07.01.2013

KRIMINALITÄTJudo statt Yoga

Die Gewaltexzesse machen den Berlinern Angst: Sie strömen in Selbstverteidigungskurse und Anti-Gewalt-Seminare.
Simone ist acht Jahre alt und weiß schon, wo es weh tut. "Da", sagt sie mit leicht verlegenem Lächeln und deutet auf die Weichteile zwischen den Beinen ihres Trainers. "Sehr gut", lobt ihre Mutter und schickt das Kind zurück auf die Matte, wo es sich warm macht für eine Einheit "Grappling", die Kunst, sich aus Klammergriffen zu befreien.
Simone besucht erst seit sechs Wochen einen Selbstverteidigungskurs, nahm zuletzt aber schon am Berlin-Brandenburg Open International teil, am "größten Kampfsportfestival für Amateure in der Region". Die Besuchertribüne in der Sporthalle von Eichwalde am Rande Berlins war prall gefüllt. Vom Judo bis zum Thaiboxen stand auf dem Programm fast alles, was die Kampfkunst hergibt.
Veranstaltungen wie die in Eichwalde verzeichnen derzeit einen ungeahnten Zulauf. Und das hat einen handfesten Grund: Angst. Nach den jüngsten Gewalt-
exzessen in der Hauptstadt, wo als tragischer Höhepunkt im Oktober der 20-jährige Jonny K. von Jugendlichen totgetreten wurde, strömen die Berliner in Selbstverteidigungskurse, Kampfsportstudios und Anti-Gewalt-Seminare. "Die Nachfrage ist groß wie nie", sagt Timo Hartmann vom Landeskriminalamt (LKA). Selbst im Herzen der friedfertigen Bionade-Boheme, am Prenzlauer Berg, hängen auf dem Wochenmarkt Zettel von Privattrainern: "Judo statt Yoga - mit Sicherheit in Berlin".
Fast 300-mal wurde das Anti-Gewalt-Training des LKA 2012 gebucht, nach dem Totschlag am Alexanderplatz mussten die Beamten Sondertermine einschieben. Die Polizisten lehren im Seminarraum 24 des Kriminalamts am ehemaligen Flughafen Tempelhof keine Kampfsportart, sondern vor allem die Kunst der Deeskalation: Gewalt vermeiden durch frühzeitiges Erkennen. Es fallen Begriffe wie "Verantwortungsdiffusion", wenn sich keiner zuständig fühlt zu helfen, oder "Distanzbereich", womit der räumliche Abstand gemeint ist, den jeder zu einem potentiellen Täter halten sollte. Im Basisseminar üben die Erwachsenen zum Beispiel, sich nicht als Feiglinge zu fühlen, wenn sie kritischen Situationen ausweichen: "Sie müssen nicht den letzten freien Platz in der S-Bahn mit Ihrem Leben verteidigen", erklärt Hartmann den Seminarbesuchern, darunter zwei Busfahrer, die gekommen sind, weil sie regelmäßig von Fahrgästen angepöbelt oder bedroht werden.
Rund 500 jugendliche gewaltbereite Intensivtäter sind in der Hauptstadt polizeibekannt. Statistisch gesehen mag das für eine Metropole mit 3,5 Millionen Einwohnern nicht mal viel sein. "Aber entscheidend für das Sicherheitsbedürfnis der Menschen ist oft nicht die tatsächliche, sondern die gefühlte Bedrohung", wie LKA-Mann Hartmann sagt.
Experten sehen den aktuellen Seminarboom freilich kritisch. Timo Hartmann warnt vor der "Pseudosicherheit", die dadurch suggeriert werde. Und Lars Schäfer vom Institut für genderorientierte Gewaltprävention mahnt, kein Kurs könne "als Zauberkasten alle Probleme lösen".
Der Diplomsozialpädagoge und Mediator arbeitet seit 14 Jahren mit aggressiven Jugendlichen und hat die Erfahrung gemacht, dass manche Vorkehrung kontraproduktiv sein kann: Wer sich in Sportstudios aufpumpe, laufe sogar Gefahr, "sich erst recht in gefährliche Situationen zu begeben, anstatt zu deeskalieren". Wer etwa Karate beherrscht, könnte in der ständigen Versuchung sein, das Gelernte anzuwenden - und womöglich präventiv als Erster hinlangen. Sinnvoll sei es, betont deshalb Mediator Schäfer, wenn man in speziellen Trainings lerne, "die eigenen Gefühle zu kontrollieren".
(*) Aufnahme einer Überwachungskamera am 23. April 2011 im Berliner U-Bahnhof Friedrichstraße.
Von Markus Deggerich

DER SPIEGEL 2/2013
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