kafui Affram, als Sohn von Einwanderern aus Ghana in Frankreich geboren und aufgewachsen, ist nicht einmal wütend, er sei "jung und müde", wie er sagt. "Ich weiß, ich sollte optimistisch sein, Ziele haben, aber meistens ist alles einfach nur grau."
Jenseits von Spread und Schuldenquote weist Frankreich eine andere, verheerende Statistik auf. 23 Prozent der 18- bis 24-Jährigen leben in Armut, so eine neue Studie des Injep, des nationalen Jugendinstituts. Dabei handelt es sich vor allem um Schul- und Studienabbrecher, die keinen oder nur unzureichenden Zugang zur Gesundheitsversorgung haben und wenig Aussicht, dass ihre Lebenssituation sich verbessert.
Zweimal ist Kafui Affram durchs Abitur gefallen, anschließend verschuldete er sich, um die Aufnahme an einer Kunsthochschule zu schaffen. Schließlich absolvierte er eine Ausbildung zum Web-Designer, arbeitete zwei Monate lang in dem Beruf.
Seine Lebensumstände erfasst der französische Staat mittlerweile in einer eigenen Kategorie, Stufe "sehr prekär". Kafui Affram hat damit Anspruch auf Hilfe, doch noch seinen Platz in der Gesellschaft zu finden. Dreimal die Woche besucht er die Mission locale, eine Art Sozialamt mit Berufsberatung für arbeitslose Jugendliche. Dort trifft er seine "Beraterin", die versucht, Träume und Realität in Einklang zu bringen.
Die Jugendarbeitslosigkeit in Frankreich ist seit langem hoch, sie liegt bei 26 Prozent. Seit Jahrzehnten versprechen die Regierenden, egal ob Konservative oder Sozialisten, sie wollten bessere Verhältnisse für die Jungen schaffen. Das Gegenteil ist der Fall: Das Arbeitsrecht schützt diejenigen, die bereits in einem festen Beschäftigungsverhältnis stehen, Krise und Rezession schaffen keine neuen Arbeitsplätze, auch der Wohnraum ist knapper und teurer geworden. "Es muss jetzt endlich etwas passieren", sagt Didier Dugast, Direktor der Mission locale in Moissy. Jedes Jahr wachse die Zahl derer, die bei ihm Beistand suchen, um zehn Prozent.
Seit November wird François Hollandes Konzept für "Zukunftsarbeitsplätze" umgesetzt: Vollzeitverträge für Jobs in Organisationen oder Vereinen, staatlich finanziert. Diese Stellen sind gedacht für Menschen wie Kafui Affram. Der zuckt mit den Schultern und sagt: "Wir haben uns daran gewöhnt, dass die Politiker ständig mit neuen Ideen kommen."
Von Julia Amalia Heyer

DER SPIEGEL 50/2012
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