28.01.2013

SAHARADie dunkle Seite der Freiheit

Die Sahelzone ist das neue Schlachtfeld im weltweiten Krieg gegen den Terror geworden. In dem Wüstengürtel, weit größer als Europa, sind die Islamisten kaum zu besiegen.
In Diabaly am Niger steht eine alte Kirche. Sie stammt aus der Zeit, als Mali noch "Französisch-Sudan" hieß und eine Kolonie war. Seit die Franzosen vor 50 Jahren abzogen und Mali unabhängig wurde, hat sich niemand an dem Steinkreuz auf dem Giebel gestört - obwohl die Malier zu 90 Prozent Muslime sind.
Jetzt liegt das Kreuz zertrümmert am Boden. Es war den Islamisten, die Diabaly vor zwei Wochen überrannten, eine Bazooka wert, das steinerne Symbol zu fällen. Auch den Altar haben sie zertrümmert, Holzstatuetten von Maria und Jesus umgestürzt.
Aber ihr Terrorregime in Diabaly währte nur ein paar Tage - bis die Franzosen zurückkamen: Auf Befehl von Präsident François Hollande zerschossen sie aus der Luft die Pick-ups der Islamisten, einen nach dem anderen, offenbar mit chirurgischer Präzision. In Diabaly soll, so sagen die Leute im Ort, bei den Luftschlägen kein Zivilist umgekommen sein.
Am Dienstagmorgen waren die letzten der Krieger mit Turban und Bart plötzlich weg, untergetaucht im Busch, zu Fuß sind sie in kleinen Gruppen wohl Richtung Norden geflohen.
Die Kirche darf noch niemand wieder betreten, die Islamisten könnten Sprengfallen darin versteckt haben. Aber ein Colonel - raspelkurze Haare, durchtrainiert, Befehlshaber der Franzosen in der Gegend - sagt stolz: "Diabaly ist wieder sicher."
Der Westen hat hier eine kleine Schlacht gewonnen, aber noch lange nicht den Krieg. Die Franzosen und ihre afrikanischen Verbündeten wollen jetzt vorrücken nach Norden, wollen die Städte Kidal, Gao und das märchenhafte Timbuktu zurückerobern, so wie sie Diabaly, das Dorf am Niger, befreit haben.
Und es ist zu befürchten, dass ihr Feind dort auch reagieren wird wie in Diabaly: Er wird fliehen - aber natürlich nicht gänzlich verschwinden.
Denn sein Hinterland ist riesig: "Sahelistan" nennt der französische Außenminister Laurent Fabius die Wüste aus Fels und Sand, die sich vom Senegal im Westen 7500 Kilometer weit bis Somalia im Osten erstreckt. Die Sahelzone ist so unwegsam, dass keine Macht der Welt sie beherrschen kann. Sie ist größer als ganz Europa. Und die Franzosen haben gerade mal 2400 Soldaten geschickt. Die Deutschen helfen ihnen mit zwei Transportflugzeugen.
Dabei ist Sahelistan die neue Front im weltweiten Kampf gegen gewaltbereite Islamisten. Und wenn andere Staaten - die Deutschen oder die Briten zum Beispiel - die Franzosen mit Bodentruppen unterstützen sollten, kann es gut sein, dass der Westen sich dort genauso festkämpft wie an der anderen Front: Afghanistan.
Die Sahelzone ist ein Raum ohne Ordnung, entstanden dort, wo die Macht der arabischen Maghreb-Staaten nach Süden hin schwindet und wo der Arm der ohnehin schwachen schwarzafrikanischen Staaten wie Mali, Niger oder Tschad niemals hingereicht hat. Ein Niemandsland, durchzogen von Schmugglerstraßen und Drogenrouten, ein Dorado für Gesetzlose und Fanatiker.
Es kann Wochen dauern, die Muslim-Extremisten auch nur aus den Städten zu vertreiben. Und der Krieg wird brutaler. Zwar erklärte am Mittwoch eine Islamistenfraktion aus dem nordmalischen Kidal, sie sei zu Verhandlungen bereit. Doch gleichzeitig wurden Gräueltaten der malischen Armee bekannt. Auf ihrem Vormarsch soll sie mindestens 30 Menschen ermordet haben. Zeugen berichten von Erschossenen am Busbahnhof in Sévaré. Ein Leutnant dort macht aus seinem Hass keinen Hehl: "Das waren Islamisten, wir bringen die um, sonst bringen die uns um."
Nach dem Tod Osama Bin Ladens und nach dem Arabischen Frühling hofften viele, endlich könne der Terror sich seinem Ende entgegenneigen. Doch Libyens Diktator Muammar al-Gaddafi selbst hatte einst prophezeit, Chaos und Heiliger Krieg würden hereinbrechen, sollte er fallen: "Bin Ladens Leute würden sich das Land unter den Nagel reißen."
Jetzt zeigt sich, dass seine Prophezeiung auf weite Teile der Wüste zutrifft: In Mali muss eine internationale Truppe aufmarschieren, um den Norden des Landes zu befreien, den Islamisten im letzten Sommer erobert hatten. In Algerien richteten Terroristen vorvergangene Woche ein Blutbad in einer Gasförderanlage an.
Im Norden Nigers jagen Islamisten weiße Ausländer, um Lösegeld zu erpressen. Und im Norden Nigerias überfielen Kämpfer der Islamistensekte Boko Haram vergangene Woche mal wieder einen Ort. Sie erschossen 18 Menschen, darunter viele Jäger, die dort Wild angeboten hatten, und verschwanden wieder - das Fleisch von Buschtieren gilt Muslimen als unrein.
Im libyschen Bengasi hatten Islamisten am 11. September vergangenen Jahres den US-Botschafter Christopher Stevens und drei Mitarbeiter ermordet. Am vergangenen Donnerstag zogen Deutschland, Großbritannien und die Niederlande ihre Landsleute aus Angst vor neuen Anschlägen von dort ab.
In Sudans umkämpfter Region Darfur drangsalierten bis vor kurzem von der islamistischen Junta gedungene Milizen die Bevölkerung. Und in Somalia versuchen kenianische und ugandische Soldaten, die fundamentalistische Schabab-Miliz zurückzudrängen.
Das sei die dunkle Seite der Freiheit, sagt Robert Malley von der International Crisis Group: "Der friedvolle Charakter der arabischen Rebellion hat al-Qaida vielleicht ideologisch beschädigt, aber logistisch vorangebracht: Grenzen sind poröser geworden, Polizei und Sicherheitsdienste sind vielerorts desorganisiert, Waffen sind leicht zu haben - das alles ist ein Segen für Terroristen."
Der Islamismus in der Sahelzone ist rückständig und modern zugleich, ideologisch starr und pervers pragmatisch: In Timbuktu hacken Fanatiker Kriminellen Hände und Köpfe ab. Dabei sind die Islamisten selbst reich geworden, indem sie das Geschäft mit Kokain und Waffen übernommen und den Schmuggel mit Menschen an sich gerissen haben.
Sahelistans neue Herren schließen Bündnisse mit lokalen Aufständischen und international operierenden Dschihadisten. In Mali haben sie den schon im April 2012 von Tuareg ausgerufenen, aber von niemandem anerkannten Staat "Azawad" übernommen. Das fiel ihnen leicht, weil viele Tuareg zu ihnen übergelaufen sind. Vor allem die dort größte Islamistentruppe, die Ansar al-Din mit ihren rund 1500 Kämpfern, besteht zu einem Großteil aus Tuareg.
Nachdem Islamisten Ende Juni vergangenen Jahres die malische Stadt Gao eingenommen hatten, beobachtete der Journalist Malick Aliou Maïga, wie fast täglich Delegationen bärtiger Männer bei den neuen Machthabern vorsprachen: "Das waren Gesinnungsgenossen aus Saudi- Arabien, Algerien und Katar. Sie brachten Geld."
Die Qaida und deren Splittergruppen in Sahelistan hören nicht mehr auf die Befehle nur eines charismatischen Führers wie Osama Bin Laden, sie haben viele Kommandeure: gnadenlose Kämpfer wie Mokhtar Belmokhtar, auf dessen Konto der Überfall in Ain Amenas geht, immerhin die größte terroristische Attacke seit dem Angriff in Mumbai 2008. Oder in Mali der Ansar-al-Din-Chef Iyad Ag Ghali, eher ein zynischer Polit-Unternehmer.
Diese Leute stellen eine enorme Gefahr dar in Westafrika: Anrainerstaaten wie Guinea, Liberia, Sierra Leone und die Elfenbeinküste haben unlängst Bürgerkriege überwunden und können jederzeit wieder ins Chaos stürzen. Kein Wunder, dass die Westafrikaner der Wirtschaftsgemeinschaft Ecowas die Ersten waren, die Frankreich in Mali mit Truppen beigesprungen sind, 1750 Mann fürs Erste.
General Carter Ham, Oberbefehlshaber des Afrika-Kommandos der US-Armee, sagt, "die wachsende Zusammenarbeit, Koordination und Synchronisierung" der Terrorgruppen werde zur Gefahr "auch für Europa".
Denn Malis Extremisten trennt nur eine Grenze vom Mittelmeer, 1376 Kilometer lang, jene zu Algerien. Noch immer herrscht dort zwar Präsident Abdelaziz Bouteflika, 75, mit harter Hand. Aber Algerien ist das Geburtsland des maghrebinischen Salafismus, jener radikalen muslimischen Denkrichtung, auf die sich heute auch al-Qaida beruft.
Ende der achtziger Jahre hatte das Regime die erste islamistische Partei in der Region erlaubt, die Islamische Heilsfront (FIS). Als sich bei den Wahlen 1991 sogar ein Sieg abzeichnete, putschte das Militär. Die FIS ging daraufhin in den Untergrund und kämpfte einen extrem brutalen Terrorkrieg gegen Algier, in dem bis zu 200 000 Menschen ums Leben kamen.
Damals radikalisierten sich Kämpfer wie Abdelmalek Droukdel, geboren 1970 in Nordalgerien. Droukdel schloss sich schon als Jugendlicher den Mudschahidin in Afghanistan an und bekämpfte die Sowjets. Nach seiner Rückkehr gründete er mit anderen zusammen die "Salafistische Gruppe für Predigt und Kampf", die sich inzwischen "al-Qaida im Islamischen Maghreb" (AQMI) nennt. Denn es geht ihr längst nicht mehr nur darum, die Regierung in Algier zu stürzen. Die Anführer träumen von einem Kalifat in ganz Sahelistan.
Droukdels schärfster Gegenspieler ist der algerische Geheimdienstchef Mohammed Mediène, ausgebildet beim sowjetischen KGB. Er führt seit Jahren den Kampf gegen die Islamisten und steuert einen unnachgiebigen Kurs, der Verhandlungen mit Terroristen kategorisch ausschließt. Ein Mann wie Mediène ist ein schwieriger Partner für den Westen.
Denn wahrscheinlich war er es, der die algerische Armee vorvergangene Woche die Gasförderanlage in der Wüste stürmen ließ. Spezialkommandos nahmen die Terroristen unter Feuer, obwohl das Leben Hunderter Geiseln auf dem Spiel stand. Am Ende starben rund 40 ausländische Geiseln.
Aber in den anderen Ländern um die Sahelzone verlieren die regulären Einheiten meistens gegen die islamistischen Kämpfer. Die Krieger der Ansar al-Din überrannten Malis Armee vor einem Jahr in nur ein paar Wochen. Die Truppen der Region sind allesamt so schwach und korrupt wie die Staaten, die sie aufstellen. Sie sind schlecht ausgerüstet, die Moral der Soldaten ist am Boden, auch weil die Männer oft monatelang auf ihren Sold warten müssen.
Die Amerikaner versuchen, die Länder der Region aufzurüsten, um die Bedrohung aus der Wüste zu bekämpfen: "Creek Sand" heißt ein geheimes Programm der US-Regierung. In Ouagadougou, Burkina Faso, und verschiedenen anderen strategisch wichtigen Stellen in der Region hat Washington Kleinflugzeuge stationiert. Die Maschinen vom Typ Pilatus PC-12 sind unbewaffnet, aber vollgestopft mit modernster Überwachungstechnik. Sie überfliegen die Wüste, die so gewonnenen Informationen sollen lokalen Militärs bei der Jagd auf Terroristen helfen. Doch große Erfolge brachte das Programm bisher nicht.
Ob brutales Vorgehen der Militärs wie in Algerien Islamisten abschrecken würde, ist zudem umstritten. Die Länder Sahelistans gehören zu den ärmsten der Welt, regelmäßig suchen Hungersnöte die Gegend heim: "Ein junger Mensch von dort hat keine Chance, ein gutes Leben zu führen", so der mittlerweile gestürzte malische Präsident Amadou Touré.
Die Terroristen aber sind vergleichsweise reich: Rund 90 Euro Sold bieten sie jungen Männern pro Monat. Dafür erhält jeder Rekrut eine Kalaschnikow, täglich Essen - und ein wenig Macht über den Rest der Bevölkerung.
Wenig später landen die neuen Kämpfer in Ausbildungslagern, sogenannten Katibas, viele davon im Norden Malis und an der Ostgrenze Mauretaniens. Dort steht neben Training mit Maschinengewehren und Handgranaten auch der Koran auf dem Lehrplan: "Du erkennst die Leute nicht wieder, wenn sie von dort zurückkommen", so ein Tuareg-Mann in Bamako.
In Mali seien die islamistischen Kämpfer meist besser ausgerüstet und ernährt als die Soldaten der Armee, sagen Experten: Sie haben Panzerfäuste, SA-7-Raketen und anderes modernes Schießgerät. Ihre Hauptwaffen sind die Panzer des armen Mannes, die "technicals": Pick-up-Trucks mit aufmontiertem schwerem Maschinengewehr, an den Seiten hängen meistens Taschen voller Munition für die Kämpfer zu Fuß.
Das meiste davon stammt aus Gaddafis Waffenlagern, wo es vor allem ehemalige Tuareg-Söldner des Diktators nach dem Zusammenbruch des Regimes haben mitgehen lassen. Nachschub ist kein Problem, denn Afrikas Islamisten horten reichlich Dollar-Millionen.
Vor gut drei Jahren machten malische Polizisten im Norden des Landes einen seltsamen Fund: Mitten in der Wüste stand eine Boeing 727, ohne Sitze, wohl auf Frachttransporte ausgelegt. Ermittlungen ergaben, dass die Maschine in Guinea-Bissau registriert und in Venezuela gestartet war.
Der Fund bestätigte die Befürchtungen der Fahnder: Südamerikanische Kokain-Kartelle schicken ihren Stoff zum Beispiel mit Flugzeugen tonnenweise nach Westafrika. Und Banden, die mit den Islamisten kooperieren, bringen die Drogen dann in den Mittelmeerraum. Milliarden Dollar könnten sie so eingenommen haben.
Das zweite Standbein sind Entführungen. "Viele westliche Länder bezahlen enorme Summen an uns Dschihadisten", höhnt Omar Ould Hamaha, ein Islamistenkommandeur, der sich in der westlichen Sahara so sicher fühlt, dass man ihn manchmal sogar anrufen kann. 100 Millionen Euro, so schätzen Experten, soll allein AQMI in den vergangenen Jahren mit Lösegeldern verdient haben.
Dabei endete bisher etwa die Hälfte der Entführungen blutig. Im Norden Nigerias ermordeten Boko-Haram-Terroristen vor einem Jahr einen deutschen Techniker. Besonders oft aber trifft es französische Ingenieure. Frankreich ist auf Uran aus Niger angewiesen, der staatliche Atomkonzern Areva baut es dort in großem Stil ab. Die Areva-Mitarbeiter vollständig zu schützen, ist unmöglich. Vor zwei Jahren wagten sich die Entführer sogar in die staubige nigrische Hauptstadt Niamey. Aus einem Restaurant entführten sie zwei Franzosen.
Meist beginnt für die Gefangenen dann ein monate- oder gar jahrelanger Leidensweg. Um Verfolger abzuschütteln, schaffen die Islamisten ihre Geiseln immer wieder über Hunderte von Kilometern durch die Wüste, auf den Pritschen der Pick-ups oder mit wochenlangen Märschen. "Eine Saison in der Hölle" nannte der kanadische Diplomat Robert Fowler sein Buch über seine Zeit in der Hand der Extremisten.
Nach 130 Tagen wurde Fowler im April 2009 freigelassen - Ottawa bestreitet, Lösegeld gezahlt zu haben. Die Franzosen aus Niamey hingegen starben, als ein französisches Einsatzkommando versuchte, sie zu befreien. "Beim leisesten Anzeichen eines Angriffs werden den Gefangenen die Kehlen durchgeschnitten wie Hühnchen", sagt Islamistenführer Hamaha.
Mindestens sieben Geiseln aus Europa warten derzeit noch irgendwo in der Wüste auf ihre Rettung. Zumindest hoffen das die Sicherheitskräfte. Islamisten haben gedroht, sie alle umzubringen, aus Rache für die Luftangriffe, die Frankreich jetzt in Mali gestartet hat.
Von Paul Hyacinthe Mben, Jan Puhl und Thilo Thielke

DER SPIEGEL 5/2013
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