07.01.2013

Wenn die Hand zögert

BUCHKRITIK: Der Lyriker Kurt Drawert entwirft mit seinem Buch „Schreiben“ eine faszinierende und komplexe Theorie der Literatur.
In Dresden wurde der Lyriker Kurt Drawert Zeuge, als eine Opernsängerin ausgerechnet bei einer berühmten Arie der "Zauberflöte" den höchsten Ton nicht erreichte und kläglich scheiterte. Der Besucher erlebte es so, "als wäre mir ein Messer zwischen die Rippen gefahren" - es habe eine "ewige Sekunde" gedauert, "ehe die Sängerin, konsterniert und um ihren guten Ruf gebracht, den Ton etwas tiefer ansetzte und die Arie beendete".
Was dieser Schreckensmoment mit den Grundlagen der literarischen Produktion zu tun hat, erörtert Drawert in einem bemerkenswerten Buch mit dem nüchternen Titel "Schreiben" - als Beispiel unter vielen. Es wäre schade, wenn dieses Buch, im Oktober publiziert, unter den Neuerscheinungen der anrollenden Frühjahrsproduktion vorschnell begraben würde - das Frühjahr beginnt schließlich für viele Verleger schon im Januar.
Ein begeisterter Hinweis von Fritz J. Raddatz in der "Welt", ein zweiteiliger Vorabdruck in der "Neuen Zürcher Zeitung", viel mehr gab es bisher nicht. Immerhin: Drawerts Buch steht in diesem Monat an zweiter Stelle auf der Bestenliste des SWR. Leicht wird es sein Theoriewerk trotzdem nicht haben. Der Untertitel "Vom Leben der Texte" könnte dazu verleiten, es für eine der zahlreichen Nachdrucke von Poetikvorlesungen zu halten, die so mancher Autor rasch hinschreibt, um der Einladung einer Universität zu genügen.
Dagegen hat Drawert, 56, den Ehrgeiz, eine gründliche Theorie des Schreibens zu entwickeln. Wer allerdings bei ihm "nach Erfolgsrezepten für gute Bücher sucht", sagt er gleich auf den ersten Seiten, der werde "heilsam enttäuscht". Und mit der zarten Paradoxie dieses Satzes stimmt der Autor gleich auf den Ton seines Buchs ein. Drawerts Fragen sind grundsätzlicher Natur.
So interessiert ihn etwa, was es heißt, Bücher in Zeiten des Internets zu verfassen. Wie wirkt sich der Wechsel von der behäbigen Schreibmaschine zur leichthändigen Tastatur des Computers aus? Was bedeutet die um sich greifende Vernachlässigung der Handschrift?
Jeder, der zum Stift greift, spürt beim Schreiben unausweichlich, dass eine gewisse Verzögerung eintritt. Die Hand kommt dem Vorformulierten im Kopf nur schwer hinterher. Und so stellt sich noch während des Schreibvorgangs ein "Mechanismus der Kontrolle" ein, wie Drawert das nennt: "Schon aus Angst vor der Unleserlichkeit zögert die Hand und zwingt den Gedanken zu sich selbst."
Es sind genaue Beobachtungen, die der aus der DDR stammende Autor hier anstellt. Drawert, der heute in Darmstadt wohnt und dort seit 1997 eine Schreibwerkstatt für junge Autoren leitet, ist vor allem als Lyriker bekannt geworden, hat aber auch reichlich Prosa, darunter zwei Romane, geschrieben - und sich schon des Öfteren als kluger Essayist und Rechercheur in Sachen Literatur erwiesen.
Ein Nostalgiker ist er nicht, der Computer ist für ihn kein Teufelszeug. Das wäre auch ganz sinnlos, weiß er, denn: "Die Handschrift repräsentiert uns nicht mehr." Die Kehrseite allerdings: "Einen nachprüfbaren Spurenverlauf haben wir verloren."
Das Blatt Papier als Träger der Hand- oder Maschinenschrift ließ nur begrenzt Korrekturen, Ergänzungen und Überschreibungen zu: Irgendwann war das Blatt voll, der Platz aufgebraucht. Auf dem Bildschirm dagegen gibt es kein natürliches Ende. Die leere Seite steht immer neu zur Verfügung, jeder Text kann wieder geändert, verbessert oder gleich gelöscht werden, ohne Spuren zu hinterlassen. Und so habe sich, stellt Drawert fest, unter der Hand eine "Diktatur des Perfekten" etabliert.
Das mag für Gebrauchstexte hilfreich sein. Einem literarischen Kunstwerk aber, vermutet Drawert, hafte stets etwas Unperfektes an. "Der Schreibende schreibt immer aus einer Ahnung heraus. Wenn er aus einem Wissen heraus schreibt, kopiert er, was schon bekannt ist." So lautet eine der gelegentlich ins Aphoristische spielenden Überlegungen.
Bisweilen freilich stört Drawerts Ehrgeiz, höchst komplexe Theoriegebilde zu integrieren, die er vor allem bei französischen Theoretikern wie Gilles Deleuze, Félix Guattari oder Jacques Lacan gefunden hat. Das führt ausgerechnet in den Eingangskapiteln zu unnötigen Hürden für Leser, die nicht unbedingt ein Seminar erwarten.
Wenn Drawert aber der Schrecksekunde im Dresdner Opernhaus Ansichten über das väterliche Prinzip der Sprache und das mütterliche des Sprechens abgewinnt und daraus einen neuen Blick auf das Schreiben ableitet, dann hat das einen Überraschungseffekt. Was es heißt, den Ton zu halten, überhaupt einen zu finden, das ist das Geheimnis auch der Literatur.
Schreiben in diesem Sinne ist nicht zuletzt "reiner Klang", der nicht den Gesetzen der Sprache unterliegt, auf diese Gesetze aber nicht verzichten kann. Das Literarische als "Einschluss des Unverständlichen im Verständlichen", das ist eine recht brauchbare Formel. Kurt Drawert entwickelt sie geduldig und überzeugend.
Kurt Drawert: "Schreiben. Vom Leben der Texte". Verlag C. H. Beck, München; 288 Seiten; 19,95 Euro.
Von Volker Hage

DER SPIEGEL 2/2013
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