21.01.2013

SAHARADie Tore der Hölle

Wird die Sahara das neue Afghanistan? In Mali bekämpfen Franzosen Islamisten, in Algerien griffen Dschihadisten ein Gasfeld an - der Kontakt zwischen den Terrorgruppen ist eng.
Am Montag vergangener Woche noch war der Bauunternehmer Daouda Sy aus Diabaly in Mali kurz davor, ein reicher Mann zu werden: Gerade hatte er einen Millionenauftrag angenommen, seine Firma sollte Bewässerungsanlagen und Straßen bauen. 1500 Arbeiter standen schon unter Vertrag.
Seit Dienstag aber ist Daouda Sy ein Flüchtling mit nichts als dem, was er am Leib trägt: "Wir hörten gegen Mittag Schüsse und wussten sofort: Sie sind da." Bärtige Männer mit Kalaschnikows stürmten das Firmengebäude, sie schlossen die nagelneuen Pick-ups kurz und verwüsteten die Büros. Zusammen mit seinem Fahrer versteckte Daouda Sy sich, dann rannten sie los.
Es dauerte Tage, bis die beiden sich in die sichere Hauptstadt Bamako durchschlagen konnten. Der Unternehmer hätte nie gedacht, dass es die Islamisten aus dem Norden Malis bis nach Diabaly schaffen würden - schon gar nicht, seit die Franzosen da sind, seit "Rafale"-Jets und "Gazelle"-Hubschrauber die Kolonnen und Unterstände der islamistischen Kämpfer beschießen.
Vor neun Monaten eroberten Islamisten der Organisation Ansar al-Din die gesamte Nordhälfte Malis und errichteten ein grausames Scharia-Regime. Doch was monatelang wirkte wie ein regionaler Konflikt irgendwo in der Sahara, weitet sich nun zu einer neuen Front im weltweiten Kampf gegen den Terror aus: Die Dschihadisten versuchen seit vorvergangener Woche, auch den Rest des Landes einzunehmen, Zehntausende Menschen sind auf der Flucht.
Und der Westen greift ein: Französische Truppen schlagen seit Freitag vorvoriger Woche auf Bitten der Regierung in Mali zurück, Unterstützung schickt die westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft Ecowas.
"Dieser Krieg ist eine Aufgabe für alle Nachbarstaaten", so Alassane Ouattara, Präsident der Elfenbeinküste und Ecowas-Vorsitzender, als er vergangene Woche in Berlin zu Gast war. "Von Mali aus bedrohen die Islamisten ganz Westafrika." Franzosen und Afrikaner fürchten, dass Mali zu einem neuen Afghanistan werden könnte, zu einem gescheiterten Staat, den Terroristen als Basis und Rückzugsgebiet nutzen könnten.
Wie berechtigt die Furcht ist, zeigte sich beängstigend schnell, am Mittwoch vergangener Woche: Islamisten, die mit Ansar al-Din kooperieren, überfielen die Gasförderanlage Ain Amenas im Süden des Nachbarlandes Algerien und nahmen Hunderte Geisel, darunter viele Ausländer. Sie forderten ein Ende der französischen Intervention in Mali, die Freilassung von zwei Extremisten aus amerikanischer Haft - und sie drohten mit weiteren Angriffen.
Die Islamisten der Sahelzone sind harte Gegner, nicht nur Krieger in Badelatschen, die bei der ersten Explosion auseinanderstieben. Sie seien "entschlossen, gut ausgerüstet und gut trainiert", klagt der französische Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian.
Die Franzosen, die Ecowas-Truppen und die marode Armee Malis werden womöglich lange kämpfen müssen, sollten sich die Islamisten auf eine Guerillataktik verlegen. "Frankreich hat die Tore der Hölle geöffnet", drohte ein Islamisten-Sprecher.
Seit den ersten Luftangriffen ist der Norden Malis von der Außenwelt abgeschnitten. In Gao beobachtete der Lokaljournalist Moumouni Touré, wie ein Führer der Islamisten sich eigenhändig mit einem Seitenschneider an Handy-Masten zu schaffen machte. "Sie unterbrechen die Verbindung, damit die Bevölkerung die Franzosen nicht mit Informationen versorgen kann", sagt Touré.
In der Stadt trafen die französischen Bomben als Erstes ein Camp der Islamisten und einen Kontrollpunkt, den sie an der Straße nach Süden errichtet hatten. Touré spürte, wie die Erde unter den Einschlägen bebte. Er schätzt die Zahl der Toten nach der ersten Angriffswelle der Franzosen auf mindestens 60.
Die Bevölkerung jubelte, in den Straßen Gaos ließen sich die Islamisten seltener blicken. Die Menschen kamen wieder aus ihren Häusern, hörten Musik und rauchten - beides hatten die Islamisten verboten. "Die Angst hat die Seiten gewechselt", sagt Touré.
Der Angriff der ehemaligen Kolonialmacht Malis kann die Islamisten kaum überrascht haben. Ein Dreivierteljahr lang herrschen sie schon über Gao, Kidal und Timbuktu. Sie zertrümmerten historische Denkmäler, richteten ihre Gegner öffentlich hin, peitschten sie aus oder verstümmelten sie. Aber sie sorgten auch vor: Bewohner von Gao wissen von Höhlen, bunkergleich angelegt, weit draußen in der Wüste gegraben, so groß, dass Autos darin versteckt werden können. Sie sind angeblich gefüllt mit Lebensmitteln, Waffen, Munition und Sprit. Die Islamisten sind noch lange nicht am Ende.
Innerhalb von vielleicht sechs Monaten könne es zwar gelingen, die großen Städte von ihnen zu befreien, meint der Pariser Mali-Experte Philippe Hugon. Aber bis die entlegenen Weiten an der Grenze zu Algerien oder Niger unter Kontrolle sind, könnten Jahre vergehen.
Begonnen hatte der Vormarsch der Islamisten vor einem Jahr: In der Nacht zum 17. Januar 2012 schlichen sich Dschihadisten bei Adjelhoc an einen Verband der malischen Armee heran. Sie überraschten die Soldaten im Schlaf, mehr als 80 starben in dem Gefecht.
Die Sieger des Scharmützels unterstehen dem Kommando eines Mannes mit schillernder Persönlichkeit: Iyad Ag Ghali gehört zu den Tuareg; jahrelang agierte er als Unterhändler zwischen der Regierung in Bamako und der unruhigen Volksgruppe, die immer wieder für Autonomierechte zu den Waffen greift - und er half auch der Regierung in Berlin 2003 bei einem Geiseldrama.
Als Ag Ghali in der Tuareg-Bewegung politisch kaltgestellt wurde, wendete er sich dem radikalen Islam zu. Seine Gruppe Ansar al-Din dominiert heute im Norden des Landes.
Drogen-, Waffenschmuggel und Entführungen haben Millionen in die Kasse von Ag Ghali gespielt. Er deckte sich mit Waffen ein, die aus der Konkursmasse des Gaddafi-Regimes im benachbarten Libyen gerade günstig zu haben sind.
Dann schloss sich Ansar al-Din mit anderen Dschihadisten zusammen. Darunter sind auch Ableger der Qaida im Maghreb (Aqmi), die seit Jahren in den Wüstengebieten Algeriens, Libyens, Mauretaniens und Malis operieren.
Einer von Ag Ghalis engsten Verbündeten ist Mokhtar Belmokhtar, "der Einäugige". Der Algerier verdankt seinen Beinamen einer Kriegsverletzung, die er sich als Jugendlicher im Kampf gegen die Sowjets in Afghanistan zugezogen hat. Er hat noch einen weiteren Spitznamen, "Mr. Marlboro", weil er den Schmuggel, unter anderem von Zigaretten, durch die Sahara organisiert.
Die Franzosen führen ihn schon lange ganz oben auf ihren Fahndungslisten, zahlreiche Anschläge und Entführungen gehen auf Belmokhtars Konto. Seine Dschihadisten-Schar bedroht auch die Uranroute in Malis Nachbarland Niger. Frankreich baut dort den Rohstoff für seine Atomkraftwerke ab.
Es waren Belmokhtars Kämpfer, wahrscheinlich rund 20 Mann, die am Mittwoch vergangener Woche die Gasförderanlage im algerischen Ain Amenas in ihre Gewalt brachten. Die algerische Armee antwortete sofort und sehr massiv. Bei ihren Befreiungsangriffen starben mindestens 12 der ursprünglich rund 600 Geiseln. Noch während der Gefechte drohten die Terroristen, sie würden weitere Anschläge auf Ausländer in Algerien vorbereiten. Ihren Einsatz sollen Belmokhtars Leute im Norden Malis geplant haben, unter dem Schutz von Ag Ghali.
Gegen dessen Ansar al-Din hatte die malische Armee von Anfang an keine Chance. Sie ist technisch und mental in einem katastrophalen Zustand. Dabei versuchen die USA schon lange, die Truppe gegen al-Qaida aufzubauen. Geheime Depeschen aus US-Botschaften, veröffentlicht auf der Enthüllungsplattform WikiLeaks, offenbaren, wie entsetzt amerikanische Experten über die Schwäche der malischen Armee urteilten: Es fehle an grundlegendem Nachschub, die meisten Fahrzeuge seien kaputt, die Ausbildung miserabel, die Moral am Boden. Eine Luftwaffe hat Mali erst gar nicht.
Die Amerikaner trainierten zwar vier Spezialeinheiten mit zusammen 600 Mann für den Anti-Terror-Kampf. Aber das war keine gute Idee, denn drei der Eliteverbände liefen inzwischen geschlossen zu den rebellierenden Tuareg über - weil die meisten der Kommandeure Tuareg sind.
Einer der Soldaten, die nicht überliefen, war Hauptmann Amadou Sanogo, der sogar in Amerika selbst ausgebildet worden ist. Doch er richtete noch mehr Schaden an: Im März vergangenen Jahres putschte Sanogo mit einigen Getreuen in Bamako den gewählten Präsidenten aus dem Amt.
Dioncounda Traoré, nun Übergangsstaatsoberhaupt von Sanogos Gnaden, hat bis heute ein Legitimitätsproblem. Das erschwert einen internationalen Hilfseinsatz, der letztlich eine Putschistenregierung im Amt hält.
Wenigstens brachte Traoré vorvergangene Woche den Mut auf, Frankreich um Hilfe zu bitten - wohl gegen Widerstand von Teilen der Armee. Die einstige Kolonialmacht wurde dann von den Maliern begeistert empfangen, ihre Soldaten wurden als Retter bejubelt. Seit Mittwoch landen auch Ecowas-Truppen aus dem Tschad, Nigeria und Ghana in Mali.
Und Ecowas-Chef Alassane Ouattara reiste vergangene Woche nach Berlin, um mehr Hilfe einzuwerben. Er traf Kanzlerin Angela Merkel, die den Einsatz der Franzosen bislang nur mit zwei Transportflugzeugen unterstützt. Ouattara blieb höflich, aber unter der aufgepflanzten Standarte seines Landes in einer Suite des Hotels Adlon sagte er dem SPIEGEL: "Deutschland muss sich mehr engagieren. Ich meine, auch mit Truppen."
Die Ängste gerade der Deutschen, Mali könne zu einem zweiten Afghanistan werden, zu einem endlosen Einsatz mit vielen Gefallenen und ohne Fortschritte, möchte er natürlich zerstreuen: "Ich sehe keine Parallelen." Der radikale Islam habe in Mali keinen Rückhalt in der Bevölkerung. "In Mali gibt es nur eine geringe Zahl von Terroristen. Die meisten sind Ausländer."
Und es gebe kein Land in der Umgebung, das die Fanatiker heimlich unterstütze, wie Pakistan die afghanischen Taliban. Aber vor allem, so argumentiert Ouattara, wäre es ein Desaster, wenn es den Alliierten nicht gelingen sollte, die Terroristen niederzuringen. Die Sicherheit auch der Bundesrepublik, meint er, werde eben derzeit in der Sahara verteidigt.
Von Paul Hyacinthe Mben und Jan Puhl

DER SPIEGEL 4/2013
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