31.12.2012

ZEITGESCHICHTEWer ist Anne Frank?

Sie war Tagebuchschreiberin, Opfer, Hoffnungsfigur. Zwei Bücher, ein Filmprojekt und ein juristischer Streit zeigen diese Heilige des Holocaust anders - heutiger, komplizierter, jüdischer.
Für Buddy Elias war sie das Mädchen mit dem Lachen, das Mädchen, mit dem er Verstecken spielte, das Mädchen, das unbedingt mit ihm Schlittschuh fahren wollte, seine Cousine, die er immer noch schützen will.
Sie hatte sogar das Kleid in ihr Tagebuch gemalt, das sie anziehen wollte, wenn sie mit ihm aufs Eis gehen würde.
Ach, Anne, Freundin der Welt, kleine, kluge Schwester. Buddy Elias strahlt, auch wenn seine Augen traurig schauen.
Seit Jahren erzählt er von seiner Anne, der guten Anne, der Lieblings-Anne, vor Schülern, die staunen, dass es ihn gibt, dass es Anne wirklich gab, sie wissen das schon, sie haben ja ihr Tagebuch gelesen, sie waren mit ihr im Hinterhaus, sie haben mit ihr gesprochen, sie haben mit ihr gezittert, manche sind mit ihr gestorben, und manche haben sie gesehen, in Manila oder Buenos Aires, doch, doch, da sind sie sich sicher, Anne Frank hat überlebt.
Sie ist das Gesicht des Holocaust.
In ihrem Zimmer in der Prinsengracht 263 in Amsterdam, wo sie sich versteckte mit ihren Eltern und ihrer Schwester Margot und der Familie van Pels und dem Zahnarzt Fritz Pfeffer, vom 6. Juli 1942 bis 4. August 1944, hatte sie ein Foto von Greta Garbo, sie hatte viele Bilder an die Wand geklebt, sie war ein Teenager. Sie träumte von Hollywood.
Buddy Elias wurde ein Star bei Holiday on Ice, er spielte im Theater und im Fernsehen, er lebte Annes Traum - es scheint ihn zu beflügeln, bis heute, obwohl nicht klar ist, ob er nicht davonlief, all die Jahre, in Ägypten, in Amerika, auf Tournee, bevor er der Mann wurde, der Annes Cousin ist: Es ist die Rolle seines Lebens.
87 Jahre ist er alt und schafft immer noch den Kopfstand. Für Buddy Elias war Anne Frank Familie. Für sie selbst war sie "ein Bündelchen Widerspruch", so beginnt ihr letzter Tagebucheintrag am 1. August 1944, drei Tage, bevor sie verraten und fortgeschafft wurde, ins Lager in Westerbork, dann nach Auschwitz und später Bergen-Belsen. Für alle anderen war sie - ja, was war sie?
Sie war das Opfer, natürlich, ein Opfer für alle, für die sechs Millionen ermordeten Juden. Ihre Geschichte wurde eine, wie man so sagt, gegen das Vergessen.
Es sollte nie wieder passieren. Auch dafür war sie da, Anne Frank, Mahnmal und Mädchen.
Sie war die Freundin, die starke, die schwierige, die verliebte Anne, die sich mit der Mutter streitet und ihre Vagina entdeckt und die trotz ihres Todes eine Geschichte der Hoffnung erzählt.
Sie war die Heilige des Holocaust, sie war der Teenage-Star. Eines war sie selten: Sie war selten sie selbst.
Das wird sich ändern, wenn es nach den Produzenten und dem Drehbuchautor des, überraschenderweise, ersten deutschen Films über Anne Frank geht. 2014 wird er ins Kino kommen und von ihrem Leben, aber auch von ihrem Sterben erzählen. Die ganze Anne Frank, mehr als Hinterhaus: Kindheit und KZ.
Das soll sich auch durch das Familie-Frank-Zentrum ändern, das in Frankfurt am Main entsteht, die Eröffnung ist für 2016 geplant und wird die tiefe, die 400-jährige Beziehung der Familie Frank und der Stadt Frankfurt erzählen, eine Geschichte, die weit über den Holocaust zurückgreift und etwas herstellt, das so rar ist, Kontinuität ohne Hintergedanken.
Und es soll sich ändern durch die Arbeit des Anne-Frank-Fonds in Basel - der im juristischen Streit liegt mit der Anne-Frank-Stiftung in Amsterdam.
Lange haben sie parallel gearbeitet, der jüdisch geprägte Fonds in Basel und die Stiftung in Amsterdam, die immer wieder betont, dass sie so arbeitet, wie Otto Frank sich das immer gewünscht hat - obwohl Briefe aus den sechziger und siebziger Jahren das Misstrauen Otto Franks gegenüber der Stiftung zeigen.
Dieser Streit ist symptomatisch, er spiegelt all das, was über Anne Frank gesagt, was aus ihr gemacht wurde.
Man hat mit ihr den Humanismus gepredigt und sie zu einer universalistischen Ikone aufgebaut, die davor warnt, was Menschen Menschen antun, die uns wachhalten soll für Völkermord in Bosnien und Ruanda - obwohl das bedeutet, den spezifisch jüdischen Teil ihres Lebens, ihres Leidens, ihres Denkens zu verkleinern oder zu verdrängen.
Man hat mit ihr den Holocaust erklärt - obwohl der in ihrem Tagebuch nicht vorkommt und das Grauen nur am Rand in die Erzählung aus dem Hinterhaus kriecht, was vielleicht den Welterfolg mit ausmacht: das Jahrhundertverbrechen ohne Verbrechen, ein dunkles Schicksal ohne Tod, der Gedanke ans Überleben, der bleibt, wider alle Vernunft.
Die Widersprüche, die Anne Frank in sich entdeckte, prägen ihre Geschichte. "Worüber wir reden, wenn wir über Anne Frank reden", das ist die Frage.
So lautet der Titel des Kurzgeschichtenbands von Nathan Englander - eines von zwei neuen fiktionalen Büchern, die Anne Frank thematisieren, geschrieben von amerikanischen Juden, witzig, politisch, bitter, brillant: zwei Bücher, die zeigen, wie wichtig Anne Frank ist für jüdische Identität nach dem Holocaust(*).
Englanders Geschichten sind klarsichtig und komisch, voller Angst und Gewalt, voller Rache und Rechthaberei. Sie erzählen von Siedlern und ihrer Tragik, von einem Staranwalt in der Peepshow, von zwei Auschwitz-Überlebenden, von Schülern in einem Summer Camp.
Moral muss hier jeden Augenblick neu definiert werden. Und wie man das tut, wie sich aus solchen Entscheidungen eine Identität formt, das beantwortet die ewige Frage: Wer bin ich? - was in Englanders jüdischer Welt stets verbunden ist mit der Frage: Wer war ich?
"Das ganze Buch handelt von der Frage, wem Identität gehört, wem Geschichte gehört, was Erinnerung überhaupt ist", sagt Englander, 42, an einem Morgen in Berlin. Er ist hier auf Lesereise, er mag Berlin, in der American Academy am historisch kontaminierten Wannsee, wo die Nazis die "Endlösung der Judenfrage" besprachen, ist das Buch entstanden. Englander saß dort und wunderte sich mal wieder darüber, wie besessen er vom Holocaust war, es sei ihm unangenehm gewesen,
sagt er, "ich verstand nicht, warum ich so bin, wie ich bin", schwarze Haare, schwarze Augen und viele kluge Worte, die aus seinem Mund stolpern.
Als Kind in New York lebte er mit der Gewissheit, dass es einen zweiten Holocaust geben werde, sagt er. "Es war krankhaft, und es war lächerlich, Amerika ist das beste Land, das Juden je hatten - andererseits ist es für die Juden nie gut ausgegangen, oder?"
Und so erfand er als Kind mit seiner Schwester dieses Spiel, ein Spiel von einer unerhörten, gefährlichen Moralität: Wer würde uns verstecken, und wer würde uns verraten, wenn es wieder einen Holocaust gäbe? Würde uns der Nachbar ausliefern, der Sohn, der Ehemann?
Von diesem Spiel erzählt Englander in der zentralen Geschichte von "Worüber wir reden, wenn wir über Anne Frank reden" - und er sagt: Wir Juden reden über uns, über unsere Angst, über dieses sehr jüdische Gefühl, "dass nichts in der Welt sicher ist". "Der Holocaust ist für viele Menschen Anne Frank. Was siehst du, wenn du an den Holocaust denkst: einen Berg von Toten oder dieses Mädchen?"
Englander beschreibt in seinem Buch, wie Erinnerung zu Politik wird und wie die Politik der Erinnerung den Einzelnen beeinflusst - es ist auch eine Reflexion darüber, welche Stellung und Bedeutung der Holocaust heute hat für die Frage nach Identität, auch nach staatlicher Identität. In einem wieder mächtigen Deutschland stellt sich diese Frage mit jeder weiteren Hitler- oder Rommel-Verfilmung neu. In Israel stellt sich diese Frage ganz anders: Ist dieses Land nun geboren aus dem zionistischen Traum oder aus dem Alptraum des Holocaust?
Jemand wie Shalom Auslander, 42, kann da nur lachen. "Israel?", fragt er. "Just bomb the place. Ich habe es gehasst. Jeder ist schlechtgelaunt. Jeder hat Angst. Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, dass mir mein Vater im Genick sitzt. Als ich nach eineinhalb Jahren zurück in New York war, habe ich mir einen Cheeseburger gegönnt und einen Blowjob."
Shalom Auslander ist Punk. Er sitzt über sein zweites Glas Rotwein gebeugt, während draußen vor dem Restaurant Joshua's gerade die Welt in Sturm und Regen untergeht. Es ist Mittag in Woodstock, zwei Stunden nördlich von New York - hier spielt sein Roman "Hoffnung. Eine Tragödie", der Ende Februar auf Deutsch erscheint(**). Er schreddert viele der Gewissheiten, die man über den Holocaust im Allgemeinen und Anne Frank im Besonderen zu haben glaubt: Optimismus, sagt Auslander, sei der Feind. Hoffnung eine Lüge. Und Identität entstehe nicht aus Zerstörung, also aus dem Holocaust. Anders gesagt, Identität, die aus Zerstörung entstehe, gehöre zerstört.
"Ich werde oft gefragt, ob ich ein Jude bin, der sich selbst hasst", sagt Auslander, "und ich antworte: Ich bin ein Mensch, der sich selbst hasst. Ich bin da wie Anne Frank, wir mochten selbsthassende Menschen. Selbsthass ist der Weg nach vorn. Anne Frank war jemand, den meine Mutter ganz sicher nicht gemocht hätte."
Dieser Ton, dieses Tempo, dieser Furor treibt Auslanders Roman voran, der von Solomon Kugel erzählt, der drei Probleme hat: Wie kriegt er seine Ehe auf die Reihe, wie kriegt er seine Mutter aus dem Haus - und was macht Anne Frank auf seinem Dachboden? Ist sie das überhaupt, diese schimpfende, schlechtgelaunte, verwahrloste Megäre, die ihn erst mal losschickt, damit er Matzebrot kauft?
"Ich weiß nicht, wer Sie sind", sagt Kugel, "oder wie Sie hier raufgekommen sind. Aber ich sage Ihnen, was ich weiß: Ich weiß, dass Anne Frank in Auschwitz gestorben ist. Und ich weiß, dass sie mit vielen anderen gestorben ist, von denen einige meine Verwandten waren. Und ich weiß, wenn man das verharmlost, indem man behauptet, Anne Frank zu sein, dann ist das nicht nur nicht lustig, sondern auch abscheulich und eine Beleidigung des Andenkens von Millionen von Opfern des Nazi-Terrors."
"Das war Bergen-Belsen, Sie Esel", antwortet Anne Frank. "Und was diese Verwandten betrifft, die Sie im Holocaust verloren haben", fährt sie fort: "Sie können mich mal." Oder eben: "Blow me" - was so obszön ist, dass Shalom Auslander immer noch herzlich lacht. "Ich habe drei Jahre an dem Buch gearbeitet und kam nicht weiter. Da fiel mir dieser Satz ein: ,Blow me, said Anne Frank.' Erst habe ich meine Frau angerufen und gesagt: Ich habe es. Dann habe ich meinen Psychiater angerufen."
Die Obszönität, die dieses Buch prägt, ist Auslanders Antwort auf die Obszönität, die der Holocaust war. Und so breitet er ein ganzes Panorama der Holocaust-Verwicklungen und -Verwirrungen aus. Da ist die Mutter, die ihr Leiden an der Welt damit erklärt, dass sie im Konzentrationslager war, obwohl sie erst nach dem Krieg geboren wurde. Da ist der Verleger, der nichts von Anne Frank wissen will, als sie ihn nach dem Krieg aufsucht, denn nur eine tote Anne Frank garantiert ihm den Erfolg des Tagebuchs. Da ist Anne Frank selbst, die seit Jahren auf dem Dachboden sitzt und an ihrem Roman arbeitet und unter immensem Druck steht: "Zweiunddreißig Millionen", sagt sie immer wieder. "Glauben Sie denn, das ist einfach? Zweiunddreißig Millionen Auflage, Mr. Kugel. Und was bekomme ich dafür von Ihnen? Elie Wiesel. Oprah Winfrey!"
Eine dunkle, lustige Energie geht von Auslander aus und lässt ihn dunkle, lustige Bücher schreiben, die man ruhig brillant nennen könnte, wenn Auslander einen dafür nicht auslachen würde. Schreiben ist für ihn Selbstverteidigung: "Ich wuchs auf mit der Gewissheit, dass ich eines Tages grausam ermordet werden würde. Der Holocaust war für meine Eltern eine Art Erziehungsmaßnahme: So lange wir Angst haben, sind wir sicher."
Auslander ist nicht der erste Schriftsteller, der Anne Frank überleben lässt, Philip Roth hat das gemacht in "Der Ghost Writer" - aber wie in "Hoffnung" Trauerkultur zu Pointen verdichtet wird, die so viel klüger und schmerzhafter und wahrer sind als vieles, was zum Beispiel am 9. Trauernovember in der Frankfurter Paulskirche passiert; wie sich Anne Frank darüber beschwert, dass sie "die Leidende" ist, "das tote Mädchen", "Miss Holocaust, 1945", "der jüdische Jesus"; wie Auslander Anne Frank aus der Opferrolle befreien und ihr ein Leben, ihren Charakter, ihre Persönlichkeit zurückgeben will: Das macht dieses Buch zu mehr als einem literarischen Ereignis.
"Anne Frank war überall, als ich aufwuchs", sagt Auslander. "Ich habe mir immer die Frage gestellt, was würde ich tun, wohin würde ich flüchten, wer würde mich verstecken? Das ist ja die Funktion von Israel für die Juden. Ich weiß nicht, was der Holocaust für Nichtjuden bedeutet, ich weiß nur, was er für Juden bedeutet. Und ich weiß, dass Anne Frank, wenn sie überlebt hätte, sauer wäre über das, was man aus ihr gemacht hat."
Buddy Elias schüttelt da nur den Kopf und schaut sehr, sehr traurig. Er ist einigermaßen empört über die beiden Bücher. Er ist stolz darauf, "was meine Cousine erreicht hat". Er wittert Kalkül, ob nun ein Schriftsteller ein Buch mit Anne Frank im Titel herausbringt oder eine Firma Jeans mit dem Namen Anne Frank herstellen will. Er ist misstrauisch, dass die Menschen mit ihrem Schicksal Geld verdienen.
Und es geht um viel Geld. Das Tagebuch wurde in rund 60 Sprachen übersetzt und insgesamt mehr als 30 Millionen Mal weltweit verkauft. Das Mädchen Anne, die Fotos, Pubertät, Verliebtsein, Selbstzweifel, Stärke, das alles vor dem Hintergrund des Überverbrechens - das ist so perfekt, dass alte und junge Nazis auf die Idee kamen: Das muss eine Fälschung sein.
Diese Diskussion ist hässlich - und wer nur ein paar Seiten des Tagebuchs liest, merkt am Ton, an der Direktheit, an der Sprache: Dieser suchende, mal selbstbewusste, mal zweifelnde Text ist echt, ist schön, ist groß und ist gerade durch seine literarische Qualität so offen und zugänglich, für Jugendliche, seit so vielen Jahren schon, in so vielen Ländern.
Es sind klare Sätze, die Anne Frank schreibt, es sind klare Gedanken, die sie denkt, es zeigt sich in ihr die Tradition dieser jüdischen Familie von Briefeschreibern, in der Literatur nichts Fremdes war, sondern eben das Mittel, mit dem man sich ausdrückte: "Ich sehe uns acht im Hinterhaus, als wären wir ein Stück blauer Himmel, umringt von schwarzen, schwarzen Regenwolken", schreibt sie im November 1943. "Wir schauen alle nach unten, wo die Menschen gegeneinander kämpfen, wir schauen nach oben, wo es ruhig und schön ist, und wir sind abgeschnitten durch die düstere Masse, die uns nicht nach unten und nicht nach oben gehen lässt, sondern vor uns steht wie eine undurchdringliche Mauer."
Rot-weiß kariert war dieses erste Tagebuch, es hatte einen Messingverschluss, und Buddy Elias hat ein Exemplar bei sich zu Hause, ein Faksimile, das er so sorgfältig durchblättert, als müsste er aufpassen, dass er Anne nicht weh tut. Die niederländische Helferin Miep Gies rettete das Tagebuch aus dem Hinterhaus, es gab zwei Fassungen, weil Anne es nach dem Krieg veröffentlichen wollte und die erste Fassung bearbeitete. Ihr Vater Otto stellte eine dritte Fassung her, der Konflikt mit der Mutter war jetzt entschärft, es war sexuell unschuldiger. In der deutschen Übersetzung wurden später antideutsche Passagen abgeschwächt.
Diese überarbeitete Fassung erschien 1947 auf Niederländisch, 1950 auf Deutsch und 1952 auf Englisch, viele Verlage hatten das Buch abgelehnt, über Frankreich fand es in die USA - aber erst der Erfolg der Theaterfassung am Broadway machte aus Anne Frank das, was sie heute ist: Ikone, Hoffnungsgesicht, Mutmacherin.
Ursprünglich sollte der Schriftsteller und Journalist Meyer Levin die Stückvorlage liefern - als zwei Hollywood-Schreiber engagiert wurden, sah Levin eine Verschwörung: "Zu jüdisch" sei seine Version, zu dunkel und depressiv.
Die Botschaft vom Broadway war dagegen eindeutig: "Trotz allem glaube ich noch immer an das innere Gute im Menschen" - mit diesem Satz von Anne Frank endet das Stück von 1955, und so endet auch der Hollywood-Film von 1959.
Ein "song to life" sollte es sein, ihren "ersten Kuss", "ihr wunderbares Lachen" versprach das Plakat - die Anne Frank aus dem Tagebuch ist eine andere: "Im Menschen", schreibt sie dort, "ist nun mal ein Drang zur Vernichtung, ein Drang zum Totschlagen, zum Morden und Wüten, und solange die ganze Menschheit, ohne Ausnahme, keine Metamorphose durchläuft, wird Krieg wüten, wird alles, was gebaut, gepflegt und gewachsen ist, wieder abgeschnitten und vernichtet, und dann fängt es wieder von vorn an."
So wollte man Anne Frank aber nicht haben in den fünfziger Jahren: Die Jugend trat ihre Herrschaft an, Pop wurde geboren, da passte es gut, dieses Pubertätsdrama in der tiefen Nacht unserer Zivilisation. Der Holocaust wurde Weltkulturerbe.
Anne Franks Ruhm dauert bis heute. Der Streit um sie auch.
Eine treibende Kraft ist dabei Yves Kugelmann, 41, der im Stiftungsrat des Anne-Frank-Fonds in Basel sitzt und harte Worte für die Anne-Frank-Stiftung in Amsterdam findet: "Der Fonds ist der von Otto Frank eingesetzte Universalerbe. Er war seit je gegen eine Pilger- und Wallfahrtsstätte. Er war dagegen, dass jemand mit Anne Frank Geld verdient. Nun steht in Amsterdam ein Museum, das die Familie Frank weitgehend entkontextualisiert und entjudaisiert. Anne Frank wurde in Amsterdam erst politisiert und dann zur Figur einer universalistischen Botschaft gemacht."
Lange Schlangen bilden sich jeden Morgen vor dem Haus in der Prinsengracht 263, junge, erwartungsvolle, unsichere Gesichter, mehr als eine Million Besucher pro Jahr - ein Geschichtspilgerort der globalisierten Jugend. Sie steigen die engen Stiegen hoch, sie stehen im leeren Wohnzimmer, sie bestaunen die Postkarten im Zimmer von Anne Frank, sie besichtigen ein Haus, das leer geräumt ist: von Möbeln, aber auch von Bedeutung.
Das sei, findet Ronald Leopold, auch gut und richtig so. Seit zwei Jahren ist Leopold, 52, Direktor der Anne-Frank-Stiftung, ein ruhiger, nachdenklicher Mann. Sein Vorgänger war gut 25 Jahre im Amt. Leopold sagt, er wolle Anne Frank ihre Geschichte zurückgeben.
Es ist ein hybrides Haus, Wohnstätte, Tatort und Gedenkstätte in einem und darin einzigartig - bislang kann man es besuchen, ohne den Holocaust zu verstehen. Am Anfang etwas Hitler-Gebell, am Ende kommen die Bewohner des Hauses um, dazwischen herrscht die Aura der Andacht. Aber wer waren die Franks, wo kamen sie her, was war die Situation in den Niederlanden im Krieg, wie viele Juden gab es davor, wie viele danach - und, nicht ganz unwichtig: Waren die Niederländer auch Täter? Wie konnte es geschehen, dass hier prozentual mehr Juden ausgeliefert wurden als in den anderen westeuropäischen Ländern?
Und weil diese Frage immer noch nicht richtig geklärt ist, weil das Land Schwierigkeiten damit hat, seine Rolle während der Besatzung durch die Deutschen zu beschreiben - deshalb wirkt eine so nüchterne, auratische, ins Allgemeingültige verlängerte Ausstellung verhalten, fast verklärend.
"Ein Opfer ist besser als viele Täter", sagt Yves Kugelmann. "Anne Frank ist ein Holocaust-Tamagotchi."
Der Streit zwischen dem Fonds und der Stiftung ist geprägt von einer Skepsis gegenüber der geschichtspolitischen Haltung, da ist die Rede von propalästinensischen Positionen der Stiftung in früheren Jahren, da kursieren Dokumente, die belegen, wie unzufrieden Otto Frank auch mit der Stiftung in Amsterdam war - vor Gericht geht es um Konkretes.
In einem Prozess in Hamburg geht es um eine grafische Biografie von Anne Frank - der Fonds klagte dagegen, weil die Rechte nicht eingeholt worden seien, die Stiftung "bedauert" den Gerichtsstreit und spricht von einem "Kurswechsel" des Fonds.
In einem anderen Prozess in Amsterdam geht es um Briefe, Dokumente, Objekte, die als Leihgaben an die Stiftung gingen und die der Fonds jetzt zurückfordert. "Das Eigentum ist testamentarisch festgelegt", sagt Yves Kugelmann und spricht von einer "zweiten Enteignung der Familie Frank".
Die Anne-Frank-Stiftung finanzierte 2011 mit den 14,3 Millionen Euro Einnahmen aus Eintrittsgeldern und Merchandising seinen Personalapparat und Aktivitäten weltweit: Ausstellungen von Berlin bis Buenos Aires, Broschüren gegen Rassismus und Extremismus, Unterrichtsmaterial.
"Beim Anne-Frank-Fonds", sagt Kugelmann, "verdient niemand etwas. So wollte es Otto Frank, das hat er entschieden, als er selbst kein Geld hatte: Die Familie sollte nichts bekommen, alles Geld geht in den Fonds und in die Projekte."
Zum Beispiel ein Mädchenwohnheim in Nepal, ein Behindertenprojekt in der Schweiz, das "Leo Baeck Education Center" in Israel. Bald wird das Tagebuch nach dem Urheberrecht "gemeinfrei". Deshalb werden gerade einige Projekte forciert, 2013 etwa ist eine Gesamtausgabe der Werke von Anne Frank geplant, dann werden auch die Dreharbeiten zum wichtigsten aktuellen Vorhaben des Fonds beginnen - der ersten deutschen Verfilmung dieses sehr deutschen Stoffs, produziert von Spektrum Pictures, Berlin, und Zeitsprung Pictures, Köln.
Das Drehbuch von Fred Breinersdorfer ist gerade fertig geworden. Breinersdorfer, 66, schrieb schon das Drehbuch für den "Sophie Scholl"-Film. Er nimmt die Sache persönlich: "Ich hatte Nazi-Eltern", sagt er. "Mein Vater war entsetzt, als der ,Sophie Scholl' sah: Diese Leute, sagte er, haben uns an der Front den Dolch in den Rücken gerammt."
Wer wird seine Anne Frank sein? Ein Opfer, eine Heilige, eine Hoffnungsfigur?
"Anne Frank ist keine deutsche Figur", sagt Breinersdorfer. "Sie ist auch keine nur jüdische Figur. Sie ist der Prototyp eines Menschen, der zum Opfer eines brutalen Systems wird und sich trotzdem seinen Freiraum schafft und sich mit Optimismus entwickelt. Sie ist eine aufgeklärte, emotionale Grenzgängerin. Sie gehört allen."
Er wird sie sterben lassen, im Todeslager, zwei Tage nach ihrer Schwester Margot, an Typhus. "Das ist", sagt er, "auch eine Frage der Darstellbarkeit."
Für die Zeit im Hinterhaus wird er sich an Anne Franks Text halten, eine "außergewöhnliche Coming-of-Age-Geschichte" nennt er diesen Teil. Wichtig wird das Leben der Familie Frank vor der Verfolgung sein - und hier kreuzt sich der Film mit dem Plan des Familie-Frank-Zentrums.
Sie waren ja eine deutsche Familie, die Franks, die so starke Frauen hatte - und es ist auch eine Geste, dass sich Buddy Elias entschlossen hat, das reiche Erbe nach Frankfurt zu geben. Stolz holt er das festliche Porzellan aus einem schimmernden alten Schrank, neben ihm hängt ein Bild seiner Großmutter Alice, die auch Annes Großmutter war. "Sie war reinste Kultur", sagt er und meint schon: deutsche Kultur.
Noch ist das meiste in Basel, in dem Haus, in dem Buddy groß wurde und in dem Otto Frank nach dem Krieg lebte. Der Schrank ist hier, auf dem das Bild steht, das Buddy Elias so mag, Anne Frank, wie sie einen Stift hält und in die Kamera schaut. Auch die Hüte auf dem Dachboden und die Kleider und all die anderen wertvollen Dinge und die Dokumente und die Briefe, die davon erzählen, wie das war, das jüdische Leben, das die Nazis vernichteten.
Neben Buddy Elias steht ein kleiner Stuhl aus Holz, fast wie ein Minithron. "Anne saß dort immer gern", sagt er und lacht wie ein kleiner Junge. Wenn Kinder kommen, um ihn in seinem Haus zu besuchen und von seiner Cousine zu hören, dürfen sie auf diesem Stuhl sitzen. Ansonsten bleibt der Stuhl leer. ◆
(*) Nathan Englander: "Worüber wir reden, wenn wir über Anne Frank reden". Aus dem amerikanischen Englisch von Werner Löcher-Lawrence. Luchterhand Literaturverlag, München; 240 Seiten; 18,99 Euro. ** Shalom Auslander: "Hoffnung. Eine Tragödie". Aus dem Englischen von Eike Schönfeld. Berlin Verlag, Berlin; 336 Seiten; 19,99 Euro. Erscheint im Februar.
Von Georg Diez

DER SPIEGEL 1/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 1/2013
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ZEITGESCHICHTE:
Wer ist Anne Frank?

  • "Schmerzgriff"-Vorwürfe: Hamburger Polizei verteidigt Einsatz bei Klimaprotesten
  • Klima-Demo in Berlin: "Ab jetzt gilt es!"
  • Parteitag in Brighton: Labour streitet über Corbyns Brexit-Kurs
  • Tropensturm in Houston: Passanten retten Lkw-Fahrer das Leben