07.01.2013

KUBAWartesaal am Meer

Vom 14. Januar an gilt auf der Karibikinsel ein neues Reisegesetz. Mit zaghaften Reformen bereitet sich das Castro-Regime auf das 55. Jahr der Revolution vor. In der Hauptstadt Havanna kündigt sich eine Zeitenwende an.
Das erste Haus an Havannas Uferpromenade, Malecón 13, liegt zwischen Altstadt und Meer.
Noch ist es bewohnt. Hinter blatternarbiger Fassade ein offener Durchgang, rostige Eisenstreben unterm Sternenhimmel, Salsaklänge, Tellerklappern; nach hinten raus, Calle San Lázaro, kolonialer Prunk in freiem Verfall. Der Gefahr, auf offener Straße von abbröckelnden Karyatiden erschlagen zu werden, entgehen Anwohner in der Rum-Schenke Los Borrachos.
Die hinterste Wohnung im ersten Haus am Malecón, vom Meer aus gesehen, liegt ebenerdig. Durchs Gitterfenster zeigt sich Marcelino, der Patron, neben spärlich bekleideten Mulattinnen; ab und an rafft eine sich auf, um nächtliche Passanten mit Rum zu versorgen, mit warmem Essen oder diskretem Unterschlupf samt sauberen Laken für zwei.
In Haus Nummer 13 gibt es, was zum Leben gehört an Havannas Kaimauer, am acht Kilometer langen Malecón. Leonardo Padura, einer der bedeutendsten Gegenwartsautoren Kubas, sagt: "Der Malecón ist die Synthese dieser Insel und ihrer Gesellschaft, von Alt und Jung, Emos und Freaks, Nutten und Großmüttern; für manche ist er das Ende der Insel, für andere der Anfang; für manche das Ende der Hoffnung, für andere der Anfang."
Für die Revolutionäre war der Malecón vor allem: Bühne. Am 8. Januar jährt sich der triumphale Einzug Fidel Castros und seiner Kampfgenossen nach der Flucht des Diktators Fulgencio Batista zum 54. Mal. Über die Uferpromenade rückten sie 1959 unter dem Jubel Hunderttausender ins Zentrum Havannas vor.
Kuba, bis dahin US-Vorposten in der Karibik, erfand sich neu - während in Washington weiterhin Dwight D. Eisenhower, Jahrgang 1890, regierte. Ihm, dem alten Kriegskämpen, gelang es so wenig wie seinen neun Nachfolgern im folgenden halben Jahrhundert, den Hünen in Havanna zu stürzen - es war Fidel selbst, der 2008 aus Gesundheitsgründen seinen Rückzug aus der Staatsspitze bekanntgab. Seither regiert sein fünf Jahre jüngerer Bruder Raúl.
Bei der Wahl zum Volkskongress am 3. Februar treten die Castros, inzwischen 86 und 81 Jahre alt, einmal mehr an; um unter Raúls Führung ihre Insel mit zaghaften Reformen weiter durchs sechste Jahrzehnt der Revolution steuern zu können. Es ist ein beispielloses Langzeit-Experiment in Sachen Sozialismus. Nur jeder fünfte Kubaner hat anderes als die Herrschaft der Castros erlebt.
Immer wieder aber durften Unzufriedene gehen: 1965 wurde eine Luftbrücke errichtet; 1980 reisten 125 000 Menschen über den Hafen Mariel aus; 1994 entkamen Zehntausende mit Hilfe selbstgebastelter Flöße und anderer Vehikel einer existenzbedrohenden Wirtschaftskrise.
Am 14. Januar nun tritt auf Kuba ein neues Reisegesetz in Kraft. Auslandsreisen, wohin auch immer, sollen künftig ohne regierungsamtliche Erlaubnis und zu deutlich verringerten Gebühren möglich sein. Das Volk aber bleibt skeptisch: Weil unklar ist, welche Länder unter welchen Voraussetzungen Kubanern überhaupt Visa erteilen werden; und weil das Regime in Havanna, so kündigte es an, aus "Gründen der Verteidigung und der nationalen Sicherheit" weiterhin jeden Antrag ablehnen kann.
Oppositionelle sprechen von Gummi-paragrafen und einer Pseudoreform. Der Inselsozialismus funktioniere seit je wie ein Dampfkochtopf: Die Castro-Brüder schraubten am Ventil, gelockert werde es nur bei Überdruck.
Im ersten Haus am Malecón, hinten in der letzten Wohnung mit den Mulattinnen, lebt Marcelino. Er war zwei Jahre alt, als Fidel an die Macht kam, und hat ein Leben lang die Segnungen der Revolution genossen: kostenlose Bildung, Gesundheitsvorsorge, Wohnen. Trotzdem sagt er heute: "Wenn wir reisen könnten, wären wir nicht mehr hier."
Für ihn aber wird sich auch nach dem 14. Januar wenig ändern - in der Welt jenseits Kubas wird er nicht gebraucht. Seine Arbeitsstelle als Busfahrer, Monatslohn umgerechnet neun Euro, hat Marcelino vor Jahren verloren. Auch die Ehefrau, durchgebrannt mit einem spanischen Touristen, ist samt Tochter weg. Sie lebt nun in Madrid und schickt ihm bisweilen Urlauber vorbei. Marcelino fährt die Fremden dann über die Insel.
Noch hat er zumindest die Wohnung am Meer. Doch demnächst, so sagt er, muss er umsiedeln, hinaus an den Stadtrand. Weil hier, auf Havannas teuerstem Pflaster, ein Hotel entstehen soll: ein 14-stöckiger Turm plus Pool mit Meerblick.
Vom Haus Malecón 13 bliebe dann nur die Fassade.
Der Totgesagte trug Strohhut und erschien nachmittags gegen fünf. In der Lobby des Hotel Nacional de Cuba plauderte er mit Bediensteten, vom Garten aus warf er einen Blick auf den Malecón. Dann entschwand er wieder. Was zählte: Er war gesehen worden, lebend. Ein Foto ging anderntags, am 21. Oktober 2012, als Beleg an die Weltpresse.
"Wenn der angeblich tote Fidel Castro plötzlich neben dir steht, ist das wie ein Sechser im Lotto", sagt Antonio Martínez, Direktor von Kubas berühmtestem Hotel, dem Nacional. Fidels Blitzbesuch, Monate nach seinem letzten öffentlichen Auftritt an der Seite des Papstes und nach Gerüchten über einen tödlichen Gehirnschlag, habe bewiesen, dass das Herz der Revolution, "meiner Religion", wie Martínez sagt, noch schlage.
Nur, wie lange noch? Und was kommt dann, nach Fidel und Raúl? Lange Jahre hindurch war die Sowjetunion Finanzier, heute hängt Kuba am Tropf des Ölstaats Venezuela. Dennoch liegt das Lohnniveau der Bevölkerung weit unter dem von 1989. Zuletzt wurden sozialistische Dogmen geopfert und Gewerbelizenzen an Kleinunternehmer vergeben.
Havanna klagt über das fortdauernde amerikanische Handelsembargo. Verluste in Höhe von über 100 Milliarden Dollar sollen dadurch entstanden sein. Andererseits stellen US-Bürger im "Nacional" bereits das Gros der Gäste. Auch an diesem Tag werden in der Hotelbar Batterien von Mojito-Gläsern befüllt, bevor unter Salsaklängen Besucher aus Boston und Miami zum All-inclusive-Drink anrücken.
Wer 14 Tage Kulturprogramm zu 5396 Dollar bucht, hat den Segen Washingtons für einen Kuba-Trip. Auch religiöse Bildungsreisen sind erlaubt. Inzwischen gibt es aus den USA wöchentlich Dutzende Direktflüge. Im Paketpreis enthalten ist das Angebot, die Welt mit anderen Augen sehen zu lernen. Beim Besuch der Bunkeranlagen vor dem Hotel Nacional verkündet die Fremdenführerin amerikanischen Urlaubern: "Die CIA hat wiederholt versucht, Fidel Castro umzubringen."
Vom Park aus, wo zu Zeiten der KubaKrise sowjetische Flugabwehrgeschütze stationiert waren, mustern die Touristen ungläubig den Malecón mit seinen bonbonfarbenen US-Oldtimern, die, bunten Insekten gleich, die Kaimauer entlang- kriechen; und sie blicken aufs Meer - verwaist, bis auf ein Boot der Küstenwache.
Nur 90 Meilen entfernt liegt Florida, der Sehnsuchtsstaat. Mehr als eine Million kubanischer Auswanderer leben dort.
Sie starren aufs Ziel wie Verdurstende auf die Quelle: Männer und Frauen jeden Alters, auf Abruf versammelt in einem kleinen Park hinter dem bestbewachten Gebäude am Malecón - der Ständigen Vertretung der USA. In der einstigen Botschaft der Amerikaner, einem Fünfziger-Jahre-Monstrum aus Glas und Beton, wird Washingtons Kuba-Politik exekutiert. Hier dürfen Kubaner durch den Konsulareingang schlüpfen, um Computer mit Internetzugang zu nutzen. Und von hier aus wird die Verlosung von jährlich 20 000 Dauer-Aufenthaltsgenehmigungen gesteuert sowie die Bearbeitung aller Anträge auf ein Touristenvisum.
Die Männer und Frauen unten im Park haben im Schnitt vier Jahre Wartezeit hinter sich. Sie hoffen, an diesem Tag vorgelassen zu werden - zum Interview, das der Bewilligung jedes US-Touristenvisums vorausgehen muss. Ob der Andrang ab dem 14. Januar weiter zunimmt, das werde sich, sagen Washingtons Diplomaten, erst bei der tatsächlichen Anwendung des neuen Reisegesetzes zeigen.
Die Tür zur amerikanischen Trutzburg, von kubanischer Polizei abgeschirmt wie Feindesland, öffnet sich an diesem Morgen dank einer Genehmigung des State Department. Vorbei an einem Porträt Barack Obamas geht es hinauf in den fünften Stock. Von hier aus wurde einst per elektronischem Spruchband Anti-Castro-Propaganda unters kubanische Volk gebracht. Ein davor platzierter Wald aus Fahnenstangen war die Antwort der Kubaner - zusätzlich zu einer Plakatwand mit Hakenkreuz und Folterbildern aus Abu Ghuraib.
Die Zeit derartiger Muskelspiele aber sei vorbei, sagen die US-Diplomaten, das Beziehungsklima "frostig-herzlich" und die Großwetterlage derzeit schwer zu deuten: "Kubas Führung versucht herauszufinden, wie viel Reform möglich ist, ohne dass das Regime kippt."
Dort, wo der Malecón endet und der Almendares-Fluss ins Meer mündet, liegt das Jagdrevier von Kcho. Dort sammelt er Strandgut - Dinge, die von einer Welt jenseits Kubas erzählen.
Alexis Leyva Machado, Pseudonym Kcho, zählt zu den höchstgehandelten Künstlern Kubas. Er hat es fertiggebracht, sich gleichzeitig weltweites Renommee und einen Ruf als Fidel Castros Lieblingskünstler zu erarbeiten. Er lässt wenig Zweifel daran, was ihm wichtiger ist.
"Ich bin stolz darauf, dass Fidel mich seinen Bruder nennt", sagt Kcho, ein massiger Kerl im weißen Ralph-Lauren-Hemd mit einer andächtig nickenden Assistentin im Schlepptau: "Ich bewundere Fidels Intelligenz genauso wie sein Verantwortungsbewusstsein." Längst sind Kchos Installationen im Museum of Modern Art zu sehen und werden von der New Yorker Galerie Marlborough für stattliche Dollarbeträge verkauft. Gleichzeitig empfiehlt der Künstler kubanischen Kollegen, sich zu begnügen mit "Respekt, Beifall und der Befriedigung, das Richtige zu tun" - den Sozialismus zu stärken.
Es zählt zu den Paradoxien Kubas, dass ausgerechnet Kcho, ausgewiesener Lobredner des Regimes, sich durch Werke zum Thema Flucht einen Namen gemacht hat. Momentan kauft er Kubanern ihre aus Styroporplatten und Brettern gefertigten Flöße ab, deren Besitz verboten, für Fischer und Fluchtwillige aber alternativlos ist. Er fügt sie zusammen zu einem neuen Objekt - einem Irrgarten.
Er sammle, was das Meer anspüle, sagt Kcho: "Meine Obsession stammt daher, dass ich auf einer Insel geboren wurde. In Deutschland kommst du notfalls zu Fuß von Bonn nach Berlin. Von Havanna aus kommst du zu Fuß nirgendwohin."
Sagt's, flucht noch ein wenig über jene, die ihn den "Lieblingssohn der Diktatur" nennen, und braust von dannen. Im Toyota Landcruiser, Gegenwert: etwa 300 kubanische Durchschnittsjahresgehälter.
Am Malecón und dahinter hält Kuba Kontakt zur Außenwelt: dem Nacional und anderen Hotels mit Business-Center sei Dank. Kaum ein Kubaner hat Internetzugang, weder zu Hause noch am Arbeitsplatz.
Als sie Kubas ersten unzensierten Blog "Generación Y" aus der Taufe hob, habe sie sich den Eintritt in Devisenhotels noch erschleichen müssen, sagt die berühmteste Bloggerin der Insel, Yoani Sánchez. Inzwischen stehen Ausländerherbergen auch Kubanern offen. Sánchez setzt ihre Kolumnen, unter anderem für die "Huffington Post", aus Sicherheitsgründen von wechselnden Orten ab.
Die Philologin ist zwar weltweit preisgekrönt, in der Heimat aber mäßig gelitten. Vorbei an Prostituierten und Bettlerinnen vor dem Hotel Inglaterra steuert sie ein Café an, packt ihr iPhone auf den Tisch und will loslegen - da piept es. Es ist eine Nachricht samt Foto von den "Damen in Weiß" - Regimekritikerinnen, die sonntags nach dem Gottesdienst in Einheitstracht auf die Straße gehen. Soeben haben sie ihre Aktion beendet, Sánchez leitet das Foto weiter. Wenig später ist es weltweit im Netz.
Wie das geht in einem Land ohne WLAN und Hotspots? "Wir Kubaner hatten in den Neunzigern sogenanntes Hackfleisch, da war statt Fleisch Bananenschale drin. Wieso sollten wir nicht auch Internet ohne Internet hinkriegen?", fragt sie und zeigt, wie sie per SMS "blind-twittert". Eine Spezialsoftware, spendenfinanziert, ermöglicht es ihr auch, offline an Informationen zu kommen.
Von Kubas Mächtigen wird Sánchez als CIA-Agentin und Cyberspace-Söldnerin geführt. Soziale Netzwerke ängstigten das Regime, sagt sie: "Das beste Beispiel dafür bin ich selbst - weder schön noch in einer wichtigen Position, kann ich doch etwas bewirken." An dem Tag, an dem "Time Magazine" sie zu einem der 100 einflussreichsten Menschen weltweit erklärte, habe sie "nicht einmal 20 Cent für einen Busfahrschein" in die Stadt besessen.
Ihr Traum sei es, nach dem Ende der Castros "die erste Zeitung im freien Kuba zu machen". Nach 20 erfolglosen Anträgen auf ein Auslandsvisum sei für sie klar: "So wie es ist, kann es nicht bleiben. Wir kriegen Futter und Wasser, ja; aber das kriegt der Vogel im Käfig auch." Ihr reiche das nicht, denn: "Ich will fliegen."
Nirgendwo sind Kuba und Europa sich näher als im letzten Haus am Malecón. Das "1830", ein Restaurant mit Tanzfläche im Garten, zieht Salsa-Verrückte jeder Schattierung an.
Aus Hotels am Malecón wie dem Riviera, einer Ex-Mafia-Herberge mit Swimmingpool in Sargform, kommen sie herüber: Nordeuropäerinnen, fortgeschrittene und hüftsteife, mit festem Eintänzer oder ohne. Kubanische Profis kosten inzwischen um die acht Euro pro Stunde.
Dass sich zwischen Fremden, die schon länger von Kuba träumen, und Kubanern, die von der Fremde träumen, am Ende mehr entwickelt als synchroner Hüftschwung, kommt vor. Wenn wie dieses Jahr nur ein Drittel seiner Teilnehmerinnen sich verliebe, liege das weit unter dem Schnitt, sagt einer der Veranstalter.
Etwa 40 000 Kubaner pro Jahr verlassen ihre Insel für immer. Die Revolution verliert, nach und nach, ihre Kinder: 2011 schrumpfte das Elf-Millionen-Volk um 84 000 Einwohner. Gleichzeitig wächst die Zahl der Touristen. Zuletzt kamen mehr als 2,5 Millionen pro Jahr - und brachten Einnahmen von über zwei Milliarden Dollar.
Die Folgen dieser Entwicklung sind zu besichtigen in der Altstadt Havannas, die zum Unesco-Weltkulturerbe zählt. Hier läuft, betreut von 13 000 Beschäftigten im Büro des Stadthistorikers, ein großangelegter Laborversuch: Durch Touristendevisen erwirtschaftete Gewinne fließen in den Erhalt von 3500 sanierungsbedürftigen Gebäuden und in soziale Projekte - es ist ein bemerkenswerter Spagat, geleitet vom Wunsch nach einem Kompromiss zwischen Staatswirtschaft und ungezügeltem Kapitalismus.
Da werden dann in der überfüllten Hemingway-Bar Bodeguita del Medio Gerichte zu gewinnträchtigen 15 Dollar serviert, während vier Häuser weiter Touristenführer vor einer finsteren Bodega haltmachen lassen. Um zu zeigen, wie ein Laden aussieht, in dem Kubaner schwarze Bohnen auf Bezugsschein kaufen können - unter den Porträts von Fidel, Raúl und Che.
"Als Che in der Sierra Maestra war, habe ich ihm die Bohnen zubereitet und versucht, von ihm zu lernen", sagt Tomás Erasmo Hernández. Mit 15 Jahren hat er begonnen, als Koch in der 8. Kolonne unter Che Guevara zu dienen. Später wurde er Leibkoch Fidel Castros. Heute betreibt er das Restaurant Mama Inés in der Altstadt von Havanna.
Es zählt zu den Pilotprojekten, mit denen nun Kleingewerbe in staatlichen Immobilien ermöglicht wird. 395 000 Kubaner arbeiten inzwischen im Privatsektor, aber noch kontrolliert der Staat vier Fünftel der Wirtschaft. Für den Koch Erasmo wurde als Immobilie eine ehemalige Polizeistation mit Vorkriegswählscheibentelefon und Höhrrohr zur Verfügung gestellt. Er hofft, dass dies noch nicht das Ende seiner Kapitalistenkarriere ist.
"Ich war nie Parteimitglied, aber ich bin bis heute Anhänger Fidels", sagt Erasmo. Kubas selbstverordnete Isolation allerdings mache das Leben schwer: "Mein Restaurant hat keine Internetadresse, ich kann keine Kreditkartenzahlung abrechnen, darf aber Steuern zahlen."
Das sei der falsche Weg in die Zukunft, sagt der Mann, der einst für Che Guevara Bohnen kochte: "Dieses Land muss sich öffnen."
Wo der Malecón den Burschen mit zum Hahnenkamm geschorenem Haar gehört und den Mädchen in engen Tops, wo sie fest umschlungen auf der Kaimauer sitzen, weil in Havanna iPhones noch selten und die Hände frei für anderes sind, wo der Malecón also ist, was er immer war, Wohnzimmer und Wartesaal am Meer - dort steht das führende Krankenhaus der Insel: das "Gebrüder Ameijeiras".
394 Fachärzte verteidigen hier den Ruf kubanischer Medizin. Bis hinauf zum 16. Stock, wo heute Patienten mit Bauchspeicheldrüsenkrebs liegen, war der Rohbau des neuen Nationalbank-Gebäudes gediehen, als die Revolution siegte - und Fidel Castro verkündete, aus der geplanten Kathedrale des Kapitals werde nun ein Krankenhaus.
Es vergingen dann 23 Jahre bis zur Eröffnung in Anwesenheit des Máximo Líder, der schwärmte, er habe noch nie "ein Hotel gesehen, das besser wäre als dieses Krankenhaus". Mehr als eine halbe Million Patienten sind seither eingeliefert und sieben Millionen weitere ambulant behandelt worden. Zur 30-Jahr-Feier am 3. Dezember 2012 gab es Worte des Danks - von der Belegschaft an die Castro-Brüder, nicht umgekehrt.
Und das sei richtig so, sagt Doktor Gonzalo Estévez, leitender Arzt, während er durchs Fenster auf den Malecón und das Meer blickt. Wer wie er selbst aus einfachsten Verhältnissen aufgestiegen sei, habe allen Grund zur Loyalität - und keine Sehnsucht, abzuhauen aus Kuba: "Ich war 1959 elf Jahre alt; alles, was ich heute bin, verdanke ich der Revolution."
Von Walter Mayr

DER SPIEGEL 2/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 2/2013
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KUBA:
Wartesaal am Meer

  • Nordsyrien: US-Konvoi bei Abzug mit Kartoffeln beworfen
  • New Orleans: Baukräne an eingestürztem Hotel gesprengt
  • Konzernchef aus Schweden: "Ich habe einen Chip in meiner linken Hand"
  • Goldmine in Sibirien: 15 Tote bei Bruch von illegalem Damm