07.01.2013

CHINARuhet in Frieden

Fünf Jungen werden tot in einem Müllcontainer gefunden, ein Reporter wird verschleppt. Unbekannte brechen in die Hotelzimmer eines SPIEGEL-Teams ein. Ein Bericht über einen Staat, der Angst vor Journalisten hat.
Am 15. November 2012 treten in der Großen Halle des Volkes in Peking sieben Männer auf eine Bühne. Einer von ihnen geht hinüber an ein mit Blumen geschmücktes Pult und stellt sich den Kameras und Mikrofonen. Die Kommunistische Partei habe ihn soeben zu ihrem Generalsekretär ernannt, sagt er, auf seinen und den Schultern der sechs anderen ruhe nun die "immense Verantwortung", China zu regieren.
Die meisten internationalen Korrespondenten sind überrascht vom Auftritt Xi Jinpings, des designierten Staatschefs. Er entschuldigt sich für seine Verspätung, er preist die "Freunde von der Presse" für ihren "Einsatz", ihre "harte Arbeit" und ihren "Professionalismus".
Das ist ein ungewöhnliches Signal in einem Land, in dem Journalisten unter schwierigen Bedingungen arbeiten: Im Mai musste eine Reporterin des Nachrichtensenders al-Dschasira ausreisen, im Juni blockierten die Behörden die Website des Wirtschaftsdienstes Bloomberg, im Oktober die der "New York Times". Im August baten deutsche China-Korrespondenten Bundeskanzlerin Angela Merkel, sich für eine Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen einzusetzen.
Auch viele chinesische Reporter sind beeindruckt. Xis Ansprache hört sich anders an als die Reden seiner Vorgänger. "Unsere Menschen haben große Lust auf das Leben", sagt er. "Sie wünschen sich, dass ihre Kinder besser aufwachsen, leichter Arbeit finden und ein besseres Leben führen."
Die Stadt Bijie, fast 1800 Kilometer südwestlich von Peking, ist an jenem 15. November in den dichten kühlen Nebel gehüllt, für den Guizhou, eine von Chinas ärmsten Provinzen, berüchtigt ist. Am Nachmittag setzt Nieselregen ein, die Temperatur fällt auf sechs Grad, so kalt war es in diesem Herbst noch nicht.
An der Huandong Lu, einer breiten Straße am Stadtrand, fallen einem Passanten fünf Jungs auf, die auf dem Gehsteig Fußball spielen. Die Kinder, 9 bis 13 Jahre alt, schwänzen die Schule und treiben sich seit Tagen in der Gegend herum. Sie tragen vor Dreck starrende Anoraks und dünne Baumwollhosen, einer hat nicht einmal Socken an. Die Tage verbringen sie in einer Unterführung am Eingang zur Universität und betteln Studenten an; nachts schlafen sie in einem Verschlag, den sie sich aus Schutt und Planen auf einer Baustelle errichtet haben.
Die Nacht vom 15. auf den 16. November aber ist so kalt, dass sie auf eine andere Idee kommen. Sie klettern in einen der fünf Müllcontainer, die, etwa zwei mal ein Meter groß, unten an der Straße stehen. Dort zünden sie sich ein Feuer an und schließen die vier Müllklappen von innen.
Am nächsten Morgen um halb acht öffnet die Müllsammlerin Sun Qingying eine der Klappen. Sie ist 83 Jahre alt, lebt mit ihrem Mann in einer Hütte auf der anderen Straßenseite und beginnt ihr Tagwerk, wie üblich, mit den fünf Containern an der Huandong Lu. Aus dem ersten hat sie ein paar Kohlen gefischt, aus dem zweiten zwei Plastikflaschen. Als sie den dritten Container öffnet, schlägt ihr beißender Brandgeruch entgegen, dann erkennt sie fünf Kinder, die reglos nebeneinanderliegen. Eines von ihnen hat weiße Schaumbläschen an Mund und Nase. Sun versucht, die Kinder mit einem Stock aufzuwecken, aber sie wachen nicht mehr auf. Sie schreit: "Tote! Tote!" Ein Passant ruft die Polizei.
Ein paar Stunden später steht Li Yuanlong, 52, an einer Bushaltestelle in Bijie. Er hört, wie sich zwei Wartende darüber unterhalten, dass in der Nähe der Universität fünf Kinder in einem Müllcontainer tot aufgefunden worden seien.
Li ist Journalist, er hat jahrelang für die staatliche "Bijie-Zeitung" gearbeitet und sich mit Berichten über Korruption und Machtmissbrauch immer wieder mit der Stadt- und Bezirksverwaltung angelegt. Er muss dem, was er da gerade gehört hat, nachgehen, das steht für ihn fest. Irgendwann in den vergangenen Jahren kam der Moment, in dem sich Li innerlich von seinem Land löste: 2005 schrieb er ein Stück mit dem Titel "Wie man im Geiste Amerikaner wird". Er wurde daraufhin von seinem Chefredakteur gefeuert, angeklagt und zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt, die er bis zum letzten Tag absitzen musste, zum großen Teil in Isolationshaft.
Nach seiner Entlassung verkaufte Li seine Wohnung und beantragte mit dem Geld als Bürgschaft ein amerikanisches Visum für seinen Sohn Muzi. Zu seiner Überraschung erhielt Muzi das Visum, er studiert inzwischen in Ohio.
Noch am selben Tag, dem 16. November, beginnt Li über den Tod der fünf Kinder zu recherchieren. Am nächsten Morgen stellt er einen ersten Bericht ins Internet. Niemand scheint ihn wahrzunehmen. Li setzt seine Recherche fort, telefoniert, redet mit Nachbarn und Passanten in der Huandong Lu und postet am 18. November einen zweiten, ausführlicheren Bericht.
Nun bricht ein Sturm los, binnen Stunden ist Lis Eintrag der meistgelesene und meistkommentierte im chinesischen Internet. "Ich kann nicht glauben, dass so etwas heute in China passiert", schreibt einer, "wo sind die zuständigen Behörden, wo waren die Eltern?" Ein anderer: "Auch wenn ihr in einem Mülleimer gestorben seid - ihr seid kein Müll." Ein Dritter: "Ruhet in Frieden. Werdet nicht in China wiedergeboren."
Nicht nur der Tod der Kinder erschüttert die Chinesen - viele von ihnen erinnert die Tragödie von Bijie an eine Geschichte, die sie in der Grundschule gelesen haben: Hans Christian Andersens Märchen vom "kleinen Mädchen mit den Schwefelhölzern", das am Straßenrand erfriert, während die Bourgeoisie achtlos an ihm vorübergeht.
"Teuflische Kapitalisten!", erinnert sich ein Blogger. "So sind wir doch erzogen worden." Ein anderer fragt: "Woher nehmen wir eigentlich die Gewissheit, unser System sei überlegen?"
Die Geschichte des arbeitslosen Journalisten Li entfaltet solchen Druck, dass auch die offiziellen Medien einsteigen. Am 19. November meldet sich das Staatsfernsehen CCTV bei Li und bittet ihn, die Müllsammlerin zu finden. Am 20., es ist der Internationale Tag des Kindes, veröffentlicht die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua einen Bericht, der auf den Widerspruch des Todes der fünf Kinder zu den hehren Worten Xi Jinpings hinweist.
Nun geben die Behörden in Bijie die Namen der toten Jungen bekannt: Zhonglin, 13, Zhongjing und Chong, beide 12, Zhonghong, 11 und Bo, 9 Jahre alt, teilen alle denselben Nachnamen: Tao. Sie sind Cousins, die Kinder dreier Brüder, von denen zwei als Wanderarbeiter in der Boomstadt Shenzhen bei Hongkong arbeiten und der dritte, mit der Verantwortung für seine Neffen überfordert, in einem Dorf ausharrt, aus dessen bitterer Armut die Jungen abgehauen sind. Außerdem entlässt oder suspendiert die Stadt Bijie acht Beamte, darunter den Leiter der Grundschule, in der die Kinder seit Wochen nicht mehr gesehen wurden.
Doch die Geschichte hat noch ein anderes Opfer. Während er für das Staatsfernsehen recherchiert, parken die Geländewagen der Staatssicherheit in Li Yuanlongs Straße, Beamte klopfen an seiner Tür. Es reiche jetzt, sagen sie ihm, der Fall sei aufgeklärt, er solle seine Blogs löschen und die Arbeit einstellen. Li weigert sich. Daraufhin packen sie ihn und seine Frau in ein Auto, bringen sie in die Provinzhauptstadt Guiyang und setzen sie in ein Flugzeug nach Haikou auf Hainan, der Ferieninsel im Südchinesischen Meer.
Als dort jemand den prominenten Dissidenten erkennt, verschleppen zwei Beamte ihn in eine andere Stadt. Eigentlich, sagen sie Li, hätten die Behörden überlegt, ihm nach dem 18. Parteikongress einen Pass auszustellen, damit er seinen Sohn besuchen könne. Daraus werde jetzt nichts mehr: "Geh davon aus, dass du deinen Sohn zehn Jahre lang nicht mehr sehen wirst, vielleicht dein ganzes Leben lang nicht mehr." Sie zwingen ihn, einen letzten Blog-Eintrag zu schreiben. Er sei aus privaten Gründen verreist, er habe "eine Familienangelegenheit" zu regeln, heißt es darin. Danach verstummt Li Yuanlongs Stimme, vier Wochen lang ist nichts mehr von ihm zu hören.
Der SPIEGEL hat in der Zwischenzeit ebenfalls Recherchen zum Fall der toten Kinder begonnen. Ende Dezember reisen meine Mitarbeiterin Wu Dandan und ich nach Bijie. Wir wissen nicht, wo Li Yuanlong sich aufhält, doch kurz bevor wir in der Stadt eintreffen, gelingt es uns, Kontakt mit ihm aufzunehmen, ohne seine Bewacher zu alarmieren. Wir treffen ihn an einer Straßenecke und folgen ihm grußlos, mit ein paar Metern Abstand, in seine Wohnung. Nur ein Zimmer ist spärlich beheizt. Es ist der Raum, in dem sein Computer steht, auf dem er zwei Wimpel befestigt hat - eine britische und eine amerikanische Fahne.
Li schildert die Geschichte seiner Haft, seine Recherche und Verschleppung mit dem gedämpften Zorn eines Reporters, der immer wieder daran gehindert wird zu erzählen, was er weiß. Als er von seinem Sohn in Ohio spricht, hält er inne und schluckt; als er an die Stelle kommt, an der die Staatssicherheit an seine Tür klopfte, klopft es erneut. Li legt den Finger auf den Mund, verschwindet für ein paar Minuten, kommt zurück und sagt leise: "Das war einer der Sicherheitsmänner des Viertels. Er hat Bewegungen wahrgenommen." Einige Tage nach seiner Rückkehr aus Hainan, so erzählt er, sei der scheidende Staatspräsident Hu Jintao in Bijie gewesen. Danach habe die Intensität seiner Bewachung nachgelassen. Das werde sich jetzt wohl wieder ändern.
Wir bleiben bis kurz vor Mitternacht, nun häufen sich die Anrufe auf Lis Mobiltelefon. Wir verabreden eine zufällige Begegnung mit ihm am nächsten Tag an einem belebten Ort der Stadt - nahe der Unterführung, an der die fünf Jungen sich in den Tagen vor ihrem Tod aufgehalten haben.
"Gleich daneben sind eine Polizeiwache und ein Gebäude der Bezirksverwaltung", sagt Li. "Die Beamten haben die Kinder drei Wochen lang jeden Morgen gesehen, wenn sie ins Büro kamen. Niemand hat sich um sie gekümmert."
Als wir Lis Wohnung verlassen, nehmen wir den Umriss eines Mannes hinter der Treppe wahr, in der dunklen Gasse parkt ein Geländewagen, dessen Fenster leicht geöffnet sind. Im Hotel warten fünf Polizisten, die unsere Ankunft filmen, unsere Papiere prüfen und uns dann bis zu den Zimmertüren begleiten. Sie wollen uns befragen. Wir bitten sie, das auf den nächsten Morgen zu verschieben, und gehen in eines der beiden Zimmer. Nach einer Weile verlassen die Polizisten unsere Etage.
Am nächsten Morgen treffen wir Li, er wirkt angespannt. Am Nachmittag meldet er sich und rät uns, vorläufig ohne ihn weiterzurecherchieren, er habe Sicherheitsleute vor der Tür und würde uns nur Schwierigkeiten machen.
Die haben wir auch so. Bei den Gesprächen, die wir mit Nachbarn und Passanten am Fundort der Kinderleichen führen, mischen sich nach einer Weile scheinbar unbeteiligte Männer und Frauen in die Interviews, drängen die Angesprochenen ab, raten ihnen, nicht mit uns zu reden, kündigen ihnen Konsequenzen an.
Viele lassen sich einschüchtern, andere erzählen trotzdem, so der Maschinenbau-student Mao Hai, 21, der sich gut an die Kinder erinnern kann: "Es war kalt, sie saßen hier auf den Treppen. Sie haben keinem was zuleide getan." Anderen, wie der Restaurantbetreiberin Lu, ist aufgefallen, wie schnell die Polizei den Fundort der Kinderleichen geräumt hat. Schon um halb neun, als sie in ihre Läden kamen, sei nichts mehr zu sehen gewesen, kurz darauf seien auch die fünf Müllcontainer entfernt worden.
Ein Mann namens Zhao stellt sich uns als stellvertretender Direktor des lokalen Amtes für Auslandschinesen vor. Er spricht ein wenig Englisch und sagt, er sei von nun an für unsere Betreuung abgestellt. Wir bitten ihn, uns in Ruhe arbeiten zu lassen, er drängt sich aber immer wieder auf. Unsere Anfrage nach Interviews mit Beamten der Stadtregierung, der Fürsorgeämter, der Schulbehörde lehnt er ab, eine Fahrt in das Dorf, aus dem die Kinder abgehauen waren, könne er aber arrangieren.
Die Fahrt dauert drei Stunden und vermittelt einen Eindruck von der Herausforderung, die Provinz Guizhou zu regieren. Die lehmigen Straßen sind von badewannentiefen Schlaglöchern übersät, Hunderte Kinder stehen bibbernd im kalten Nebel. Chinas ethnische Minderheiten, von denen in Guizhou viele leben, sind von der Ein-Kind-Politik ausgenommen; gleichzeitig ist die Armut so groß, dass sich an die zwei Millionen der gut sieben Millionen Einwohner von Bijie als Wanderarbeiter in den reichen Küstenstädten verdingen - so auch die Väter von vier der toten Jungen.
Als wir in ihrem Dorf ankommen, verhindern die Nachbarn ein Treffen mit der Familie der Kinder. Ob das auf deren eigenen Wunsch geschieht oder auf Druck Zhaos und unserer anderen Begleiter, wissen wir nicht.
Nach unserer Rückkehr taucht einer der Polizeioffiziere aus dem Hotel auf, entschuldigt sich für den rüden Empfang am Vorabend und versucht, unsere weiteren Pläne auszuforschen. Wir mögen bitte nicht zu kritisch über die Zustände in Bijie berichten, Kritik störe das Investitionsklima in der Region. Wir werden weiterhin beobachtet, Beamte sitzen in der Lobby und filmen uns jedes Mal, wenn wir das Hotel verlassen.
Am nächsten Tag treffen wir Leute, mit denen wir verabredet waren, auf einmal nicht mehr an. Andere werden, während wir mit ihnen sprechen, telefonisch vor uns gewarnt. Als Herr Zhao direkt in ein Gespräch mit einer Anwohnerin eingreift, fordere ich ihn auf, uns in Ruhe zu lassen. Daraufhin sagt er: "Okay. Dann bin ich ab jetzt nicht mehr für euch zuständig." Wir rätseln, ob das ein Versprechen oder eine Drohung ist.
Am Nachmittag treten wir mit einem willkürlich von der Straße gewinkten Taxi die Rückreise in die Provinzhauptstadt Guiyang an. Minuten später erhält auch unser Fahrer einen Anruf, über den er nicht weiter sprechen mag. Die Fahrt nach Guiyang dauert sechs Stunden, und wir versäumen den Rückflug nach Peking. Wir beschließen kurzfristig, in Guiyang zu übernachten, erst auf der Fahrt mit einem anderen Taxi in die Stadt entscheiden wir uns für das Kempinski-Hotel. Wir checken ein, und ich lade die restlichen Bilder, die ich in Bijie gemacht habe, von der Speicherkarte meiner Kamera auf meinen Laptop herunter. Gegen 21 Uhr gehen wir zum Abendessen in das Hotelrestaurant.
Um 22.30 Uhr kehren wir zurück. In meinem Zimmer brennt Licht, die Bettdecke ist zurückgeschlagen, die Gardinen sind geschlossen. Als ich meine Kamera ausschalte, fällt mir auf, dass meine Speicherkarte leer ist. Mein iPad, verkehrt herum in die Halterung gesteckt, lässt sich nicht mehr einschalten; Wasser tropft aus den Anschlüssen für den Kopfhörer und das Ladegerät. Auch ein Handy, das ich im Zimmer zurückgelassen hatte, wurde unter Wasser gesetzt. Alle Dateien, die auf der Schreibtischoberfläche meines Computers lagen, sind gelöscht - genau wie bei meiner Mitarbeiterin. Jemand ist während unserer Abwesenheit in unsere Zimmer eingedrungen und hat unsere Geräte manipuliert und zerstört.
Ich informiere die Hotelleitung, nach einer halben Stunde erscheint der diensthabende Manager und rät uns dringend, die Provinz Guizhou zu verlassen und von einer Anzeige Abstand zu nehmen. Das lehne ich ab. Ich fotografiere die Überwachungskameras, die im Fahrstuhl und auf dem Hotelflur angebracht sind: Sowohl der Eingang zu meinem als auch der zum Zimmer meiner Assistentin sind von den Kameras aus einsehbar, es muss Bilder von den Personen geben, die in die Zimmer eingedrungen sind.
Am nächsten Morgen erstatten wir Anzeige. Die Beamten sind freundlich und kooperativ. Auf meinen Hinweis auf die Überwachungskameras kehren zwei von ihnen mit uns ins Hotel zurück und fordern die Herausgabe der Bänder. Der Sicherheitschef des Hotels und einer der Beamten gehen in den Überwachungsraum, wir werden nicht vorgelassen.
Nach einer halben Stunde kehrt der Beamte zurück: Ausgerechnet für den Zeitraum vom 26. bis zum 30. Dezember lägen leider keine Aufnahmen vor. Ich schlage vor, die Protokolle der elektronischen Türschlösser zu überprüfen. Der Beamte verlangt die Herausgabe der Logs von einem der Hotelangestellten. Der Mann verschwindet, kommt kurz darauf zurück und sagt: "Unser Hotel verfügt über keine solchen Protokolle."
Am Sonntag, dem 30. Dezember, kehren wir nach Peking zurück. Am Montag, dem 31., meldet die "New York Times", dass Chris Buckley, einer ihrer China-Korrespondenten, am letzten Tag des Jahres Peking verlassen musste.
Am Donnerstag hören wir zum bislang letzten Mal von Li Yuanlong. Wir haben ihn gebeten, uns zwei Bilder zuzuschicken, die auf der gelöschten Speicherkarte waren. Andere Fotos waren an einem sicheren Ort auf meiner Festplatte hinterlegt. Li sagt uns, er habe die Bilder abgeschickt. Im Übrigen gehe es ihm gut.
Doch seine Bilder sind nie angekommen. Li ist seither nicht zu erreichen.
Zhonglin, Zhongjing, Bo, Chong und Zhonghong sind, der Tradition entsprechend, ohne Bestattungsriten, ohne Zeremonie beigesetzt worden. Die beiden Väter, die zur Beerdigung aus Shenzhen angereist waren, sind inzwischen wieder dorthin zurückgekehrt. Sie arbeiten als Müllsammler.
Hinter dem Bauzaun an der Huandong Lu, wo die Kinder drei Wochen lang übernachtet hatten, ist Unrat zurückgeblieben: ein Badmintonschläger, ein abgebrochener Besen, eine zerknüllte Trink-Kakao-Packung, ein schmutziger Eisbecher.
Kurz vor dem Jahreswechsel ordnete die Stadtreinigungsbeauftragte von Bijie als Reaktion auf das Drama der toten Kinder an, Müllcontainer künftig mit einer Warnung zu versehen: "Menschen und Tieren ist der Zutritt strengstens untersagt. Zuwiderhandlung auf eigene Gefahr." Chinas Blogger waren erst sprachlos, dann protestierten sie. Die Anordnung wurde inzwischen zurückgezogen.
Von Bernhard Zand

DER SPIEGEL 2/2013
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