07.01.2013

MEDIZIN„Zu viel Vertrauen geschenkt“

Rainer Hess, der neue Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation, über Manipulationen und die Schuld der Ärzte
Hess, 72, leitet seit 1. Januar die Deutsche Stiftung Organtransplantationen (DSO). Sie organisiert Organspenden in Deutschland. Bis Mitte 2012 war der Jurist Vorsitzender des Gemeinsamen Bundesausschusses, des obersten Gremiums der Selbstverwaltung im deutschen Gesundheitswesen.
SPIEGEL: Ihr erster Arbeitstag begann mit denkbar schlechten Nachrichten über Manipulationen bei Transplantationen in Leipzig. Sind Sie von der Meldung überrascht worden?
Hess: Damit muss man rechnen, wenn man in einer Krisenphase als Vorstand eingesetzt ist. Und dass einen womöglich nicht nur wenige Zwischenfälle erwarten, sondern weitere folgen können.
SPIEGEL: Die Ärztefunktionäre glaubten, mit den Vorfällen in Göttingen, Regensburg und München sei der Zenit der Affäre erreicht.
Hess: Auffällig ist, dass alle Fälle gleichartig sind: Einige Kliniken haben ihre Patienten auf den Wartelisten künstlich hochgesetzt, um ein Organ zu bekommen. Daraus ergeben sich zentrale Fragen: Steckt dahinter ein System? Sind Kliniken auf mehr Transplantationen angewiesen, um ihre Ökonomie zu stützen?
SPIEGEL: Ihr Vorgänger Günter Kirste und Frank Ulrich Montgomery, der Präsident der Bundesärztekammer, beteuerten, schuld sei die kriminelle Energie Einzelner, das System sei in Ordnung.
Hess: Ich sehe das anders. Ich weiß von dem Druck auf die Ärzte, die zusehen, dass sie ihren Arbeitsplatz erhalten, dass ihr Krankenhaus gut dasteht. Da würde ich die kriminelle Energie, ehrlich gesagt, kleinschreiben. Ich sehe die Verantwortung mindestens auch bei der Klinikverwaltung. Und im Finanzierungssystem, das unmedizinisches Verhalten fördert und Fehlanreize setzt.
SPIEGEL: Stiftet das zur Manipulation an?
Hess: Wir dürfen Ärzten keine Vorgaben auferlegen, die sich überwiegend an ökonomischen Zielen orientieren und mit Medizin nicht mehr viel zu tun haben. Natürlich haben wir Budgets, natürlich ist es notwendig, Krankenhäuser wirtschaftlich zu führen - die Folge darf aber nicht sein, dass Ärzte Dialysen erfinden, die nicht stattgefunden haben.
SPIEGEL: Wie lukrativ sind Organtransplantationen für Kliniken?
Hess: Dass die Fallpauschalen in diesem Bereich relativ hoch sind, steht fest.
SPIEGEL: Viele Kliniken behaupten aber, Organtransplantationen seien ein Verlustgeschäft.
Hess: Dann frage ich mich, warum sie es machen.
SPIEGEL: Im Zuge der Skandale wird nun gefordert, einzelne Zentren zu schließen.
Hess: Ich halte das für schwer umsetzbar. Ich plädiere für eine bessere Qualitätssicherung. Ich würde jeder Klinik zunächst die Chance geben, Organe zu transplantieren. Wenn sich das dann nicht rechnet, müssen die Länder natürlich überlegen, Zentren zusammenzulegen, Göttingen und Hannover beispielsweise. Beide Städte liegen nicht weit auseinander. Das gilt auch für andere.
SPIEGEL: Welches sind Ihre Kernaufgaben in diesem Jahr?
Hess: Ich bin kein Mediziner, ich bin Jurist, insofern ein atypischer Vorstand der DSO, was aber mit der Aufgabe zusammenhängt, die mir übertragen wurde. Ich soll Satzungsänderungen vornehmen, Bund und Länder mit Stimmrecht in die Stiftung integrieren, damit sie mehr Mitverantwortung übernehmen können. Über allem steht die Frage: Wie muss die DSO strukturiert sein, damit sie ihre Aufgabe ordnungsgemäß weiterführen kann.
SPIEGEL: Im vergangenen Jahr prangerte ein Wirtschaftsprüfer in einem Bericht die Vetternwirtschaft in der DSO an. DSO-Mitarbeiter berichten zudem von verbreiteter Hartherzigkeit. Müssen Sie in der Stiftung grundlegend aufräumen?
Hess: Nein. Ich werde auch nicht in der Vergangenheit wühlen. Personen, die für diese Zustände verantwortlich gewesen sein könnten, sind demnächst nicht mehr da. Es geht nun darum, in der Zukunft konstruktiv zusammenzuarbeiten.
SPIEGEL: Wo liegen die Interessenkonflikte in der Organtransplantation?
Hess: Wir haben zwei getrennte Bereiche: die Organspende und die Organübertragung. Beide unterliegen eigenen Regeln. Aber es sind zwei Säulen, die in Verbindung stehen. Und die eine Säule darf die andere nicht beschädigen. Wenn Ärzte bei der Übertragung manipulieren, ist auch die Organspende betroffen. Es gibt deswegen eine Gesamtverantwortung für beide Bereiche.
SPIEGEL: Der DSO-Vorsitzende wird auch immer an der Zahl der Organspenden gemessen. Zuletzt sind diese dramatisch eingebrochen. Welches Ziel haben Sie sich vorgenommen?
Hess: Der Vertrauensverlust der Menschen hat den Rückgang der Spendebereitschaft mitverursacht. Es gibt keine andere Erklärung für die schlechte Entwicklung. Es ist aber nicht meine Aufgabe, eine bestimmte Zahl zu erreichen. Gute Zahlen können nur die Folge guter Arbeit von allen Beteiligten sein. Ich setze vor allem auf die neuen Gesetze zur Organspende mit einer entsprechend intensiven Aufklärung der Bevölkerung.
SPIEGEL: Um die Zahlen zu verbessern, muss seit August vergangenen Jahres jede Entnahmeklinik mindestens einen Transplantationsbeauftragten haben.
Hess: Da sprechen Sie ein Problem an. Die Bundesregierung hat ein Gesetz verabschiedet, aber aus finanziellen Gründen wird es nur halbherzig umgesetzt. Die Krankenkassen wollen 2013 nur sechs Millionen für Transplantationsbeauftragte ausgeben. Das reicht nicht aus, denn wir müssen eine ganze Reihe neuer Stellen schaffen. Dass wir jetzt darüber streiten müssen, dürfte eigentlich nicht sein.
SPIEGEL: Wie wollen Sie die Menschen wieder für die Organspende gewinnen?
Hess: Alle, die auf den Wartelisten stehen, sind Schwerstkranke, die dringend ein Organ benötigen. Damit will ich die Manipulationen nicht verniedlichen: Derjenige muss das Organ bekommen, der es am dringendsten braucht. Durch die Manipulationen hat sich aber an dem Bedarf nichts geändert. Der Wert der Organspende ist nicht gemindert worden.
SPIEGEL: Die meisten Ärzte, die manipuliert haben, werden weiterarbeiten können. Die Strafen werden womöglich gering ausfallen. Beschädigt dies nicht weiterhin die Organspende?
Hess: Die Aufarbeitung wird nicht ausgehen wie das Hornberger Schießen. Ob die Mediziner strafrechtlich verurteilt werden, kann ich nicht beurteilen. Das interessiert mich auch nicht so sehr. Das Ziel muss sein, alle Sachverhalte aufzuklären und daraus die notwendigen Konsequenzen zu ziehen.
SPIEGEL: Sollte den Ärzten, die manipuliert haben, die Approbation entzogen werden?
Hess: Versuchen Sie mal, einem Arzt die Approbation zu entziehen.
SPIEGEL: Ist das Standesrecht zu lasch?
Hess: Über die Aberkennung urteilt nicht das Standesrecht, sondern urteilen die Verwaltungsgerichte. Aber selbst schwere Vergehen reichen nach deren Rechtsprechung für einen Approbationsentzug nicht aus. Das kann man als unbefriedigend empfinden.
SPIEGEL: Abschreckend sind Geldstrafen jedenfalls nicht.
Hess: Ich halte Generalprävention auch für wenig wirksam. Denken Sie an die Urteile gegen Ärzte, die betrügerisch abgerechnet haben. Das hat andere nicht abgehalten, weiterhin falsch abzurechnen. Ich fürchte, dass man Manipulationen in der Organspende nicht allein dadurch verhindert, dass man die jetzt aufgefallenen Ärzte hart bestraft.
SPIEGEL: Hier in Ihrem Büro hängt noch ein Zeitungsausschnitt mit der Überschrift: "Segen der Krise". Sind die Skandale ein Segen für die Organspende?
Hess: Sicherlich nicht. Wir hatten den Ärzten aber offenbar zu viel Vertrauen geschenkt. Jetzt gibt es ein Aha-Erlebnis: Jeder Beteiligte sieht, dass wir im System mehr Qualitätssicherung brauchen. Wenn wir nun Konsequenzen ziehen und dies auch transparent machen, werden wir das Problem in den Griff bekommen.
SPIEGEL: Politiker und Funktionäre haben sehr unterschiedliche Vorstellungen über die Zukunft. Wünschen Sie sich, dass jetzt alle mal die Klappe halten?
Hess: Das wäre schön. Nicht, um etwas zu verschweigen, sondern um sich gemeinsam auf geeignete Maßnahmen verständigen zu können. Ich bin selbst gespannt, ob das gelingt.

Dem Boom an Transplantationen folgte in Leipzig der Organspende-Skandal.

Vor fünf Jahren führten Ärzte am Uni-Klinikum Leipzig 46 Lebertransplantationen durch. Dann wurde der langjährige Direktor abgelöst, der die Transplantationschirurgie in Leipzig mitaufgebaut hatte. Der Nachfolger gilt als Chefarzt neuer Prägung: schnell, effizient, mutig. Er sollte die Zahl der Transplantationen steigern. Vier Jahre später waren es 94.
Jetzt kam in Leipzig ein neuer Organspende-Skandal ans Tageslicht. Gegenüber Eurotransplant, der zentralen Vergabestelle für Organe in den Niederlanden, behaupteten Ärzte der Uni-Klinik fälschlicherweise, dass 38 Leberkranke eine Dialyse erhalten hätten. So steigerten sie die Chance, ein Spenderorgan zu erhalten. Neben dem Direktor stehen zwei Oberärzte unter Verdacht, die Daten frisiert zu haben. Die drei Ärzte bestreiten Manipulationen.
Die Frage ist, ob Honorare die Ärzte zu den Falschangaben motiviert haben könnten. Leipziger Chefärzte kassieren neben ihrem jährlichen Fixgehalt einen Erfolgsbonus, der bis zu 20 Prozent des Einkommens betragen kann, allerdings hängt er von verschiedenen Faktoren ab: der zügigen Behandlung von Patienten oder der Forschungsleistung. Die Zahl der Operationen spielt eine untergeordnete Rolle. Sonderboni für Transplantationen wurden nach Angaben der Klinik nicht gezahlt. Auch gibt es bislang keine Hinweise, dass Leipziger Ärzte von Erkrankten bestochen wurden.
Fest steht, dass Patienten in Leipzig von den Manipulationen profitierten. Eurotransplant verteilt die Spenderlebern unter anderem nach Wartezeit und Dringlichkeit. Die Dringlichkeit wird durch den Meld-Score bestimmt - einen Punktewert, in dem unter anderem die Blutgerinnung und der Kreatininwert des Patienten eine Rolle spielen. Eine Dialyse steigert den Meld. Den größten Nutzen hatten Patienten, die nur einen mittleren Meld hatten und durch falsche Angaben in der Warteliste stark nach oben rückten.
Als im Juli 2012 bekanntwurde, dass Göttinger Ärzte Daten gefälscht hatten, ließ Wolfgang Fleig, der Medizinische Vorstand der Uni-Klinik, die eigenen Patientenakten von internen Kontrolleuren begutachten. Jedoch stießen erst im Dezember externe Prüfer auf Merkwürdigkeiten. Für die Jahre 2010 bis 2012 fehlten Dialyse-Protokolle. Fleig erweiterte die Innenrevision um vier Ärzte, die dann die Manipulationen feststellten.
Im vorigen Jahr wurde das Meldeverfahren an Eurotransplant verfeinert, allerdings kann die Vergabestelle nur prüfen, ob die Angaben plausibel sind. Falschangaben wie in Leipzig können weiterhin ausschließlich bei Kontrollen in den Kliniken entdeckt werden.
Nachtrag : Die Staatsanwaltschaft Leipzig hat das Ermittlungsverfahren gegen den Klinikdirektor im Juli 2015 mangels hinreichenden Tatverdachts gemäß § 170 Abs. 2 StPO eingestellt, nachdem sich der ursprünglich auch gegen ihn gerichtete Verdacht nicht erhärtet hat, Mitarbeiter zu den Manipulationen angehalten oder diese gebilligt zu haben. Gegen die beiden Oberärzte der Leipziger Klinik hat die Staatsanwaltschaft Anklage wegen versuchter Tötung in 31 Fällen erhoben.
Dieser Artikel wurde aus rechtlichen Gründen nachträglich bearbeitet.
Interview: Udo Ludwig, Antje Windmann
Von Udo Ludwig und Antje Windmann

DER SPIEGEL 2/2013
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