31.12.2012

FORENSIKSezieren ohne Skalpell

Die von Schweizer Forschern entwickelte virtuelle Autopsie ermöglicht ungekannte Einblicke in tote Körper. Lassen sich dadurch Morde aufklären, die bislang übersehen wurden?
Ein Ehepaar sitzt am Frühstückstisch. Plötzlich klagt die Frau über starke Kopfschmerzen. Sie springt auf, schreit - und bricht zusammen. Doch erst als gegen Mittag die Atmung aussetzt, ruft ihr Mann einen Krankenwagen.
Dieser Fall von ungeheurer Herzlosigkeit warf für die ermittelnden Kriminalisten vor allem eine Frage auf: Was hatte der Mann seiner Frau womöglich angetan?
Der überraschende Befund: gar nichts - bis auf das erschütternde Desinteresse, das er seiner Lebenspartnerin entgegenbrachte.
Forensiker des Rechtsmedizinischen Instituts der Universität Zürich diagnostizierten Blut im Hirnwasser sowie ein kleines Aneurysma, das im Kopf der Frau geplatzt war, mithin eine natürliche Todesursache.
In einem anderen Fall suchte die Zürcher Polizei nach der Tatwaffe, mit der eine Frau ermordet worden war. Die Gerichtsmediziner entdeckten winzige Metallpartikel in der Kinnregion.
Der Fund führte die Polizei schließlich zum Corpus Delicti: einem Küchenmesser.
Um beide Fälle zu lösen, reichte es nicht, dass die Rechtsmediziner nur vorschriftsmäßig das Brustbein der Verstorbenen aufsägten, um zur klassischen inneren Leichenschau zu schreiten. Zur Aufklärung der Todesumstände zerlegten die Forensiker nicht die Körper, sondern betrachteten dreidimensionale Abbilder der Toten, die sie auf ihrem Rechner gespeichert hatten.
"Virtuelle Autopsie" nennt sich dieser Vorgang, bei dem die Rechtsmediziner die Aufnahmen leistungsstarker Computer- und Magnetresonanztomografen sowie Oberflächenscans von Leichen miteinander kombinieren.
Mit Hilfe dieser geballten Durchleuchtungstechniken sind die Experten nunmehr in der Lage, aufschlussreiche und faszinierende Einblicke in das Innere toter Körper zu gewinnen. Vor allem aber entdecken die Fachleute Brüche und Blutungen, die ihnen durch die herkömmliche Form der Sektion bislang verborgen geblieben sind.
Experten schwärmen von der neuen Methode, welche die klassische Autopsie zumindest ergänzen soll. Die Idee: Nach Durchleuchtung einer Leiche sollen Radiologen die Gerichtsmediziner auf Auffälligkeiten hinweisen, auf die sie am Bildschirm gestoßen sind.
"Rechtsmediziner können ihre Obduktion dadurch viel effizienter planen", sagt Dominic Wichmann, Facharzt für innere Medizin vom Universitätsklinikum in Hamburg-Eppendorf. Die "Annals of internal Medicine" veröffentlichten jüngst eine Studie, in der Wichmann die Vorzüge der virtuellen Leichenbegutachtung preist.
Spezialisten des amerikanischen FBI reisen neuerdings in die Schweiz, um an der Universität Zürich die von Computern gestützte Leichenschau zu bestaunen. "Virtobot" nennt der Rechtsmediziner Michael Thali den von ihm entwickelten Geräteparcours.
Ausgangspunkt für die virtuelle Autopsie war der Mord an einer Frau und die Frage, ob der Täter das Opfer mit einem Hammer oder einem Fahrradschlüssel erschlagen hatte.
Als er das Rätsel mit Computerhilfe zu lösen versuchte, hauste Thali mit seinem Stab noch in einer kalten Baracke auf dem Campus der Uni Bern. "Im Winter froren wir, nur die Rechner heizten", erzählt der Radiologe Steffen Ross, der seit Jahren zum Team gehört.
Erst der Wechsel an die Uni Zürich und die Erbschaft einer begüterten Augenärztin verhalfen dem Projekt zum Durchbruch. Doch in der Fachwelt blieb der Zuspruch zunächst aus. "Anfangs waren wir als Enfant terrible der Forensik verschrien", berichtet Thali. Alte Recken des Sektionssaals kommentierten die Idee der virtuellen Autopsie häufig nur mit einem knappen "Das ist Mist", erinnert sich Thali.
Die jüngere Generation der Rechtsmediziner, die inzwischen an den meisten Instituten das Ruder übernommen hat, ist sehr viel aufgeschlossener für die neue Technik. Der Chef-Rechtsmediziner der Berliner Charité, Michael Tsokos, orderte jüngst eine abgespeckte Variante des Virtobot. "Wir benutzen eine Variante, die sich ein armer Stadtstaat wie Berlin leisten kann", sagt Tsokos.
Die neuen Möglichkeiten postmortaler Bebilderung wertet er als "Revolution für die Rechtsmedizin" - vergleichbar mit der Entdeckung des genetischen Fingerabdrucks und der Haaranalyse. "Hätte man Uwe Barschel oder Kurt Cobain in den Computertomografen geschoben, würde deren Tod heute nicht so viele Fragen aufwerfen", urteilt Tsokos.
Neben der Charité können bislang erst 3 weitere von insgesamt 35 rechtsmedizinischen Instituten an deutschen Universitäten virtuelle Autopsien durchführen. Und auch in Berlin wird nur ein Bruchteil der Verstorbenen in den Scanner geschoben; für größeren Aufwand fehlt technisch ausgebildetes Personal, das mit den Geräten fachgerecht umgehen kann.
So kamen Tsokos und seine Kollegen anfangs auch ins Schleudern wie Familienväter, die ohne Anleitung eine neue TV-Anlage installieren wollen. Denn wie etwa die gewonnenen Daten abgespeichert, archiviert und schließlich gedeutet werden, dafür liefert der Hersteller keine Gebrauchsanweisung mit.
In Thalis Superlabor in Zürich hat sich die einst herausragende Rolle des Rechtsmediziners als Maestro des Seziertischs aufgrund der Hightech-Ausstattung relativiert: Ohne Radiologen und Ingenieure als gleichberechtigte Partner an seiner Seite könnte Thali seinen Maschinenpark gar nicht bedienen.
Die virtuelle Autopsie könnte aber auch dazu führen, die normale Leichenschau zu verändern. Heute entscheiden meist Hausärzte darüber, ob der Tod die Folge einer natürlichen Ursache war oder nicht. Diese Praxis ist in Deutschland in Verruf geraten. Rechtsmediziner Tsokos mutmaßt, dass derzeit jedes zweite Tötungsdelikt übersehen wird. Verantwortlich dafür seien Ärzte, die diesen Teil ihres Berufs schlicht nicht beherrschten oder ihm nicht die nötige Ernsthaftigkeit widmeten.
Mitarbeiter des Instituts für Rechtsmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) bestätigen den kritischen Befund. In einem kürzlich im "Archiv für Kriminologie" veröffentlichten Aufsatz schreiben die MHH-Experten, "dass die Leichenschau in über 10 Prozent der Fälle unvollständig oder nicht nach den gesetzlichen Bestimmungen durchgeführt wurde". Ihr Fazit: "Die ärztliche Leichenschau erfüllt derzeit nicht die ihr zugedachten Qualitätsansprüche, insbesondere nicht im Hinblick auf die Rechtssicherheit."
Anders als in den Instituten für Rechtsmedizin wird in den Krankenhäusern heute kaum noch obduziert. Während eine rechtsmedizinische Sektion bei Mordverdacht von der Staatsanwaltschaft angeordnet wird, kann eine klinische Sektion von einem Pathologen nur dann vorgenommen werden, wenn die Angehörigen dem zustimmen.
Insbesondere diese klinische Form der inneren Leichenschau erlebte in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten einen drastischen Rückgang. Lediglich etwa drei Prozent aller Verstorbenen werden noch zur Inspektion der inneren Organe geöffnet - in Österreich landen zehnmal so viele Fälle in der Pathologie.
Hauptgrund seien Verwandte, die panisch darüber wachten, dass der Körper ihres verstorbenen Angehörigen nicht aufgeschnitten werde, sagt Facharzt Wichmann vom Hamburger Universitätsklinikum. Bei der virtuellen Autopsie zeigten die Hinterbliebenen weit weniger Berührungsängste.
Auch die Schweizer Pioniere verbinden mit der neuen Untersuchungsmethode die erfreuliche Erfahrung, dass ihnen allzu blutige Erlebnisse nun häufiger erspart bleiben - etwa im Fall jenes Bergsteigers, der in den Schweizer Alpen abgestürzt war. Thalis Team diagnostizierte unter anderem einen komplett geborstenen Hirnschädel, den Bruch der Lendenwirbelsäule und den Bruch des Unterschenkels - aber alles nur am Bildschirm.
Andere Untersuchungen hingegen bleiben selbst virtuell unschön: Ein Verstorbener, dessen Leichnam wochenlang in einer Wohnung unentdeckt geblieben war und der von Maden bereits weithin entstellt wurde, ist auch in 3-D-Darstellung am Computer kein leicht verdaulicher Anblick.
Von Frank Thadeusz

DER SPIEGEL 1/2013
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