19.08.1996

Costa RicaJulio, der Verrückte

Bizarres Nachspiel einer Entführung: Ein Kuß zwischen Geisel und Kidnapper beschäftigt die Regierungen in Bonn und San José.
Zum Abschied wurde der Entführer sentimental. "Heute, meine Liebe, bin ich traurig, weil dieses unsere letzte gemeinsame Nacht ist und Du mich verlassen wirst", kritzelte er mit blauem Kugelschreiber auf ein Blatt, das er aus einem Adreßbuch gerissen hatte. "Ich hoffe, Dich bald wiederzusehen."
Auf drei Seiten schrieb der nicaraguanische Ex-Guerrillero Julio César Vega seine Gefühle für die deutsche Geisel Nicola Fleuchaus nieder, bevor er sie am 11. März zusammen mit ihrer Schweizer Leidensgefährtin Susanna Siegfried in die Freiheit entließ.
Soldaten fanden die Zettel zusammen mit einem unentwickelten Fuji-Film und einer Kalaschnikow bei Vegas Habseligkeiten, nachdem sie den Kidnapper in dem nicaraguanischen Grenzort San Juan del Norte festgenommen hatten.
Die Fotos, die das Militär in Managua entwickeln ließ und erst nach Wochen an die Polizei in San José schickte, lösten in Costa Rica eine nationale Gefühlsaufwallung aus: Eines der Bilder zeigt, wie Nicola Fleuchaus, 25, ihren Julio umarmt und innig küßt. "Nicola schuldet unserem Volk eine Erklärung", schrieben empörte Leser an die Zeitung La Nación. Hatte sich die junge Deutsche während der zehnwöchigen Geiselhaft zur Komplizin der Verbrecher gemacht, wie costaricanische Behörden sogleich andeuteten?
Das wahrscheinlich nicht. Der Kuß sei kein Zeichen der Zuneigung, sondern gehöre zu "einem Überlebensmechanismus, den die Geisel unbewußt entwickelt", erklärt in Costa Rica die Psychologin Gioconda Batres Méndez: "Die Fotos sind ein Beispiel, welch seelischen Schaden eine Entführung anrichtet: Statt den Peiniger zu hassen, glaubt die Geisel, daß sie in ihn verliebt ist."
Nicolas Schicksalsgenossin Susanna Siegfried, 50, hatte sich besonnener verhalten als die junge Deutsche. Den Annäherungsversuch eines Entführers wehrte sie ab. Die Schweizer Reiseleiterin machte die verfänglichen Aufnahmen in der Nacht vor der Freilassung. "Wir waren so euphorisch", erinnert sie sich, "Julio wollte die Fotos zur Erinnerung."
Nicola Fleuchaus suchte während der Gefangenschaft nach Zuneigung, berichtet Susanna Siegfried: "Sie hat mich immer wieder umarmt." Sie habe die Kidnapper zwar nicht provoziert, wohl aber "bis zu einem gewissen Grad geflirtet. Sie versuchte, gut mit ihnen auszukommen. Ich glaube, sie hat das gemacht, ohne nachzudenken".
Peter Siegfried, der Ehemann der Schweizerin, hatte den Banditen auf Wunsch der Geiseln eine Kamera übergeben, als er sie am Ufer des Grenzflusses San Juan traf, um die Übergabe des Lösegeldes auszuhandeln. Vega habe sie noch aufgefordert, "ein Buch über das Abenteuer zu schreiben", erzählt Frau Siegfried.
"Julio Loco" (Julio, der Verrückte), wie Vega genannt wird, "ist ein einfacher Campesino, ein Indio", sagt Costa Ricas Kripo-Chef Manuel Alvarado. "Eine Romanze mit der blonden Deutschen, die unter normalen Umständen für ihn unerreichbar gewesen wäre, stellte für ihn eine riesige Versuchung dar."
Im Liebeswahn hatte sich der Entführer ohne Vermummung fotografieren lassen. Dieser Leichtsinn wurde Vega zum Verhängnis. Ein Fischer, der ihn in seinem Boot mitnahm, als er an der nicaraguanischen Atlantikküste aus dem Busch auftauchte, setzte ihn an einem Militärposten ab. Vega hatte Verdacht erregt, weil er fragte, wo er Dollar wechseln könne.
In seinem Gepäck fanden die Soldaten 37 600 Dollar von den insgesamt 200 000 Dollar Lösegeld. Obwohl er Nicaraguaner ist, schoben sie ihn kurzerhand über die Grenze ab. "Wer verliebt ist, begeht Dummheiten", erklärt Kripo-Mann Alvarado mit einem Grinsen im Gesicht.
Zumindest ein weiterer Entführer benahm sich ebenso leichtsinnig: Pedro Antonio Wong, der einen Teil des Lösegelds seiner Mutter schenkte und den Rest in den Bordellen der Hauptstadt durchbrachte. Klamm geworden, forderte er den Rest des Geldes von der Mutter zurück, die aber rief die Polizei. Erst da stellte sich heraus, daß Wong offenbar zu den fünf Geiselnehmern gehörte.
Vega und seine Genossen hatten während des Bürgerkriegs in Nicaragua in der Truppe des Contraführers Edén Pastora gegen die Sandinisten gekämpft. Bei der costaricanischen Polizei war Vega kein Unbekannter: Er gehörte zu dem "Comando Yolaina", das im März 1993 die nicaraguanische Botschaft in San José besetzte. Die Rebellen nahmen die Botschaftsangehörigen als Geiseln und erpreßten 250 000 Dollar Lösegeld.
Wie das "Comando Viviana Gallardo", das die beiden Europäerinnen entführte, stellte auch das Comando Yolaina politische und soziale Forderungen zugunsten der Armen. Ihre Kommuniqués unterzeichneten die Geiselnehmer in beiden Fällen mit der Parole "Morir o vencer" (Sterben oder siegen).
"Dabei waren die politischen Forderungen nur ein Vorwand", behauptet Kripo-Boß Alvarado heute. "Die Verbrecher gaben sich als Robin Hoods aus, aber es ging ihnen nur ums Geld."
Justizminister Juan Diego Castro verstieg sich nach der Veröffentlichung der Fotos von Nicola und Julio zu dem Vorwurf, die Frauen hätten ihre Entführung selbst inszeniert. Das behauptet jedoch nicht einmal die Polizei. Nicola Fleuchaus war zum erstenmal in Lateinamerika und spricht kein Spanisch. Die Geiselnahme war sorgfältig geplant, außer den fünf Entführern muß es noch Hintermänner gegeben haben. Von denen fehlt bislang jede Spur. Den Chef der Bande, den die Verbrecher "El Libio" (Der Libyer) nannten, bekamen die Geiseln nie zu Gesicht, so Susanna Siegfried.
Die Affäre um die Fotos kommt Präsident José María Figueres jetzt gelegen, um von der Krise im Land abzulenken.
Überall in Costa Rica hat sich sozialer Sprengstoff angesammelt. Im April stürmte die Polizei mitten im Nationalpark Braulio Carrillo ein Guerrilla-Camp. In dem Lager trainierte der costaricanische Rebellenführer Alvaro Sequeira Ramírez etwa hundert Anhänger für den Kampf gegen die Regierung. Sequeira war im Januar wegen einer möglichen Beteiligung an der Entführung in Verdacht geraten. Die Gäste-Lodge, wo die Touristen überfallen worden waren, liegt nur wenige Kilometer vom Nationalpark entfernt.
Der Tourismus aus Deutschland, eine wichtige Einnahmequelle für das kleine Land, ist seit der Entführung um etwa 40 Prozent zurückgegangen. Mit der Stimmungsmache gegen die Geiseln trumpfen jetzt Regierungspolitiker auf, um das ramponierte Ansehen Costa Ricas aufzubessern. Vergangene Woche forderte San José offizielle Stellungnahmen von Bonn und Bern. Oft werden die Siegfrieds, die wieder als Reiseführer arbeiten, von anonymen Anrufern beschimpft. Dennoch wollen sie in Costa Rica bleiben.
Der Zorn der Costaricaner, die sich düpiert fühlen, richtet sich nun in erster Linie gegen Nicola Fleuchaus. Ihr Anwalt Martin Rilling hatte das Land eine "Bananenrepublik" geschimpft und damit an das empfindli- che Nationalgefühl des kleinen Staates gerührt. Daß Nicola ihre Erlebnisse kommerziell ausschlachten möchte, stößt vielen auf. Für den angekündigten Film über die Entführung wird es wohl kaum eine Drehgenehmigung geben.
Der Geschäftssinn des schwäbischen Schrotthändlers Wolfgang Fleuchaus, der seine Tochter bei der Vermarktung ihres Abenteuers berät, hat auch die Freundschaft zu Susanna Siegfried getrübt: Nach ihrer Freilassung, so behauptet die Schweizerin, hätten sich die Geiseln geeinigt, alle Einnahmen aus dem Verscherbeln der Geschichte zu teilen. Doch 50 000 Mark, die Nicola angeblich für ein Interview mit Sat 1 kassierte, habe sie für sich behalten.
Zur Aufklärung habe Nicola kaum beigetragen, klagt Kripo-Chef Alvarado: "Bei der ersten Befragung nach der Freilassung tobte sie wie eine Furie über den Flur und weigerte sich, mir irgend etwas zu erzählen." Als jüngst zwei costaricanische Polizeibeamte die junge Frau in Bonn vernahmen, habe sie vorgegeben, keine Zeit zu haben, und wenig Neues zur Sache ausgesagt.
Jetzt hofft Alvarado auf ein juristisches Nachspiel in Deutschland: "Die deutschen Behörden haben mir mitgeteilt, sie wollten Nicola belangen, weil sie die Aufklärung einer Straftat behindert."
* Mit Ehemann Peter Siegfried am 12. März.

DER SPIEGEL 34/1996
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