07.01.2013

SKISPRINGENFlug im Nebel

Klemens Murańka, 18, verblüffte die Sportwelt schon als Kind. Als Zehnjähriger sprang er über die große Schanze in seinem Heimatort Zakopane am Fuße der polnischen Karpaten, dabei stellte er fast einen neuen Rekord auf. Später galt Murańka als Hoffnungsträger des Skispringens in seinem Heimatland, als Nachfolger des viermaligen Weltmeisters Adam Malysz. Mit 17 Jahren war Klemens Murańka ein Star und - was damals niemand wusste - fast blind. Keratokonus heißt die Krankheit, die dem Skispringer allmählich das Augenlicht nahm. "Etwa mit 16 bemerkte ich, dass etwas nicht stimmte", sagt Murańka. Seine Welt hüllte sich zunehmend in dichten Nebel. Bald konnte er seinen Trainer mit dem Signalwimpel in der Hand nur noch erahnen, trotzdem stürzte er sich die Schanzen hinab. "Ich verriet niemandem etwas, ich hatte Angst um meine Karriere", sagt Murańka, "ich habe mich durchgemogelt." Augenärzte trickste er aus, indem er die Buchstabentabellen für den Sehtest auswendig lernte. Im Frühjahr vergangenen Jahres konnte er gerade noch das Ende der Schanze erkennen, wenn er in rasender Fahrt darauf zujagte. Dann kam der Unfall: Statt sich nach dem Abheben von der Brunnentalschanze in Tirol auf eine lange Flugbahn zu strecken, verlor Murańka die Kontrolle, drehte einen Salto und schlug hart auf.
Er kam mit ein paar Prellungen davon, doch sein Trainer bestand auf einer gründlichen Untersuchung. "Der Augenarzt fiel fast in Ohnmacht", sagt Murańka: 15 Prozent Sehschärfe auf dem einen, 20 auf dem anderen Auge. Nach einer Notoperation wachte Murańka in einer neuen Welt auf. Mit Hilfe von Kontaktlinsen konnte er wieder normal sehen und begann bald darauf mit dem Training. Momentan liegt er auf Rang zwei im Continental Cup. "Paradoxerweise hat mir meine Krankheit sogar geholfen. Ich lernte, fast blind zu springen, jetzt sehe ich wieder, und es geht noch viel besser als vorher", sagt Murańka. Sein Ziel sind die Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi.

DER SPIEGEL 2/2013
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