31.12.2012

DEMOGRAFIEHochburg der Greise

Die Zahl der Hochbetagten wächst, überdurchschnittlich viele stammen aus dem Nordwesten der Republik. Gibt es ein Geheimnis des ultralangen Lebens?
Wer ins hohe Alter kommt, muss eine nüchterne Sicht auf das Leben haben. Niemand weiß das besser als Elisabeth Schneider, die mit 111 Jahren vermutlich älteste Bürgerin des Landes. Die Frau aus dem niedersächsischen Varel pflegt über den Umstand, dass sie alle, aber auch alle Menschen ihrer Generation überlebt hat, zu sagen: "Die anderen haben wohl aufgehört, nach Luft zu schnappen."
Elisabeth Schneider, geborene Reuter, Tochter eines königlich-preußischen Obergärtners, zählt zu der am schnellsten wachsenden Bevölkerungsgruppe Deutschlands. Die Zahl der Hochaltrigen verdoppelt sich gegenwärtig alle zehn Jahre, in allen anderen Altersklassen fällt das Wachstum viel geringer aus.
Die gebürtige Bad Oeynhauserin hatte besonders gute Voraussetzungen, alt zu werden. Sie stammt aus dem Regierungsbezirk Detmold, wo laut Statistik überdurchschnittlich viele 105-Jährige herstammen. Die Region im Nordwesten der Republik zählt mit dem Regierungsbezirk Hannover, dem Bundesland Schleswig-Holstein und den Städten Berlin und Hamburg zu den Orten, wo die meisten Methusalems des Landes wohnen.
Ermittelt hat dies Rembrandt Scholz vom Max-Planck-Institut für Demografische Forschung in Rostock, der wohl führenden wissenschaftlichen Einrichtung dieser Disziplin in Deutschland. "Es ist erstaunlich", sagt der Demograf, "aber besonders viele Menschen über 105 Jahre leben im Nordwesten des Landes."
Erstaunlich ist das vor allem deshalb, weil die höchste Lebenserwartung derzeit ganz woanders gemessen wird. Im Südwesten des Landes werden die Menschen derzeit im Durchschnitt gut 80 Jahre alt, in Heidelberg liegt die Lebenserwartung sogar noch höher.
Genauso verblüffend ist das Tempo der Entwicklung. Eine Frau des Geburtsjahrgangs 1911 hatte laut deutscher Sterbetafel eine Chance von 0,9 Prozent, dass sie den 100. Geburtstag erlebt. Mädchen ab dem Geburtsjahr 2001 haben bereits eine 50-prozentige Chance, dieses biblische Alter zu erreichen.
Feierten im Jahr 2000 nur 146 Personen ihren 105. Geburtstag, waren es 2010 schon 245. "Längst resultiert der Zuwachs in der Lebenserwartung der Deutschen aus einer deutlich zurückgehenden Sterblichkeit im hohen Alter", erklärt der Hundertjährigen-Forscher Christoph Rott von der Universität Heidelberg. Früher alterte die Bevölkerung, weil nach der Geburt weniger Kinder starben.
Die Folgen bekamen nicht zuletzt die Beamten im Bundespräsidialamt zu spüren. Ab dem 100. Lebensjahr bekam bis 1994 jeder Bürger eine Karte, persönlich unterschrieben und mit geprägtem Bundesadler versehen. Irgendwann wuchs den Beamten die Arbeit mit den Glückwunschkarten über den Kopf.
Damals entschieden sie, nicht mehr in jedem Jahr einen neuen Gruß zu verschicken. Den nächsten Glückwunsch sollte es erst zum 105. Geburtstag geben. Aus diesem Datensatz hat sich Demograf Scholz für seine Regional-Analyse bedient, und zwar konkret mit den Geburtsjahrgängen 1884 bis 1897. "Die Menschen in meiner Statistik sind längst verstorben, der Datensatz endet im Jahre 2003", erklärt Scholz.
Die Daten aufzubereiten war ein schwieriges Geschäft. Scholz musste Hunderte Ämter anschreiben, um zu klären, wo die Personen geboren wurden und wo sie starben. "Bei den meisten lagen zwischen Geburts- und Todesort kaum mehr als 25 Kilometer", sagt der Forscher.
Dass vor allem die Sesshaften alt werden, erstaunt in einem Land, über das im vergangenen Jahrhundert zwei Weltkriege und große Flüchtlingsströme gezogen sind. "Vermutlich ist diese Ortstreue eine Erklärung für die extreme Langlebigkeit", sagt Scholz. "Diese Menschen konnten auf ein stabiles soziales Netz zurückgreifen, mit guter Ernährung, Pflege und Versorgung."
In der Fachliteratur sind regionale Altershäufungen bekannt. Auf Sardinien gibt es Nuoro, die Provinz der Hundertjährigen. Auch die japanische Insel Okinawa rühmt sich eines optimalen Vergreisungsklimas. Bislang hat die Wissenschaft diese gerontologischen Cluster für statistische Zufälle gehalten. "Die Ergebnisse der Studie sind allerdings so signifikant, dass man dieses Phänomen ernst nehmen und die Ursachen untersuchen sollte", sagt Altenforscher Rott.
Warum es Hochburgen von Hochbetagten gibt, ist unklar. Sind es genetische Ursachen oder günstige Lebensumstände? Demograf Scholz analysiert derzeit das Geburtsgewicht der Kinder und auch die Körpergröße der Neugeborenen und ihrer Mütter. Dass der Norden den Süden bei all diesen Vergleichszahlen übertrifft, könnte das Resultat einer besseren genetischen Verfassung, aber auch Folge besserer Ernährung sein.
Wenig überrascht hat Scholz, dass Hochbetagte vor allem in Großstädten leben. Der Zugang zu bester medizinischer Versorgung ist dort am einfachsten. "Die schnelle Notfallversorgung bei schweren Krankheiten wie Herzinfarkten sichert dort, dass mehr Menschen ins extrem hohe Alter vorstoßen", sagt Altersforscher Rott. Er nennt gern das Beispiel eines 95-jährigen Schlaganfallpatienten, der trotz Lähmung der rechten Körperhälfte mit dem Fahrrad ins Heidelberger Klinikum gefahren kam.
Der Psychologe ist einer der wenigen, die sich intensiv um die Erforschung der Ältesten kümmern. In den kommenden Monaten wird er die zweite Hundertjährigen-Studie vorlegen. Eine der Erkenntnisse wird sein, dass die Mehrzahl der Ultrahochbetagten bis ins Alter von 95 Jahren den meisten ihrer Aktivitäten noch nachgehen konnte.
Rott warnt jedoch vor dem Klischee, dass die Superalten von jenem unverwüstlichen Typ sind, der nie ernsthaft krank und auch im Ruhestand noch fit ist. "In keinem Lebensbereich unterscheidet sich der Gesundheitszustand so fulminant", berichtet er. Da gebe es den Gesunden, der noch auf dem Rad zum Einkaufen fahre, genauso wie den Multimorbiden, der im Bett vegetiere.
Die wohl besten Daten stammen aus einer dänischen Studie: Demnach leidet der Hundertjährige im Durchschnitt an 4,3 Krankheiten, vor allem des Herz-Kreislauf-Systems. Drei Viertel aller dänischen Hundertjährigen waren schon wegen Lungenentzündung, Herzinfarkt, Schlaganfall oder bösartiger Neubildungen und Brüchen im Hüftbereich in Behandlung. Einfach, so liest sich die Untersuchung, ist es nicht, an einen Glückwunschbrief des Bundespräsidenten zu kommen.
Einfach klingt es nur in der Lokalpresse, wenn die Jubilare ihr Lebensrezept preisgeben. Gertrud Henze etwa, die vor kurzem in Göttingen ihren 111. Geburtstag gefeiert hat, war Bibliothekarin und glaubt daran, dass es am Bücherstaub lag. "Der hat mich konserviert." Ansonsten raucht sie gern nach dem Frühstück eine Zigarette und trinkt auch mal ein Glas Rotwein.
Mediziner jedoch tun sich schwer, Empfehlungen zu geben, wie man ein ganzes Jahrhundert überleben kann. Gerontologe Rott zitiert gern den üblichen Dreiklang aus ausreichend Sport, gesunder Ernährung und wenig Nikotin.
Aber er hat während seiner Studien noch etwas anderes entdeckt, was den Menschen jung hält: "Die Hochaltrigen haben in den meisten Fällen Dinge gemacht, die ihrem Leben Sinn gegeben haben."
Von Gerald Traufetter

DER SPIEGEL 1/2013
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