07.01.2013

ZEITGESCHICHTEAngemessen beunruhigend

Ihre These von der „Banalität des Bösen“ machte Hannah Arendt berühmt und angreifbar. Jetzt hat Margarethe von Trotta der Philosophin ein überragendes Spielfilmporträt gewidmet.
Kann man Männern eigentlich trauen? Um diese klassische Frage geht es im ersten Dialog des Films "Hannah Arendt" von Margarethe von Trotta, dessen Thema eine weniger klassische Frage ist: ob nämlich Adolf Eichmann, Organisator der "Endlösung der Judenfrage", ein Monstrum oder ein ordentlicher Beamter war, ein pathologisches Geschöpf oder die Verkörperung der Banalität des Bösen. Mit dieser These von der "Banalität des Bösen" wurde aus Hannah Arendt, Hochschullehrerin in den USA und philosophische Autorin von Rang, Anfang der sechziger Jahre eine international umstrittene Figur, mehr geächtet und gehasst als verehrt.
Als sie mit ihrer Freundin Mary McCarthy die Frage diskutiert, ob Männern, Ehemännern zumal, eigentlich zu trauen sei, steht ihr der große Konflikt ihres Lebens noch bevor. Sie lebt mit ihrem Mann Heinrich Blücher in einer weitläufigen, komfortablen Wohnung mit Blick auf den Hudson River und hat dort oft Vertraute zu Gast: McCarthy, eine damals berühmte Schriftstellerin, den Philosophen Hans Jonas und seine Frau, die Journalistin Charlotte Beradt und andere Celebritys der New Yorker intellektuellen Szene. Es ist eine bunte Truppe von deutschen Hitler-Flüchtlingen und amerikanischen Bohemiens und Akademikern, hellwach, leidenschaftlich politisch und lebenserfahren. Man raucht und trinkt und spricht durcheinander; es herrscht die Vitalität von Menschen, die ihre Gegenwart umso mehr lieben, als sie wissen: Das Schlimmste haben sie hinter sich.
Hannah Arendt traut ihrem Mann, weil sie nicht misstrauen will. Er ist ihr Weggefährte seit mehr als 20 Jahren, seit ihrer Zeit in Paris, wohin sie als Jüdin aus Deutschland geflohen war. Mit ihm ist sie 1941 in die USA emigriert, mit ihm und ihrer Mutter hat sie die harten Anfangsjahre in einer Zweizimmerwohnung überstanden, mit ihm ist sie in einem permanenten Gespräch über das, was sie umtreibt: die Chancen der Demokratie, die Versuchung und der Schrecken totalitärer Systeme und die Frage, wie der moderne Mensch ein gutes, also sinnvolles Leben führen kann. Als Blücher, Professor an einem auswärtigen College, nach einer möglicherweise nicht allein verbrachten Nacht nach Hause kommt und die Wohnungstür öffnet, ruft Hannah Arendt ihm zu: "Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen!"
"Müssen wir sofort darüber reden?", fragt er zurück, während er seinen Mantel aufhängt.
Aber ja, das müssen sie: Eichmann ist vom israelischen Geheimdienst aus Argentinien entführt worden, damit ihm in Jerusalem der Prozess gemacht werden kann. Einer der größten Verbrecher des Nationalsozialismus muss Rede und Antwort stehen; zwölf Jahre nach Ende der Nürnberger Prozesse wird, erstmals in Israel, die Vernichtung der europäischen Juden ins Zentrum des öffentlichen Bewusstseins gerückt: Wie konnte es dazu kommen? Was genau ist geschehen? Und wie kann ein Verbrecher, der die Ermordung von Millionen Menschen organisierte, angemessen bestraft werden?
Arendt reist nach Jerusalem, um zu berichten. Sie schreibt für den "New Yorker", damals schon das intelligenteste Magazin Amerikas. Sie sieht Eichmann in seinem Kasten aus Glas sitzen, der ihn vor Angriffen schützen soll, sie hört erschütternden Erzählungen von Überlebenden zu, sie sieht den Chefankläger Gideon Hausner "herumstolzieren, als müsse er mit Eichmann um die Hauptrolle in einem Bühnenstück wetteifern". Die Inszenierung irritiert sie, sie fühlt sich manipuliert. "Israel muss sehr aufpassen, dass der Prozess kein Schauprozess wird", sagt sie im Gespräch mit dem alten Freund und Zionisten Kurt Blumenfeld, der das Unternehmen verteidigt: "Unsere Jugend lehnt es bisher ab, sich mit den ,finsteren Zeiten', wie du sie nennst, zu konfrontieren. Entweder schämen sie sich für ihre Eltern, dass sie nicht gekämpft, sich nicht gewehrt haben, oder sie werfen ihnen vor, dass sie sich unehrenhaft verhalten haben ... Sie glauben, dass nur Kriminelle oder Huren die Lager überleben konnten."
Arendt misstraut der pädagogischen Seite der Sache. Ihr Credo ist: "Ich will verstehen." Sie ist nach Jerusalem gefahren, um einem "Unmenschen" ins Gesicht zu sehen, und sie sieht einen hageren alten Bürokraten, der sich auf Weisungen und Befehlsdisziplin beruft, der darauf beharrt, niemals einem Juden körperlich Gewalt angetan zu haben - was wohl den Tatsachen entspricht -, und der sich in einer verwirrenden Mischung aus detaillierten Sachaussagen und moralischen Phrasen über Ehre und Eid dem intuitiven Verständnis entzieht.
Fest steht: Eichmann ist nicht verrückt. Die Kategorie des Pathologischen ist kein Ausweg, um ihn zu begreifen. Auch sei er, wie Arendt später schreiben wird, "nicht Jago und nicht Macbeth, und nichts hätte ihm ferner gelegen, als mit Richard III. zu beschließen, ,ein Bösewicht zu werden'. Außer einer ganz ungewöhnlichen Beflissenheit, alles zu tun, was seinem Fortkommen dienlich sein konnte, hatte er überhaupt keine Motive; und auch diese Beflissenheit war an sich keineswegs kriminell, er hätte bestimmt niemals seinen Vorgesetzten umgebracht, um an dessen Stelle zu rücken. Er hat sich nur, um in der Alltagssprache zu bleiben, niemals vorgestellt, was er eigentlich anstellte".
Eichmann war, so ihre These, buchstäblich gedankenlos. Das Funktionieren, das Gehorchen an sich war das Prinzip seines Handelns und ersetzte jenes innere Gespräch mit sich selbst, das wir Gewissen nennen, jenen unverfügbaren Raum, in dem Menschen sich selbst begegnen und in dem Verantwortung entsteht. Das nun zu Begreifende lautete: Wie sind politische Systeme beschaffen, in denen nicht das Böse aus klassischen Motiven, wie die philosophische Ethik sie lehrt und unsere Moral sie benennt - Gewinnsucht, Gier und Eitelkeit, Rache und Neid -, sondern die "schiere Gedankenlosigkeit" die entsetzlichsten Folgen hat?
Welche Bedeutung hat diese "Banalität des Bösen", die ohne Pathos, Sadismus und Wahnsinn auskommt, in modernen Gesellschaften mit ihrem historischen Höchstmaß an technischer Effizienz und Arbeitsteilung?
Man muss nicht weit gehen, um die Brisanz von Arendts Überlegungen zu sehen. Der Philosoph Günther Anders, Arendts erster Mann, hat sie am Beispiel der Hiroshima-Piloten durchgespielt, heute zeigt sie sich am klarsten, wenn wir an
die Drohnen denken, die per Knopfdruck von ferne losgeschickt werden: Wer ist da verantwortlich, wenn Menschen getötet werden?
Wundersamerweise ist es Margarethe von Trotta gelungen, über diese so dramatischen wie schwierigen Fragen einen sehr guten Spielfilm zu drehen.
Ihre Mittel sind so überzeugend wie schlicht. Die Eichmann-Szenen sind als Originaldokumente eingebaut, was die historische Wucht des Tatsächlichen unangetastet lässt. Barbara Sukowa ist brillant als die Philosophin, die Selbstbewusstsein und Liebesfähigkeit, Unerbittlichkeit des Denkens und das tiefe Bedürfnis nach Freundschaft gleichermaßen verkörperte. Die Entscheidung für eine Schauspielerin, deren Erscheinung Arendt nicht im Geringsten gleicht, erweist sich als Glücksfall, weil sich so jeder Einfühlungskitsch von vornherein erübrigt. Die kurzen Szenen mit den maskenhaft ähnlichen Darstellern der jungen Arendt (Friederike Becht) und Martin Heideggers (Klaus Pohl), ihres Professors und zeitweiligen Geliebten in Marburg, bestätigen das aufs Schmerzlichste.
Trotta hat einen Essay-Film von höchster Lebendigkeit gemacht, mitreißend in jeder Minute, tief berührend in seinem Ernst und angemessen beunruhigend. Die Skrupel, die ein solches Projekt begleiten, sind nirgends ausgestellt; sie haben stattdessen - bis auf die merkwürdige Erfindung einer Szene, in der Arendt vom israelischen Geheimdienst heimgesucht wird - zu idealen cineastischen Entscheidungen geführt.
In dem ausgezeichneten Buch zum Film, das gerade erschienen ist, werden die Sassen-Tonbänder erwähnt - die Aufzeichnungen jener Gespräche, die der niederländische Altnazi Willem Sassen mit Eichmann in Argentinien führte(*). Aus ihnen geht zweifelsfrei hervor, dass Eichmann ein glühender Antisemit war, zu unmittelbarer Gewaltausübung unfähig, aber zur Vernichtung des jüdischen Volkes entschlossen. Sein Auftreten in Jerusalem war eine gelungene Täuschung.
Merkwürdigerweise hat Arendt das nicht für möglich gehalten; sie hat seinen Worten geglaubt, ihm also gewissermaßen vertraut. Ihre Theorie der "Banalität des Bösen" beruht auf einem missverstandenen Einzelfall. Dass sie gleichwohl unser Denken über Verantwortung und Verbrechen erneuert hat, ist davon unberührt, denn keine ihrer Überlegungen dazu wird sich jemals erübrigen. Margarethe von Trottas Film macht das auf verstörende Weise klar.
(*) "Hannah Arendt. Ihr Denken veränderte die Welt". Hg. von Martin Wiebel. Piper Verlag, München; 256 Seiten; 9,99 Euro.
Von Elke Schmitter

DER SPIEGEL 2/2013
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