31.12.2012

VEREINESterben auf Raten

Der Rückzug des FSV Kroppach aus der Tischtennis-Bundesliga ist ein Alarmsignal: Sinkendes Interesse am Ehrenamt bedroht die Vielfalt des deutschen Sports.
Achtmal im Jahr war, meist freitags, nach der letzten Unterrichtsstunde in der Grundschule Kroppacher Schweiz mächtig Betrieb. Dann rückten etwa 20 freiwillige Helfer an, um die Provinzturnhalle zu einer Bühne für den Spitzensport umzubauen.
Sie karrten Tribünenteile aus einem Geräteraum heran, die sie verschraubten, so dass Platz für 400 Zuschauer war. Sie stellten Tafeln mit Sponsoren-Logos auf und behängten die Wände mit Werbebannern. Sie prüften die 1000-Lux-Lampen an der Decke, sie checkten die Mikrofone. Und sie montierten in einem Vorraum einen Tresen, an dem sie später am Abend das 0,2-Liter-Glas Pils für einen Euro und den Kartoffelsalat mit Bockwurst für 2,50 Euro verkauften.
Nach drei Stunden war meist alles erledigt. Dann konnte Deutschlands bestes Frauenteam im Tischtennis an die Platte treten, der FSV Kroppach; eine Mannschaft, die 2003 im Europapokal der Landesmeister triumphiert hat und die in den vergangenen fünf Jahren fünfmal in Serie den Bundesligatitel gewann. Eine Mannschaft, die mit Krisztina Toth eine ungarische und mit Kristin Silbereisen sowie Wu Jiaduo zwei deutsche Nationalspielerinnen im Kader hat. "Ein Team wie aus einem Guss", wie Clubmanager Horst Schüchen, 48, schwärmt.
Doch die Profis aus Kroppach, die auch derzeit die Bundesligatabelle anführen, werden nur noch bis Ende dieser Saison für den Verein spielen. Dann zieht der FSV sein erfolgreiches Frauen-Quintett aus der ersten Liga zurück.
Es passiert immer wieder, dass sich Clubs als amtierende deutsche Meister abrupt aus der obersten Spielklasse verabschieden. 2011 zog der TC Radolfzell sein Tennisteam aus der ersten Liga zurück, im Triathlon erwischte es die Mannschaft des TV 1848 Erlangen, im Trampolin die Athletinnen und Athleten der TGJ Salzgitter. Oft hängen die Clubs am Tropf eines einzigen Sponsors oder Mäzens. Stellt dieser Finanzier seine Zahlungen ein, ist das Ende besiegelt.
In Kroppach, einem 660-Einwohner-Nest im Westerwald, das sich seit dem Aufstieg in die erste Liga im Jahr 2000 erfolgreich als "Deutschlands kleinstes Bundesliga-Dorf" vermarktete, fehlt es nicht an Geld. Mehr als 30 Sponsoren überweisen jährlich 180 000 Euro in die Kassen. "Mit dem Profi-Betrieb", sagt Manager Schüchen, "haben wir in all den Jahren keine Schulden gemacht."
Zum Aufgeben zwingt den kleinen Vorzeigeverein vielmehr ein gesellschaftliches Phänomen, das einiges erzählt über schwindende Bindungskräfte im ländlichen Raum und die abnehmende Bedeutung von Gemeinsinn.
Die insgesamt etwa drei Dutzend Ehrenamtlichen, ohne deren Hilfe in Kroppach der Spielbetrieb in der Tischtennis-Bundesliga nicht organisiert werden kann, sind fast allesamt Pensionäre und Rentner um die 70. Sie wollen nicht mehr, und sie können nicht mehr. Doch es gibt im Umfeld des FSV offenbar nicht genügend junge Menschen, die die Aufgaben der Alten verlässlich übernehmen würden: ohne Bezahlung, ohne Gegenleistung. Als Ehrenamtliche. "Wir haben es mit Engelszungen versucht", sagt Manager Schüchen, "aber nun ist der Punkt erreicht, an dem wir sagen müssen: Das war's."
Kroppach ist überall. Laut dem aktuellen Report "Sportvereine in Deutschland", den das Bundesinstitut für Sportwissenschaft, die Kölner Sporthochschule und der Deutsche Olympische Sportbund alle zwei Jahre herausgeben, fühlt sich mittlerweile jeder dritte der insgesamt mehr als 91 000 deutschen Sportvereine wegen der "Probleme der Gewinnung und Bindung ehrenamtlicher Funktionsträger in seiner Existenz bedroht".
Dieser Trend hat sich in den letzten beiden Jahren deutlich verschärft. Mehr als 60 Prozent der Vereine geben an, keine Nachfolger für ehrenamtliche Posten zu finden, mehr als 40 Prozent der Clubs beklagen Probleme bei der Rekrutierung ehrenamtlicher Trainer oder Übungsleiter.
"Es ist ein Sterben auf Raten", sagt der Kölner Sportwissenschaftler Christoph Breuer, einer der Autoren des neuesten Sportentwicklungsberichts. Einerseits wünschten die meisten Eltern, dass ihre Kinder in Sportvereinen aktiv seien; andererseits seien immer weniger dieser Eltern bereit, "sich selber zu engagieren". Ein Ehrenamt in einem deutschen Sportverein kostet ja nicht nur Nerven, sondern auch Zeit: Pro Monat bringt jeder Ehrenamtliche durchschnittlich mehr als 15 Stunden für seinen Club auf.
In manchen Regionen herrscht wegen des Mangels an Ehrenamtlichen mittlerweile der Notstand. Selbst in Traditionssportarten.
In einem "Brandbrief" in den "Husumer Nachrichten" warnte der Vorsitzende des Jugendausschusses im Kreishandballverband Nordfriesland unlängst, dass nach dieser Saison der Spielbetrieb sämtlicher Jahrgänge bis zur A-Jugend eingestellt werden müsse, sollten nicht "bis spätestens 15. Januar 2013" mehrere vakante Funktionärsposten von Freiwilligen übernommen werden: "Dieses ist jetzt der letzte verzweifelte Versuch, noch einmal alle Vereine eindringlich aufzufordern, die sich anbahnende Katastrophe abzuwenden."
Beim FSV Kroppach steht die Nachwuchsabteilung, die sich im Sog der Erfolge des Frauenteams in den vergangenen Jahren einen guten Ruf erarbeitet hat, nicht auf dem Spiel.
Doch der Reiz, den der kleine Club auf Jugendliche in der Region ausübt, wird nachlassen, sobald Deutschlands bestes Frauen-Tischtennisteam nicht mehr in der Grundschulturnhalle spielt. "Aus und vorbei", sagt Manager Schüchen, "ich könnte heulen."
Von Michael Wulzinger

DER SPIEGEL 1/2013
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