31.12.2012

Auferstanden aus Neurosen

FILMKRITIK: David O. Russells romantische Komödie „Silver Linings“ ist irrsinnig optimistisch.
Mitten in der Nacht fliegt ein Buch aus dem Fenster und landet im Vorgarten: "In einem anderen Land" von Ernest Hemingway. Der enttäuschte Leser, ein junger Mann, ist außer sich, denn die Geschichte hat kein Happy End. Hemingway lässt eine Frau bei der Entbindung sterben. So etwas, glaubt der Mann, dürfe man Kindern auf keinen Fall zu lesen geben.
In dieser kleinen Szene steckt das Programm des New Yorker Regisseurs David O. Russell, 54. Berserkerhaft macht er sich in seinem neuen Film "Silver Linings" (auf Deutsch: Silberstreifen) daran, seinen Figuren den Weg durch alle Widrigkeiten des Lebens zu bahnen. Am Glück, sagt er, führe verdammt noch mal kein Weg vorbei.
Dabei haben die Menschen in diesem Film zunächst keine wirklich guten Perspektiven. Pat Solitano (Bradley Cooper), der Hemingway-Verächter, ist gerade aus der Psychiatrie entlassen worden. Er hatte seine Frau mit einem anderen Mann unter der Dusche erwischt und ihn fast zu Tode geprügelt. Nun wohnt Pat, der Mitte 30 ist, wieder bei seinen Eltern.
Sein Vater (Robert De Niro) ist pathologisch abergläubisch und setzt sein gesamtes Vermögen auf die Siege der Philadelphia Eagles, seines Football-Teams. Pats bester Kumpel (John Ortiz) geht nachts in die Garage und schlägt zur Musik von Metallica mit bloßen Fäusten gegen die Wände, um sich ein wenig Entspannung zu verschaffen.
Eines Abends lernt Pat beim Essen die hübsche Tiffany (Jennifer Lawrence) kennen. Sie erzählt ihm, dass sie vor kurzem ihren Mann bei einem Autounfall verloren habe. Er war nachts noch mal losgefahren, um Reizwäsche für sie zu kaufen. Überdies sei sie gerade entlassen worden, weil sie mit allen Angestellten ihrer Firma Sex gehabt habe, auch mit den Frauen.
"Silver Linings", bereits für vier Golden Globes nominiert, ist also zunächst einmal ein Psychiatriefilm, und der Patient, um den es geht, heißt Amerika. Wohin der Zuschauer auch blickt, sieht er Menschen, die von Traumata, Neurosen und Zwangsverhalten geplagt sind. Wer nur ein paar Macken und Marotten hat, ist nicht normal.
Der Film deutet auch an, woher all dieser Irrsinn kommt. Zum Beispiel aus dem Druck, der sich überall aufbaut, in der Familie oder im Job. Oder aus dem Zwang, männlich sein zu müssen oder erfolgreich, aus der lebenslangen Hetzjagd nach dem Glück. Filmemacher Russell erzählt davon in einem leichten, satirischen Tonfall.
Er inszeniert in einem hysterischen Stil, die Kamera umtanzt die Figuren wie ein hypernervöses Kind und lässt den Zuschauer so am Irrsinn teilhaben. Wenn plötzlich ein Polizist vor der Haustür steht, baut er sich im Bild zu einer einzigen Bedrohung auf. In Momenten wie diesem wirkt "Silver Linings" wie Film gewordene Paranoia.
Wir Amerikaner sind nun mal durchgeknallt, sagt der Film mit einem gewissen Stolz, ihr müsst uns so nehmen, wie wir sind. Wir haben zwar bei weitem nicht genug Gummizellen, aber dafür sind wir wild entschlossen, uns alle gegenseitig zu therapieren.
Und so lässt der Film die Psycho-Probleme seiner Figuren irgendwann hinter sich und erfindet sich nach guter amerikanischer Art komplett neu. Auf einmal entwickelt sich eine romantische Komödie. Russell zieht alle Register, die in diesem Genre schon immer gezogen wurden, um den Zuschauer zu Tränen des Glücks zu rühren.
Pat, der Hemingway-Hasser, will Tiffany dazu bringen, seiner Frau einen Brief von ihm zu übergeben. Als Gegenleistung verlangt Tiffany von ihm, dass er mit ihr an einem Tanzturnier teilnimmt. Das ist natürlich ein geradezu grotesk klischeehaftes und durchschaubares Manöver, zwei Figuren zusammenzubringen. Aber Russell hat die Chuzpe, sich darum überhaupt nicht zu scheren.
Er entwickelt viel Charme, Witz und eine ganz eigenartige Sinnlichkeit zwischen seinen beiden Hauptdarstellern. Er verzückt den Zuschauer mit Robert De Niro und Jacki Weaver, die ein reizend fürsorgliches Elternpaar spielen und wie ein einziges Plädoyer für die Selbstheilungskräfte der Familie wirken.
Man fühlt sich ein bisschen überrumpelt von der Dreistigkeit, mit der dieser Film sich alles so zurechtbiegt, dass es ein gutes Ende nimmt. Es ist schon fast übergriffig, wie Regisseur Russell sein Publikum mit allen Mitteln in gute Laune zu versetzen versucht. Aber man mag sich auch nicht dagegen wehren.
Der Silberstreif am Ende strahlt dann so grell, dass sich der Zuschauer eine Sonnenbrille aufsetzen möchte, um nicht von ihm geblendet zu werden.
Filmstart: 3. Januar.
Von Lars-Olav Beier

DER SPIEGEL 1/2013
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