04.02.2013

SPANIENHeim zu Mama

Die Krise trifft auch gutausgebildete Selbständige: Weil sie nicht genug verdienen, müssen viele wieder bei ihren Eltern einziehen.
Er lebt in der Altstadt von Sevilla. Zu Fuß läuft er an Orangenbäumen entlang in sein Büro, durch die Gassen an Kirchen und Adelspalästen vorbei. In dieser Metropole, die vor 500 Jahren durch das Gold aus den südamerikanischen Kolonien reich wurde, hat er, so scheint es, den richtigen Beruf: Jaime García ist Architekt. Seine Spezialität ist es, Baudenkmälern und verfallenen Vierteln wieder neuen Glanz zu geben.
Doch der Schein trügt, fast nichts mehr ist Gold, was einst glänzte in der Hauptstadt Andalusiens. In der Region ist die Arbeitslosigkeit mit fast 36 Prozent die höchste auf der Iberischen Halbinsel, so die Zahlen für das letzte Quartal 2012, die noch düsterer ausfielen als erwartet. Auch die Konjunktur ist stärker eingebrochen. Da wird es noch lange dauern, bis Staat und Unternehmer wieder einstellen. Allein in der Provinz Sevilla suchen 302 500 Menschen einen Job.
"Dieses Jahr wird über meine Zukunft bestimmen", sagt Architekt García, 36, in seinem Hinterhofbüro. Gerade als die Immobilienblase platzte, hatte er sich zusammen mit seinem Studienkollegen Manuel Vivar, 35, unter dem erfolgverheißenden Namen "Dinamo" selbständig gemacht. Entweder schaffen sie es, genug Geld mit Renovierungen zu verdienen, "oder ich muss aufgeben. Was ganz anderes probieren, Design oder Fotografie".
Es sind Zeiten "totaler Unsicherheit" in Spanien, so erlebt das García. Und mit ihm Hunderttausende junger Spanier. Mehr als die Hälfte der unter 25-Jährigen findet keine Stelle, in Andalusien über 62 Prozent. Und die etwas Älteren - um die 30 Jahre und gut ausgebildet - sehen ihre Lebensträume scheitern.
Viele von ihnen müssen es machen wie García und Vivar: Die beiden erwachsenen Männer haben ihre Mietwohnungen aufgegeben und sind zurückgezogen zu ihren Eltern, weil sie nicht mehr genug Geld verdienen: 37,8 Prozent der unter 35-Jährigen leben jetzt wieder daheim bei Mama, so Zahlen der EU-Behörde Eurostat.
Sogar die in Spanien als Europas Domina verschriene Bundeskanzlerin Angela Merkel hat schon Fördermaßnahmen angeregt. Vergangene Woche hat die sozialistische Opposition der konservativen Regierung einen Pakt gegen die Arbeitslosigkeit angeboten. Ministerpräsident Mariano Rajoy will jetzt besonders jungen Selbständigen und Firmengründern unter dreißig mit Ermäßigungen bei Steuern und Sozialabgaben unter die Arme greifen.
Allein 2012 haben 150 000 Arbeitsuchende zwischen 25 und 29 Jahren ihr Heimatland verlassen. Auch ein früherer Partner von Jaime García zog nach Mexiko um. Die Vierte im "Dinamo"-Büro gab die Baukunst ganz auf.
García aber sitzt in den ungeheizten Räumen des Büros. Er möchte trotz allem lieber im Land bleiben. "Es passiert jetzt so viel hier. Die Bürger sind aufgewacht, ein neuer Zusammenhalt entsteht. Ich möchte daran mitarbeiten, die Probleme unserer Gesellschaft zu lösen."
Auf der Jagd nach Aufträgen hat er sich auch im Nachbarland Marokko umgeschaut. Dort haben viele der großen spanischen Baufirmen Fuß zu fassen versucht, doch auch dort stehen die Kräne inzwischen still. García kehrte enttäuscht zurück.
Jeweils 500 Euro monatlich brauchen García und Vivar für Büromiete und Sozialversicherungen. Sie beteiligen sich an Wettbewerben für öffentliche Bauten, auch an europaweiten Ausschreibungen. Nur selten bekommen sie die Kosten für Pläne und Modelle durch Preisgelder wieder in die Kasse. Ohne die Unterstützung ihrer Eltern kämen sie nicht über die Runden.
Dass er nun erneut in seinem alten Kinderzimmer haust, hat Jaime García bereits die Beziehung gekostet. Vier Jahre lang hatte er mit der Freundin zusammengelebt, "sie wollte heiraten, Kinder". Aber der junge Kreative, der in den Jahren des Immobilienbooms monatlich an die 1000 Euro netto übrig hatte, kann jetzt keine Zukunftspläne mehr machen. Noch gibt er nicht auf, viel länger, klagt er, könne er seiner Familie nicht zur Last fallen.
"Keiner will sich aushalten lassen", sagt Begoña Fariñas mit einem Lächeln, aber mit Verbitterung in der Stimme. An diesem Sonntag ist sie 30 geworden, doch das Drei-Zimmer-Apartment ihrer Mutter am Rand von Sevilla hat sie noch immer nicht hinter sich lassen können.
Die zierliche Frau mit den mädchenhaft langen Haaren hat 2006 ihr Staatsexamen in Pädagogik abgelegt, sich anschließend für Erwachsenenbildung qualifiziert. Dazu hat sie noch zwei Mastertitel erworben. Und trotzdem ist es ihr nicht gelungen, aus dem apfelgrün gestrichenen Kinderzimmer mit den Stofftieren auf der Schlafcouch auszuziehen.
Zunächst verdiente sie kaum etwas bei einem Praktikum in der Personalabteilung einer andalusischen Telekommunikationsfirma. Anschließend organisierte sie viereinhalb Jahre lang das Kursprogramm für Arbeitslose in einer Gewerkschaftsstiftung. Sie erhielt wiederholt befristete Verträge mit einem Monatsgehalt von rund tausend Euro.
Zwischendurch aber musste sie sich arbeitslos melden. Seit über einem Jahr jedoch stellt die andalusische Regierung kaum noch Geld für Umschulungen zur Verfügung, so verlor sie ihren Job. Sie hat auch kein Anrecht mehr auf Arbeitslosenunterstützung.
"Ich bin eine Ameise", sagt Fariñas - klein, aber fleißig: Mindestens drei Stunden sitze sie täglich an ihrem Schulmädchen-Schreibtisch. Tag für Tag durchsucht sie unter dem Mond-Sterne-Mobile, das einst über ihrer Wiege hing, das Internet nach Stellenangeboten. Sie schreibt Bewerbungen, telefoniert mit Personalchefs großer Firmen in ganz Spanien.
Jetzt denkt Fariñas sogar darüber nach, sich als Au-pair-Mädchen im Ausland zu verdingen. Ihre geschiedene Mutter hat eine Stelle in einem Reisebüro, wurde aber auf Kurzarbeit gesetzt. Die Tochter bereitet jetzt mittags das Essen für beide vor, wie in alten Zeiten. "Ich falle zurück in das Leben, das ich mit 18 führte", sagt sie. Schmal wie ein Teenie sieht sie auch aus, in ihren engen Jeans und dem Schlabberpulli.
Die Krise hat Fariñas eingeholt, als sie gerade mit ihrem Freund eine Wohnung suchte, weil die beiden eine Familie gründen wollten. "Früher sind wir gereist, am Wochenende ausgegangen, haben im Restaurant gegessen", erzählt Begoña Fariñas. "Jetzt stecke ich fest." Im Privaten wie im Beruf. "Es ist zum Verzweifeln."
Denn auch ihr Verlobter, Ricardo, 35, verlor seine Stelle als Motorradverkäufer. Er hat sich mit etwas Geld der Eltern selbständig gemacht und einen Fahrradshop eröffnet. Mountain-Biking in den Bergen um Sevilla sei der neue Trend, sagt er. Doch der Laden, in dem alle Ersparnisse stecken, wirft noch nichts ab. So ist auch er wieder ins Hotel Mama gezogen.
Ähnlich ging es Alberto Barrios. Kurz vor seinem 30. Geburtstag kehrte er zurück zu den Eltern, beides Beamte in Jerez de la Frontera. Die Stadt, die dem Süßwein Sherry den Namen gab, ist die am schlimmsten verschuldete Gemeinde Spaniens. Aber das hinderte Barrios nicht daran, sich dort selbständig zu machen. Er ist Diplom-Betriebswirt, er hat einen zusätzlichen Abschluss als Werbe- und Public-Relations-Spezialist und immerhin zwei Jahren Informatikstudium hinter sich. Barrios hat also eine App für Android-Smartphones und das iPhone entwickelt, einen stets aktuellen, digitalen Stadtführer von Jerez.
Zuvor hatte der kräftige Mann mit dem Bart alles Mögliche unternommen, um eine Anstellung an Land zu ziehen: Er jobbte in der Marketing-Abteilung der Lokalzeitung, als Hausmeister in einem Gymnasium, am Fließband in einer Sherry-Fabrik. Niemals habe er sich arbeitslos gemeldet.
Er fuhr auch nach Madrid, um sich persönlich bei Konzernen vorzustellen. Alles vergebens. Jetzt vertraut er auf sein "geschicktes Mundwerk", wenn er die Kaufleute, Discobetreiber und Wirte in Jerez beschwatzt, auf seiner App für ihre Geschäfte zu inserieren.
Barrios sagt, er sei Optimist. In Spitzenzeiten hatte er schon 8000 Nutzer. Aber nur 300 Euro bleiben ihm pro Monat, wenn er die laufenden Kosten abzieht. Ihm würde der reduzierte Krankenversicherungsbeitrag von 50 Euro schon helfen, den die Regierung in Aussicht stellt, doch hat er gerade die Altersgrenze überschritten.
Barrios schwärmt von der guten Küche seiner Mutter. Und trotzdem: "Mich unabhängig machen von Mama und Papa, das ist der Traum."
Von Helene Zuber

DER SPIEGEL 6/2013
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