07.01.2013

NOSTALGIEDer Weckleruf

Wolfgang Thierse hat die Schwaben erzürnt. Ein gemeinsamer Gang durch seinen Kiez.
Am Tag, an dem der Kulturkampf zwischen ihm und den Schwaben eskaliert, läuft Wolfgang Thierse von seiner Wohnung am Kollwitzplatz die Kollwitzstraße entlang zum Café "Sowohlalsauch", er läuft vorbei am Designmodegeschäft "Besserdresser", an der Kräutermanufaktur "Herbathek", an einem Laden, der Biotees und Biogewürze anbietet, an der Badmanufaktur, den Räumlichkeiten von "Die Wohlfühler" ("Schönheit, Entspannung, Bewegung") sowie dem Showroom von "Berlin-Tapete" ("Wallpaper on demand"), und da kann es einem wie ihm natürlich schwer ums Herz werden.
Verabredet ist ein Spaziergang durch seinen Kiez, das umstrittenste Biotop Deutschlands. Zwei Tage zuvor, an Silvester, erschien ein Interview in der "Berliner Morgenpost". Thierse zog Bilanz, in diesem Jahr wird er 70, im Herbst wird er aus dem Bundestag ausscheiden, nach 23 Jahren. Eine kleine Passage aber, es ging um die Schwaben in Prenzlauer Berg, brachte die deutsche Erregungsindustrie binnen Stunden in Schwung.
"Ich ärgere mich, wenn ich beim Bäcker erfahre, dass es keine Schrippen gibt, sondern Wecken", sagte Thierse. "In Berlin sagt man Schrippen, daran könnten sich selbst Schwaben gewöhnen. Genau das Gleiche mit Pflaumendatschi. Was soll das? In Berlin heißt es Pflaumenkuchen." Er wünsche sich, sagte er noch, dass die Schwaben endlich begreifen, dass sie jetzt in Berlin sind und nicht mehr in ihrer Kleinstadt mit Kehrwoche. "Sie kommen hierher, weil alles so bunt und so abenteuerlich und so quirlig ist, aber wenn sie eine gewisse Zeit da waren, dann wollen sie es wieder so haben wie zu Hause."
Thierse sitzt im Café, greift in seine Tasche und zieht ein paar DIN-A4-Blätter heraus, Mails aus Baden-Württemberg. Er liest vor. "Herr Thierse, bevor Sie über die Kehrwoche hetzen, sollten Sie sich mal im Spiegel betrachten, denn an Ihrem gesamten Kopf besteht m. E. größter Bedarf an einer gründlichen Generalsanierung." Thierse schüttelt besagten Kopf.
Zuvor hatten sich bereits bedeutende Schwaben wie Cem Özdemir und Günther Oettinger zu Wort gemeldet. Der Wahl-Badener Dirk Niebel nannte Thierse "pietistischen Zickenbart", was schon deshalb nicht stimmen kann, weil Thierse katholisch ist. "Ich werde beschimpft, Rassist genannt", klagt er im Café. "Seine Majestät, der Schwabe, darf offenbar nicht kritisiert werden."
Er sagt, dass er die mediale Aufregung nicht verstehen könne, aber dann kommt ein Radiomann ins Café, den er extra dorthin bestellt hat. "Ich bin Schwabe", sagt der Reporter. "Grüß Gott!"
"Guten Tag", antwortet Thierse, ohne Gott zu grüßen. Als Nächstes bekommt er ein Paket mit Spätzle und Maultaschen überreicht. Thierse bemüht sich um ein Lachen, er will ja nicht verbittert wirken.
"Darf ich echt nicht mehr Weckle sagen?", fragt der Radiomann.
"Doch", antwortet Thierse. "Aber die Bäcker sollen es nicht mehr sagen. Wie fänden Sie es denn, wenn Stuttgarter Bäcker Schrippen sagen statt Weckle? Da wären Sie doch auch irritiert. Ich bin irritiert." Am Ende überreicht der Reporter dem irritierten Thierse einen "Kompromiss", ein Brötchen, auf dem "Schripple" steht. Dann verabschiedet er sich.
"Ihre Schrippe nehmen Sie mit?", fragt Thierse. Der Reporter hat das Brötchen schon in der Hand, Spätzle und Maultaschen lässt er liegen. "Ist ja typisch. Und Ihr schwäbisches Zeug lassen Sie hier."
Als der Mann fort ist, soll Thierse erläutern, wo genau ihm das passiert ist mit dem Bäcker, der Weckle sagt. "Ach, das weiß ich gar nicht mehr", antwortet er.
Natürlich geht es bei diesem Streit weder um Weckle noch um Pflaumendatschi, ja nicht mal um Schwaben. Der Schwabe könnte genauso gut Rheinländer, Ostfriese oder Hesse sein, er ist als Gegner nur handlicher, erkennbarer, weil er so leicht an seiner Sprache auszumachen ist. Der Schwabe ist nur eine Metapher für die schmerzliche Seite von Veränderung.
Thierse lebt seit 1972 am Kollwitzplatz. Er war schon dort, als Jürgen Sparwasser sein berühmtes Tor gegen die BRD schoss. Er war dort, als die Mauer fiel, er hat sich wohl gefühlt, es war sein Kiez.
Worum es geht, ist ein Gefühl der Entfremdung. Was macht man, wenn die Welt hinter dem Wohnzimmerfenster eine andere wird, aus einem alternativen ein saturiertes Viertel, aus Patina Hochglanz, aus Berlin Tübingen? Wenn man seit Jahrzehnten in seiner Dreieinhalbzimmerwohnung sitzt, auf dieselben Möbel, dieselben Bücher blickt, aber draußen nichts mehr ist, wie es einst war?
Die Kellnerin steht am Tisch und erkundigt sich nach dem Getränkewunsch. "Was für eine Frage", sagt Thierse. "Latte macchiato natürlich, wie es sich gehört! Man muss sich ja anpassen." Eigentlich darf in Texten wie diesem nie wieder die nichtssagende Reporterfloskel stehen, dass jemand in seinem Latte macchiato rührt, außer vielleicht, wenn es um Thierse und die Gentrifizierung geht.
"Ein Wohnort sind ja nicht nur die Fassaden. Es sind auch die Gesichter", sagt er und rührt in seinem Latte macchiato. Die vertrauten Gesichter aber sind ihm mit den Jahren abhandengekommen.
Kaum ein Viertel hat sich seit der Wende stärker verändert als der südliche Teil des Prenzlauer Bergs. Von den Einwohnern aus dem Jahr 1990 leben schätzungsweise noch zehn Prozent hier, der Rest ist neu. Man kann das mit dem natürlichen Lauf, oder besser, dem kapitalistischen Lauf der Dinge erklären. Man kann es aber auch Verdrängung nennen.
Mit den Schwaben und den anderen 90 Prozent kam das Geld, es kamen Jacuzzis und eine Lebensweise, die nach Herbatheken, Badmanufakturen und "Die Wohlfühler" verlangt. Hätte der gutverdienende Mittdreißiger, der für das gute Gewissen die Grünen wählt, sich mit einem Stadtviertel selbst karikieren wollen, dann hätte er den Prenzlauer Berg genau so entworfen, wie er heute ist.
Thierse verlässt das Café und läuft hinaus in den Regen. An der nächsten Straßenecke bleibt er vor dem hellerleuchteten Edeka stehen. Den gebe es bereits seit 15 Jahren, erklärt er. Für hiesige Verhältnisse macht ihn das fast zum Traditionsgeschäft, zu einem Stück Heimat. Es ist der einzige Laden, den Thierse regelmäßig besucht.
Gleich hier öffnet jeden Samstag der berühmte Wochenmarkt. Man kann dort Biocurrywurst mit Champagner bestellen und das teuerste Obst Berlins kaufen. Thierse sagt, dass er diesen Wahnsinn schon lange nicht mehr mitmache. "Da gehe ich lieber zum Vietnamesen, da kostet der Apfel ein Drittel."
Während er ein wenig versonnen auf den Edeka schaut, mustert ihn ein junger Mann von der Seite. Als er sicher ist, dass es tatsächlich Thierse ist, spricht er ihn an. "Ick wollt Ihnen nur sagen: Ick find det richtig, watt se da jesacht haben, det mit den Schwaben."
"Sind Sie von hier?", fragt Thierse.
"Ja, ick wohn die Straße runter."
"Sehen Sie", sagt Thierse, als der Mann weitergelaufen ist. "Das sah jetzt aus wie gestellt. War es aber nicht."
An der nächsten Ecke das nächste Ärgernis. "Überall fallen Sie hier am Platz über die dummen Poller", sagt Thierse. An jeder Kreuzung sind die frisch gepflasterten Bürgersteige jetzt mit hüfthohen Stahlpfählen von der Straße getrennt. "Da fängt man an, verrückt zu werden", ruft er. "Das ist doch Edelpflasterei. Ich habe was gegen falsche Veredelung."
Man könnte mit dem Geld Schulen reparieren oder Sozialwohnungen erhalten. Man kann es aber auch einsetzen, damit es die Wohlhabenden noch einen Tick behaglicher haben. Solche Entscheidungen nennt man Politik. Der Bezirksbürgermeister stammt übrigens von der SPD.
Thierse geht weiter, die Kappe tief über den Kopf gezogen, die Hände auf dem unteren Rücken gefaltet, im Herzen Wehmut oder ihre Schwester, die Melancholie. Es sieht aus, als laufe er durch einen Schwarzweißfilm mit bunter Kulisse.
Dann bleibt er vor einem Schaufenster stehen. In dem Haus hielt er im Herbst 89 eine revolutionäre Versammlung ab, was er dort sagte, trug dazu bei, dass ein System in sich zusammenfiel. Heute befindet sich in dem Haus das "Strandbad", es bietet "alles, was Sie für das Bad und das Baden benötigen", durch das Schaufenster sieht man Frotteebademäntel, Handtücher, Waschlappen, edle Öle, Seifen, alles flauschig, alles behaglich.
Die Sache ist, dass Thierse genauso leben könnte. Er hat ordentlich verdient seit der Wende, er könnte sich edle Öle kaufen, einen Jacuzzi einbauen und sich täglich bei "Die Wohlfühler" massieren lassen. Aber er möchte das nicht.
Vor der Wende, erzählt er, habe ein Professor, der zugleich Mitglied des Zentralkomitees der SED war, geschrieben: "Der Prenzlauer Berg ist keine Wohngegend, sondern eine Weltanschauung." Es war nicht bewundernd, sondern verächtlich gemeint. Damals lebten Studenten, Intellektuelle, Künstler, Lebenskünstler im Viertel. Der Prenzlauer Berg war eine Gefahr für das Regime. "Von dem Viertel ging Aufruhr aus, es war eine verrückte soziale Mischung", sagt Thierse.
Er läuft weiter, vorbei an einer Weinbar, und auf die Frage, ob diese neu aufgemacht habe, sagt er: "Ja, leider. Es ist da abends ziemlich laut. Und ich wohne genau drüber." Er schaut hoch auf die hellerleuchteten Fenster im ersten Stock. Bei der eigenen Nachtruhe scheint das bunte, quirlige Leben auch für Thierse an Grenzen zu stoßen.
Gegen Ende des Spaziergangs bleibt er vor einem Restaurant stehen. "Der Laden hier wechselt auch ständig den Besitzer", sagt Thierse. Er könnte natürlich wegziehen, aber das wird er nicht tun. Er hat seine Erinnerungen, seine geschätzt 8000 Bücher, und er hat seinen Stolz.
Der Fotograf fragt ihn, ob er sich kurz vor das Restaurant stellen könne. Ein letztes Motiv. Erst jetzt blickt Thierse auf das Schild über dem Eingang. Das Restaurant heißt "Heimatlos". Thierse lacht. "Na, da haben Sie ja endlich das passende Foto." ◆
Von Markus Feldenkirchen

DER SPIEGEL 2/2013
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