17.12.2012

UMWELTWeihnachtlich glänzet der Wald

Weil viele Forstbesitzer nur noch Weihnachtsbäume pflanzen, will Nordrhein-Westfalen ein Verbot solcher Monokulturen durchsetzen.
Nur ein paar von den Großen sind übrig geblieben. Wie verloren stehen die Bäume in Grüppchen zu beiden Seiten des Tals. "Früher war hier alles Wald", sagt Matthias Scheidt. "Heute fallen mir keine fünf Kilometer ohne Monokultur mehr ein."
Die Monokultur, die den Wald verdrängt - das kennt man aus Brasilien oder Indonesien, von den Zuckerrohr- oder Ölpalmen-Plantagen. Doch Umweltschützer Scheidt spricht nicht von fernen Weltgegenden, sondern von seiner Heimat, dem Hochsauerland.
Die Monokultur hier ist in diesen Tagen nicht leicht zu erkennen, der Wintereinbruch brachte so viel Schnee, dass die Tannensetzlinge rund um die 11 000-Seelen-Gemeinde Bestwig fast vollständig bedeckt sind. Man muss deshalb genau schauen, um zu begreifen, wer den Wald bedroht: die Weihnachtsbäume. Seit der Orkan "Kyrill" im Januar 2007 wütete, wachsen in vielen Gegenden in Deutschland keine Wälder im traditionellen Sinn mehr. Die Forstbauern in Nordrhein-Westfalen legten stattdessen Tannenkulturen an. Sie gruben den Boden um, zogen Zäune, sie düngen die Bäume und besprühen sie mit Pestiziden. "Was hier passiert, hat nichts mehr mit richtigem Wald zu tun", sagt Reiner Priggen, der Grünen-Fraktionschef im Düsseldorfer Landtag. "Das ist pure Agroindustrie."
Die rot-grüne Landesregierung in Nordrhein-Westfalen will künftig die Weihnachtsbäume von den Waldflächen fernhalten. Ein Gesetzesentwurf wird mit Rücksicht auf die vorweihnachtliche Stimmung erst nach dem Fest, im Januar, vorgelegt. Dann soll festgeschrieben werden, dass es so wie bisher nicht weitergehen darf.
Noch wächst die Mehrheit aller Weihnachtsbäume auf Äckern, auf denen sich auch mit Getreide gutes Geld verdienen lässt. Doch in den vergangenen Jahren eroberte die Weihnachtsindustrie den Wald. Bereits 2006 wurden rund 1890 Hektar Waldfläche in NRW ausschließlich für die Aufzucht von Nordmanntannen und Blaufichten verwandt. Nach dem Kahlschlag durch "Kyrill" verdoppelte sich die Anbaufläche. Im vorigen Jahr befand sich knapp ein Viertel aller Weihnachtsbaumplantagen in Waldgebieten.
Mit gutem Grund: Ein Hektar Weihnachtsbaumfläche ist viel profitabler als die gleiche Fläche traditionellen Walds. Mit Weihnachtsbäumen sind - so lautet eine Rechnung des NRW-Landesbetriebs für Wald und Holz - bis zu 6000 Euro pro Hektar im Jahr an Wertschöpfung zu erzielen, mit schlichtem Wald hingegen maximal 200 Euro.
Bäume aus dem Hochsauerland tragen bereits auf den Schonungen die Verkaufsschilder von großen deutschen Baumarktketten, abgefasst in mehreren Sprachen und ergänzt um Hinweise, die den Verkauf ankurbeln sollen: Der Baum, der seine Wurzeln im Sauerland schlägt, stamme aus Dänemark und "nachhaltiger Forstwirtschaft".
Die Herkunftsangabe bezieht sich vermutlich auf den Setzling, der in Skandinavien gesät und gezogen wurde. Dann wäre an dem Schild formal wohl nichts auszusetzen. Kritiker zweifeln aber an der Nachhaltigkeit: Sie fürchten unter anderem, dass die Pestizide andere Pflanzen schädigen und die Beackerung des Waldbodens zu Erosion führt. Zudem könnte das Grundwasser durch Dünger und Pflanzenschutzmittel verschmutzt werden. An 6 von 30 Gewässerstellen in den Wäldern des Sauerlands, an denen das Umweltministerium 2012 Proben nahm, wurden bereits Rückstände des umstrittenen Pflanzenschutzmittels Glyphosat gefunden.
Begrenzen will die Landesregierung das Wachstum der Weihnachtsbaumplantagen, indem sie eine ähnliche Regelung einführt wie in Brandenburg, Baden-Württemberg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Demnach bedürfte künftig jede Weihnachtsbaumanpflanzung im Wald einer Genehmigung - so ist es bisher schon für Ackerflächen geregelt.
Zwar befürchtet der FDP-Landtagsabgeordnete Karlheinz Busen, dass Rot-Grün "die Axt an unsere jahrhundertealte Weihnachtsbaumtradition" anlegt, und der CDU-Abgeordnete Thorsten Schick reimt im Landtag sogar gegen das Vorhaben ("Am Sauerländer Weihnachtsbaum die Kerzen / die erwärmen unsere Herzen"). Doch die Regierungskoalition ist entschlossen: "Wir werden unseren Antrag noch im Januar einbringen, damit die Gesetzesänderung zur nächsten Pflanzperiode wirksam werden kann", sagt der Grünen-Abgeordnete Norwich Rüße.
In Bestwig mag Matthias Scheidt daran noch nicht glauben. Er gründete im vorigen Jahr zusammen mit seinem Vater und einigen Getreuen eine Bürgerinitiative gegen den wuchernden Weihnachtsbaumanbau. Innerhalb von nur fünf Jahren hatten sich die Plantagen in Bestwig um 625 Prozent ausgedehnt, hatten sie ausgerechnet. Der Plan der Landesregierung geht Scheidt deshalb nicht weit genug: "Wir wollen, dass aus den jetzigen Plantagen wieder Wald wird."
Von Barbara Schmid und Fidelius Schmid

DER SPIEGEL 51/2012
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