07.01.2013

Beim Propheten des Bartes

GLOBAL VILLAGE: In Dubai verdichtet ein Brite irakischer Herkunft die Gesichtsbehaarung des Mannes.
Die "You New"-Klinik von Doktor Riad Roomi kann kaum als exklusiv, gar nobel beschrieben werden. Deira ist ein Viertel, in dem sich das visionäre Dubai sehr gewöhnlich gibt. Der Chirurg teilt sich das Bürogebäude mit Cargo-Firmen, Beauty-Centern, Consulting-Unternehmen und einer "Easy Way"-Reinigungsfirma. Allesamt Leute, die etwas von A nach B bringen. Und seien es nur Haare.
Riad Roomi war in den Achtzigern eine gewisse Attraktion auf Chirurgenkongressen. Er sah blendend aus und führte seine neue, nadellose Operationstechnik vor, das "Ready Stitch"-Verfahren. Statt eine Schnittwunde zu nähen, klebte er Streifen an beide Ränder und nähte die Pflaster zusammen. Das schonte die Haut und sollte Narben vermeiden.
Roomi bediente sich bei seinen Vorträgen einer Orange, um die Technik vorzuführen. In Artikeln aus dieser Zeit sieht man ihn stets lächelnd mit der Orange in der Hand. Ready Stitch hat sich trotzdem nicht durchgesetzt.
Der Erfinder verlegte sich auf Haarverpflanzungen: "Der Moustache ist der Ausweis von Männlichkeit, Stärke und Weisheit. Und Ehre. Deswegen wird auch auf den eigenen Bart geschworen. Wer keinen hat, steht im Verdacht, schwach und weich zu sein, kein wirklicher Mann." Man mache sich keine Vorstellung, sagt Roomi, welche soziale Bedeutung ein Schnurrbart hierzulande habe. Vor ihm auf dem Schreibtisch liegt wie eine angeschwemmte Qualle ein Brustimplantat. Roomi ist sehr vielseitig.
"Neulich kam ein Kunde aus Ägypten. Er musste sein Dorf verlassen, weil er dem Druck nicht mehr standhalten konnte", erzählt Roomi. "Er ist ins Ausland vertrieben worden. Nicht des Geldes wegen, sondern weil ihm genetisch bedingt keine Haare im Gesicht wuchsen."
Bartlosigkeit ist Schande ohne Schuld. Nicht allein in der arabischen Welt, auch jenseits davon. Um das zu ändern, ist der Doktor hier. Roomi stammt aus Bagdad. Er verließ das Land, um in England zu promovieren, wo er diverse Diplome in plastischer Chirurgie, einen beneidenswerten Akzent und schließlich die Staatsbürgerschaft erhielt. Roomi ist gerade aus dem OP gekommen, er trägt einen Operationskittel, aus dem respekteinflößende Körperbehaarung wuchert. Seine Oberlippe dagegen ist penibel rasiert. Vielleicht eine tröstende Geste gegenüber seinen Patienten.
In den Vereinigten Arabischen Emiraten hängen Bilder der bärtigen Herrscher in jedem Laden, an jeder Straßenecke, und natürlich hängen sie auch am Empfang von Riad Roomis "You New"-Klinik. Undenkbar, als Scheich ohne Bart an die Macht zu kommen. Allerdings tritt der emiratische Außenminister mit lässigem Dreitagebart auf. Roomi möchte bei diesem Thema nicht zu sehr ins Detail gehen, er sagt nur: "Ein abrasierter Bart ist kein Nicht-Bart."
Als Ausweis seiner eigenen Stärke und Weisheit hat er etliche Zertifikate an den Wänden hängen, darunter den Toshiba- Erfinder-Preis für die Ready-Stitch-Technik. Einen Bart zu verpflanzen sei nicht anders als eine Kopfhaarimplantation, sagt er und zeigt eine Petrischale mit Haarwurzeln. Roomi sticht jeweils die einzelnen Follikel aus dem hinteren Teil der Kopfhaut heraus und setzt sie auf der Oberlippe wieder ein. "Für 500 Haare brauchen wir etwa eine Stunde. Dann lässt man sie ein halbes Jahr wachsen und wiederholt die Behandlung."
Um die Haut nicht zu beschädigen, müssen die Follikel in einem zeitlichen Mindestabstand eingepflanzt werden. Für eine ansprechende Fülle sind drei Behandlungen notwendig. Ein makellos dichter Schnauzer kostet so etwa 20 000 Dirham, knapp 4200 Euro.
"Viele hoffen noch auf eine medikamentöse Lösung ihres Problems. Oder sie haben Angst vor dem Eingriff, weil sie die neuen Techniken nicht kennen. Aber das wird sich ändern", sagt Roomi. Er erwarte eine Zunahme der Bartsuchenden. Wobei viele Emirater es vorzögen, sich im Ausland behaaren zu lassen. Gern in Istanbul, wo ein Chirurg sich auf arabische Schnauzer spezialisiert hat.
Der indische Bauunternehmer Abdul Sayed aus Bangalore ließ sich vor anderthalb Jahren von Roomi gut 2000 Haare an Hals und Wangen einsetzen. Mit sichtlich nachhaltiger Wirkung. Er habe stets einen Bart haben wollen, sagt der 44-Jährige. Als Selbständiger müsse er ein gewisses Auftreten haben, besonders bei Aufträgen in Dubai. Außerdem sei er gleich nach der Operation nach Mekka gepilgert. "Ein Hadsch mit Bart, das ist immer mein Traum gewesen."
Dabei ist ein Bart für den Mekka-Pilger nicht vorgeschrieben. Nur die Rasur während der Reise ist untersagt. Der Brauch strenggläubiger Muslime, den Bart faustlang unterm Kinn zu tragen, geht lediglich auf Überlieferungen zurück. Im Koran ist davon nicht die Rede.
Die "You New"-Klinik hat alle möglichen Barttypen im Angebot. Der Moustache sei, sagt Roomi, natürlich am gefragtesten. "Aber wenn die Follikel aus der hinteren Kopfhaut kräftig genug sind, dann ist auch ein langer Vollbart kein Problem."
Auch ein Modell "Bin Laden"?
"Natürlich, das geht auch. Aber das hat bisher noch niemand verlangt."
Von Alexander Smoltczyk

DER SPIEGEL 2/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 2/2013
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Beim Propheten des Bartes

  • Beeindruckende Unterwasseraufnahmen: Unterwegs mit tausend Teufelsrochen
  • Eklat in Großbritannien: US-Diplomatenfrau reist nach tödlichem Unfall aus
  • Rituale im britischen Unterhaus: "Lady Usher of the Black Rod"
  • Indonesien: Orang-Utans werden Opfer von Brandrodungen