04.02.2013

MUNDRAUBPost vom Krümelmonster

Der goldene Keks vor der Bahlsen-Zentrale in Hannover ist spurlos verschwunden - und die Stadt an der Leine endlich mal wieder in den internationalen Medien.
Fast einhundert Jahre baumelte er dort oben an der Fassade des ehrwürdigen Jugendstilgebäudes in Hannover-List, der goldene Keks des Unternehmens Bahlsen. 40 mal 50 Zentimeter groß, 20 Kilogramm Bronze mit einer dünnen Blattgoldschicht überzogen, mit 34 Zacken statt der 52 Zacken des Original-Leibniz-Kekses, der seit 1891 den Ruf des Backunternehmens begründet.
Hannover mag den Keks, er ist eine Art Wahrzeichen der Stadt. Doch nun ist der Platz zwischen zwei Brezelmännern leer, und das verschwundene Bronzeteil das Corpus Delicti eines mysteriösen Kriminalfalls. Die Aufregung verbreitet sich weit über die Grenzen der niedersächsischen Landeshauptstadt hinaus. Und alle fragen sich, wer für die Tat verantwortlich ist: dreiste Metalldiebe? Spaßvögel? Steckt dahinter eine pfiffige Kunstaktion - oder gar ein Marketing-Gag des Keksbäckers selbst?
Schon das Verschwinden gibt Rätsel auf. Die Straße, an der das Werk des Künstlers Georg Herting hing, ist sehr belebt. Trotzdem weiß niemand, wann die Täter zuschlugen. Am 4. Januar, immerhin, erinnerte sich ein Bahlsen-Mitarbeiter, sei das Gebäck noch da gewesen. Der Diebstahl fiel erst drei Wochen später auf - was wohl auch am Wetter in Hannover lag. Statt in den trüben Himmel schauten die Passanten aufs Trottoir, um bei Schnee und Eis nicht auszurutschen.
Anfangs sah es so aus, als ob schnöde Diebe es auf das Buntmetall abgesehen haben könnten. Der Materialwert der Beute ist zwar nicht sehr hoch. Doch wenn andernorts schon Gullydeckel oder Dachrinnen entwendet werden, scheint auch eine Bronzetafel wertvoll genug. Die Polizei jedenfalls betonte, sie nehme die Sache sehr ernst. Ihre einzige Spur sind vorerst zwei Männer, die Mitte Januar angeblich mit einer Leiter vor der Bahlsen-Zentrale gesichtet wurden.
In der vergangenen Woche nahm der Fall indes eine überraschende Wende. Bei Bahlsen und der örtlichen Zeitung ging ein seltsames Bekennerschreiben ein. Buchstaben aus Zeitungen waren zu einer Collage zusammengefügt. "Ich habe den Keks", stand dort zu lesen, und als Absender: "Krümelmonster". Der Brief enthielt auch handfeste Forderungen. Bahlsen solle 1000 Euro an ein Tierheim zahlen und Kekse an ein örtliches Kinderkrankenhaus spenden, "aber die mit Vollmilch, nicht die mit schwarzer Schokolade und nicht die ohne Schokolade". Andernfalls lande das Bronzestück bei "Oskar in der Mülltonne". Dem Brief lag ein Foto bei, auf dem die blaue Figur aus der Kindersendung "Sesamstraße" mit einem goldenen Keks in den Armen zu sehen ist. Seither ermittelt die Polizei auch wegen versuchter Erpressung.
In den Medien löste die rührende Geschichte vom keksfixierten Robin Hood helle Begeisterung aus. In den USA, in Russland und Australien erschienen Berichte, die mediale Aufmerksamkeit erinnert an frühere Hannover-Hypes wie die um die Sängerin Lena oder die Wulffs.
Woran das liegt? Nicht reale Personen rühren die Menschen am meisten an, sondern Symbole, Erinnerungsstücke, Dinge mit Kultstatus. Als 2006 aus dem Stadion von Borussia Dortmund ein überdimensioniertes Fan-Transparent geklaut wurde, beteiligte sich der halbe Pütt an der Fahndung; der Verdacht fiel schnell auf die Anhänger des Ruhrrivalen Schalke 04. Nach über zwei Jahren tauchte das Banner wieder auf - einfach so. 2009 wurde in Erfurt "Bernd das Brot", der braune Star des Kinderkanals, Opfer einer perfiden Entführung. Vor Gericht landete zuletzt sogar der Diebstahl des Störtebeker-Schädels aus einem Hamburger Museum. Nach drei Jahren war der Totenkopf aus dem 15. Jahrhundert gefunden worden - der Haupttäter wurde zu einem Jahr Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt.
So weit ist man in Hannover noch lange nicht. Christian Pfeiffer, der bekannteste Kriminologe der Stadt an der Leine, hat eine Theorie entwickelt, wer hinter der Tat stecken könnte. Der Dieb habe seine Aktion von langer Hand vorbereitet, mutmaßt der Professor launig, schließlich kenne er die verschiedenen Kekssorten genau. Zudem lasse die Tat Schlüsse auf die Kindheit des Keksdiebes zu: Er sei zu kurz gekommen, habe unter den Verboten seiner Eltern gelitten. Der Hang zu Süßigkeiten sei ein "Schrei nach Liebe".
Wohlwollen erfährt der Keksraub vor allem im Internet, wo sich umgehend Gruppen wie "Free the Bahlsen Cookie" gründeten. Auffällige Sympathien genießt die Tat auch in der hannoverschen Street-Art-Szene, wie die "Hannoversche Allgemeine" herausfand. "Es ist eine Aktion, die Herz und Verstand anregt", lobt etwa Klaus-Dieter Gleitze vom Künstlernetzwerk "Schuppen 68". Er selbst habe freilich mit dem Keks-Fall nichts zu tun.
Aus Sicht der in solchen Fällen hyperaktiven Verschwörungstheoretiker steckt ohnehin Bahlsen hinter dem Coup. Schließlich, so wird im Netz geunkt, habe das Unternehmen mit seiner Ankündigung, künftig kein Weihnachtsgebäck mehr herzustellen, viele Kunden verärgert. Nun brauche die Firma wohl positive Schlagzeilen.
Firmenchef Werner Michael Bahlsen weist das entschieden zurück. Recht humorlos hatte er zunächst eine Belohnung von 1000 Euro für die Wiederbeschaffung des Kekses ausgelobt. Vorige Woche drehte er den Spieß dann aber um: Bahlsen werde 52 000 frische Kekse an soziale Einrichtungen spenden, wenn das hundertjährige Dekorationsstück zurückkehre. Ein Angebot, dass das gefräßige Monster eigentlich nicht ablehnen kann.
Von Michael Fröhlingsdorf

DER SPIEGEL 6/2013
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