07.01.2013

ESSAYEine von uns

Der Fall der vergewaltigten Studentin zeigt, dass bei Indiens Aufstieg die Frauen vergessen wurden. Von Kishwar Desai
In den vergangenen Wochen ist in Indien passiert, was niemand für möglich gehalten hätte: Wir erleben eine ungewohnte Solidarität mit einer 23-Jährigen, die von einer Gruppe Männer brutal vergewaltigt wurde - und später an ihren schweren Verletzungen starb. Das Schicksal dieser namenlosen Studentin - einer ehrgeizigen Aufsteigerin aus der Provinz, die Physiotherapeutin werden wollte, von den Medien "Nirbhaya", die Furchtlose, genannt - bewegt uns, weil sie eine von uns war, eine Schwester, Tochter, Ehefrau.
Seit Jahren schreibe ich über Vergewaltigungen und Misshandlungen, über Tötungen von weiblichen Föten, Mädchen und Frauen in Indien, doch als ich von diesem Fall hörte, eine Vergewaltigung mitten in Delhi, in unserer Hauptstadt, in einem Bus, da fühlte es sich an, als wäre mir das selbst passiert. Bis jetzt hatte ich Glück: Ich bin nie vergewaltigt worden. Aber ich habe diese Belästigungen und Sprüche der Männer erlebt, als ich heranwuchs. Auch danach gehörte dieser Sexismus zu meinem Leben - so wie er zum Leben jeder Frau in Indien gehört. Viele meiner Freundinnen haben Schlimmeres erlebt, und es hat sie traumatisiert.
Jetzt ist "Nirbhaya" zum Symbol für Indiens Frauenfeindlichkeit geworden. Männer und Frauen der indischen Mittelschicht halten im ganzen Land Proteste und Mahnwachen ab. Ihre Wut lässt nicht nach, trotz der Besänftigungsversuche der Regierung. Vielleicht noch überraschender ist der Anblick junger Männer, die auf die Straßen gehen und ihre Sorge über die Gewalt an Frauen ausdrücken, in diesem Land, das sich aufgemacht hat, eine Supermacht zu werden - und doch nicht mal seine Frauen schützen kann.
Die Antwort der Regierung auf diesen öffentlichen Aufschrei war langsam; gleichgültig und unbeholfen hat sie versucht, die Proteste zu unterdrücken. Dieser Mangel an Mitgefühl und die Unfähigkeit, die Tragweite dieses Vorfalls zu verstehen, hat viele Inder bestürzt.
Diejenigen weiblichen Abgeordneten, die nun tränenreich und leidenschaftlich Gruppenvergewaltigungen beklagen, führen meist ein abgeschottetes Leben, umgeben von Sicherheitskräften und vom Komfort der Mächtigen, ohne eine Vorstellung von der täglichen Erniedrigung und dem Überlebenskampf vieler Frauen im Land. Die Distanz zwischen der Bevölkerung und ihren gewählten Repräsentanten war selten zuvor so offensichtlich wie in den vergangenen Wochen, in denen die Polizei angewiesen wurde, die friedlichen Proteste mit Gewalt aufzulösen. Es waren Tage, in denen es vielen schwerfiel zu glauben, dass Indien eine Demokratie ist.
Der Umgang mit den Protesten zeigt auch die Geringschätzung, die unsere Regierenden der aufstrebenden städtischen Bevölkerung, vor allem den Frauen unter ihnen, entgegenbringen. Ihre Hauptsorge scheint es zu sein, Wahlen zu gewinnen, und sie tun es, indem sie ihrer treuen Wählerklientel mehr Geld versprechen. Viel Zeit hat die Regierung in den vergangenen Wochen damit verbracht, ihr neues Programm der direkten Geldtransfers an die Armen zu erklären, aber wenig wurde über die Situation indischer Frauen geredet.
Die Regierung hätte sich am liebsten damit begnügt, das Vergewaltigungsopfer für seine "Behandlung" - man könnte auch sagen: zum Sterben - ins Ausland zu schaffen und es dann heimlich in den frühen Morgenstunden einzuäschern, damit die Leute den Fall schnell vergessen. Aber Ablenkungsmanöver haben diesmal nichts gebracht. Das Internet, aber auch die Medien haben dafür gesorgt, dass die Erinnerung an die misshandelte Studentin wach bleibt, dass ihr Schicksal weiterhin Schlagzeilen macht, so dass die Regierung gezwungen ist, zumindest diesen Fall ausnahmsweise ernst zu nehmen.
Die öffentliche Trauer und Wut sind neu, Gruppenvergewaltigungen jedoch nicht. Sie wurden jahrelang als Unterdrückungsinstrument genutzt, etwa während der Teilung Indiens und nach der Unabhängigkeit. Heute ziehen mehr und mehr junge, unverheiratete Männer in die Städte, um dort Arbeit zu suchen, und damit steigen auch ihre sexuelle Frustration und das Gefühl der Entfremdung. Hinzu kommt eine tiefsitzende Frauenfeindlichkeit. Das Ergebnis sind Angriffe auf Frauen wie der in Delhi. Gruppenvergewaltigungen sind mittlerweile ein besorgniserregendes Phänomen geworden, auch weil die langsame, ineffiziente Justiz und niedrige Kautionszahlungen die Täter, selbst wenn sie verhaftet werden, meist unbehelligt davonkommen lassen. Dagegen ist es oft das Opfer, das gezwungen ist, mit dem Stigma der Vergewaltigung zu leben. In manchen Fällen haben sich Frauen das Leben genommen, weil sie die nicht enden wollenden Demütigungen durch Polizei, Gerichte und die Täter nicht ertrugen. Einige Vergewaltigungsopfer haben sich daher nicht auf das System verlassen, sondern das Recht selbst in die Hand genommen.
Der bekannteste Fall war der von Phoolan Devi in den achtziger Jahren. Ein Mädchen aus der armen Dalit-Kaste, mit elf Jahren verheiratet, vom Ehemann misshandelt und verstoßen. Danach wurde es zum Freiwild und von mehreren Männern vergewaltigt. Es schloss sich einer kriminellen Bande an und tötete später einige seiner Peiniger. Phoolan Devi kam für elf Jahre ins Gefängnis, ohne je verurteilt worden zu sein, nicht aber die Männer, Angehörige einer höheren Kaste, die sie vergewaltigt hatten. Devi wurde berühmt und nach ihrer Freilassung ins Parlament gewählt, ihr Leben verfilmt. Im Jahr 2001 wurde sie von einem Angehörigen eines ihrer Vergewaltiger in Delhi erschossen.
Damit Frauen nicht ähnlich wie Phoolan Devi gezwungen sind, eigenhändig Rache zu nehmen, muss die indische Regierung jetzt so schnell wie möglich Reformen umsetzen, die Frauen schützen und ihren Status aufwerten, sowohl rechtlich wie gesellschaftlich. Aber es gibt viele Hindernisse auf diesem Weg, aufgestellt und bewahrt gerade auch von Politikern, die ungern Macht und Kontrolle abgeben wollen.
Eines der Hauptprobleme ist Indiens Kastensystem, das weiterlebt, weil die Regierenden damit ganze Wählergruppen leicht an sich binden können. Die Profiteure sind meist Männer, denn in jeder Kaste belegen Frauen die unterste soziale Schicht, selbst im modernen, städtischen Indien, egal wie gebildet sie auch sind, egal welchen Beruf sie ausüben.
Alltag sind zudem Praktiken wie "Genderzid", die gezielte Tötung von weiblichen Föten und Kleinkindern, die bisher in Indien geschätzten 30 Millionen Mädchen das Leben gekostet haben. Hinzu kommen Brautverbrennungen und häusliche Gewalt, auch die Zahl der Ehrenmorde steigt, sowohl auf dem Land wie in der Stadt. Das durch "Genderzid" immer ungleicher werdende Geschlechterverhältnis - derzeit kommen auf 1000 Männer nur 940 Frauen - führt dazu, dass Letztere immer mehr zur gefährdeten Minderheit werden. Und damit zu Opfern.
Unsere Hauptstadt Delhi, regiert ausgerechnet von einer Frau, hat beschämenderweise ein besonders ungleiches Geschlechterverhältnis, und fast nirgendwo geschehen so viele sexuelle Übergriffe wie hier. Mehr als 80 Prozent der Frauen haben die eine oder andere Form sexueller Belästigung erlebt. Keine Frau würde nachts allein auf die Straße gehen, manche trauen sich auch tagsüber nicht.
Diese brutale Realität wird von den Regierenden ignoriert, sie suchen sich lieber die Beispiele von erfolgreichen Frauengruppen und einzelnen Aufsteigerinnen heraus - statt sich mit den Millionen Frauen auseinanderzusetzen, die außen vor bleiben bei Indiens Entwicklung. Der Staat hilft ihnen nicht, er bietet keine Sicherheit, umso mehr sind diese Frauen für ihren Schutz auf ihr privates Umfeld angewiesen, was wiederum ihre Abhängigkeit von Männern verstärkt.
Bei den jüngsten Protesten waren kaum Frauen vom Land dabei, dabei trifft sie das Problem genauso. Aber es ist schwieriger für sie, sich zu organisieren, da viele kaum lesen und schreiben können, abhängig von ihren Familien sind und keinen Zugang zum Internet haben. Dank der sozialen Medien sind es aber nun wenigstens Frauen der städtischen Mittelschicht, die sich zusammentun, was künftig das Umfeld verändern wird, das sie bisher zu Opfern von Gewalt und Missbrauch machte.
Es ist paradox: Einerseits sind Frauen zunehmend gebildet und werden zur Erwerbsarbeit ermutigt, werden weibliche Gottheiten im Hinduismus angebetet. Andererseits mutet die Welt, in der sie leben und arbeiten, weiterhin archaisch an und ist mit Vorurteilen beladen. Das Patriarchat ist ein grausames Biest, das noch immer durch die Straßen der Großstädte streift - und genauso auch staubige Dorfgassen heimsucht.
Während es keine Mahnwachen mit Kerzen gab, als Phoolan Devi vor über zehn Jahren erschossen wurde - und auch nicht für eines der anderen zahllosen Opfer von Missbrauch seither -, sind die Frauen diesmal nicht länger bereit, still zu bleiben. Sie verlangen jetzt die versprochenen Reformen, denn die bisherigen Gesetze sind veraltet, sie erkennen nicht einmal Vergewaltigung in der Ehe als Straftat an. Und sie fordern eine Frauenquote im Parlament, was die Parteien zwingen würde, mehr weibliche Kandidaten aufzustellen. Derzeit haben die meisten Parteien, selbst die, die von Frauen geführt werden, eine miserable Bilanz, wenn es um weibliche Mitbestimmung geht.
Doch die Sorge ist groß, dass die derzeitige Regierung viel zu patriarchalisch und losgelöst von den Problemen der Frauen ist, als dass sie dringend nötige Reformen durchführen könnte. Selbst wenn, wie jetzt, endlich ein Schnellverfahren für besonders brutale Fälle von Gruppenvergewaltigung eingeführt wird und die Öffentlichkeit aufgerufen wurde, Vorschläge für eine Reform der Vergewaltigungsgesetze zu machen.
Allein in der vergangenen Woche wurden weiterhin Frauen vergewaltigt, in allen Teilen des Landes - in einem Fall sogar von einem führenden Mitglied der Kongresspartei.
Die einzige Hoffnung ist daher, dass das öffentliche Mitgefühl nach dem tragischen Tod dieser mutigen jungen Frau in eine kraftvolle Bewegung mündet, die zu Veränderungen führt. Im kommenden Jahr stehen Parlamentswahlen an, und vielleicht ist es ja die Aussicht, die Stimmen der weiblichen, städtischen Mittelschicht zu verlieren, die dazu führt, dass die Regierung den Frauen endlich zuhört.
Die indische Journalistin und Schriftstellerin Kishwar Desai, 56, erzählt in ihren Romanen von Leid und Diskriminierung der Frauen in ihrer Heimat, basierend auf echten Fällen. "Die Überlebende" handelt von der gezielten Abtreibung von Mädchen; der Roman erscheint im August in Deutschland. In diesem Jahr kommt der letzte Teil ihrer Trilogie, "The Sea of Innocence", heraus, darin geht es um Vergewaltigung.
Von Kishwar Desai

DER SPIEGEL 2/2013
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