28.01.2013

KURDENIntimer Feind

Ein Polit-Krimi um den Mord an drei PKK-Frauen wird immer mysteriöser: Der angeblich kurdische Tatverdächtige ist ein Türke. Wer schickte ihn?
Er habe die Schusssicherheit seines Autos testen wollen, erzählte Ömer Güney einem Bekannten. Darum sei er vor einigen Jahren in den Wald gefahren und habe einen Kugelhagel auf seinen Wagen abgefeuert. Ein Nervenkitzel sei das natürlich auch gewesen.
Waffen und Autos sollen die Leidenschaften des türkischen Staatsbürgers Ömer Güney sein, so erzählen es Menschen aus seinem Umfeld. Am 17. Januar wurde der 30-Jährige von der französischen Polizei festgenommen. Denn Güney gilt als Hauptverdächtiger in einem mysteriösen Mordfall. Er soll die PKK-Aktivistinnen Sakine Cansiz, Fidan Dogan und Leyla Söylemez getötet haben.
Mit Kopf- und Bauchschüssen aus einer schallgedämpften Pistole wurden die Frauen am 9. Januar in einem kurdischen Informationszentrum nahe der Pariser Gare du Nord ermordet. Es war ein ebenso rätselhafter wie grausamer Anschlag - eine Hinrichtung, die ganz Frankreich und vor allem die dort lebenden Kurden erschütterte. Zu Zehntausenden demonstrierten sie in den Tagen danach.
Kurze Zeit später suchten französische Polizisten Ömer Güney in einem Vorort von Paris auf. Der Arbeiter sollte als wichtiger Zeuge befragt werden, denn er war angeblich der Letzte, der die PKK-Frauen noch lebend gesehen hat. Bei einer Wohnungsdurchsuchung fanden die Beamten fünf Mobiltelefone.
Am vergangenen Montag präsentierte die Pariser Staatsanwaltschaft Güney als Hauptverdächtigen. Er sei, so heißt es, seit zwei Jahren selbst PKK-Mitglied und gelegentlich als Fahrer von Sakine Cansiz tätig gewesen.
Kameraaufzeichnungen sollen belegen, dass Güney zum Zeitpunkt der Morde am Tatort war: Am Vormittag hatte er mindestens eine der Frauen in das kurdische Informationszentrum gebracht, verschwand dann und kehrte später zurück. Auf seiner Tasche und seinem Mantel wurden Schießpulverreste gefunden - recht starke Indizien. Güneys Beteiligung an dem Verbrechen sei "wahrscheinlich", so Staatsanwalt François Molins.
Was aber waren die Motive des mutmaßlichen Mörders? Handelt es sich um eine "interne Abrechnung" in der kurdischen PKK, wie türkische Regierungspolitiker umgehend erklärten? Es sei schließlich nicht das erste Mal, dass politische Gegner innerhalb der Organisation ausgeschaltet würden.
Für die französische Polizei ist das denkbar, sie will aber auch persönliche Meinungsverschiedenheiten nicht ausschließen. "Alle Hypothesen bleiben offen", zitiert die Tageszeitung "Le Figaro" eine vertrauliche Quelle. Doch viele Kurden bezweifeln genau das.
Man glaube nicht an die Unabhängigkeit der Ermittlungen, sagt ein Mitglied der "Föderation der kurdischen Vereine in Frankreich". Viel zu schnell habe auch die Pariser Polizei von innerkurdischen Konflikten gesprochen und die Möglichkeit einer "türkischen Täterschaft" außen vor gelassen. Dabei gibt es dafür Hinweise.
So meldete sich inzwischen Güneys Familie zu Wort. Und seine Verwandten bestreiten, überhaupt kurdisch zu sein. "Wir sind Türken, reine Türken", erklärte Ömers Onkel, Zekai Güney, in einer Sendung des türkischen Senders CNN Türk. Ein anderer Verwandter schreibt auf Facebook: "Wäre Ömer PKK-Mitglied, würde ich ihn eigenhändig töten." Die Familie stammt aus der nördlichen Provinz Sivas, einer Gegend, die als Hochburg ultranationalistischer Türken gilt.
Auf zwei Facebook-Seiten stellte Güney selbst seine Leidenschaft für die gewalttätige Actionserie "Tal der Wölfe" zur Schau. Auf einem Bild imitiert er deren Hauptfigur, einen türkischen Agenten, der allzeit bereit ist, die Ehre der Türkei mit seinem Blut zu verteidigen. Ein Schwager Güneys glaubt, dass sich der 30-Jährige bisweilen selbst wie ein Filmdarsteller fühlte, dem man nur eine Waffe in die Hand drücken müsse.
Es ist erstaunlich, dass es dem Arbeiter offenbar mühelos gelang, in die kurdische Gemeinde von Paris einzusteigen und das Vertrauen der PKK-Funktionäre zu gewinnen. Im November 2011 wurde er für einen monatlichen Beitrag von 50 Euro Mitglied in einem kurdischen
Kulturverein, der als PKK-nah gilt. Für eine solche Mitgliedschaft müsse man allerdings auch kein Kurdisch sprechen können, räumt der Verein ein. Selbst Türken, Araber oder Franzosen könnten beitreten. Güney soll sich hier beliebt gemacht haben, weil er fließend Französisch spricht - und weil er für Vereinsmitglieder kostenlos übersetzte.
Damals, Ende 2011, behauptete Güney bei seiner Ankunft in Paris auch, von einem kurdischen Bruderverein in Deutschland geschickt worden zu sein, dem Mesopotamischen Kulturverein in München. Die Kurden dort wollen von Ömer Güney allerdings noch nie gehört haben.
Klar ist, dass er von 2003 bis 2011 im oberbayerischen Schliersee lebte. Unter deutschen Sicherheitsexperten ist die Gegend bekannt für ihr "rechtsextremes türkisches Kulturleben", wie die Politikwissenschaftlerin Alia Sembol sagt. Gerade in Bayern seien viele junge Türkischstämmige von den ultranationalistischen Grauen Wölfen angeheuert worden.
Hielt sich auch Güney in diesen Kreisen auf? Wurde er womöglich von dem auch in Deutschland aktiven "tiefen Staat" angeworben - einem geheimen Netz von türkischen Ultranationalisten und Mitgliedern des organisierten Verbrechens? Oder gar vom türkischen Geheimdienst, wie viele Kurden mutmaßen?
Zu den Ungereimtheiten des Falls gehört auch, dass Mehmet Ali Şahin, der ehemalige türkische Justizminister, bereits kurz nach den Anschlägen vor "ähnlichen Vorfällen in Deutschland" warnte - ohne offenzulegen, woher er seine Informationen nahm.
Dabei ist es ein offenes Geheimnis, dass Morde an PKK-Führungskadern von Teilen des türkischen Sicherheitsapparats als legitime Anti-Terror-Strategie betrachtet werden. Nur: Im Moment dürfte der Tod der drei Frauen der Regierung in Ankara sehr ungelegen kommen. Nichts beschäftigt Türken und Kurden in diesen Tagen so sehr wie ein neuer Dialog zwischen der PKK und dem türkischen Staat. Mehrfach erhielt der auf einer Gefängnisinsel vor Istanbul inhaftierte PKK-Führer Abdullah Öcalan in den vergangenen Wochen Besuche von Geheimdienstlern und Politikern.
Falls irgendjemand den Friedensprozess sabotieren wollte, so ist dieser Versuch vorerst gescheitert. Bei der Trauerveranstaltung für die drei ermordeten PKK-Frauen demonstrierten die Kurden friedlich, und in Ankara erklärte Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan, dass er sich durch "solche und weitere Zwischenfälle" nicht davon abbringen lassen wolle, den Krieg im Südosten des Landes zu beenden.
(*) Mit Bildern der ermordeten PKK-Frauen.
Von Daniel Steinvorth

DER SPIEGEL 5/2013
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