31.12.2012

RUSSLANDHerodes im Kreml

Wladimir Putin verbietet amerikanischen Bürgern, russische Waisenkinder zu adoptieren - und schadet sich selbst.
In seiner Neujahrsausgabe kürte das Wirtschaftsblatt "Wedemosti", eine der angesehensten Zeitungen Russlands, die wichtigsten Menschen des vergangenen Jahres: Der neue georgische Premierminister Bidsina Iwanischwili wurde als eindrucksvollster Politiker gefeiert, die Polit-Aktivistinnen der Punkband Pussy Riot wurden zu "Kulturheldinnen" ernannt. Neben ihnen lächelt auch ein blonder Junge mit blauen Augen von der Titelseite: Dima Jakowlew, das "Opfer des Jahres".
Dabei war Dima schon im Juli 2008 gestorben: Stundenlang war der knapp Zweijährige bei brütender Hitze in einem Auto eingesperrt, bis er erstickte. Sein amerikanischer Adoptivvater hatte ihn einfach vergessen. Und zur Empörung der russischen Gesellschaft sprach ein amerikanisches Gericht den Mann später vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung frei.
Nun aber werde der kleine Dima, so befanden die "Wedemosti"-Journalisten, "als Kindesopfer und gegen jede christliche Moral" gleichsam ein zweites Mal getötet - und zwar von den Abgeordneten des russischen Parlaments und von Wladimir Putin.
Der Kremlherr hat am vergangenen Freitag ein nach Dima Jakowlew benanntes Gesetz unterschrieben. Es verbietet amerikanischen Staatsbürgern, Kinder aus Russland zu adoptieren - ein Racheakt wie aus den Zeiten des Kalten Krieges.
Denn Amerika hatte zuvor das sogenannte Magnizki-Gesetz beschlossen: Danach dürfen die Verantwortlichen für Menschenrechtsverstöße in Russland nicht mehr in die USA reisen, ihre Konten können eingefroren werden. Das Gesetz ist nach dem Anwalt Sergej Magnizki benannt, der 2009 in einem Moskauer Gefängnis zu Tode gefoltert wurde. Es untersagt rund 60 russischen Beamten, die Schuld daran tragen sollen, die Einreise in die Vereinigten Staaten.
Präsident Barack Obama hatte lange gezögert, das Gesetz zu unterschreiben. Seinen Diplomaten war klar, dass Moskau die Einmischung in seine inneren Angelegenheiten nicht ohne Gegenschlag hinnehmen würde. Wenige in Washington aber hatten mit dieser Antwort des Kreml gerechnet.
Putin hätte den Amerikanern den Abzug ihrer Afghanistan-Truppen erschweren können, der zum Großteil über russisches Territorium verläuft. Er hätte weniger Boeing-Großraumflugzeuge bestellen oder zu einem Boykott gegen iPhones oder Coca-Cola aufrufen können.
Stattdessen nahm der Mann, der sich gern als Macho inszenieren lässt, die Schwächsten der Schwachen in Geiselhaft: die 130 000 Kinder in mehr als 2000 russischen Waisenhäusern. Seit 1991 haben Amerikaner über 60 000 russische Kinder adoptiert, Hunderte finden jedes Jahr ein neues Zuhause in anderen westlichen Ländern.
Mit dem Stopp der US-Adoptionen schadet Putin auch sich selbst, er unterschrieb gegen die Ratschläge seines Außenministers und seiner Sozialministerin. Sogar eingefleischte Amerika-Hasser wie der Starmoderator Michail Leontjew kritisieren nun das Gesetz. Auch aus der sonst Kreml-hörigen orthodoxen Kirche bekommt Putin Gegenwind. "Wir dürfen nicht akzeptieren, dass Entscheidungen, die Kinder betreffen, nach politischer Großwetterlage getroffen werden", erklärte der Bischof von Smolensk.
Innerhalb weniger Tage unterschrieben mehr als 100 000 Russen eine Petition gegen das Gesetz. Putin-Kritiker im Internet rückten den Kreml-Boss gar in die Nähe des neutestamentarischen Königs und Kindesmörders Herodes.
Denn die Zustände in manchen russischen Waisenhäusern sind immer noch schlimm, auch wenn sie sich im Vergleich zu den neunziger Jahren verbessert haben. In einem Kinderheim unweit der sibirischen Stadt Kemerowo etwa starben in diesem Sommer 27 Kinder an Unterernährung.
"Das Schlimmste ist die vollkommene Isolierung der Heimkinder von der Außenwelt", stellt die Moskauer Kinderhilfsorganisation "Hier und Jetzt" fest. Zudem adoptieren Ausländer oft jene Kinder, die in Russland niemand haben will, die also nie eine Chance auf eine neue Familie haben. So hat Putins Unterschrift vergangene Woche 46 laufende Adoptionen gestoppt, einige der Kinder sollen behindert sein.
Eine andere Hilfsorganisation hat recherchiert, was mit den 15 000 Kindern geschieht, die jährlich die Waisenhäuser verlassen müssen: Demnach werden 40 Prozent von ihnen zu Kriminellen, jedes fünfte wird obdachlos.
Diese Zahlen halten einer Gesellschaft den Spiegel vor, in der die Kluft zwischen Arm und Reich Menschen entwurzelt und in der mit dem wachsenden Wohlstand auch der Egoismus zunimmt. Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen schätzt, dass neun von zehn Kindern in russischen Kinderheimen sogenannte Sozialwaisen sind: Sie haben mindestens noch ein Elternteil, wurden aber aus Not oder Bequemlichkeit verstoßen.
Statt sich mit diesen Missständen zu befassen, beschloss die Duma auf Druck des Kreml beinahe einstimmig das Dima-Jakowlew-Gesetz. Eine Abgeordnete der sozialdemokratisch orientierten Partei "Gerechtes Russland" unterstellte sogar, dass jedes sechste von Amerikanern adoptierte Kind aus Russland sexuell oder für Organtransplantationen missbraucht würde. Dann blieben immer noch genug, "die für einen Krieg gegen Russland eingesetzt werden können", hetzte sie.
"An dieser Tirade", kommentierte der Kreml-Kritiker Wiktor Dawidow, "hätte auch Stalin seine Freude gehabt."
Von Matthias Schepp

DER SPIEGEL 1/2013
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