07.01.2013

NIEDERSACHSENWAHLSo normal

Er hält ungern Reden, er drängt sich nicht auf, viele Bürger kennen ihn nicht - und doch hat Stephan Weil gute Chancen, Ministerpräsident zu werden.
Der Weihnachtsmann sieht bekanntlich alles. Manchmal ist allerdings selbst er ratlos. Etwa bei der Frage, wer der Typ mit der schwarzen Wollmütze sei, der gerade eine Schokolade aus seinem Sack gefischt hat. Stephan Weil? Nee, nie gehört. Muss man den kennen?
Es ist kurz vor Heiligabend. Der Spitzenkandidat der SPD für die niedersächsische Landtagswahl ist ins Weserbergland gereist. Nun steht der 54-Jährige bei Schneetreiben auf dem Weihnachtsmarkt von Holzminden. Die örtliche SPD-Landtagsabgeordnete hat den Gast aus Hannover zum Eisstockschießen eingeladen. Doch nur ein paar alte Männer nehmen Notiz davon, wie sich Weil müht, mit seinen Lederschuhen auf dem glatten Untergrund Haltung zu bewahren.
Was muss ein Kandidat tun, den niemand kennt? Er muss reisen, sich unter Menschen mischen, Fähnchen, Kulis oder Rosen verteilen, Small Talk beherrschen.
Stephan Weil ist viel gereist. Seit Monaten tourt er zwischen Harz und Emsland, er war in Goslar, in Aurich, in Meppen, Niedersachsen ist verdammt groß. Er hat den vielen kleinen Zeitungen im Land einen Redaktionsbesuch aufgenötigt, er hat Krankenhäuser und Kinderstationen besucht. Und dann hat er vorige Woche die Umfrage von Infratest dimap gespannt erwartet. Das Ergebnis war ernüchternd: Knapp drei Wochen vor der Wahl konnte ein Drittel der Niedersachsen mit dem Namen Weil noch immer nichts anfangen.
Die Wahl ist damit indes nicht verloren. Sollten nur noch drei Parteien in den nächsten Landtag einziehen, weil sowohl FDP als auch Linke und Piraten an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern, stehen die Zeichen auf Rot-Grün. Selbst wenn die CDU mit dem populären Ministerpräsidenten David McAllister über 40 Prozent der Stimmen erhielte, wäre ohne einen Koalitionspartner die Mehrheit wohl weg.
So könnte Stephan Weil die leibhaftige Antithese zu der Behauptung werden, dass das Volk Persönlichkeiten wähle statt Parteien oder gar deren Programme. Die niedersächsischen Verhältnisse machen es möglich, dass auch in Zeiten der Mediendemokratie ein kaum bekannter, spröder, zurückhaltender Politiker aus einer Wahl als Sieger hervorgehen kann.
Vorigen Freitag eröffnete Weil in Emden die heiße Wahlkampfphase. Er hatte sich mächtige Verstärkung für den Auftritt vor den dortigen Stahlwerkern geholt: Peer Steinbrück, den Kanzlerkandidaten der SPD. Stephan Weil hält sich zugute, dass Steinbrück überhaupt als Kanzlerkandidat nach Niedersachsen gekommen ist. Er habe im Spätsommer die Parteispitze in Berlin überzeugt, den Kandidaten früher zu benennen als ursprünglich geplant. Dies sollte ihm Rückenwind im Landtagswahlkampf geben.
Nach Steinbrücks jüngsten Äußerungen zum Kanzlergehalt ist das mit dem Rückenwind nicht mehr so sicher. Sieben weitere Auftritte hat Weil mit dem Wahlhelfer aus Berlin verabredet. Es ist damit zu rechnen, dass jedes Wort von Steinbrück zwar gewogen wird - die Menschen aber nach Hause gehen, ohne zu wissen, wer der Typ neben dem Kanzlerkandidaten gewesen ist.
Der enge Takt der Besuche zeigt, wie wichtig die Berliner Republik diese Landtagswahl nimmt. Sie kann als Schwungrad für die Bundestagswahl im September dienen; sie kann die Performance der Kanzlerin beeinflussen, wenn ein Regierungswechsel in Hannover die Mehrheitsverhältnisse im Bundesrat so verändert, dass die letzten Merkel-Projekte blockiert werden können. Und sie kann Ende oder Neustart für Steinbrück sein.
Stephan Weil scheint das wenig zu belasten. Wo andere sich beeinflussen lassen durch PR-Strategen oder Imageberater, lehnt der Hannoveraner solche Dienste ab. Nie würde er seine randlose Brille gegen ein modisches Gestell tauschen, um attraktiver zu wirken. "Ich finde", sagt er, "mein Gesicht markant genug."
Er selbst sieht sich als "ausgeglichenen, sachlichen Norddeutschen", nicht bereit, im Wahlkampf zu poltern und zu raufen wie seine sozialdemokratischen Vorgänger Gerhard Schröder oder Sigmar Gabriel. Weils Verhältnis zu McAllister ist so entspannt, dass seine potentiellen Koalitionspartner, die Grünen, schon über den Kuschelwahlkampf motzen und ihn auffordern, klare Kante zu zeigen.
Das jedoch fällt Weil schwer. Fast schüchtern wirkt der amtierende Oberbürgermeister von Hannover, als er eine Jugendklinik besucht und nach einem Gespräch mit den Leitern höflich fragt, ob er noch etwas vom Haus sehen dürfe: "Bei Besuchen in sozialen Einrichtungen will ich niemandem auf den Geist gehen." Auf dem Weg zum nächsten Termin will Weil von einem Begleiter wissen: "War mein Auftritt ein wenig fachkundig?"
Fachkundig zu sein, das ist Weil immer wichtiger gewesen als eine fesche Pose. Zwar engagierte er sich schon in den achtziger Jahren während seines Jurastudiums in Göttingen bei den Jusos, später wurde er Vorsitzender des SPD-Unterbezirks Hannover. Doch selbst den politischen Gegnern sind aus der damaligen Zeit keine Äußerungen in Erinnerung, die man ihm heute noch vorhalten könnte.
Er sei eben kein Berufspolitiker gewesen, der öffentliche Wahrnehmung brauche, um Karriere zu machen, erklärt Weil. Er verdiente sein Geld als Anwalt, Staatsanwalt oder Richter, ehe er 1997 zur Stadt Hannover wechselte. Als er dort zunächst den Job des Kämmerers übernahm, machte er diesen ebenso effizient wie unauffällig. Weil blieb stets im Schatten des übermächtigen Oberbürgermeisters Herbert Schmalstieg, der die Landeshauptstadt 34 Jahre lang führte.
Sein "Gesellenstück", so sieht es Weil, sei damals der 66 Millionen Euro teure Umbau des maroden Niedersachsenstadions in eine WM-taugliche Fußballarena gewesen. Maßgeblich handelte er 2003 die Verträge zwischen der Stadt, dem Bundesligaclub Hannover 96 und Sponsoren aus. In den Medien schlug sich seine Rolle jedoch nicht nieder. Der Macher Stephan Weil hinterlässt keine Spuren.
Auch als Oberbürgermeister, sagt einer seiner engsten Mitarbeiter, lade Weil lieber zur Bürgersprechstunde, als eine Rede zu halten. Fast täglich verschickt er nun eine Pressemitteilung, seine Schubladen sind voll künftiger Bundesratsinitiativen, mit denen er das Betreuungsgeld abschaffen oder den Mindestlohn durchsetzen will. Landesthemen sind das alles nicht, und so stellt sich die Frage, wofür Stephan Weil denn gewählt werden soll. "Ich habe klare linke Grundsätze", versichert er, um im gleichen Moment hinterherzuschieben: "Ich bin aber auch ein Pragmatiker."
Neuerdings kokettiert Weil gar mit seinem Image des bodenständigen Unauffälligen. Auf einer seiner Touren durchs Land wurde er von einem Journalisten nach Hobbys gefragt. Weil erzählte, dass er jogge und mit Freunden in den Dolomiten wandere. Der Medienmann fragte enttäuscht nach, ob es "nichts Aufregenderes" gebe. Weil mochte die Erwartungen nicht bedienen. "Was kann ich dafür, dass ich so normal bin?"
Von Michael Fröhlingsdorf

DER SPIEGEL 2/2013
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