21.01.2013

TV-MODERATOREN„Wir müssen gar nix“

Sie gelten als die größte Hoffnung der hiesigen TV-Unterhaltung. Jetzt bekommen Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf eine wöchentliche Show auf ProSieben.
Joachim "Joko" Winterscheidt, 34, arbeitete nach einer abgebrochenen Ausbildung zum Werbekaufmann als Redakteur für verschiedene TV-Sender. Klaas Heufer-Umlauf, 29, gelernter Friseur, war zunächst als Maskenbildner tätig. Beide hatten bereits Erfahrung als Moderatoren, als der Musiksender MTV sie 2009 für die Show "MTV Home" als Duo zusammenspannte. 2011 wechselten sie zum Spartenkanal ZDFneo und waren gelegentlich bei ProSieben zu sehen. Im vorigen Jahr erhielten sie den Deutschen Fernsehpreis.
SPIEGEL: Herr Heufer-Umlauf, Herr Winterscheidt, wie fühlt es sich an, wenn man sich zum ersten Mal richtig beweisen muss?
Heufer-Umlauf: Korrigiere: zum zweiten Mal. Meine Führerscheinprüfung hat mich auch ziemlich fertiggemacht.
Winterscheidt: Und ich habe immerhin schon eine Tochter gezeugt.
SPIEGEL: Bisher haben Sie gut behütet auf dem Spartenkanal ZDFneo vor sich hin gesendet. Die Einschaltquote war egal. Das wird sich jetzt ändern.
Heufer-Umlauf: Wir haben lange genug behauptet, dass wir großes Fernsehen können. Nun müssen wir es auch beweisen.
SPIEGEL: Wächst die Angst, Fehler zu machen?
Heufer-Umlauf: Man wird vorsichtiger mit dem, was man in Interviews sagt. Ich finde zum Beispiel, dass das Kanzlergehalt hoch genug ist.
Winterscheidt: Das Risiko ist begrenzt. Unsere neue Sendung "Circus Halligalli" ist die Weiterentwicklung von "neoParadise" in einem neuen Umfeld.
SPIEGEL: In Ihren Sendungen lassen Sie sich Kochsalzlösung in Form eines Donuts in die Stirn spritzen, Sie duellieren sich mit dem Rapper Cro, bis Kunstblut fließt. Wundert es Sie eigentlich, dass Sie beide als große Hoffnung der deutschen Fernsehunterhaltung gelten?
Winterscheidt: Minus mal minus ergibt offenbar tatsächlich plus. Oft stehen wir einfach nur da und wundern uns.
SPIEGEL: Das ZDF hatte Sie erst als Nachfolger für Thomas Gottschalk in der Ziehung ...
Winterscheidt: ... das haben wir auch gelesen.
SPIEGEL: Aus dem ZDF ist außerdem zu hören: Als klar war, dass Markus Lanz "Wetten, dass ..?" übernimmt, schlug der Sender Ihnen vor, Lanz als Co-Moderatoren zu unterstützen.
Heufer-Umlauf: Ja, die Idee gab es. Aber es wäre nicht sinnvoll gewesen, drei Alpha-Tiere in so eine Halle zu stellen. Lanz ist der Gastgeber. Da kann man sich ausrechnen, was für zwei junge Nebenmoderatoren noch übrigbliebe. Und dass wir nicht die Requisiten reintragen, war ja wohl klar.
SPIEGEL: Zuletzt haben sich zwei Sender um Sie geprügelt: ProSieben und das ZDF, das Sie von Neo ins Zweite holen wollte, um Sie für Shows um 20.15 Uhr aufzubauen. Warum wollten Sie das nicht?
Heufer-Umlauf: Das ZDF verjüngt sich gerade, aber es ist damit noch nicht weit genug. Mit alldem, was wir machen möchten, kämen wir dort einfach zu früh. Das ZDF ist nicht Punkrockhausen, sondern, und das soll bitte schön so bleiben, ein Sender, der auch für meine Mutter und meine Oma akzeptabel ist. Wir wollen niemanden erschrecken.
SPIEGEL: In Wahrheit sind Sie beide doch gar nicht so frech. Als Sie, Herr Winterscheidt, neulich auf Geheiß Ihres Kompagnons einer Messehostess an die Brust getippt haben ...
Winterscheidt: ... nicht gerade eine Sternstunde ...
SPIEGEL: ... hat Herr Heufer-Umlauf sich hinterher auf Twitter dafür entschuldigt.
Winterscheidt: Das fand ich richtig.
SPIEGEL: Hat sich der junge Harald Schmidt jemals für eine Entgleisung entschuldigt? Oder der junge Raab?
Winterscheidt: Das weiß ich ehrlich gesagt nicht, wir fanden es in diesem Fall angebracht.
SPIEGEL: Aus welchen Fehlern haben Sie gelernt?
Winterscheidt: Ich würde mich nicht wieder neben Wigald Boning und Désirée Nick in die Jury von so einer Sat.1-Tanz- Show setzen. Damals war ich bei MTV, habe das als Ausflug ins große Fernsehen betrachtet - und war enttäuscht. Erst sollte ich den jungen Typen geben, der den Mund aufmacht, aber dann hieß es: Nee, das kannst du bei uns so nicht sagen.
Heufer-Umlauf: Ich war mal bei so einer RTL-Sendung eingeladen, "18" hieß die. Es wurde Musik aus meiner Jugend gespielt, ich habe das Konzept nicht kapiert. Ich habe da Leute getroffen, so Fernseharbeiter, die machen seit 20 Jahren ihren Job und finden das eigentlich superblöd, was sie da tun. Und der Prozentsatz ist in der Branche ziemlich hoch.
SPIEGEL: So wollen Sie nicht werden.
Heufer-Umlauf: Davor dachte ich, wer beim Fernsehen arbeitet, den hat das Glück geküsst. Da war ich ernüchtert. Ich kann sagen: Ich stehe zu dem, was ich mache. Wenn wir uns diese ehrliche Freude bewahren, haben wir schon viel geschafft.
SPIEGEL: Das nehmen sich anfangs alle vor.
Heufer-Umlauf: Man definiert sich ja auch über das, was man nicht macht. Hape Kerkeling bewundere ich dafür, dass er ein Meister im Absagen ist.
SPIEGEL: Wann haben Sie gemerkt, dass Sie im Fernsehen viel Geld verdienen können?
Heufer-Umlauf: Es ist kein Geheimnis, dass man dort mehr verdient als in meinem früheren Beruf Friseur ...
SPIEGEL: ... Sie müssen sich nicht rechtfertigen ...
Heufer-Umlauf: ... aber ich finde nichts ekliger, als wenn Entertainer von ihrem Kontostand schwadronieren.
SPIEGEL: Ist es umgekehrt nicht verlogen, wenn wohlhabende Leute einem erklären, wie unwichtig Geld für sie ist?
Heufer-Umlauf: Wir müssen nicht darben, aber wir hängen uns nicht die Goldketten um und schicken das Foto auf Twitter rum. Wenn ich eine Sendung machen würde, für die ich mich schämen müsste, könnte ich nicht in meiner wahnsinnig geilen Karre sitzen und sagen: Yeah! Meine Kohle!
SPIEGEL: Mittlerweile haben Sie aber Verantwortung. Für Ihre Familien, für Ihre Mitarbeiter. Vielleicht müssen Sie irgendwann doch ...
Winterscheidt: Wir müssen gar nix. Sie müssen das ja auch nicht.
Heufer-Umlauf: Man geht doch nicht mit 20 ins Fernsehen und muss das dann bis 60 machen, und wenn es keine guten Sendungen gibt, muss man die beschissenen machen. Eine Option muss immer heißen: Dann eben nicht.
Winterscheidt: Vielleicht machen wir dann etwas ganz anderes. Schmuckdesigner zum Beispiel. Oder ich werde endlich Automechaniker, das war eine ganze Zeit lang mein Traumberuf. Manchmal denke ich, vielleicht haben die Leute, die nicht im Fernsehen sind, das glücklichere Leben. Die meisten meiner Freunde haben viel mehr Zeit für ihre Familie als ich.
SPIEGEL: An Ihnen beiden nagt die Angst, vom Fernsehen verdorben zu werden.
Heufer-Umlauf: Es gibt immer Menschen, die man gut findet. Das Drumrum ist ein Apparat, von dem man nicht Teil sein möchte. Diese Leute, die vorn in die Autowaschanlage Fernsehen reingehen und hinten rauskommen und anders aussehen. Nein, du musst immer wieder nerven und sagen: Wir wollen das anders.
Winterscheidt: Aber ohne Persönlichkeitsstörung strebst du unseren Beruf nicht an.
SPIEGEL: Wie gestört sind Sie beide?
Heufer-Umlauf: Da gibt es nichts Ernsthaftes. Halt ein paar Neurosen. Mein zwanghaftes Knacken mit den Handgelenken. Oder dass ich auf dem Schreibtisch alles der Größe nach ordne: Brillenetui, Stift, Radiergummi.
Winterscheidt: Ich bin manchmal ohne Grund gutgelaunt.
Heufer-Umlauf: Du lachst dann immer so exaltiert.
Winterscheidt: Das hat schon manche unserer Shows gerettet.
SPIEGEL: Sind Sie beide auf Gedeih und Verderb zusammengeschweißt?
Winterscheidt: Unbedingt. Wir hatten sogar schon überlegt, uns für die RTL-"Traumhochzeit" zu bewerben.
Heufer-Umlauf: Jetzt, wo sich alle berühmten Paare trennen, wollen wir da nicht hinterherrennen. Aber vielleicht ist es ja irgendwann wie bei Modern Talking. Einer geht links von der Bühne ab, der andere rechts. Und dann rauscht man in zwei verschiedenen Autos ab.
Interview: Markus Brauck, Alexander Kühn
Von Markus Brauck und Alexander Kühn

DER SPIEGEL 4/2013
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