31.12.2012

THEATERSolange die Milch reicht

Der Dokumentarfilmer Andres Veiel hat Banker und Broker danach befragt, wie sie die Finanzkrise mitverursacht haben. Aus den Antworten entstand das Theaterstück „Das Himbeerreich“.
In der Not, wenn Sparer und Kleinanleger wutbrüllend durch die Straßen ziehen, müssen die Helden des Gelduniversums sich verkleiden. Sie zwängen ihre Maßanzüge unter Sportjacken und Trainingshosen, militärgrün mit orangefarbenen Streifen. Ein paar Alphamänner und ihre Vorstandskollegin schlottern in dieser Tarnkleidung um die Wette, weil draußen in der City der Mob zürnt - und weil Bankleute plötzlich gefährlich leben.
"Es wird unbedingt das Tragen von Freizeitkleidung empfohlen", verkündet einer von ihnen. "Mitarbeiter, die für den Geschäftsablauf entscheidend sind", sollten sich in "bunkerähnliche Unterbringungen mit Notarbeitsplätzen" außerhalb der Stadt begeben. "Es geht darum, die Funktionsfähigkeit des Systems zu garantieren."
Das Krawallszenario, das da auf der Bühne des Berliner Deutschen Theaters einstudiert wird, ist ziemlich absurd anzusehen. Ausgedacht aber ist es nicht. "Man liest davon in keiner Zeitung, aber genau solche Notfallpläne hat man während der Occupy-Proteste tatsächlich in Frankfurter Banken entwickelt", sagt Andres Veiel. "Die Pläne legen fest, in welchen Bunkern man weiterarbeitet und dass man in Freizeitkleidung dort antreten soll, wenn die Menschen die Bankhäuser stürmen."
Als ihm die Vorkehrungen für den Tag X geschildert worden seien, so Veiel, "da wusste ich sofort: Für die Arbeit im Theater ist diese Geschichte ein Geschenk".
Veiel, 53, ist eigentlich Filmemacher. Er wurde durch Dokumentarwerke wie "Black Box BRD" (2001), "Die Spielwütigen" (2004) oder "Der Kick" (2006) bekannt, in denen er von Linksterroristen und deren Opfern, von hoffnungsvollen Jungschauspielern und von rechtsradikalen jugendlichen Mördern erzählte. Die Theaterstückversion von "Der Kick" wird auch international bis heute viel gespielt, Veiels Spielfilm "Wer wenn nicht wir" über die Anfänge der RAF, mit Schauspielern wie Lena Lauzemis und August Diehl, lief 2011 im Wettbewerb der Berlinale. Und nun hat Veiel über ein Jahr lang unter Bankern und Brokern recherchiert, die in den Chefetagen großer Geldhäuser in Deutschland, Großbritannien und Luxemburg Geld verdienen - und daraus hat er keinen Film, sondern ein Theaterstück gemacht. "Weil das die einzig mögliche Form für diesen Stoff ist", behauptet der Regisseur.
Tatsächlich wollten die zwei Dutzend Vorstandsfrauen, Aufsichtsräte und Broker, die Veiel traf, nur mit ihm sprechen, wenn er ihnen Anonymität zusicherte.
Aus 1500 Seiten Interview-Abschrift hat Veiel einen Text kondensiert, der nun die Grundlage ist für eine der spektakulärsten Aufführungen der Theatersaison. Seit ein paar Wochen probt der Regisseur abwechselnd in Stuttgart und Berlin mit Schauspielern wie Susanne-Marie Wrage, Ulrich Matthes und Joachim Bißmeier, am 11. Januar wird sein Bankenstück im Schauspiel Stuttgart uraufgeführt, ein paar Tage später folgt die Hauptstadtpremiere im Deutschen Theater. Der Titel des Stücks klingt, als erzählte es vom Paradies: "Das Himbeerreich" bezeichnet einen Ort himmlischer Sorglosigkeit. Die Situation, in der das Stück spielt, verspricht eher ein Höllenspektakel: Fünf Mächtige der Finanzwelt und ein Chauffeur treffen in einem fensterlosen Raum zusammen, in den zwei gläserne Aufzüge Neuankömmlinge einschweben lassen. Banker im Tresorverlies.
"Das Himbeerreich" ist keine zornige Anklage, jedenfalls nicht ausschließlich. "Ich wollte die Akteure der Krise verstehen", sagt Andres Veiel, "zugleich wollte ich meine Fassungslosigkeit zum Ausdruck bringen über all das, was in der Politik und in der Bankenwelt passiert ist in den letzten Jahren."
Einige wichtige Banker hatte Veiel bereits Anfang der nuller Jahre kennengelernt bei der Arbeit zum Film "Black Box BRD", dem Doppelporträt des ermordeten Deutsche-Bank-Chefs Alfred Herrhausen und des beim Schusswechsel mit GSG-9-Beamten zu Tode gekommenen RAF-Terroristen Wolfgang Grams. Sein Interesse sei geweckt worden, als ihm damals ein Vorstand einer Bank berichtete, dass er genau wisse, wie krisenanfällig die Finanzwelt insgesamt sei und wie gefährdet das Geschäftsmodell seines Hauses. Mit einem Achselzucken habe der Mann bekannt, seiner Meinung nach gebe es für die Bank nur eine Strategie: "Wir melken die Kuh, solange sie Milch gibt."
In "Das Himbeerreich" präsentiert Andres Veiel viele ähnliche Slogans. Der Furor des Doku-Dramas aber entsteht aus Veiels Behauptung, dass unter Bankern, Politikern und Journalisten "die eigentlichen Fragen oft nicht gestellt wurden".
Denn der Ermittler Veiel begreift das, was er in "Das Himbeerreich" ausbreitet, nicht zuletzt als einen Akt der Medienkritik. "Ich hab mich oft gefragt, warum vieles, was ich erfahren habe, nicht geschrieben und gesendet wird", sagt er. Er wolle "kein Journalisten-Bashing betreiben", für seine Recherchen habe er viele Reporterinnen und Redakteure getroffen, die ihm geholfen hätten. Und doch sei er "auf eine merkwürdige Symbiose zwischen Bankern, Politikern und Wirtschaftsjournalisten gestoßen", die so wirke, "als habe man irgendwann einen faustischen Pakt geschlossen".
Veiel ist kein ausgebildeter Wirtschaftsfachmann. Vor ein paar Jahren hat er sich Telekom-Aktien gekauft, "weil ich kein Traditionalist sein wollte, der sich am Sparbuch festhält", und ordentlich Geld verloren. Sein Blick auf die Geschäfte der Banker und Broker ist der eines neugierigen Laien, den es empört, "dass viele meiner Freunde kapituliert haben und den Wirtschaftsteil ihrer Zeitung nicht mehr lesen".
Was hat Veiel durch seine Interviews erfahren, was er vorher nicht wusste? Zum Beispiel, dass es in den vergangenen Jahren keineswegs stets die Banker waren, die Deutschlands Politiker vor sich hertrieben. "In entscheidenden Fragen lief es manchmal genau umgekehrt", sagt der Regisseur. Mehrere deutsche Banker erzählten ihm, in der zweiten Amtszeit des SPD-Bundeskanzlers Schröder seien sie aufgefordert worden, ihre Risikogeschäfte gefälligst massiv auszubauen. Einer der unmittelbar Beteiligten berichtet im Stück, "dass alle Vorstandsvorsitzenden der großen deutschen Banken nach Berlin zitiert wurden und dass uns die Leviten gelesen wurden. Dass der Finanzplatz Deutschland gegenüber London und New York zurückfällt und dass wir mehr ins Risiko gehen müssen, die Derivate und die strukturierten Finanzierungen ausbauen, dass wir endlich modern werden, das, was die Amerikaner uns mit den großen Investmentbanken vormachen".
Es sei eine Verschleierung, glaubt Veiel, dass viele Medien bis heute Investmentbanker als eine freihändig agierende Gruppe von Gierschlünden darstellten. "Da fangen nicht plötzlich ein paar durchgeknallte Leute an, irrsinnige Geschäfte zu machen", zitiert er im Stück einen Banker. "Da muss die Politik ja erst einmal die richtigen Strukturen schaffen. Das muss auf den Weg gebracht werden. Dann kann der Hund von der Leine gelassen werden."
Veiel hat nicht bloß zugehört, sondern auch nachgeprüft, was man ihm erzählte. In vielen Varianten bekam er anfangs zu hören, dass es fast unmöglich sei, sich innerhalb eines Finanzkonzerns gegen die Managermehrheit zu stellen, ein Mitspieler in "Das Himbeerreich" sagt es so: "Sie haben als Einzelner keine Chance."
Das Stück schildert Deals, die den Steuerzahler etwa 100 Milliarden Euro kosten könnten - die Summe, die nach Veiels Einschätzung zur Rettung deutscher Banken aufzubringen sein wird. "Nicht wenige Vorstandsmitglieder durchschauten die waghalsigen Geschäfte, haben sich aber im entscheidenden Moment dem Druck der Investmentbanker gebeugt", so Veiel. "Letztendlich hat man es eben nicht mit einem anonymen System zu tun, sondern mit Menschen, die sich in einer konkreten Sitzung für oder gegen einen Deal entschieden haben." Es habe immer die Möglichkeit gegeben, auch anders zu handeln. "Jeder wusste zum Zeitpunkt der Entscheidung, dass der eine oder andere Deal ein Milliardengrab sein würde. Jeder hätte eingreifen können und sagen müssen, das geht nicht, das dürfen wir nicht, das ist unverantwortlich. Aber alle hoben die Hand und stimmten zu. Das hat nichts mit Ohnmacht zu tun, die Ohnmacht gibt es nicht."
Manche Exempel dürften für Theaterzuschauer unschwer zu identifizieren sein: die Übernahme der Dresdner Bank durch die Commerzbank im Januar 2009 etwa, als die Finanzkrise in vollem Gange und die US-Bank Lehman Brothers bereits pleite war - ein fataler Coup, nach dem die Commerzbank mit Milliarden deutscher Steuergelder gerettet werden musste.
Vermutlich sind die meisten Fakten und Einsichten, die Veiel in seinem Stück schildert, nicht absolut neu; und ob sein Stück auf der Bühne wirklich ein Knüller wird oder doch nur ein kabarettistischer Führungskräftereigen, lässt sich nach einem Probenbesuch mehr als zwei Wochen vor der Premiere natürlich auch noch nicht sagen. Auf jeden Fall besitzt sein Stücktext Kraft. Sie entsteht aus der Klarheit, mit der viele beunruhigende Details zu einem Befund zusammengepuzzelt werden: In der Finanzwelt herrscht offenbar eine Untergangsstimmung, die wenig Raum für Hoffnung lässt.
"Ich möchte Salzsäure sein", sagt der Regisseur. "Ich möchte die Schutzschicht aufbrechen, mit der sich die Menschen umgeben, von denen ich erzähle." Zugleich sei ihm klar, dass man ihm das Verständnis, mit dem er sich den Akteuren der Krise nähere, zum Vorwurf machen könne. "Aber ich werte es strafmildernd, dass sie ihr Versagen eingestehen."
Wer sich wie er mit denen unterhält, die im Finanzsystem "an der Honigpumpe saßen", sagt Andres Veiel, der lerne keine Monster kennen, sondern leider ziemlich gewöhnliche Menschen. Was daraus folgt? Eine Figur in seinem Stück sagt es so: "Wer auf uns zeigt, der meint sich selbst."
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 1/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 1/2013
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

THEATER:
Solange die Milch reicht

Video 02:21

Anschläge in Sri Lanka Videos zeigen mutmaßlichen Attentäter

  • Video "Erdbeben auf den Philippinen: Wasser stürzt aus Hochhaus-Swimmingpool" Video 00:51
    Erdbeben auf den Philippinen: Wasser stürzt aus Hochhaus-Swimmingpool
  • Video "Mobilitäts-Konzept: Der Innercity-Intercity-Airport" Video 03:45
    Mobilitäts-Konzept: Der Innercity-Intercity-Airport
  • Video "Illegales Haus auf dem Meer: US-Investor droht in Thailand Todesstrafe" Video 01:51
    Illegales Haus auf dem Meer: US-Investor droht in Thailand Todesstrafe
  • Video "Weltuntergangsstimmung: Die Böenwalze über der Stadt" Video 01:09
    Weltuntergangsstimmung: Die Böenwalze über der Stadt
  • Video "Wir drehen eine Runde - Suzuki Jimny: Klare Kante" Video 06:24
    Wir drehen eine Runde - Suzuki Jimny: Klare Kante
  • Video "Weg in die USA: Die tödliche Flucht der 7-jährigen Jakelin" Video 10:11
    Weg in die USA: Die tödliche Flucht der 7-jährigen Jakelin
  • Video "Anschlagsserie in Sri Lanka: Video zeigt weitere Explosion" Video 00:51
    Anschlagsserie in Sri Lanka: Video zeigt weitere Explosion
  • Video "Titelgewinn für PSG: Mbappé schießt Hattrick zur Meisterfeier" Video 02:01
    Titelgewinn für PSG: Mbappé schießt Hattrick zur Meisterfeier
  • Video "Meereswissenschaft: Durch die Augen eines Weißen Hais" Video 01:29
    Meereswissenschaft: Durch die Augen eines Weißen Hais
  • Video "Heilige Treppe in Rom: Freie Sicht auf den Leidensweg Jesu" Video 01:19
    "Heilige Treppe" in Rom: Freie Sicht auf den Leidensweg Jesu
  • Video "Parabel-Flug: Promi-Party in der Schwerelosigkeit" Video 03:36
    Parabel-Flug: Promi-Party in der Schwerelosigkeit
  • Video "Slackline-Artistik: Messerscharfer Salto auf der Wäscheleine" Video 01:33
    Slackline-Artistik: Messerscharfer Salto auf der Wäscheleine
  • Video "Ungewöhnlicher Trip: Weltreise für 50 Euro" Video 13:31
    Ungewöhnlicher Trip: Weltreise für 50 Euro
  • Video "Horrorhaus in Kalifornien: Meine Eltern haben mir das Leben genommen" Video 01:04
    "Horrorhaus" in Kalifornien: "Meine Eltern haben mir das Leben genommen"
  • Video "Anschläge in Sri Lanka: Videos zeigen mutmaßlichen Attentäter" Video 02:21
    Anschläge in Sri Lanka: Videos zeigen mutmaßlichen Attentäter