04.02.2013

BIBLIOTHEKEN„Die größte Bedrohung ist der Verfall“

Achim von Oppen, 59, Professor für Geschichte in Bayreuth und Afrika-Experte, über die Bedeutung der von den Islamisten gestürmten Ahmed-Baba-Bibliothek im malischen Timbuktu
SPIEGEL: Herr von Oppen, was macht die Bibliothek im Ahmed-Baba-Institut so einzigartig?
Oppen: Sie zeigt Timbuktu als Zentrum der Gelehrsamkeit. Die dort aufbewahrten Manuskripte erzählen viel über die Geschichte der Region. Sie dienen als Chroniken, die bis ins 13. Jahrhundert zurückreichen. Auch die nachträglichen Aufzeichnungen in den Handschriften sind spannend: An den Rand wurden alltägliche Mitteilungen geschrieben, etwa Reiseberichte, Abrechnungen und Handelsinformationen. Und nicht zuletzt war die Sammlung mit 30 000 Manuskripten einfach die größte auf dem afrikanischen Kontinent.
SPIEGEL: Wie viele Schriften sind vernichtet worden? Bestätigt sind Feuerschäden an einem von zwei Standorten des Zentrums.
Oppen: Es hat Zerstörungen gegeben, zum Glück wohl weniger als zuerst gedacht. Aber jeder Verlust ist schmerzlich.
SPIEGEL: Warum stürmen Islamisten ausgerechnet eine Bibliothek mit herausragenden islamischen Schriften?
Oppen: Da gibt es zwei Möglichkeiten: einmal die religiöse, auf die auch die Zerstörung von Heiligengräbern hinweist. Demnach sollten vermeintlich abweichende und verderbte Formen des Islam beseitigt werden, die sich in der Verehrung von Gelehrten äußern. Heilig ist nach der strengen Auffassung des Islam nur Gott selbst. Weniger dogmatische Strömungen gelten als untragbar. Sollte dies der Grund gewesen sein, wäre die versuchte Zerstörung vergleichbar mit dem, was während der Reformation in Deutschland geschah, als man im Bildersturm Christus- und Heiligenbilder zerstörte.
SPIEGEL: Und die andere Möglichkeit?
Oppen: Ein politischer Racheakt. Das französische Militär hat beim Vorrücken das Haus des islamistischen Milizenchefs zerstört. Das Inbrandsetzen der Bibliothek und anderer symbolisch bedeutsamer Gebäude könnte eine Vergeltungsaktion gewesen sein. Die Islamisten wussten: In der Sammlung stecken von westlicher und von südafrikanischer Seite viel Interesse und viel Geld - und da wollte man ein Fanal setzen.
SPIEGEL: Sollten die noch erhaltenen Schriften angesichts der unsicheren Zustände in Afrika bleiben?
Oppen: Die Staaten dort sagen zu Recht: Das ist unser Erbe, das muss in unserer Verfügung bleiben. Einen ähnlichen Anschlag auf das geistige und schriftliche Erbe hat es in Afrika bis jetzt auch noch nicht gegeben. Die größte Bedrohung für die Manuskripte ist und bleibt der Verfall. Deshalb muss die wichtigste Konsequenz sein, die Konservierung und digitale Reproduktion der Quellen rasch voranzutreiben und auf diese Weise die Inhalte zu sichern.

DER SPIEGEL 6/2013
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