21.01.2013

Pilot mit Promille

FILMKRITIK: In „Flight“ kämpft Denzel Washington gegen den Absturz. Eine Meisterleistung.
Als Whip Whitaker eines Morgens aus unruhigen Träumen erwacht, hat sich sein Rausch in einen starken Kater verwandelt. Die Nacht war kurz, aber lang genug, um den Kühlschrank im Hotelzimmer zu plündern. Jetzt stehen überall leere Flaschen herum, Wodka, Bier, Wein, und während die nackte Frau neben ihm - wie heißt sie noch? - gerade aufsteht und sich anzieht, trinkt Whitaker das letzte Bier, das er finden kann. Frühstück wäre jetzt nicht schlecht. Stattdessen schnupft er Kokain.
Als Nächstes sehen wir, wie Whitaker, gespielt von Denzel Washington, das Hotel verlässt. Er geht zur Arbeit, selbstbewusst, lässig, er trägt jetzt seine Uniform. Whitaker ist Pilot, gleich soll er eine Passagiermaschine von Orlando, Florida, nach Atlanta, Georgia, steuern, mit 102 Menschen an Bord. Reine Routine, bitte anschnallen!
Man muss als Zuschauer nicht unter Flugangst leiden, um sich bereits bei den ersten Szenen von "Flight" zu fürchten. Flight bedeutet Flug, aber auch Flucht; der doppeldeutige Titel legt nahe, dass hier nicht nur mit der Angst gespielt wird, sondern auch mit Hollywoods Konventionen für Katastrophenfilme: Was ist schon der Absturz eines Flugzeugs gegen den Niedergang eines Helden?
Dabei sieht anfangs alles so leicht aus, das Fliegen, der Suff, das Fliegen im Suff. Man weiß nicht, ob man ihn verachten oder bewundern soll, diesen Kapitän Whitaker, der kurz nach dem Start seinem Co-Piloten das Steuer überlässt, um eine launige Ansprache an die Passagiere zu halten. Er steht im Gang neben der Bordküche, eine Hand umfasst das Mikrofon, mit der anderen gießt er, für die Fluggäste und die Crew-Mitglieder nicht zu sehen, ein paar kleine Flaschen Wodka in seinen Orangensaft. Routine - bis ein technischer Defekt die Maschine außer Kontrolle geraten lässt.
Was folgt, ist der spektakulärste Flugzeugabsturz der Filmgeschichte, mit gnadenlosem Realismus inszeniert von Regisseur Robert Zemeckis, der in "Cast Away" (2000) bereits Tom Hanks über einer einsamen Insel vom Himmel fallen ließ. Bei "Flight" krallt sich der Zuschauer an den Armlehnen des Kinosessels fest wie die Passagiere an ihren Sitzen. Dass der Film irgendwann im Bordprogramm einer Fluggesellschaft läuft, ist eher unwahrscheinlich.
Kapitän Whitaker kommt im Krankenhaus wieder zu sich, nur leicht verletzt. Er habe ein Wunder vollbracht, hört er, eine Notlandung, fast alle Passagiere haben überlebt. Er gilt jetzt als Held, Fernsehteams warten vor der Klinik. "Nie wieder", sagt ein Freund, "wirst du für einen Drink bezahlen müssen." Whitaker weiß nicht, ob das eine gute Nachricht ist.
"Flight", der Actionfilm, ist hier nach nur 30 Minuten quasi zu Ende, er verwandelt sich von da an in "Flight", die Psycho-Studie, in einen Justizthriller, ein Familiendrama, einen Liebesfilm, sogar in eine Komödie, wenn John Goodman seine Kurzauftritte hat als Whitakers Dealer. Der Drehbuchautor von "Flight", John Gatins, wurde für einen Oscar nominiert, ebenso wie der grandiose Hauptdarsteller Denzel Washington.
Gatins kennt sich aus mit Sucht. Kokain, Alkohol, er hat wenig ausgelassen, er war ganz unten, fast wie im Kino: Die beiden bekanntesten Hollywood-Filme über Alkoholiker, "Das verlorene Wochenende" (1945) von Billy Wilder und "Leaving Las Vegas" (1995) mit Nicolas Cage, porträtieren kaputte Schriftsteller und Drehbuchautoren.
Von solchen Typen konnte man sich leicht distanzieren. Bei "Flight" funktioniert das nicht. Denzel Washingtons Charisma überstrahlt beinahe jede peinliche Situation, der freundliche Übermensch von nebenan. Der Zuschauer wird zum Komplizen des Piloten, man möchte nicht, dass er erwischt wird. Man möchte aber auch nicht sein Passagier sein.
Drehbuchautor Gatins, 44, ist seit fast 20 Jahren trocken, er hat eine Familie und Erfolg im Beruf. Geblieben ist die Erinnerung an den Selbsthass, an die kleinen Tricks, um die Sauferei zu vertuschen, die Selbstverleugnung. Wer sich selbst vormachen kann, kein Alkoholiker zu sein, dem gelingt das oft auch vor der Öffentlichkeit. Manchmal reicht schon eine Pilotenbrille, um die glasigen Augen zu verbergen.
Whitakers Alkoholproblem bleibt kein Geheimnis. Im Krankenhaus hatte man ihm eine Blutprobe entnommen, 2,4 Promille. Falls seine Akte vor Gericht landet, droht ihm Gefängnis. Er sollte jetzt besser keinen Drink mehr anrühren. Aber manchmal ist es einfacher, eine Maschine notzulanden, als sich selbst zu retten.
Man steigt als Passagier entspannter in ein Flugzeug, wenn man "Flight" bloß für ein Gruselmärchen aus Hollywood hält. Das ist es nicht: Anfang Januar holte die Polizei am Flughafen von Minneapolis einen Piloten aus dem Cockpit einer Passagiermaschine, kurz vor dem Start nach New York. Der Pilot roch nach Alkohol.
Kinostart: 24. Januar.
Von Martin Wolf

DER SPIEGEL 4/2013
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