31.12.2012

Retter aus der Matrix

GLOBAL VILLAGE: Wie WikiLeaks-Mitgründer Julian Assange seine Anhänger auf die Revolution einschwört
Er wisse, was zu tun sei, sagt Bryan. Er habe einen Plan. "Kann sein, dass ich im Knast lande, aber das ist doch die Schönheit dieses Plans." Er will die Leute wachrütteln. So wie es der Mann auf dem Balkon gesagt hat.
Einige Tage zuvor stand Bryan mit seinem Bruder Daniel vor einem Backsteinhaus in London und wartete auf seinen Helden. Die Brüder hielten Kerzen in den Händen, sie sahen damit aus wie zwei Messdiener. Ihre Gesichter leuchteten.
Bryan ist 23 Jahre alt, studiert in London Nahostpolitik, er trug eine Pudelmütze. Daniel ist 26, studiert Wirtschaft in Rotterdam und hatte einen dicken Wollschal um seinen Hals geschlungen. Sie froren trotzdem. Die beiden wuchsen in Holland als Söhne eines niederländischen Kaufmanns und einer Ecuadorianerin auf, Daniel lebte unter anderem in Quito, Prag und Berlin; Bryan war ein Jahr in Kairo, bevor er nach London zog. Sie sprechen Englisch miteinander. Bryan ist der Nachdenklichere der beiden, er sagt: "Ich habe gemerkt, dass ich in den letzten drei Jahren radikaler geworden bin."
Ein paar Schritte weiter schwenkten Demonstranten Schilder, auf denen "Beschützt Assange" zu lesen war. Kameraobjektive, Tonangeln und Scheinwerfer reckten sich dem Balkon entgegen. Polizisten stießen Atemwölkchen aus. Man fragte sich, wen oder was die Polizisten beschützen sollten. Das Haus vor der Außenwelt oder die Welt vor jenem, der darin lebt?
Daniel und Bryan versuchten, auf Zehenspitzen, in die Wohnung zu blicken. Hinter den Vorhängen von Apartment 3b im Hochparterre, Hans Crescent Nummer 3, liegt die Botschaft Ecuadors. Julian Assange, 41 Jahre alt, Mitgründer von WikiLeaks, ist im vergangenen Juni hierher geflohen. Er wollte verhindern, dass ihn die britische Justiz an Schweden ausliefert, wo er unter anderem wegen des Verdachts der Vergewaltigung gesucht wird.
Assange bezog ein 15 Quadratmeter kleines Zimmer und dachte, das Problem mit den Schweden sei lösbar. Inzwischen ist es Winter. Mit seinen Unterstützern in aller Welt hält er per E-Mail, Skype und Telefon Kontakt. Hin und wieder tritt er auf den kleinen Eckbalkon mit dem weißen, gusseisernen Geländer und spricht ein paar Worte zu seinen Fans.
Er wollte kein Häftling sein, er wehrte sich, aber ein Teil seiner früheren Anhänger wandte sich dennoch von ihm ab. Einige halten Assange mittlerweile für einen tyrannischen Egomanen; andere sind enttäuscht, dass WikiLeaks kaum noch Enthüllungen produziert, weil die Organisation fast nur mit ihm beschäftigt ist. Außerdem kostete seine Flucht einige prominente Fürsprecher wie den Journalisten Phillip Knightley und den Nobelpreisträger John Sulston, die bei der Polizei für ihn gebürgt hatten, viel Geld.
Assange trat auf den Balkon. "Guten Abend, London!" Er war bester Laune. Bryan zog sein Fotohandy hervor. Die Kritik an Assange hält er für ein weiteres Manöver der globalen Elite, einen Gegner kaltzustellen. Für ihn und seinen Bruder ist der Mann auf dem Balkon der Retter, der aus der Matrix gestiegen ist. Ein Rebell des 21. Jahrhunderts. "Er kämpft gegen das System", sagt Daniel.
Das System besteht in seinen Augen aus einem Konglomerat dicker alter Männer. Politiker, Konzernchefs, Banker, all jene, die Geld und Macht besitzen. Als Assange zu sprechen begann, brüllte ein Mann durch ein Megafon: "Julian!" Der Mann trug eine Fliege, man hätte ihn für einen Teil der Elite halten können. Es war aber ein Mitarbeiter des Senders Channel 4, der um ein Interview bettelte.
Die Massenmedien würden stören, verzerren und lügen, sagt Bryan, angeblich verstellen sie die Sicht auf die entscheidenden Dinge. Das war an diesem Abend keine Metapher. Bryan und Daniel sahen wirklich nichts. Vor ihnen balancierten Kameraleute und Fotografen auf Trittleitern. Die Brüder standen hinter einer Wand aus Goretex-Jacken.
Bryan sagt, es gebe zu wenige, die die Mächtigen entlarvten. Noam Chomsky, der Autor, ist zu alt, und Slavoj Zižek, der Pop-Philosoph, ist ein Witz. Assange dagegen handle. Er verkündet Wahrheit, wo andere Atemwolken machen. So sieht es Bryan.
Während er in Kairo lebte, schrieb er für eine Nachrichtenseite Artikel über die arabische Revolution. Seine WG lag wenige Schritte vom Tahrir-Platz entfernt. "Ich war kein guter Journalist." Er wollte nicht neutral sein und verstehe nicht, wie man Berichterstattung als Job begreifen könne. Er hasst diese Fernsehreporter, die in ihre Objektive starren und es als Berufung missverstehen, Assanges Rede später in Stücke zu hacken. Er zeigt auf die Goretex-Jacken. "Sie begreifen nicht, was hier passiert."
Assange rief, er werde oft gefragt, was man tun könne. Man müsse begreifen, wie die Welt funktioniere, dann müsse man handeln. Nach zwölf Minuten ging er zurück in sein Zimmer. Auf dem Weg in den nächsten Pub sagte Bryan zu seinem Bruder: "An Assange kannst du beobachten, was passiert, wenn du wirklich subversiv bist."
Daniel nickte. Die Schüchternheit war aus ihren Gesichtern gewichen. Bryan sagte, er wolle nicht immer nur reden.
Einige Tage später erzählt er von seinem Plan, mit Freunden den öffentlichen Raum zurückzuerobern. Überall in der Stadt stünden Werbetafeln. Konzerne würden damit die Massen beeinflussen, indem sie halbnackte Frauen zeigten. Mit dem Angriff auf die Werbetafeln beginne die Revolte. Bryan will das Risiko eingehen, auch wenn er erwischt wird. Sein Held sitzt schließlich auch in einer Zelle.
Von Christoph Scheuermann

DER SPIEGEL 1/2013
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