04.02.2013

TERRORISMUSDer Alte und das Arschloch

Der Besuch Jean-Paul Sartres bei RAF-Anführer Andreas Baader gilt als große Fehlleistung des Philosophen. Ein bislang geheimes Protokoll zeigt jedoch: Sartre wollte ihn vom Morden abbringen.
Am Stuttgarter Flughafen wartete ein großer Tross Journalisten auf die Ankunft des kleingewachsenen Intellektuellen. Der Besuch des französischen Starphilosophen Jean-Paul Sartre bei Andreas Baader, dem Top-Terroristen der "Roten Armee Fraktion" (RAF), war eine Weltsensation. Man schrieb den 4. Dezember 1974.
Ein Peugeot brachte den 69-jährigen Sartre zum Gefängnis im Stuttgarter Vorort Stammheim. Der Denker gab sich anfangs schweigsam, doch auf der Pressekonferenz nach dem Treffen mit Baader erhob er schwere Vorwürfe gegen die von Helmut Schmidt regierte Bundesrepublik Deutschland.
Die RAF-Häftlinge würden in schallgedämmten Zellen mit Dauerbeleuchtung isoliert. Das sei nicht "Folter wie bei den Nazis", aber eine "andere Folter, eine Folter, die psychische Störungen herbeiführen soll".
Sartres Kritik war ganz im Sinne von Baader und Genossen, die sich von dem prominenten Besuch aus Paris eine Solidarisierungswelle erhofften. Doch die öffentliche Reaktion fiel verheerend aus. Schnell sprach sich herum, dass der Philosoph die mit Fernsehgeräten und kleinen Bibliotheken ausgestatteten Zellen in Stammheim gar nicht gesehen hatte.
Heute glauben manche Experten, der damals bereits halbblinde Sartre habe den kargen Besucherraum für Baaders Zelle gehalten. Statt über das vermeintliche Leid der RAF-Häftlinge schrieb die Presse über die Privilegien, die Baader, Ulrike Meinhof und andere Kader der RAF in der Haft genossen.
Auch in anderer Hinsicht verlief das Treffen nicht nach Baaders Wünschen, denn die beiden Männer gerieten aneinander, wie Jahre später bekannt wurde. Baader sei ein "Arschloch", soll Sartre nach dem Treffen geschimpft haben. Der RAF-Mann schrieb in einem Kassiber an seine Komplizen, er wisse nicht, ob Sartre ihn "überhaupt verstanden" habe. Der Philosoph und Dramatiker, der 1964 den Literaturnobelpreis ausgeschlagen hatte, vermittele "den eindruck von alter" notierte Baader.
Worüber der berühmteste Vordenker des Existentialismus und der Münchner Schulabbrecher im Detail gesprochen hatten, blieb allerdings verborgen - bis heute. Jetzt hat das Bundesamt für Verfassungsschutz auf Antrag des SPIEGEL ein Dokument des Landeskriminalamts (LKA) Baden-Württemberg vom 2. Januar 1975 freigegeben. Es handelt sich um ein Papier von historischem Rang, denn auf den zehn Seiten wird das geführte Gespräch protokolliert. Wie der Beamte des LKA festhielt, sind Sartres Äußerungen darin "fast vollständig" wiedergegeben, von Baader die "wichtigsten Passagen".
Danach kann es keinen Zweifel geben, dass Sartre die RAF deutlich kritischer sah, als sein Auftritt kaum eine Stunde später auf der Pressekonferenz vermuten ließ. Mehrfach bemühte er sich, Baader von seinem Kurs abzubringen.
Sartre: Die Masse - die RAF hat klare Aktionen unternommen, mit denen das Volk nicht einverstanden war.
Baader: Es wurde festgestellt, daß 20% der Bevölkerung Sympathisanten von uns sind ...
Sartre: Ich weiß es, die Statistik wurde in Hamburg gefertigt.
Baader: Die Situation in Deutschland ist auf kleine Gruppen bestimmt, sowohl in der Legalität als auch in der Illegalität.
Sartre: Diese Aktionen sind wohl für Brasilien zu rechtfertigen, aber nicht für Deutschland.
Baader: Warum?
Sartre: In Brasilien waren Einzelaktionen erforderlich, um die Situation zu verändern. Diese waren notwendige Basisarbeiten.
Baader: Warum ist es hier anders?
Sartre: Hier gibt es nicht den Typ des Proletariats, wie in Brasilien.
Die Initiative zu dem Treffen war von der RAF ausgegangen, nachdem Sartre die Baader-Meinhof-Gruppe als "interessante Kraft" mit "Sinn für die Revolution" bezeichnet hatte. Ulrike Meinhof schlug
Sartre ein Interview mit Baader vor. Ihre Begründung: Damit würde es "für die Bullen ein Stück schwieriger", Baader zu ermorden. Die RAF-Mitglieder befanden sich damals im Hungerstreik, vorgeblich um ihre Haftbedingungen zu verbessern. Doch eigentlich ging es ihnen darum, Aufmerksamkeit zu erregen. Dabei sollte der weltberühmte Franzose helfen.
Sartre stimmte zu. Wie der Politologe Wolfgang Kraushaar schreibt, sah der einstige Kriegsgefangene der Wehrmacht in der Bundesrepublik "einen Nachfolgestaat Nazi-Deutschlands" - und in der RAF eine "nachholende Résistance".
Allerdings war zwei Tage vor dem Besuch in Stammheim im SPIEGEL ein Interview von Alice Schwarzer mit Sartre erschienen. Linksextremisten hatten wenige Wochen zuvor den Berliner Kammergerichtspräsidenten Günter von Drenkmann ermordet, und Sartre sprach von einem "Verbrechen". Aus Sicht Baaders war das ein Sakrileg.
Entsprechend kühl empfing er den Philosophen im Besucherraum in Stammheim. Außerdem dabei: ein Dolmetscher, ein Vollzugsbeamter und der LKA-Mann. Als Sartre eröffnete, er sei "als Sympathisant" gekommen und wolle über die Prinzipien sprechen, die Baader verfolge, entgegnete dieser, das sei "schwierig". Er habe gedacht, es komme "ein Freund"; doch nach Lektüre des Interviews glaube er, "es komme ein Richter".
Auch danach wurde der Ton des Gesprächs nicht freundlicher. Mehrfach blaffte Baader den Besucher an: "Fragen?" Der Gelehrte zeigte ihm wohl zu wenig Interesse.
Sartre befand sich nach zwei Herzinfarkten nicht mehr auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft. Allerdings litt auch der RAF-Anführer unter den Folgen des Hungerstreiks, auf Sartre wirkte er "sehr schwach".
Für ideologische Fragen hatte sich der Mörder Baader, den Hans Magnus Enzensberger als "Typ Zuhälter" beschrieb, nie besonders interessiert. Zu dem Treffen mit dem Starintellektuellen Europas brachte er ein drei Seiten langes, maschinengeschriebenes Konzept mit, das er Satz für Satz ablas.
Der LKA-Beamte schrieb: "Bei Rückfragen von Sartre verlas er den gleichen Satz wiederum. Als er Satzteile erläutern sollte, hatte er sichtlich Schwierigkeiten. Häufig verlas er dann zusammenhanglos den nächsten Satz aus dem Konzept."
Baader: Der objektive Prozess steht im Widerspruch ... in der Offensive sind die Linken in Deutschland eingekreist und isoliert. Man wird sie vernichten. Das ist die Entrechtung, die wir feststellen. Sie stehen mit der Praxis der Notstandsgesetze in Verbindung mit Berufsverbot für Sozialisten. Der Ausnahmestaat in Deutschland ist in Vorbereitung. Die Offensive in Deutschland wird nicht gesehen. Die Machtmittel des Kapitalismus gelten ganz natürlich. Die Politik des Klassenfeindes ...
Sartre: Ich kann das nicht ganz verstehen, die Politik des Klassenfeindes?
Baader: Es gibt zwei Linien, die Fraktion des Kapitals, die, sagen wir im Rahmen der parlamentarischen Demokratie, und die des schwachen Reformismus. Wir setzen soziale Herrschaft und politische Direktionsgewalt nicht gleich. Wir sehen die Möglichkeit einer offen einschleichenden Diktatur, das ist die besondere Situation in Deutschland. Das US-Kapital setzt unmittelbar die Politik durch.
Kaum zu glauben, dass Sartre dem weiteren Gestammel über die "konterrevolutionäre Revolution", "die kapitalistische Logistik" oder die einzuschlagende Strategie ("Stadt, Stadt, Stadt, Dorf") noch einen Sinn abringen konnte.
Sartre formulierte hingegen eindeutig: Die "Aktionen" der RAF fänden in der Bundesrepublik "keinen Widerhall". Anschläge seien "sicher richtig" in Ländern wie Guatemala, aber nicht in der Bundesrepublik. Als Baader vorschlug, in Frankreich "bewaffnete Gruppen" aufzubauen, lehnte Sartre ab: "Ich glaube nicht, dass der Terrorismus für Frankreich gut wäre."
Der LKA-Beamte notierte: "Baader zeigte sich während und nach dem Gespräch deprimiert und enttäuscht darüber, daß Sartre die Handlungen der Baader- Meinhof-Gruppe nicht rückhaltlos billigt." Nach 60 Minuten war das Treffen vorbei.
(*) Mit Baaders Anwalt Klaus Croissant (2. v. l.).
Von Felix Bohr und Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 6/2013
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