31.12.2012

O Tenenbom

ORTSTERMIN: Der New Yorker Theatermacher Tuvia Tenenbom wollte sein umstrittenes Buch „Allein unter Deutschen“ vorstellen.
Am 24. Dezember besuchte Tuvia Tenenbom fünf Buchläden in der Hamburger Innenstadt, um nach seinem Buch "Allein unter Deutschen" zu sehen. Er fand nur ein einziges Exemplar. Das ist erstaunlich, denn Tenenboms Buch belegte in der Weihnachtswoche den zwölften Platz der Kultur-SPIEGEL-Paperback-Bestseller-Liste. Aber auch in den Thalia-Bestseller-Regalen fehlte sein Reisebericht aus einem furchterregenden Deutschland. In einem Regal war das Fach für die Nummer 12 einfach leer, in einem anderen stand dort "Arabiens Stunde der Wahrheit" von Peter Scholl-Latour.
Tuvia Tenenbom existiert nicht, oder schlimmer noch: Er hat sich über Nacht in einen deutschen Nahost-Experten verwandelt. Er fotografierte die beiden Regale mit seinem Handy.
Dann schlossen die Geschäfte, und es war Weihnachten.
Tuvia Tenenbom, 55 Jahre alt, ist als Sohn eines Rabbiners in Jerusalem aufgewachsen. Weihnachten ist nicht sein Fest. Er hat nur den Namen, sagt er. O Tenenbom. Während die Deutschen sangen, aßen und tranken, versuchten Tuvia und seine Frau Isi, Tenenboms noch jungen deutschen Wikipedia-Eintrag um ein paar positive Rezensionen zu seinem Buch zu erweitern, die in den letzten Wochen in deutschen Zeitungen erschienen waren. Eine Weile ging es hin und her, dann entzog ihnen Wikipedia die Schreibrechte, sagen sie. Die Begründung des zuständigen Administrators: "Fortgesetzter Edit War". "Kein Wille zur enzyklopädischen Mitarbeit". Und vor allem: "Ungünstige Sozialprognose".
Isi und Tuvia Tenenbom sitzen in einem italienischen Restaurant in der Nähe der Hamburger WG, in der sie zurzeit leben. Es ist der zweite Weihnachtsfeiertag. "Die deutschen Wikipedia-Administratoren arbeiten wie eine Gesinnungs-Gestapo", sagt Tenenbom. Er schießt solche Sätze aus der Hüfte, pausenlos. Sie könnten in seinem Buch stehen. Deshalb hat "Allein unter Deutschen", bereits bevor es erschien, für jede Menge Streit gesorgt, und deshalb ist Tenenbom, der in New York ein kleines Theater leitet, im Moment hier. Er dachte, er werde gebraucht, um sein Buch zu verteidigen, vorzustellen, zu bewerben. Tenenbom traf Anfang Dezember in Deutschland ein und bleibt bis zum Februar. Acht Wochen nahm er sich frei. Man konnte ja damit rechnen, dass ein Mann mit seinem Temperament und diesem Thema Dauergast in deutschen Talkshows ist, aber bislang ist es still um Tenenbom.
Die Premierenparty für sein Buch richtete die alte New Yorker Freundin Nina Rosenwald im Hotel Adlon aus. Sie war zum ersten Mal in Berlin, weil sie von einem Boykott gehörte hatte, mit dem Tuvia Tenenbom in Deutschland belegt worden sei, sagt sie. Es gab Champagner. Nina Rosenwald redete von der Oktoberrevolution, die ihre Mutter aus Petrograd vertrieben habe, die drei Vertreter des Suhrkamp Verlags, der Tenenboms Manuskript druckte, nachdem es Rowohlt nicht mehr wollte, hielten sich zurück. Lesungsanfragen gab es keine, womöglich wird Tenenbom Anfang Februar in der Berliner Volksbühne auftreten. Seine bislang einzige offizielle Veranstaltung fand am 14. Dezember vor einem Dutzend übermüdet aussehender Vertreter der Auslandspresse in Berlin statt. Tenenbom nannte diese und jene deutsche Person des öffentlichen Lebens einen Nazi, aber niemand schrieb mit.
"Acht von zehn Deutschen sind Antisemiten", sagte Tenenbom. Die Vertreter der Auslandspresse nickten interessiert.
Als die Berliner Hotelreservierung ablief, fuhren die Tenenboms nach Hamburg, wo Isi seit vielen Jahren zwei Zimmer in einer WG hat. Dort warteten sie, was passiert, und sendeten kleine Signale ins Land. Tenenbom forderte die Ablösung von Volkhard Knigge als Direktor der Buchenwald-Stiftung. Die Thüringer Lokalpresse und die "Jerusalem Post" berichteten.
Tenenbom polemisiert, kritisiert, er flucht und spottet, aber die deutsche Öffentlichkeit beachtet ihn kaum. Es ist die schlimmste Form der Kritik und die armseligste. Vielleicht finden die Deutschen Tenenbom albern, vielleicht aber haben sie Angst. Angst, Fehler zu machen.
Die Tenenboms sitzen in dem italienischen Restaurant und schauen auf die leere Straße. "Haben Sie zufällig eine Telefonnummer von Reich-Ranicki?", fragt Isi Tenenbom. "Oder von Günther Jauch?" Später geht das Ehepaar noch über den Weihnachtsmarkt vor dem Rathaus, es ist früher Nachmittag, zweiter Weihnachtsfeiertag, aber die Handwerker schrauben die Marktstände bereits auseinander. Tenenbom lächelt wissend. Die verdammten Deutschen haben ja immer einen Plan.
Er lässt sich neben einem Weihnachtsbaum fotografieren und legt sich einen Tannenzweig wie eine Stola um den Hals. Die Wolken ziehen über die Alster. Am Ende gehen Isi und Tuvia Tenenbom in die WG zurück. Die Decken sind hoch, der Laptop summt, Tuvia Tenenbom raucht. Draußen vor den Fenstern rauschen die ICE in immergleichem Rhythmus vorbei. Alles funktioniert.
Deutschland, so sieht es aus, versucht Tuvia Tenenbom auszusitzen.
Von Alexander Osang

DER SPIEGEL 1/2013
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