07.01.2013

KLATSCHPRESSESchlagende Verbindung

Jahrelang zelebrierte das Paar van der Vaart öffentlich sein Eheglück - eine Farce, die nur in Deutschland so viel Aufmerksamkeit erregen konnte.
Im Grunde war nie ganz klar, was diese van der Vaarts genau waren, der HSV-Spieler Rafael und die fröhlich dilettierende RTL-Moderatorin Sylvie: Beckham-Ersatz? Eine Ehefarce, die mit der Trennung letzte Woche aufflog? Ein großartiges Geschäftsmodell, das ihn in den Sport- und sie in den Klatschteil hievte? Deutschland jedenfalls hatte sie ins Herz geschlossen.
Vor den van der Vaarts begnügten sich die Boulevardreporter hierzulande mit Paar-Kalamitäten wie Oliver Kahn und Verena Kehrt, Stefanie Hertel und Stefan Mross, Verona Feldbusch und Franjo Pooth. Die Geschichten handelten von einem verwirrten Torhüter, Hüttenzauber oder Leuten, die ihren Erstgeborenen ernsthaft San Diego Franjo Pooth tauften.
Glamour ist keine deutsche Tugend, nicht mal ein deutsches Wort. Glamour ist eine deutsche Sehnsucht, der Wunsch nach Abendrobe und Negligé, nach Biografien in einer Endlosschleife aus Glück. Es gehört zu den traurigen deutschen Erkenntnissen, dass der liebe Gott dieses Verlangen nach anbetungswürdiger Nationalprominenz den Franzosen, Italienern, Amerikanern, sogar den Engländern erfüllt hat. Nicht aber den Deutschen.
Als der Amsterdamer Rafael van der Vaart 2005 von seinem Heimatclub Ajax zum Hamburger SV wechselte und neben ihm Sylvie auftauchte, eine Blondine, die zwei Jahre zuvor von einem Männermagazin zur erotischsten Frau Hollands gekürt worden war, klang das wie eine Verheißung. Die van der Vaarts sahen besser aus als die Frings, kleideten sich besser als die Nowotnys und waren nicht so peinlich wie die Effenbergs. Rafael spielte gut, und Sylvie machte klar, dass sie jederzeit Intimität gegen Schlagzeilen eintauschte. Die Fernsehrechte an ihrer Hochzeit verkauften sie.
Es folgten Ozeane von Interviews und Homestorys, in denen Sylvie selten zu erwähnen vergaß, dass Hamburg "großartig" sei und sie und ihr "Rafa" die beste Ehe des Planeten führten. Garniert wurde das Eheglück mit Aussagen, wonach ihm Sex "das Wichtigste" sei und sie erotische Dessous liebe.
Es dauerte nicht lange, und auch Sylvie machte Karriere. Sie warb für den Otto-Katalog, wurde Jurymitglied einer Castingshow und bekam eine RTL-Sendung. Zuletzt drehte sie einen Spot, in dem es darum geht, dass sie das Wort Zahnzwischenraumreinigung nicht richtig aussprechen kann.
Nein, sie sind nicht die Beckhams. Rafael sieht nicht so gut aus wie David, weder auf dem Platz noch außerhalb. Sylvie, ein 1,58 Meter großes Model, kommt nicht an Victoria heran, ein Spice Girl, das mit seiner Gruppe über 50 Millionen Platten verkauft hat. Die van der Vaarts verhalten sich zu den Beckhams wie Claudia Roth zu Keira Knightley. Aber der deutsche Boulevard ist ein genügsamer Ort, der gelernt hat, mit dem zu arbeiten, was er hat.
Als Rafael van der Vaart 2008 von Hamburg zu Real Madrid wechselte, ließ Sylvie den Kontakt zu Deutschland nie abbrechen. Ihre Brustkrebserkrankung 2009 war in Deutschland ein größeres Thema als in Spanien. Der "Stern" brachte eine Cover-Story. Deutschland war weiterhin gut zu den beiden. Viel besser als Spanien.
In Madrid war Sylvie nur eine weitere Spielerfrau. Die spanische Presse erinnerte sich noch an die Vorgänger, das eigentliche Original: die Beckhams. Mit Rafael van der Vaarts Wechsel 2010 zu den Tottenham Hotspurs nach London änderte sich nicht viel. In einem Land, in dem Spieler wie Wayne Rooney durch die Nachtclubs ziehen und in dem Spielerfrau ein anerkannter Ausbildungsberuf ist, muss man mehr leisten als zu sagen, dass man "den Rafa" sehr liebhat, um beachtet zu werden.
Es war wohl zwangsläufig, dass die van der Vaarts irgendwann wieder in Deutschland landen würden. Man vermisste einander. Hamburg war im Tabellenkeller, Rafael hatte gerade eine mäßige Saison beendet, und Sylvie war nie wirklich weg gewesen.
Bald schien sich alles zu fügen. Die "Bild"-Zeitung kümmerte sich rührend um die beiden, über die schwierige Wohnungssuche wurde ausführlich berichtet. Der HSV spielte mit Rafael besser, Sylvie war gut im Geschäft. Die beiden bombardierten die Welt mit Bildern ihres Eppendorfer Neureichenglücks.
Dann, in der Silvesternacht, kam es zum Streit. Ein ungewöhnlicher Streit. Erst hieß es, Rafael habe seine Frau geschlagen, was ihn gegenüber "Bild" zu dem in diesem Falle sehr richtigen Satz veranlasste: "Ich bin ein Idiot." Einen Tag später, wieder via "Bild", änderte sich die Version. Rafael habe sich hingelegt, sei aufgeschreckt - und müsse dabei wohl Sylvie so getroffen haben, dass sie zu Boden ging.
Unverändert blieb aber der Trennungsgrund: Man habe sich "auseinandergelebt". Das mit dem Auseinanderleben muss gewissermaßen schlagartig passiert sein, denn noch am 25. Dezember zeigte sich die Familie seligen Blicks vorm Tannenbaum.
Deutschland wird gnädig sein. Niemand wird fragen, wie man über Monate in Interviews und Talkshows so unverfroren lügen kann, um die Karriere zu fördern. Deutschland ist nicht Spanien oder England. Es ist ein nettes Land. Die van der Vaarts wissen das.
Von Juan Moreno

DER SPIEGEL 2/2013
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