31.12.2012

SPIEGEL-GESPRÄCH„Unter Dauerstrom“

Handball-Nationaltorwart Silvio Heinevetter, 28, über die Chancen des deutschen Teams bei der Weltmeisterschaft, Lehrjahre bei einem früheren DDR-Trainer, Würfe in die Weichteile und seine Beziehung mit der Schauspielerin Simone Thomalla
SPIEGEL: Herr Heinevetter, im Januar spielen Sie mit der deutschen Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in Spanien. Haben Sie Angst, sich zu blamieren?
Heinevetter: Auf keinen Fall. Ich freue mich auf die WM und will etwas erreichen. Ich fahre dort nicht hin, um Sechster zu werden.
SPIEGEL: Bei der WM 2011 war die Nationalmannschaft schlecht wie nie zuvor, es reichte nur zu Platz elf. Was macht Sie nun so zuversichtlich?
Heinevetter: An guten Tagen können wir jede Mannschaft schlagen. Das ist keine Floskel. Dummerweise ist es aber auch so, dass wir an einem schlechten Tag gegen eine Gurkentruppe verlieren können. Das ist das Unbefriedigende. Unsere Gegner können sich nie sicher sein, was auf sie zukommt.
SPIEGEL: Das klingt eher nach Galgenhumor.
Heinevetter: Im Ernst: Es wird nicht leicht. Unsere zwei wichtigsten Rückraumspieler fallen verletzt aus, und einer unserer besten Torschützen fehlt. Dazu kommen noch die Spieler, die absagten, weil sie keine Lust haben.
SPIEGEL: Wer macht denn so was? Meinen Sie den Flensburger Rückraumspieler Holger Glandorf, den Bundestrainer Martin Heuberger wegen seines WM-Verzichts scharf kritisierte?
Heinevetter: Ich nenne hier keine Namen, aber es gibt schon Spieler, die gesagt haben, der Verein sei ihnen wichtiger. Ein bisschen kann ich das sogar verstehen, schließlich werden sie ja auch vom Club bezahlt und nicht von der Nationalmannschaft. Die Jungs sind vielleicht etwas angeschlagen; dann ohne Pause die WM zu spielen und danach nahtlos zurück in den Bundesliga-Alltag - das ist ein ganz schöner Schlauch.
SPIEGEL: Für Sie wäre abzusagen keine Option?
Heinevetter: Wenn das Vaterland ruft, bin ich da.
SPIEGEL: Vor sechs Jahren war Handball in Deutschland so populär wie noch nie. Damals gewann die Nationalmannschaft die WM im eigenen Land, das Finale sahen bis zu 20 Millionen Zuschauer im Fernsehen. Warum ist von dem Boom nichts übrig geblieben?
Heinevetter: Ein Grund ist, dass der Erfolg nicht richtig vermarktet wurde. Es gab genügend Sponsoren, die in den Handball einsteigen wollten, aber der Verband ist nicht auf sie zugegangen, er arbeitet in dieser Sache nicht zeitgemäß.
SPIEGEL: Können Sie uns denn erklären, warum inzwischen Länder wie Frankreich, Dänemark und sogar Montenegro stärker sind als Deutschland?
Heinevetter: Viele der Spieler, die 2007 den Titel gewannen, haben noch zwei Jahre im Nationalteam weitergemacht. In dieser Zeit hätte aber schon der Nachwuchs rangemusst. Die Spieler, die jetzt nach Spanien fahren, sollen es reißen, haben aber zu wenig internationale Erfahrung. Es gibt Teams, deren Spieler im selben Alter sind wie wir, die aber schon vier Jahre länger für ihr Land dabei sind.
SPIEGEL: So eng wie im Handball ist der Terminkalender in kaum einer anderen Sportart. Bundesliga, Champions League und jedes Jahr zwischendurch noch eine EM oder eine WM. Ist das für Sie als Torwart genauso strapaziös wie für einen Feldspieler?
Heinevetter: Mit der Position hat das nichts zu tun. Das Anstrengende sind nicht nur die vielen Spiele, was wirklich reinhaut, sind die Reisen. Du spielst in Zagreb, drei Tage später in Magdeburg, dann nach Hause, nach Berlin, eine Nacht im eigenen Bett, dann nach Weißrussland. Ich kann nach einem Spiel ganz schlecht einschlafen, weil ich so aufgedreht bin. Ich liege mit aufgerissenen Augen im Bett und komme oft erst um vier Uhr morgens zur Ruhe, da hilft kein Schäfchenzählen. Das geht mit der Zeit in die Knochen. Wenn ich einen Fußballer jammern höre, dann denke ich: Der beklagt sich aber auf hohem Niveau.
SPIEGEL: Wer ist der bessere Torhüter: Manuel Neuer oder Sie?
Heinevetter: Der Vergleich ist grundsätzlich schwierig. Ich würde sagen: Neuer ist der beste Torwart, ich bin der allerbeste. Man muss an sich glauben.
SPIEGEL: Sie wagen sich ja ziemlich weit hervor. Manuel Neuer hat ein größeres Tor und einen größeren Strafraum zu beherrschen.
Heinevetter: Bei uns geht es viel intensiver zur Sache als im Fußball, die Feldspieler geben ständig Vollgas, und ich bin unter Dauerstrom, weil ich mich ohne Pause konzentrieren muss. Sie glauben nicht, wie das an die Substanz geht. Meine Wäsche ist nach einem Spiel komplett durch, wirklich klitschnass. Im Fußball kommt es vor, dass der Torwart friert.
SPIEGEL: Manchmal springt ein Gegner auf Sie zu, er ist dann nur zwei Meter von Ihnen entfernt, wenn er den Ball mit Tempo 110 aufs Tor feuert. Wie können Sie so einen Wurf halten?
Heinevetter: Du kannst in so einer Situation nicht mehr reagieren, du musst antizipieren, du musst erahnen, wohin er werfen will. Ich gucke viele Videos und weiß von den meisten Spielern, wann sie am liebsten in welche Ecke zielen. Wenn ich das nicht weiß, dann kann ich oft anhand der Bewegung des Spielers, an seiner Armhaltung erkennen, wohin der Ball fliegen soll.
SPIEGEL: Man sieht Sie in abenteuerlichen Körperhaltungen durch den Kreis fliegen, im Spagat oder sogar mit einem Fuß über dem Kopf. Sie sind schon ein bisschen irre, oder?
Heinevetter: Hin und wieder weiß ich auch nicht genau, was ich da tue. Ich bin dann selbst erstaunt über mich. Mir ist die Technik aber relativ schnuppe, ich will einfach den Ball halten, egal wie.
SPIEGEL: Sie kriegen oft den Ball ins Gesicht, in den Bauch, in die Weichteile. Muss man als Handballtorwart masochistisch veranlagt sein?
Heinevetter: Man stellt sich das so vor, es ist aber Quatsch. Wenn mich ein Ball unvorbereitet im Gesicht träfe, dann würde ich umkippen wie ein Baum. Aber ich rechne ja damit, getroffen zu werden, ich will es sogar. Im Spiel bin ich so vollgepumpt mit Adrenalin, ich spüre die Schmerzen nicht. Ich trage ein Suspensorium, das ist schon lebensnotwendig. Und im Gesicht, da geht es eigentlich. Erst zu Hause auf dem Sofa bemerke ich die blauen Flecken, und dann tut mir ab und zu auch der Nacken weh.
SPIEGEL: Hat Ihnen ein Spieler schon mal absichtlich ins Gesicht geworfen?
Heinevetter: Natürlich, es geht auf dem Feld nicht darum, Freundschaften zu knüpfen. Ich bin ein Typ, der polarisiert, und deswegen macht es manchen doppelt so viel Spaß, mich im Gesicht zu treffen. Das ist okay. Ich kriege den Ball gegen den Kopf, c'est la vie. Aber der Ball ist eben auch nicht im Tor. Und dann freue ich mich.
SPIEGEL: Sie lassen sich das einfach so gefallen?
Heinevetter: Nein, der kriegt schon was zu hören von mir. Im besten Fall kassiert er bei unserem nächsten Angriff ein verstecktes Foul von meinen Jungs. Dafür ist eine Mannschaft schließlich da - um so etwas zu regeln.
SPIEGEL: Finden Sie, dass Sie mutig sind?
Heinevetter: Ja.
SPIEGEL: Mutiger als andere Torhüter?
Heinevetter: Jeder Torwart sucht den Kick. Aber auch vom Sport abgesehen - es gibt wenige Dinge, die ich nicht wagen würde.
SPIEGEL: Was ist denn das Mutigste, das Sie bisher getan haben?
Heinevetter: Hmm - ich denke, das ist Simone, meine Freundin.
SPIEGEL: Simone Thomalla ist Schauspielerin und ermittelt als "Tatort"-Kommissarin in Leipzig. Sie sind seit gut drei Jahren ein Paar, was ist daran so mutig?
Heinevetter: Es ist eine große Herausforderung, das Leben mit einer so erfolgreichen Frau zu teilen.
SPIEGEL: Als Sie fünf Jahre alt waren, wurden Sie operiert, weil Sie ein Loch in der Herzscheidewand hatten. Wurde das nie zum Problem in Ihrer Karriere?
Heinevetter: Doch, mit 16, da war ich Schüler in Bad Langensalza, meiner Heimatstadt. Ich hatte ein Angebot aus Eisenach, die spielten in der ersten Liga. Ich wollte unbedingt dorthin wechseln, aber meine Eltern meinten, wir müssten zunächst hören, was die Ärzte sagen. Ob Leistungssport überhaupt möglich sei. Es hat dann ziemlich lange gedauert, bis ein Herzspezialist sein Okay gegeben hat.
SPIEGEL: Sie sind dann ein Jahr später auf das Sportgymnasium in Leipzig gewechselt. Die Schule ist ein Überbleibsel des DDR-Sportsystems. Wie hat es Ihnen dort gefallen?
Heinevetter: Auf das Internat zu gehen war die beste Entscheidung überhaupt.
SPIEGEL: Warum?
Heinevetter: Irgendwann willst du zu Hause ausziehen, und auf so einem Internat wirst du noch von Erziehern geführt, lernst aber auch, selbständig zu sein.
SPIEGEL: Gibt es etwas, das Sie besonders geprägt hat?
Heinevetter: Ich hatte einen ehemaligen DDR-Trainer, so einen richtigen Schleifer. Sein Training, ich sage das jetzt mal ganz unverblümt, das war teilweise ein einziges Auskotzen. Das hat nicht unbedingt Spaß gemacht, aber im Nachhinein viel gebracht. Kopf ausschalten und durch - das ist es, was ich gelernt habe. Und den brutalen Respekt vor dem Alter.
SPIEGEL: Das heißt?
Heinevetter: Ich finde es wichtig, dass ein älterer Sportler von den anderen für seine Erfahrung geschätzt wird. Mir gefällt es zum Beispiel, wenn ein jüngerer Spieler dem älteren die Sporttasche trägt. Ich versuche auch, das heute noch an die jungen Mannschaftskameraden weiterzugeben und es mit ihnen ähnlich zu handhaben.
SPIEGEL: Klappt das?
Heinevetter: Leider immer seltener.
SPIEGEL: Sie gelten als Führungsspieler, der seine Mannschaft antreibt. Wie bringen Sie sich vor einer Partie in Fahrt?
Heinevetter: Es gibt Spieler, die brüllen in der Kabine rum. Ich hasse das. Ich muss mir auch nicht auf die Brust klopfen wie ein Gorilla. Das weiß auch jeder von meinen Jungs. Wenn die sich alle abklatschen, bin ich außen vor.
SPIEGEL: Was machen Sie in der Zeit?
Heinevetter: Ich bin ganz ruhig. Ich sitze da und bin kaum ansprechbar. Ich visualisiere Spielszenen, ich stelle mir vor, wie ich Bälle abwehre.
SPIEGEL: Hören Sie dabei Musik?
Heinevetter: Nein.
SPIEGEL: Stimmt es eigentlich, dass Sie ein Fan von Andrea Berg sind?
Heinevetter: Ja, wieso?
SPIEGEL: Weil wir niemanden in Ihrem Alter kennen, der solche Musik hört.
Heinevetter: Sie waren wahrscheinlich auch noch nie auf einem Konzert von ihr. Ich schon, und ich war dort nicht der Jüngste. Deutsch ist eine super Sprache. Bei Musik ist es mir wichtig, dass ich verstehe, was gesungen wird, auch zwischen den Zeilen. Roland Kaiser etwa - sehr geil. Ich gebe Ihnen mal ein Beispiel.
SPIEGEL: Gern.
Heinevetter: (lehnt sich nach vorn und fängt leise an zu singen) "Ich glaub, es geht schon wieder los, das darf doch wohl nicht wahr sein."
SPIEGEL: Nicht schlecht.
Heinevetter: Wenn ein Jugendlicher das Lied hört, kann der garantiert mitsingen, obwohl er Roland Kaiser wahrscheinlich gar nicht kennt.
SPIEGEL: Sie haben weder einen Twitter-Account noch eine Facebook-Seite für Ihre Fans. Es gibt noch nicht einmal eine Homepage von Ihnen. Ist das heutzutage nicht ein Muss für einen Profi-Sportler?
Heinevetter: Ich mag mein Privatleben zu sehr, als dass ich davon zu viel preisgeben möchte. Ich brauche keine Online-Freunde, ich setze mich lieber zu den Leuten an den Tisch und unterhalte mich.
SPIEGEL: Sie treten ziemlich häufig zusammen mit Ihrer Freundin auf dem roten Teppich auf. Wollen Sie sich lieber im Doppelpack vermarkten?
Heinevetter: Nein. So etwas gehört dazu. Wenn ich mit einer Bäckerin zusammen wäre, würde ich auch um drei Uhr morgens wach, weil sie aufstehen muss. Aber es ist schon so, dass wir den Medien manchmal ein bisschen was bieten müssen, damit sie uns in Ruhe lassen.
SPIEGEL: Der Manager Ihres Vereins hat gesagt, die Werbung, die der Silvio mit seiner Freundin für die Berliner Füchse gemacht habe, hätte er selber in so kurzer Zeit nie hinbekommen. Stimmt das?
Heinevetter: Er hat nicht unrecht.
SPIEGEL: Wenn bei Heimspielen der Füchse ein Siebenmeter für den Gegner gepfiffen wird, läuft die "Tatort"-Melodie in der Halle. Wessen Idee war das denn?
Heinevetter: Läuft die? Wirklich?
SPIEGEL: Ja, immer.
Heinevetter: Weiß ich doch. Das war weder Simones noch meine Idee. Aber ich höre das schon gar nicht mehr.
SPIEGEL: Herr Heinevetter, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten die Redakteure Lukas Eberle und Maik Großekathöfer.
Von Lukas Eberle und Maik Großekathöfer

DER SPIEGEL 1/2013
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