31.12.2012

ESSAYWas warum bleibt

Welches Kunstwerk, welche Leistung von heute wird in 100 Jahren noch unvergessen sein?
Im 100 Jahre entfernten Jahr 1913 lasen die Deutschen einen Roman, den sie priesen, verschenkten, liebten. Bernhard Kellermann hatte "Der Tunnel" geschrieben und darin die Abenteuer eines Ingenieurs erzählt, der einen Tunnel durch den Atlantik baut und Europa mit Amerika verbindet; als der Ingenieur endlich ankommt, können Reisende das Flugzeug von Paris nach New York nehmen. 100 000 Exemplare des Romans waren nach einem halben Jahr verkauft, ein Buch für alle Zeiten, so muss sich die Begeisterung von 1913 angefühlt haben.
Es gab andere Werke und Menschen in jenem Jahr 1913, deren Nachruhm unwahrscheinlicher war. Hitler und Stalin spazierten durch Wien, vielleicht lupften sie voreinander den Hut, vielleicht auch nicht, zwei unscheinbare Männer eben, die einander nicht kannten. Ein Ire namens James Joyce begann ein Buch namens "Ulysses" zu entwerfen. Ein junger Mann aus Prag, Franz Kafka, schrieb Briefe an Felice Bauer, wollte sie heiraten und riet ihr zugleich von der Heirat ab, weil er sich selbst nicht traute, und er schrieb Tagebücher: "Der Coitus als Bestrafung des Glücks des Beisammenseins. Möglichst asketisch zu leben, asketischer als ein Junggeselle, das ist die einzige Möglichkeit für mich, die Ehe zu ertragen." Es gibt den bösen Ruhm Hitlers und jenen guten Ruhm, den Kafka suchte, aber der gute Ruhm will diszipliniert erarbeitet werden.
Florian Illies hat "1913" geschrieben, ein Wunderwerk, denn im Präsens erzählt Illies von den Menschen jener Zeit, die so spießig und modern, so treu und durchtrieben lebten, wie wir 100 Jahre später leben, aber nicht wussten, was wir wissen: was aus ihnen werden und was bereits das von Arthur Schnitzler am Roulettetisch begrüßte 1914 für sie bereithalten würde. "1913" spielt mit der Sehnsucht der Leser danach, das Leben - beim zweiten Versuch weise - erneut und besser führen zu können; und das Buch erklimmt eine weitere Ebene: Weil wir es 100 Jahre später lesen, betrachten wir die Handelnden - Hitler, Stalin, Joyce und Kafka, Rilke, Lasker-Schüler oder Benn - mit dem Wissen, dass sie überdauert haben. Warum sie, warum nicht andere?
Zur Mode, zum Hype wird vieles, und viele werden berühmt, heutzutage mehr Menschen denn je, weil wir in einer Medienzeit leben, in einer Ära der Selbstdarstellung. Ruhm ist jedoch mehr, Ruhm ist langlebig; Urteile, die nach drei Generationen gesprochen werden, sind ein verlässlicher Indikator für Unsterblichkeit. Dies diskutierten wir nach Florian Illies' Lesung im Hamburger Literaturhaus: Was bleibt? Und wieso bleibt es? Welche Regeln gelten für die Kanonisierung von Kunst?
Dass ein Musiker, eine Autorin, ein Künstler ein Gefühl, nämlich die Sehnsucht, die Phantasie oder mindestens die Neugierde des Publikums treffen muss, ist die erste Voraussetzung; ansonsten schart sich das Publikum nicht um ihn. Es existieren die Ausnahmen derer, die den eigenen Ruhm verpassen: Bach war zu Lebzeiten zwar bekannt, aber erst die Wiederentdeckung der "Matthäus-Passion" durch Mendelssohn hob ihn auf jenes Podest, auf dem er dann blieb; van Gogh wurde nach seinem Tod entdeckt; und immer mal wieder wird ein verschollener Roman erst von einem zufällig Verzauberten ans Licht gebracht. Hin und wieder trifft also noch nicht ein Künstler, sondern dessen späte Entdeckung den Geist ihrer Zeit.
Die zweite Voraussetzung für Nachruhm ist Genie oder mindestens Originalität. Ein Jahrhundert hindurch reichen die Menschen nichts weiter, was bloß nett oder ganz gelungen ist (wie Bernhard Kellermanns "Der Tunnel", der das Gefühl des Jahres 1913 traf, aber eben nur dieses), sondern das, worin sie Meisterschaft erkennen; Jahrhunderte überstehen Beethoven, Bach, Wagner oder Rembrandt, mehr Männer als Frauen übrigens, da Männer sich vor Jahrhunderten eher trauten, wagemutig oder größenwahnsinnig zu sein - die Männer durften.
Ruhm, das haben Psychologen erforscht, erlangen überdurchschnittlich viele Borderliner, Narzissten, Typen, die aggressiv, untreu, launisch, drogensüchtig sind, unter Essstörungen leiden, das Alleinsein fürchten. Und ein Mythos hilft. Wer als 27-Jähriger stirbt - wie Brian Jones, Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison, Kurt Cobain oder Amy Winehouse -, begründet eine Legende.
Der Ruhm anderer hat mit der eigenen Biografie und Erinnerung zu tun. Ich habe vor 35 Jahren das Electric Light Orchestra verehrt und schäme mich heute dafür; auf gar keinen Fall werde ich ELO jemals irgendwem weiterreichen. Vor 30 Jahren hörten meine Freunde und ich The Cure, Fehlfarben und Talking Heads, und diese Musik verbindet uns heute und erinnert uns an die, die wir waren, weil sie das "Alte Fieber" weckt, von dem die Toten Hosen singen. Lese ich heute "Montauk", jenes Buch von Max Frisch, dessen Fernweh und Witz einst dafür sorgten, dass ich Journalist wurde, bringt es mich zum Lachen, so eitel und blöd ist es.
100 Jahre Ruhm erlebt ein Werk, wenn Generationen bewegt und wehmütig und nicht peinlich berührt sind.
Florian Illies erzählte an jenem Hamburger Abend dann von dem Kunsthistoriker Francis Haskell, bei dem er in Oxford studiert hatte und der das Werk "Rediscoveries in Art" verfasst hat. "Vergessen werden ist die Voraussetzung für dauerhaften Ruhm", sagt Illies, "denn die Energie derer, die etwas wiederentdecken wollen, sorgt für eine neue Argumentation und dafür, dass Werke in den Olymp aufgenommen werden."
Streit schärft Argumente. Geschmack folgt Wellen: Aus Zustimmung wird Ablehnung wird Begeisterung. Großvater und Enkel können sich eher auf etwas einigen als Großvater und Vater; wenn es also eine 100-Jahre-Frist für die Zuschreibung wahren Ruhms gibt, dürfte dies mit Generationenkonflikten zu tun haben. Nach 100 Jahren ist alles gesagt und Einigkeit erreicht, für die Existenz der 100-Jahre-Frist spricht der Kunstmarkt: In den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurden die Impressionisten Monet und van Gogh gefeiert, die in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts gemalt haben.
Wie ein Werk in der Gegenwart wirkt, sagt deshalb noch nichts darüber aus, wie es in der Zukunft wirken wird; Einschätzungen entstehen im Kontext ihrer Zeit und wandeln sich ständig. Avantgarde wird entweder zu Mainstream oder verschwindet. "Andy Warhol galt in den achtziger Jahren als müder, eitler Maler, der Toni Schumacher und jeden porträtierte, der ihm 20 000 Dollar zahlte", sagt Illies. "Warhol war damals Ikea-Kunst. Dann aber kippte es wieder, weil wir anfingen, Warhols Genialität zu kapieren: Er hatte verstanden, dass Reproduktion nicht automatisch den Verlust von Aura bedeutet, sondern Aura vergrößern kann. Wen wählte er als seine Ikonen aus, wem sprach er Ruhm zu? Marilyn, Jackie Kennedy und Elvis."
Caspar David Friedrich wurde in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts im Katalog der Berliner Gemäldegalerie erst nach vielen Berühmteren erwähnt; 1906 wurde er wiederentdeckt. Gottfried Benn war nach frühem Ruhm bald altmodisch und erlebte im Alter den eigenen Nachruhm. Kafka war zunächst kaum bekannt, dann wurde er sprachlich überhöht und menschlich reduziert, schließlich als über allen stehend auserwählt.
Die Wellenregel bedeutet erstens: Niemals vergessen oder verdammt zu werden kann in den Halbschlaf oder in den Kitsch führen. Sie bedeutet zweitens, dass Frisch, Fehlfarben und die Talking Heads und leider sogar das Electric Light Orchestra durchaus noch Aussichten auf Ruhm haben. Ob sie dauerhaft verschwinden oder doch wiederkehren werden, ist nicht ausgemacht. Und wir können es weder wissen noch erspüren, weil darüber unsere Kinder und Enkel entscheiden werden.
Möglich ist allerdings, dass diese Ruhmtheorien für Werke, Taten, Menschen von 1913 oder aus späteren Jahrzehnten zutreffen, aber für unsere Zeit nicht mehr - weil zu viel passiert, weil das Tempo unseres Lebens zu hoch für kollektive Erinnerung ist, weil zwar alles archiviert und nichts mehr gelöscht wird, aber trotzdem nichts bleibt. Wir kennen afrikanische Musik und japanische Comics, und Berühmtheit ist vielfältiger und internationaler als vor 100 Jahren. Aber es existiert keine Auswahl mehr; alles entsteht mit der Masse, manches ragt für Wochen oder für eine halbe Stunde aus dieser heraus und kehrt dann in die Masse zurück.
Es ist 14 Jahre her, dass Judith Hermann zu einer literarischen Erscheinung erklärt wurde. 13 Jahre sind vergangen, seit Benjamin von Stuckrad-Barre Lesungen zu Ereignissen machte. Wer erinnert sich an sie, wer glaubt, dass sie bleiben werden? "Allzu viele Jahrhundertgestalten verträgt so ein Jahrhundert nicht, in Menge geschaffen, sinken sie zu Dekadenfiguren, wenn nicht zu Jahreshanseln hinab", wusste Robert Gernhardt.
Es gibt nun zwei Alternativen.
Vielleicht wird sich auch die Abfolge von Auftauchen, Abtauchen, Wiederauftauchen und Bleiben beschleunigen. Dafür spricht, dass Songs inzwischen nach einem halben Jahr gecovert werden; und dafür spricht, dass Rainald Goetz' Buch "Johann Holtrop" im September erschien, verrissen wurde und drei Monate später von derselben Zeitung, die es verrissen hatte, auf die weihnachtliche Bestenliste gehoben wurde. "Eine Wiederentdeckung nach drei Monaten", sagt Illies.
Wahrscheinlich aber wird es schwierig oder unmöglich werden, künftig noch Ruhm zu erreichen, jedenfalls den guten, den künstlerischen. Wenn alles so schnell durch Neues ersetzt wird, wie es derzeit geschieht (und abnehmen wird dieses Tempo nicht), dann fehlt dem Publikum die Muße, Dinge wirken zu lassen, brennt sich nichts mehr ein, tauchen Kunstwerke auf, ab, und das nächste ist da. Jener irrwitzige Takt, der inzwischen für den Journalismus gilt, diese Regel dafür, wann etwas "alt" und "von gestern" ist (meist ehe es durchdacht und klug beschrieben wurde), lässt für Literatur, Malerei und Musik nicht viel erhoffen.
Wer wird bleiben? Woran werden wir uns erinnern, wenn wir dereinst an 2012 denken? Worüber wird eine Autorin im Jahr 2112 schreiben, wenn sie ein Tagebuch, eine Collage des Jahres 2012 verfasst?
Florian Illies glaubt, dass Neo Rauch und Uwe Tellkamp gute Chancen haben; beide seien "so sehr unserer Zeit voraus, dass ihr Nachruhm vorstellbar ist".
Wenn China 2112 noch Weltmacht ist, mag Asien sich an Mo Yan erinnern, den Nobelpreisträger (und kaum an Ai Weiwei).
Don Draper und die "Mad Men"? "Skyfall"? "Der Hobbit"? Chris Wares Comic-Roman-Gesellschaftsspiel-Schatzkiste "Building Stories"?
Eher wird der Kanon von 2012 auch die nächsten 100 Jahre noch überleben, und unsere ewigen Helden werden ihre Helden sein; ansonsten dürfte man sich an einige Ereignisse erinnern.
Obamas Wiederwahl könnte bleiben. Die Euro-Krise und Angela Merkel. Das 4:4 gegen Schweden wird in Sportarchiven aufbewahrt werden. Adam Lanza, der in Newtown 20 Grundschüler und 7 Erwachsene erschoss, dürfte bösen Ruhm erlangen. Und vermutlich werden die Menschen im 100 Jahre entfernten Jahr 2112 mit Medien, die wir heute nicht kennen können, und hoffentlich auch in Büchern den Klimawandel rekonstruieren. Sie werden die Protokolle von Doha lesen, dem Ort des Klimagipfels von 2012, und sie werden sagen: "Anders als die von 1913 wussten die Menschen 100 Jahre später sogar, was auf sie zukam. Was waren die dumm." ◆
Von Klaus Brinkbäumer

DER SPIEGEL 1/2013
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