31.12.2012

USABeschleunigter Verfall

Die Stadt, in der McDonald's gegründet wurde, ist bankrott. Amerikas Kommunen haben zwei Billionen Dollar Schulden.
Ketchup und Senf. Immer die gleiche Menge. Das ist das Geheimnis der Portioniermaschine, die Albert Okura in die erste Vitrine seines McDonald's-Museums gestellt hat. Er hat fast alles gesammelt, was McDonald's je produzierte: Pappbecher, Papierservietten, Spielzeug aus den Kindertüten, den Wohlstandsmüll aus Amerikas fettesten Jahren. Aber nichts ist ihm wichtiger als diese kleine Maschine aus Blech. "Es war eine geniale Idee", sagt er, "so ist jeder Hamburger gleich."
Er glaubt an die Idee, auch heute noch. Sie erinnert ihn an die großen Jahre des Städtchens San Bernardino, als dort, wo heute sein Museum steht, die Brüder Richard und Maurice McDonald ihren ersten Schnellimbiss eröffneten. Alle wollten diesen seltsamen Laden sehen, damals, 1948. Sie kamen aus dem ganzen Land, und irgendwann kam auch der Handlungsreisende für Milkshake-Mixer Ray Kroc. Er formte dann später aus der Imbissbude einen milliardenschweren Weltkonzern. Könnte das nicht wieder passieren? Könnte nicht auch er, Albert Okura, Sohn eines japanischen Einwanderers, eines Tages entdeckt werden, 70 Jahre nach den Gebrüdern McDonald, genauso, mit ein bisschen Geduld und einer guten Idee?
Am 1. August hat San Bernardino in Kalifornien, eine Autostunde östlich von Los Angeles entfernt, Konkurs angemeldet, eine Stadt, die heute zu den gewalttätigsten und ärmsten Städten Amerikas zählt. Die Stadt, die einst das Fundament für eine der größten Erfolgsgeschichten Amerikas war, kann sich heute nicht einmal mehr ihre Polizisten leisten und verrottet im eigenen Müll.
Es ist eine Katastrophe für alle, die dort geblieben sind. Aber es ist auch die Bankrotterklärung eines Landes, das die Jahrzehnte des Wohlstands nicht nutzte, um einen handlungsfähigen Staat zu erhalten. Auf allen Ebenen fehlt nun das Geld: in Washington, in den Bundesstaaten, in Städten und Kommunen. Amerika investierte nicht mehr in seine Infrastruktur und schwächte damit das Fundament, das allen Amerikanern eine Chance gibt auf ihren Anteil am amerikanischen Traum.
San Bernardino ist die dritte Stadt in Kalifornien, die im vergangenen Jahr Konkurs anmelden musste. Ende Juni war es Stockton, dann folgte der Skiort Mammoth Lakes. Die Mehrheit der amerikanischen Städte ist mittlerweile hoch- verschuldet; anders als die Regierung in Washington haben sie keine Möglichkeit mehr, sich Geld zu leihen. Das bekommen die Bürger zu spüren. "Die Deadline für Städte und Kommunen", schrieb der "Economist", "ist nicht erst in zehn Jahren, sie ist schon übermorgen."
Die Analystin Meredith Whitney, die das Schicksal von Citigroup und Lehman Brothers vorausgesagt hatte, warnte bereits Ende 2010 vor dem Kollaps der amerikanischen Städte und Kommunen. Bis zu hundert seien vom Konkurs bedroht, mit möglichen Verlusten von mehreren hundert Milliarden Dollar. Die Höhe der kommunalen Schulden liegt mit 2 Billionen Dollar zwar unter den 16 Billionen, die die Regierung in Washington angehäuft hat. Die Krise führt jedoch unmittelbar zu Einschnitten bei der Versorgung.
San Bernardino kann inzwischen nicht einmal mehr die Gehälter der Angestellten zahlen. Um Kosten zu reduzieren, hat die Stadt knapp 20 Prozent ihrer Leute entlassen, der Rest musste eine Gehaltskürzung von 10 Prozent hinnehmen. Die Zahl der Mitarbeiter des Bürgermeisters wurde von neun auf zwei reduziert. Drei der vier Büchereien wurden geschlossen, ebenso zwei Beratungsstellen gegen Bandengewalt. Möglicherweise muss sich die Polizei künftig mit Kollegen benachbarter Gemeinden die Autos teilen. Das sind keine guten Nachrichten in einer Stadt, in der es 2012 über 32 Morde gab und die zu den hundert gefährlichsten Orten der USA zählt.
45 Millionen Dollar fehlen San Bernardino, 213 000 Einwohner, im laufenden Haushaltsjahr. Schon jetzt kann die Stadt ihre dringlichsten Verpflichtungen nicht mehr erfüllen. Dazu gehören auch die Pensionszahlungen ihrer Angestellten, die einfach ausgesetzt wurden.
Mit der Finanzkrise sind die Einnahmen weggebrochen, die Umsatzsteuer, vor allem aber die Vermögensteuer auf Häuser und Immobilien, die nahezu wertlos geworden sind.
Die Zahl der Zwangsversteigerungen liegt dreieinhalbmal so hoch wie im Bundesdurchschnitt. Und jeden Tag beschleunigt sich der Verfall. In Detroit haben sie die Vorgärten verlassener Häuser noch mit grüner Farbe besprüht, damit es wenigstens so aussieht, als wüchse da Rasen. In San Bernardino haben sie nicht einmal Geld für die Farbe.
Beena Khakhria ist Immobilienmaklerin in San Bernardino. Sie arbeitet für die Neighborhood Housing Services of the Inland Empire, kurz NHSIE, eine gemeinnützige Organisation, die leerstehende Häuser vor dem Verfall retten will. Sie bietet mit, wenn Häuser zwangsversteigert werden. Wenn sie den Zuschlag bekommt, lässt sie die schlimmsten Schäden reparieren, lässt verrottete Fenster und verseuchte Böden austauschen, und sucht dann einen Käufer, der nachweisen muss, dass er in der Stadt wohnen will.
Es ist der Versuch zu retten, was eigentlich nicht mehr zu retten ist: Häuser wie das in der Rose Street, direkt gegenüber von der Interstate 210. Die Interstate ist ein Monster aus Stein und Beton, achtspurig und laut. Khakhria würde das Haus gern kaufen, ein Einfamilienhaus mit drei Schlafzimmern, zwei Bädern. 56 000 Dollar soll es kosten, das entspricht einem Zehntel des Preises für Apartments in besseren Gegenden von Los Angeles. Aber gegenüber der Autobahn?
Doch Khakhria hat nicht die Sorgen, die Immobilienmakler in besseren Orten haben. "Perfekte Lage", sagt sie. "Für die Kunden, die ich habe, ist es ein Vorteil, dass der Highway in der Nähe ist. Sie fühlen sich sicherer, wenn es in ihrer Nachbarschaft nicht wie ausgestorben ist."
Die staatlichen Investitionen in die Wirtschaft sind seit den siebziger Jahren stetig gesunken. Während das Vermögen der öffentlichen Hand 1975 noch 72 Prozent des Bruttoinlandsprodukts betrug, liegt es heute unter 55 Prozent. Wiederholt gab es zwar Projekte - Stadien, Gemeindezentren -, die Amerikas Bürgermeister bauten, teilweise mit geborgtem Geld. Aber es fehlte ein Gesamtkonzept. Der Staat plante keine Großbauten mehr wie in den dreißiger Jahren den Hoover-Damm oder in den Fünfzigern das Interstate-Highway-System.
Die Städte wurden indes oft zu Selbstbedienungsapparaten für Bürgermeister, Staatsbedienstete, Polizisten, die immer mehr Geld verlangten und sich neue Privilegien schufen. In San Bernardino gibt es heute Feuerwehrmänner, die 100 000 Dollar im Jahr verdienen. Der Beitrag zur Rentenversicherung, den die Stadt zahlt, ist parallel dazu angestiegen und dreimal so hoch wie noch vor zehn Jahren. Die Pensionsforderungen verschlingen 15 Prozent des Budgets. Das macht die Stadt handlungsunfähig.
In der politischen Debatte ging es stattdessen vor allem um eines: um niedrigere Steuern. Nur ein Prozent beträgt die Vermögensteuer in San Bernardino. Sie war einmal deutlich höher, wurde aber durch einen Bürgerentscheid reduziert. Auch das rächt sich nun. Es fehlt ein modernes Verkehrssystem, das San Bernardino an die Metropole Los Angeles anbindet, ohne die langen Staus auf den überlasteten Freeways.
Es war wohl das, was Präsident Barack Obama meinte, als er im Wahlkampf sagte, unternehmerischer Erfolg sei nicht ohne einen starken Staat möglich. "You didn't build that", rief er einem Unternehmer zu: Du hast deine Firma nicht allein geschaffen.
Es ging Obama um den Irrglauben, dass jeder ganz allein für Erfolg oder Misserfolg verantwortlich wäre. Aber hartnäckig stemmten sich die Republikaner meistens gegen Steuererhöhungen. Amerika steckt in der Krise, weil es zu lange genauso gedacht hat: dass jeder für sich allein verantwortlich ist.
Albert Okura, der Mann, dem das McDonald's-Museum gehört, hat 1984 eine Imbisskette für Grillhähnchen gegründet, die er "Juan Pollo Chicken" nannte. Deren Erfolg, sagt er, beruhe auf dem gleichen Prinzip wie dem der Portioniermaschine von McDonald's: Er grille alle Hähnchen sekundengenau gleich.
32 Filialen besitzt er inzwischen, er ist einer der wenigen, die Erfolg haben in San Bernardino. Er würde gern ein Restaurant in Los Angeles eröffnen, aber dazu fehlt ihm das Geld. Ein Restaurant in Los Angeles kostet viel mehr als alle seine Restaurants in der Stadt, in der niemand mehr leben will.
"Chicken man" nennt er sich selbst. Sein Lebensziel sei es, sagt er, so viele Hähnchenschenkel zu verkaufen wie sonst niemand in der Welt.
Deshalb versucht er auch, in die Zeitung zu kommen. Für ein Fest zum Jahrestag der Gründung von McDonald's mietete er mal einen Sportwagen und stellte ihn auf den Hof des Museums. Es war sein Versuch, sich als reicher Geschäftsmann zu inszenieren. Aber dann wurde der Wagen vom Hof des McDonald's-Museums gestohlen.
Und am folgenden Morgen stand Okuras Name tatsächlich in der Zeitung, unter der Überschrift: "Auto geklaut".
Von Marc Hujer

DER SPIEGEL 1/2013
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