21.01.2013

KINODie Lincoln-Lektion

Steven Spielbergs Film über den US-Präsidenten Abraham Lincoln erzählt davon, dass es manchmal unlautere Methoden braucht, eine kaputte Nation zu retten. Einige Szenen sind auch als Aufforderung an Obama zu verstehen.
Im Ostflügel des Weißen Hauses gibt es ein Kino, 40 Plätze, Sessel aus Samt, Holzornamente. Es wird nicht häufig benutzt, aber wer dort seinen Film zeigen darf, weiß, dass er einen besonderen Film gemacht hat. An einem Donnerstag im November, gut eine Woche nachdem Barack Obama doch noch gesiegt hatte, lud er den Regisseur Steven Spielberg zu sich ins Kino ein.
Spielberg hatte seinen Film "Lincoln" dabei, außerdem auch seinen Hauptdarsteller Daniel Day-Lewis und den Drehbuchschreiber Tony Kushner. Obama hat Spielberg einiges zu verdanken, unter anderem eine Million Dollar, mit der der Regisseur den Wahlkampf des Präsidenten unterstützt hatte. Nun sollte zu dem Geld noch eine Lektion hinzukommen.
"Nein, nein, nein!", sagt Spielberg, wenn man mit ihm über diesen Nachmittag spricht. "Lektion? Das ist viel zu viel. Wer bin ich, den Präsidenten belehren zu wollen? Ich habe einen Film über Lincoln gemacht. Nicht über Obama." Dennoch gab es bisher wenige Zuschauer, die bei Spielbergs Lincoln-Film nicht an Obama und seine Nöte denken mussten.
Drei Wochen später hat Spielberg in das Four Seasons Hotel in Beverly Hills gebeten. Er möchte über Politik reden. Er sei ein "News-Junkie" und "Politikfan", sagt er, eine bemerkenswerte Information für all jene, die bei Spielberg zuerst an seine Blockbuster über Haie, Dinosaurier oder Außerirdische denken.
Vor dem Interview hat Spielberg durch seine Assistentin zwei Bücher aushändigen lassen. Eins über Lincoln von der Historikerin Doris Kearns Goodwin, es war die Hauptinspiration für den Film. Das andere Buch handelt von Spielberg und ist deutlich imposanter. Der eine Gigant nimmt sich des anderen an, so lautet die Botschaft, und das Ergebnis ist an einen dritten Giganten gerichtet, den amtierenden Präsidenten.
13 Jahre lang hat Spielberg an diesem Film gearbeitet, er gehört in die Werklinie von "Schindlers Liste" und "Der Soldat James Ryan", seinen Erzählungen vom Ringen Einzelner in den Mühlen der Geschichte, Oskar Schindler im Wahnsinn des Holocausts, James Ryan bei der Befreiung Europas, nun Abraham Lincoln bei der Abschaffung der Sklaverei. Spielberg hat mit dieser Art von Filmen Oscars gewonnen und mit den übrigen, dem Unterhaltungszweig, einen Großteil seiner 3,2 Milliarden Dollar verdient. So gesehen war nie einer erfolgreicher in Hollywood. Gerade ist er 66 geworden. Was er an diesem Nachmittag noch nicht weiß, wovon er aber ausgehen durfte: "Lincoln" wurde vor zwei Wochen für zwölf Oscars nominiert.
Nach der Vorführung im Weißen Haus gratulierte Obama dem Regisseur. Spielberg überlegt kurz, dann sagt er: "Vielleicht ist der Film für ihn eine Inspiration. Präsidenten interessieren sich ja für nichts mehr als für andere Präsidenten."
Tatsächlich, so hat es die "New York Times" neulich nachgezählt, hat bisher kein Präsident Abraham Lincoln so häufig erwähnt wie Obama. Möglicherweise mag ihn der Gedanke an seinen Vorgänger von vor 150 Jahren trösten, wenn Obama heute auf diese ermüdete Nation blickt, die er nun noch einmal vier Jahre regieren soll. Das Land, das Lincoln regieren musste, war noch tiefer gespalten, es befand sich im Bürgerkrieg. Aber er vereinte die Nation, beendete den Krieg und schaffte die Sklaverei ab. Er konnte das, weil er seine Gegner im Kongress austrickste. Obama aber ist es nur unter größter Anstrengung gelungen, die Republikaner zur Zusammenarbeit zu bewegen, die Haushaltslöcher notdürftig zu stopfen und in letzter Sekunde das automatisch einsetzende Sparprogramm abzuwenden. Was ist die Abwendung der Fiskalklippe gegen die Abschaffung der Sklaverei?
Was Lincoln Obama voraushatte, das konnte der Präsident in Spielbergs Film besichtigen: dass die großen, hehren Ziele manchmal nur unter Einsatz von Mitteln zu erreichen sind, die alles andere als groß und hehr sind. Mit Lügen, Bestechung, miesen Spielen hinter verschlossenen Türen. Nur davon handelt Spielbergs Film, ein virtuoser "Gesetzgebungsthriller", wie der "New Yorker" schrieb. "Lincoln" erzählt nicht Leben und Werdegang des Präsidenten, sondern nur die dramatischen Krisenwochen im Januar 1865 - kurz bevor er im April ermordet wurde.
Daniel Day-Lewis, der sich ein Jahr lang auf die Rolle vorbereitet hat, spielt einen riesigen, schlaksigen Mann, der sich bewegt, als gehörte sein Körper nicht zu ihm; einen Politiker voller Hingabe, Weisheit und Gerechtigkeit, der aber die Macht seines Amtes rücksichtslos ausspielt; einen Ehemann, der mit einer verzweifelten - heute würde man sagen: depressiven - Frau verheiratet ist; einen Vater, der zwei Söhne verloren hat, einen durch Tuberkulose, der andere starb während des Krieges an Typhus. Nun will der dritte Sohn in diesen Krieg, den der Vater nicht beenden kann.
Der Krieg dauert bereits fast vier Jahre und hat das Land ausgewrungen. Die Südstaaten, die sich abspalten wollten, damit sie weiterhin Sklaven halten können, stehen kurz vor der Niederlage. Doch auch der Norden ist ausgeblutet. Bald schon sind Unterhändler des Südens auf dem Weg nach Washington, Kapitulationsverhandlungen. Doch Lincoln kann den Krieg noch nicht beenden, nicht jetzt.
Er muss vorher das 13. Amendment, einen Verfassungszusatz, durch den Kongress bringen, die endgültige Abschaffung der Sklaverei. Schwierig genug, ihm fehlen noch einige Stimmen für die Zweidrittelmehrheit. Unmöglich aber würde es, wenn er Frieden schließt, wenn die Südstaaten in die Union zurückkehren und deren Abgeordnete wieder im Kongress sitzen. Bis zu der Abstimmung muss er den Frieden verhindern, ein paar Wochen lang nur. Er muss weiteres Elend, weitere tote Söhne, vielleicht gar den eigenen, in Kauf nehmen. Das ist der eine moralische Zwiespalt.
Der andere hat mit den fehlenden Stimmen zu tun. Mit noblen Reden, wie Obama es versuchen würde, wird Lincoln sie nicht bekommen. Er heuert Spindoktoren an, die Abgeordnete mit Jobs in der Regierung bestechen sollen. Und wie Spielberg dies inszeniert, klaustrophobisch wie ein Kammerspiel mit eigentlich viel zu langen Dialogen, die einen doch nicht loslassen - das hat man von diesem Regisseur noch nicht gesehen.
Am Ende gelingt Lincoln beides, die Beendigung des Krieges und die Verabschiedung des 13. Amendments. Man kann also, das ist die Durchsage des Films, etwas Radikales, moralisch Übergeordnetes, beinahe Unmögliches im Rahmen der demokratischen Institutionen erreichen. Aber man muss bereit sein, die eigene Integrität zu beschmutzen, selbst in den Schlamm der politischen Auseinandersetzungen hinabzusteigen.
"Die Herausforderung von Politik besteht exakt in dieser Verbindung aus hehrer Vision und niederer Gerissenheit", schrieb der konservative "New York Times"-Kommentator David Brooks und empfahl jedem, der angesichts der aktuellen Trostlosigkeit das Vertrauen in die Politik verloren hat, diesen Film zu sehen. Er erwähnt Präsident Obama nicht, aber es schwingt in jeder Zeile mit, dass dem heutigen Präsidenten ebenjene Härte fehle, die eigene Integrität aufs Spiel zu setzen. Zu klar steht dem Land noch die erste Fernsehdebatte zwischen Barack Obama und Mitt Romney vor Augen, als der Präsident sich auf eine Gentleman-Position zurückzog und wenig Willen erkennen ließ, den mit Verneblung und Lügen operierenden Herausforderer zu stoppen.
"Oh, grauenhaft!", Spielberg haut sich mit den Händen auf den Hinterkopf. Er glaubt, sein Film, den er bewusst kurz nach der Wahl in den USA in die Kinos gebracht hat, könnte nun einen reinigenden Effekt haben nach all den Lügen, der ideologischen Spaltung, die das Wahljahr zum Vorschein gebracht hat. Der politische Prozess sehe nicht immer schön aus, sagt er, "doch selbst wenn er etwas zwielichtig ist - das Amendment durch den Kongress zu bringen war wichtiger als die Frage, wie es durchgebracht wurde".
Er unterbricht sich, schaut angriffslustig. Ihm ist klar, dass ihm solche Sätze um die Ohren fliegen können. Wo landet der, der Prinzipien opfert, weil er ein Ziel unbedingt erreichen will?
"Eine gefährliche Entscheidung. Ich weiß. Aber würden Sie die Sklaverei behalten, es vielleicht in hundert Jahren noch einmal probieren, weil Sie einem kleinen Abgeordneten nicht den Job des stellvertretenden Postministers geben wollen?"
Interessanterweise befassen sich die beiden großen politischen Hollywood-Filme derzeit mit ähnlichen Fragen. Kathryn Bigelows "Zero Dark Thirty" über die Jagd nach Osama Bin Laden bewegt sich tief hinein in das Gestrüpp aus moralischen Kosten-Nutzen-Rechnungen, wenn er zeigt, dass es auch Folter war, die die Ergreifung Bin Ladens erst möglich machte.
Als Spielberg noch ein Junge war, es muss 1951 oder 1952 gewesen sein, ist er mit seinem Vater in die Hauptstadt, nach Washington, gereist. Sie haben sich das Weiße Haus angesehen, wo damals Truman wohnte, und das Kapitol. Gegenüber dem Kapitol, am anderen Ende der Mall, saß er auf seinem Sockel, riesengroß. "Das ist Lincoln", sagte der Vater.
Spielberg sagt heute: "Er hat mich zu Tode erschreckt. Einerseits majestätisch, andererseits so verkrampft, so schlabbrig, so skeletthaft." Von da an habe ihn dieser Mann nicht mehr losgelassen.
"Vielleicht ist er die letzte identitätsstiftende Gemeinsamkeit, auf die dieses Land sich einigen kann. Bei allem anderen sind wir gespalten in Blau und Rot. Und bei jedem, den ich treffe, weiß ich sofort, in welches Lager er gehört."
Der Harvard-Evolutionspsychologe Steven Pinker hat in einem Aufsatz beschrieben, woran es liegen könne, dass der ideologische Riss das Land so messerscharf teilt. Ideologie, schreibt Pinker, habe ihren Ursprung in unterschiedlichen Sichtweisen auf die menschliche Natur.
Die Rechte hat traditionell eine "tragische Perspektive auf den Menschen, derzufolge er stets beschränkt ist in Moral, Wissen und Vernunft". Weil seine Aggressionen den Menschen stets in Versuchung führen, braucht es ein starkes Militär, die Möglichkeit zur Selbstverteidigung und ethisch-religiöse Verbindlichkeiten. Weil der Staat aber nur von Menschenhand geschaffen ist, wird ihm nicht zugetraut, klug genug zu sein, um Sozial- und Wirtschaftssysteme zu kontrollieren. Übersetzt in ein politisches Programm heißt das: aggressives Militär, mehr Religion, laxe Wirtschaftsregulierung, Recht auf Waffen, niedrige Steuern. Das ist exakt das Programm der Republikaner.
Die Linke hingegen sieht den Menschen aus einer "utopischen Perspektive": Er ist lernfähig, er stellt rationale Überlegungen für ein besseres Zusammenleben an, die er durch öffentliche Institutionen verwirklichen will. Politisch heißt das: internationale Anbindung, Wissenschaft über Religion, Waffengesetze, Freiheit in Lebensweise und Sexualität, Kontrolle der Regierung über soziale Gleichheit.
Die Utopisten und die Tragiker, sagt Spielberg, es seien genau diese Unterschiede, die auch schon vor 150 Jahren dieses Land gespalten haben. Er notiert sich den Namen Steven Pinker in sein Notizbuch. Er möchte den Mann anrufen. Wirklich? Klar. Er habe immer schon mit Wissenschaftlern zusammengearbeitet, besonders natürlich bei "Lincoln".
Noch einmal die Frage: Der Film ist wirklich keine Botschaft an Obama?
"Bisher wurden fast alle Ideen Obamas von einer hocheffektiven politischen Maschine seiner Gegner begraben. Lincoln hat irgendwann seine Integrität aufs Spiel gesetzt. Da wurde es gefährlich. Warten Sie ab. Obama wird ins Spiel einsteigen."
Von Philipp Oehmke

DER SPIEGEL 4/2013
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