04.02.2013

MEDIKAMENTEZähes Blut

Die europäische Arzneimittelbehörde prüft die Risiken von Antibabypillen. In Deutschland ist ausgerechnet der Marktanteil der umstrittensten Produkte gestiegen.
Die junge Frau fuhr viel Fahrrad. Deshalb dachte die 22-Jährige sich nichts dabei, als ihre Waden schmerzten. Auch der Hausarzt tippte auf eine harmlose Muskelzerrung.
Wenige Wochen später brach die Frau vor ihrer Haustür zusammen. Im Krankenhaus wurde eine Lungenembolie festgestellt, an der sie trotz Notfallbehandlung starb. Eine Thrombose im Bein hatte sich gelöst.
Nachforschungen der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft haben ergeben: Die Frau hatte keine Begleiterkrankungen und war Nichtraucherin. Medikamente nahm sie keine - bis auf eine Antibabypille mit dem klangvollen Namen Aida.
Über diesen und ähnliche Todesfälle werden in dieser Woche Fachleute aus allen Mitgliedstaaten der Europäischen Arzneimittelbehörde Ema in London debattieren. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) mit Sitz in Bonn schickt einen Apotheker. Man werde über die Risiken der sogenannten oralen Kontrazeptiva reden, so ein BfArM-Sprecher, und über die Frage, "ob es eine Neubewertung dieser Mittel geben muss".
Dass die französische Arzneimittelaufsichtsbehörde ANSM vergangene Woche angekündigt hat, das Mittel Diane-35 des Herstellers Bayer und dessen Generika binnen drei Monaten vom Markt zu nehmen, dürfte nur der Auftakt gewesen sein. Denn diese Produkte, die mit vier Todesfällen in Frankreich in Verbindung gebracht wurden und in Deutschland weiterhin auf dem Markt sind, werden vergleichsweise selten verschrieben. Sie richten sich an Mädchen und Frauen, die unter extremer Akne leiden und zugleich verhüten wollen. Der Nutzen gegen Akne hält sich allerdings in Grenzen.
Viel stärker sorgen sich die Experten um jene scheinbar modernen Antibabypillen, mit denen die Hersteller die Masse der jungen Frauen beglücken wollen: die Präparate der sogenannten dritten und vierten Generation. Wenn 100 000 Frauen diese Mittel ein Jahr lang einnehmen, dann kommt es in diesem Zeitraum statistisch gesehen bei etwa 40 von ihnen zu einem Gefäßverschluss durch einen Blutpfropf (venöse Thromboembolie).
Neben Östrogen enthalten diese Antibabypillen auch sogenannte Gestagene wie etwa Drospirenon. Diese Präparate, zu denen neben Aida noch viele andere gehören, unterdrücken eben nicht nur den Eisprung, sondern sie können auch die Einlagerung von Flüssigkeit ins Gewebe vermindern. Dadurch wird das Blut zähflüssiger - was das Risiko für Thrombosen erhöht.
Doch diese drohende Nebenwirkung wird von Firmen sogar in eine Werbebotschaft verwandelt, um gezielt Mädchen in der Pubertät einzufangen. Die pharmazeutische Firma Jenapharm, der Hersteller von Aida, betreibt beispielsweise die in Rosa und Hellbau gehaltene Website pille-mit-herz.de.
Pubertierende Mädchen können auf dieser Website lesen, wie sie "mit der Pille das Gewicht halten" können. Moderne Pillen könnten "Wassereinlagerungen und ihren Begleiterscheinungen entgegenwirken".
An anderer Stelle weist die Website die jungen Leserinnen darauf hin, dass die Pille auch gegen Pickel wirke: "Haut und Haare werden schöner, und du kannst im Spiegelbild wieder deinem strahlenden Ebenbild begegnen."
Diese und andere Verheißungen verfehlen ihre Wirkung nicht. Auf dem insgesamt schrumpfenden Markt der oralen Kontrazeptiva war die Gruppe der Drosperinon-haltigen Antibabypillen die einzige, die wächst. Allein in Deutschland wurden davon laut Arzneiverordnungs-Report 2012 mehr als 47 Millionen Tagesdosen verschrieben. Die Einführung in den Markt ging auf Kosten bewährter Antibabypillen, die nicht nur billiger, sondern auch viel sicherer sind, aber nicht so aggressiv beworben werden.
Die Hersteller können darauf verweisen, dass die Nebenwirkungen im Beipackzettel stehen. Die Experten des BfArM dagegen warnen schon seit Dezember 2011. In einem Bulletin erinnerten sie daran, dass Antibabypillen der sogenannten zweiten Generation (sie enthalten ein Gestagen namens Levonorgestrel) nicht so häufig Nebenwirkungen haben. Das Risiko für Thromboembolien liege nur halb so hoch wie bei den Produkten der dritten Generation. Die Ärzte sollten deshalb "insbesondere für Erstanwenderinnen und Patientinnen unter 30 Jahren" lieber eines der Präparate mit bekannt niedrigem Thromboserisiko verschreiben, so das BfArM.
Bisher haben viele Gynäkologen diese Mahnung in den Wind geschlagen. Erst jetzt scheint sich die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe zu regen und kündigt an, die Leitlinie zu Kontrazeptiva noch in diesem Jahr entsprechend zu aktualisieren.
Dem Arzt und Apotheker Wolfgang Becker-Brüser, der das unabhängige "arznei-telegramm" in Berlin herausgibt, ist das zu wenig. Die Neubewertung der Pillen der dritten und vierten Generation (mit den Gestagenen Gestoden, Desogestrel und eben Drospirenon) müsste schnell zu einer deutlichen Einschränkung der Indikation durch das BfArM führen.
In einem Rundschreiben an seine Abonnenten fordert Becker-Brüser: "Sollten sich solche Einschränkungen nicht durchsetzen lassen, sollte aus Gründen des vorbeugenden Verbraucherschutzes auch die Marktrücknahme der riskanteren Kombinationspillen in Betracht kommen."
Von Jörg Blech

DER SPIEGEL 6/2013
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