26.08.1996

„Ich Kobold, du Halbgott“

Das Baby war immer noch im Bauch. Rudi und ich ersehnten mit einem bißchen Angst den Tag der Erlösung und hatten Zeit zu überlegen, wie wir unser Kind nennen wollten. Wir dachten an einen revolutionären Propheten, Rudi an Amos, weil Ernst Bloch so begeistert über ihn geschrieben hatte. Aber der Name gefiel mir nicht. Helmut Gollwitzer, von uns liebevoll Golli genannt, hatte kürzlich über den Propheten Hosea und die Liebe gepredigt, dadurch kamen wir auf den Namen Hosea. So einigten wir uns, falls das Baby ein Junge würde, sollte es Hosea Che heißen nach dem Propheten der Liebe und dem ermordeten Che Guevara.
Ich wollte Rudi dabeihaben, und Rudi wollte das auch. Aber wir mußten vorher testen, ob er es aushalten konnte oder ob er, wie man es bei Männern erwarten mußte, umkippen würde. Es lief gerade ein Film im Kino, in dem eine Geburt gezeigt wurde. Wir schauten uns den Film an. Rudi blieb bei Bewußtsein.
Am 12. Januar 1968 saß Rudi einmal nicht in einer politischen Debatte - weil er einen Termin im Kreißsaal hatte. Er hielt meine Hand fest, drückte quasi mit. Plötzlich kam die unglaubliche Erleichterung, und der Arzt verkündete: "Sie haben einen Sohn."
Als Hosea drei Wochen alt war, zogen wir zum Cosima-Platz und wohnten dort zu dritt in einem Zimmer. Wie in unseren anderen Wohnungen in West-Berlin zuvor, setzten auch im neuen Haus die Belästigungen bald ein. "Vergast Dutschke", stand eines Morgens im Hausflur an der Wand. Ein anderes Mal lag Kot vor der Tür, und ein paarmal schmiß jemand Rauchbomben in den Hauseingang. Als es nicht mehr auszuhalten war, erzählte Gollwitzers Nichte, daß die Gollis verreisten, und wir konnten solange in ihrer Villa in Dahlem wohnen.
Vom langen Marsch durch die Institutionen hatte Rudi zum erstenmal schon kurz nach den Junitagen 1967 gesprochen. Für manche Ohren mußte Rudis langer Marsch reformistisch geklungen haben. Rudi selbst stellte die Frage:
_ 1996 Kiepenheuer & Witsch, Köln. Der ungekürzte Text erscheint diese Woche als Buch unter dem Titel: "Wir hatten ein barbarisches, schönes Leben. Rudi Dutschke - eine Biographie". 512 Seiten; 45 Mark.
Ist dieser lange Marsch nichts anderes als Reformismus? Und antwortete: Ja schon,
aber es ist ein "systemabschaffender Reformismus". Gemeint war eine Kulturrevolution, die "die Voraussetzung der vorrevolutionären Etappe" schaffe. Rudi sah freilich die Gefahr, daß die Marschierer sich den Institutionen anpassen könnten und nicht die Institutionen veränderten. Deswegen formulierte er eine Doppelstrategie und stellte an die Seite des langen Marsches die Illegalität.
Wenn er von Illegalität sprach, hatte das wenig mit dem zu tun, was die RAF später tat. Rudi, Bernd Rabehl, Gaston Salvatore sowie manche andere vom SDS und vom Dritte-Welt-Kreis stimmten darin überein, daß ein illegaler Kampf notwendig sei, der über die bisherigen Regelverletzungen hinausging. Aber wo war die Grenze? Sie waren sich einig, daß sie nicht in der Lage wären, Widerstand im Untergrund zu leisten, weil die Bewegung nicht die Kraft und nicht die Unterstützung der Bevölkerung hatte. Sie mußten die Toleranzgrenze des bürgerlichen Staats und der Verfassung ausnutzen.
In den Novembertagen von 1967 ging es beispielsweise darum, zu verhindern, daß Springer-Zeitungen ausgeliefert wurden. Diese Blockaden verletzten zwar das Gesetz, aber in der Öffentlichkeit zeigten sich Verständnis und Solidarität für unsere Aktionen.
Bis Februar 1968 überlegten Rudi und sein Kreis fast fieberhaft, welche praktischen illegalen Schritte sie unternehmen sollten. Es gab Verbindungen mit Gruppen in Frankreich und vor allem in Italien, die ähnlich dachten. Es bahnten sich aber auch Kontakte an zur Eta in Spanien und zur IRA in Nordirland, die illegal im Untergrund kämpften und nicht davor zurückschreckten, Waffen einzusetzen. Diese Gruppen wollten eine illegale internationale Organisation aufbauen, die auch Terroraktionen gegen die Kriegsmaschine der Amerikaner durchführen sollte. Rudi lehnte dieses Konzept nicht grundlegend ab. Er war nur nicht überzeugt davon, daß diese Gruppen die gleichen Ziele verfolgten wie er.
Diese Überlegungen blieben in der Luft hängen, als auf einem ganz anderen Feld illegale Aktionen unternommen wurden. Ich hatte schon im Jahr davor Amerikaner getroffen, die in Verbindung mit Deserteurgruppen standen. Diese ermutigten US-Soldaten, die nach Vietnam verschifft werden sollten, zur Desertion und halfen ihnen, unterzutauchen und in sichere Länder zu fliehen, vor allem nach Schweden. Das Verbindungsnetz funktionierte im Februar 1968 schon einigermaßen. Es sollte aber noch mehr getan werden.
Eines Abends erzählte Rudi mir gut gelaunt, er wolle mitten in der Nacht zu den US-Kasernen gehen. Ich rief erschrocken: "Das ist wahnsinnig, sie werden dich erschießen." Aber er antwortete: "Da ist keine Gefahr, es ist dunkel, und wir kommen nicht so nah ran. Wir haben kleine Raketen." Ich unterbrach ihn: "Was, wenn die Raketen explodieren und jemand verletzt wird. Sie werden euch finden."
"Sie explodieren nicht", erwiderte Rudi. "Damit schießen wir Flugblätter, die zur Desertion aufrufen, über die Mauer. Die Soldaten werden sie morgens finden."
"Woher habt ihr die Raketen?" fragte ich.
"Da war jemand von der S-Bahn. Der hatte sie besorgt, hat irgendwie Zugang."
Ich wußte natürlich, daß die S-Bahn auch in West-Berlin der DDR gehörte und daß jemand, der Zugang zu Raketen hatte, diese kaum ohne Billigung der DDR-Behörden aushändigen könnte. Aber Rudi ließ sich dadurch nicht irritieren. Die Aktion klappte reibungslos.
Es wurde noch aufregender. Eines Tages klingelte es an der Tür. Rudi ging hin, und ich hörte einen Überraschungsschrei, dann die Stimme eines Mannes, der "Rudi" rief, und dann Rudi, der "Giangiacomo" rief. Feltrinelli trat ins Zimmer. Er war wie immer voller sprudelnder Energie und verkündete fröhlich: "Ich habe etwas, das möchte ich euch zeigen. Kommt mit runter." Er führte uns zu seinem Auto, das vor dem Haus auf der Straße geparkt war. Feltrinelli machte die Tür auf, grinste und klappte die Rückbank hoch. "Schaut", sagte er. Die ganze Rückbank war mit Dynamitstangen gefüllt. Als ich meine Stimme wiederfand, piepste ich: "Was, wenn das explodiert?" Feltrinelli lachte.
Als es dunkel war, brachten Rudi und Feltrinelli die Ladung in unser Zimmer. Das gefiel mir ganz und gar nicht. Aber Rudi versicherte mir: "Wir finden einen anderen Aufbewahrungsort, mach dir keine Sorgen." Ein paar Stunden lang war er unterwegs, um ein Versteck zu finden. Rudi kehrte mit Gaston zurück. Zusammen mit Giangiacomo füllte er unsere Kindertragetasche mit dem Dynamit. Als alles eingepackt war, packte Rudi die Tasche, und ich nahm Hosea. Unten auf der Straße montierte Rudi die Tragetasche auf das Fahrgestell, mit dessen Hilfe man die Tasche in einen Kinderwagen verwandeln konnte.
Feltrinelli befahl: "Tu das Baby darauf, dann wird es nicht verdächtig aussehen." Das war mir nicht geheuer, aber ich legte Hosea auf das Dynamit und schob den Kinderwagen zum Auto. Wir fuhren in irgendeine Villengegend. Ich schob Hosea und das Dynamit im Kinderwagen vom Auto zu der konspirativen Wohnung, in der der Sprengstoff versteckt werden sollte. Hosea schlief die ganze Zeit.
Es wurde in den folgenden Wochen noch lange diskutiert, was mit dem Dynamit geschehen sollte. Menschenleben durften auf keinen Fall gefährdet werden. Aber das war zu unsicher. So wurde gefordert, das Dynamitabenteuer ohne Explosion zu beenden. Was mit dem Sprengstoff schließlich geschah, weiß ich nicht.
Prag ist nur ein paar Stunden von Berlin entfernt, aber es lag damals hinter dem Eisernen Vorhang. Rudi war für Ende März 1968 von der Jugendkommission der Christlichen Friedenskonferenz (CFK) nach Prag eingeladen worden. Es war die Chance zu sehen, was wirklich los war.
Wir packten unsere Koffer, steckten Hosea in seine Tragetasche und brachen auf. Auf dem Bahnsteig in Ost-Berlin stand jemand, der Rudi kannte: Clemens Kuby. Er begrüßte Rudi fröhlich, und wir entdeckten, daß wir dasselbe Reiseziel hatten. Clemens kannte Prag. Er wußte auch ein billiges Hotel in der Nähe des Bahnhofs. Am folgenden Tag kam Stefan Aust, der damals als Journalist für Konkret arbeitete, und zog ebenfalls in unser Hotel ein. Während der Woche in Prag waren wir unzertrennlich.
Die Konferenz fing mit einer Plenarsitzung an, auf der Kurzberichte aus verschiedenen Teilen der Welt gegeben wurden. Auch Rudi sollte über Ziele, Perspektiven und Strategie des SDS reden. Jedoch bevor Rudi dran war, kam der holländische Theologe Bas Wielenga, der ihm die Einladung verschafft hatte, und sagte: "Sie wollen deinen Bericht nicht hören." Die Sowjetregierung hielt die westeuropäischen Studenten für Radaumacher und wollte eine Debatte über Rudis Ideen verhindern.
Am Mittag gingen wir mit Clemens und Stefan in das luxuriöseste Hotel der Stadt, das "Esplanade". Dort aßen wir das beste Essen, das auf der Speisekarte stand. Clemens bezahlte die Völlerei aus Honoraren seines Vaters Erich Kuby, für tschechoslowakische Ausgaben seiner Bücher. Dieses Geld durfte nicht aus der CSSR herausgebracht werden.
Abends waren wir wieder im "Esplanade". Es herrschte ein Massenandrang westlicher Journalisten. Als einige Rudi entdeckten, setzten sie sich zu uns, und wir feierten ein heiteres Fest.
Wie ein Fest erschienen uns auch die politischen Ereignisse in der CSSR. Alexander Dubcek war seit dem 5. Januar Erster Sekretär der tschechoslowakischen KP. Am 5. März war die Pressezensur gelockert worden. Am 30. März sollte das Parlamentspräsidium einen neuen Präsidenten wählen. Tausende von Menschen waren an diesem Tag auf dem Wenzelsplatz versammelt, um auf das Ergebnis der Abstimmung zu warten. Plötzlich erhob sich ein Geschrei. Ein Mann war auf einem Balkon erschienen. "Dubcek! Dubcek!" ertönte es. Er hob die Hände, und es war still. Dann sagte er, daß Ludvík Svoboda zum Staatspräsidenten gewählt worden sei. Die Menschen tobten. Man konnte nicht anders, der unbändige Jubel riß einen mit.
Am 1. April saßen wir beim Frühstück in unserem kleinen Hotel, da kam ein Pfarrer aus Westdeutschland zu uns an den Tisch. "Stellen Sie sich mal vor", sagte er: "US-Präsident Johnson will nicht für eine weitere Amtsperiode kandidieren, und er will Friedensgespräche mit Nordvietnam anfangen."
"Das ist ein Aprilscherz", sagten wir. Aber es war keiner. Verteidigungsminister Robert McNamara war schon zurückgetreten.
An unserem letzten Tag in Prag, als wir am Frühstückstisch saßen, erschien wieder der Pfarrer aus Westdeutschland. "Ich habe schlechte Nachrichten", sagte er betrübt. "Martin Luther King ist tot." Wir zweifelten diesmal nicht an seinen Worten. "Er wurde in Memphis ermordet, noch keine weitere Information."
Es war, als ob eine giftige Wolke auf uns herabfiel. Die Tage, die wie ein immerwährendes Fest gewesen waren, mündeten in einem Gefühl der Niedergeschlagenheit und Unruhe.
Während wir in Prag waren, fand eine außerordentliche SDS-Delegiertenkonferenz in Frankfurt statt. Es traf sich, daß zur selben Zeit das Wirtschaftsmagazin Capital mit einem Dutschke-Titel erschien. Vorne drauf war Rudi zu sehen, elegant im weißen Hemd und rotem Schal um den Hals. Das Heft wanderte durch die Reihen der Delegierten. Es gab Gelächter und Empörung. Vor allem die DKP-Sympathisanten regten sich auf, am meisten über Rudis Aussage in dem Capital-Interview: "Ich habe ein sehr einfaches Verhältnis zum Geld. Wenn es kommt und ich kann es politisch akzeptieren, das heißt, es ist kein Geld aus der DDR, aus der Sowjetunion oder aus anderen kommunistischen Quellen, dann nehme ich es selbstverständlich an." Daß Rudi namentlich die Kölner Gruppe als DDR-finanziert entlarvte, gefiel ihnen nicht.
Der Leiter der Bonner Delegation, Hannes Heer, beantragte spontan, Rudi aus dem SDS auszuschließen. Die Kölner und Marburger schlossen sich an. Trotz der Konflikte der letzten Zeit aber hielten die Berliner zusammen. Als Heer seinen Antrag begründete, rief Christian Semler: "Du Arschgeige. Aufhören. Du spinnst ja wohl. Ihr Stalinisten!" Auch die Frankfurter hielten dagegen. Sie vermuteten eine gemeinsame Aktion der stalinistischen Gruppen, um Rudi endlich loszuwerden. Der Antrag wurde abgelehnt.
Die SDS-Genossen wußten damals schon, daß wir aus Deutschland weggehen wollten. Sie verstanden es nicht und dachten, meine Angst sei der Grund. Sie begriffen nicht, daß Rudi die Nase voll hatte vom Dauerärger mit den Genossen.
Er hatte eine Erklärung vorbereitet, in der er seine Pläne erläuterte: "Revolutionäre Genossinnen und Genossen, Antiautoritäre! Das bürgerlich-kapitalistische Denken zeichnet sich dadurch aus, daß es gesellschaftliche Konflikte nur begreifen kann in der Gestalt von Personen. Nun, ich meine, aus diesem Grunde und auch aus anderen politisch-revolutionären Gründen habe ich Rechenschaft abzulegen, warum ich jetzt für einige Zeit aus der BRD weggehe, um im Ausland politisch zu arbeiten. Wenn jetzt hier von den Herrschenden gesagt wird, ohne Dutschke ist die Bewegung tot, so habt ihr zu beweisen, daß die Bewegung nicht steht mit Personen, sondern daß sie getragen wird von Menschen, die sich im Prozeß der Auseinandersetzung zu neuen Menschen herausbilden."
Damals hatte der Fernsehjournalist Wolfgang Venohr Rudi auch danach gefragt, ob er ein Attentat für möglich halte: "Haben Sie nicht manchmal Angst, daß Ihnen einer über den Kopf schlägt?"
Rudi antwortete: "Nicht Angst. Das kann passieren. Aber Freunde von mir passen mit auf. Normalerweise fahre ich nicht allein rum. Es kann natürlich irgendein Neurotiker oder Wahnsinniger mal ''ne Kurzschlußhandlung durchführen."
Am Gründonnerstag, dem 11. April 1968, eine Woche nach der Ermordung von Martin Luther King in den USA, wurde Rudi in West-Berlin auf offener Straße von einem durch die Springer-Presse aufgehetzten Hitler-Verehrer namens Josef Bachmann niedergeschossen.
Als wir im Westend-Krankenhaus ankamen, in das Rudi eingeliefert worden war, berichtete ein Oberarzt mir mit merkwürdig ruhiger Stimme, daß Rudi gerade operiert werde. Er konnte nicht sagen, ob es viel Hoffnung gab, die Tatsache aber, daß er noch lebte, könnte eine kleine Ermutigung sein.
Wir warteten, das hilflose Sitzen war unerträglich. Jemand brachte ein Telegramm von Bundeskanzler Kiesinger, das Clemens Kuby, der mich begleitete, gleich zerriß. Zwischendurch fuhr ich nach Hause, um Hosea zu stillen. Gegen 23 Uhr erschien der Gehirnchirurg und teilte mit, daß das bedrohlichste Geschoß aus dem Gehirn herausoperiert worden sei. Seine Hoffnung war gestiegen.
Am zweiten Tag ging ich zu Rudi. Sein Kopf war mit Ausnahme der Augen und Mundpartie völlig verbunden. Was man sah, war bläulich und geschwollen, nicht als Rudi erkennbar. Die Augen blieben geschlossen. Doch am folgenden Tag erkannte er mich gleich und versuchte, sich wie eine zum Leben erweckte Mumie aufzurichten. Die Krankenschwester fragte ihn: "Wer ist das?" und er antwortete: "Meine Frau." Die Ärzte freuten sich. Er hatte mindestens einen Rest seiner geistigen Fähigkeiten behalten. Darauf konnte man aufbauen.
Als sich die Nachricht vom Attentat wie eine Feuersbrunst verbreitet hatte, sammelten sich noch am gleichen Tag Tausende von Menschen vor dem Springer-Hochhaus. Es gab keinen Augenblick Zweifel daran, wer der eigentlich Schuldige war. Auch die Polizisten hatten diese einfache Tatsache begriffen. Sie hielten sich zurück, als die aufgebrachten Menschen Lieferwagen verbrannten und Fenster einwarfen.
In den Tagen danach strömten Studenten in die Basisgruppen, die sich in den Stadtteilen meist um Miet- und Wohnungsprobleme kümmerten. Studenten gingen in Betriebe, um mit Arbeitern Kontakt zu bekommen und sie zu organisieren. An den Universitäten bildeten sich Rote Zellen. Diese Gruppen verstanden sich als Vorläufer einer Rätemacht. Es schien so, als ob sich funktionsfähige Ansätze einer Räteorganisation herausbildeten. Schlagzeilen ließen die Hoffnungen noch wachsen. Der Stern schrieb: "Ist die Revolution noch zu stoppen?"
An der Mai-Demonstration in West-Berlin nahmen 50 000 Menschen teil. Kurz danach protestierten 50 000 Demonstranten in Bonn gegen die Notstandsgesetze, und am 10. Mai wurden Barrikaden im Pariser Quartier Latin errichtet, wo sich 30 000 Studenten und Arbeiter eine tagelange Straßenschlacht mit der Polizei lieferten. Im November 1968 gab es in West-Berlin den bis dahin gewalttätigsten Kampf der Studenten gegen die Polizei, die "Schlacht am Tegeler Weg". 130 Polizisten wurden durch von Studenten geworfene Pflastersteine verletzt. An diesem Tag sollte der Prozeß gegen den Rechtsanwalt Horst Mahler im Landgericht am Tegeler Weg stattfinden. Er wurde als einziger für die Schäden verantwortlich gemacht, die beim Angriff auf das Springer-Hochhaus nach dem Attentat am 11. April entstanden waren.
Als die kritische Zeit in Rudis Genesungsprozeß allmählich überstanden war, drängte sich die Frage auf, wieviel vom Gehirn zerstört war. Schon in den nächsten Tagen merkten wir, daß Rudi zwar alle Familienmitglieder erkannte, aber nicht wußte, wie wir hießen. Sagten wir ihm unsere Namen ein paarmal, dann behielt er sie. Ganz einfache Fragen konnte er mit Ja und Nein beantworten, aber viele Erfahrungen und Ausdrucksmöglichkeiten waren weg. Er wußte damals auch nicht, was mit ihm geschehen war. Einmal fragte ich Rudi: "Weißt du, wer Lenin war?"
Er schaute mich verwirrt an, überlegte, dann sagte er: "Nein."
"Du hast sehr viel über ihn studiert, den russischen Revolutionär von 1917."
Ich sah, wie Rudi mit dem Denken kämpfte, wie er versuchte, mit dem Namen etwas anzufangen, aber er sagte nichts. Doch es arbeitete den ganzen Abend in seinem Kopf, und am nächsten Tag sagte er mir: "Ich kenne Lenin." Und er fügte hinzu: "Ich möchte etwas haben."
"Was?" fragte ich.
"Es ist so", sagte er und formte mit seinen Händen ein Buch.
"Buch?" fragte ich.
"Ja, ein bestimmtes." Er zeichnete mit seinen Fingern etwas in der Luft.
"Was? Bilder?"
"Nein."
Dann verstand ich: "Einen Atlas?"
"Ja." Er freute sich.
Ich brachte ihm am nächsten Tag einen Atlas mit, und er vergrub sich darin gleich mit großem Eifer. Er fragte ständig, wie dieses oder jenes Land hieß, denn er konnte nicht lesen.
Es war deprimierend für ihn, aber er ließ sich nicht unterkriegen. Er ging gleich daran, Lücken zu füllen. Die Namen seiner Freunde waren alle verloren. Ich schrieb ihm eine Liste: Gaston, Christian Semler, Bernd Rabehl, Meschkat, Gollwitzer, Krippendorff, Wolfgang Neuss, Enzensberger.
Rudi wollte auch wissen, was in der Welt los war. Am 1. Mai bekam er ein kleines Radio und versuchte, die Berichterstattung zu begreifen.
Jeden Tag kam ein Arzt, um mit Rudi eine Stunde lang sprechen zu üben. Auch ich tat in den Besuchszeiten, was ich konnte. Es wurde aber klar, daß das nicht ausreichte, um Sprache und Kenntnisse vollends wiederzuerlangen.
Niemand wußte, ob dies überhaupt möglich war bei einem Menschen, dem zehn Zentimeter seines Gehirns weggeschossen worden waren. Die wenigsten Hirnverletzten aus dem Krieg oder von Unfällen hatten es geschafft. Rudi erinnerte sich an seinen alten Freund Thomas Ehleiter. Thomas war Psychologe geworden und arbeitete in Berlin. Rudi war sicher, daß er der geeignete Mensch war. So wurde mit dem Oberarzt vereinbart, daß Thomas täglich morgens und nachmittags mit Rudi üben konnte. Dafür mußte Thomas allerdings seine Stellung aufgeben.
Am wichtigsten war zunächst, die Sprache zurückzugewinnen. Thomas nutzte die Tatsache, daß Rudi an allem Politischen brennend interessiert war.
In den Aufzeichnungen von Thomas aus dieser Zeit ist zu lesen: "Bei den allerersten Leseübungen mit Hilfe einer Fibel für Erstkläßler stutzte Rudi bei dem Wort Uli. Er fragte: ,Wieso Uli?'' Ich erklärte ihm, daß Uli ein Vorname sei wie Rudi oder Gretchen. Bei dem nächsten Wort, Leo, stockte er wieder, sah mich an und sagte: ,Leo, wir haben doch einen Politiker. Leo...'' Er machte ein Pause, wiederholte das Wort einige Male, konnte sich aber nicht an die Person erinnern. Erst bei der Nennung der vier ersten Buchstaben von Trotzki ergänzte er sofort den Namen von Trotzki und lachte. Fünf Wochen nach dem Attentat formulierte Rudi folgenden Satz: ,Ich habe Fehler gemacht. Ich bin einfach noch zu jung, um Politiker zu werden. Ich bin 28 Jahre alt. Ich muß mich noch mal zurückziehen und an mir selbst arbeiten.'' Durch diesen Anspruch gefordert, arbeitete Rudi bereits sechs Wochen nach seiner schweren Verletzung mit Texten von Marx. Beim ersten Leseversuch der 11. Feuerbach-These ,Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern'', unterlief Rudi ein bemerkenswerter Fehler. Er las: ,Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sich zu verändern.'' Als er auf den Lesefehler aufmerksam gemacht wurde, überlegte Rudi, ob nicht seine Lesart den Wert dieser These für sein eigenes politisches Handeln bereichern würde."
Ein Zufall ergab, daß die Frau des Polizeipräsidenten von Berlin, Moch, sich nach einer Operation in derselben neurochirurgischen Abteilung des Krankenhauses aufhielt wie Rudi. Dessen Tagebuch dokumentiert eine denkwürdige Begegnung: "Heute ist der 21.5.1968. Um 17.30 kam der Oberarzt Dr. Schulze und frug mich, ob es möglich wäre, daß der Polizeipräsident, Herr Moch, dessen Frau zwei Zimmer neben mir liegt, für einen Händedruck hereinkommen dürfe. Wir haben überlegt - Thomas und ich - und sahen keine Schwierigkeit und keine Gegenmöglichkeit. Er erschien, und wir sprachen wenige Minuten über die Schießerei des jungen Menschen (Bachmann). Er sprach schließlich von den Polizisten, die sehr froh über Dutschkes Leben sprechen. Dutschke war der Meinung, daß es bei den Polizisten noch sehr viele Rechte gibt."
Herbert Marcuse, der gerade in Berlin war, wollte Rudi auch gern besuchen. Rudi war bereit, das Wagnis einzugehen, ein Versuch, sich seine alte Welt wieder anzueignen. Er wußte aber nicht, ob er die Aufregung durchhalten würde. Als Test und aus Freundschaft wollte Rudi erst Gaston sehen. So anstrengend diese Besuche waren, Rudi merkte, daß er jetzt wieder in der Lage war, komplizierte politische Diskussionen zu führen. Sein Sprachverlust im Bereich der politischen Begriffe war minimal.
Es kam auch unerwünschter Besuch. Sensationsgeile Zeitungsleute wollten Gruselfotos von einem mumifizierten Rudi im Krankenhaus veröffentlichen. Rudi wehrte sich dagegen: "Die Geier des Pressemarkts - wie immer der einzelne Journalist sich geben mag und es subjektiv gut meint, ist dabei völlig unwichtig - wollten das Bild eines Geschlagenen, eines Ausgeschalteten, das Bild eines SDS-Wracks sehen. Der Jugend sollte in letzter Konsequenz gezeigt werden: Geht bloß nicht solch einen Weg, es wird euch wie ihm ergehen."
Auch Horst Mahler plädierte bei einem Besuch für ein Foto. "100 000 Mark vom Stern für ein Bild, 80 000 für den SDS. Wir können es gebrauchen", sagte Horst. Rudi ließ ihn nicht ausreden, er schätzte Horst zu sehr. Später schrieb er: "Er konnte mich nicht verstehen. Mich zu erniedrigen war ich nicht bereit."
Mitte Mai wurden Rudis Fortschritte ein erstes Mal unterbrochen. Der Oberarzt erklärte: "Sie müssen noch eine Operation durchmachen."
"Warum?" fragte Rudi verblüfft und erschrocken.
"Es fehlt noch ein großer Teil vom Schädelknochen, der jetzt im Kühlschrank aufbewahrt ist. Er muß wieder eingesetzt werden. "Rudi hob langsam seine Hand an seinen Kopf, er hatte überhaupt nicht bemerkt, daß ein großes Stück Knochen fehlte und sein Gehirn praktisch direkt unter der Haut lag.
"Das Schädelteil wurde bei der ersten Operation entfernt, damit das Gehirn nicht durch die Schwellungen zerquetscht wurde. Jetzt wird es wieder angenagelt", erklärte der Arzt.
Mitte Juni 1968 war Rudi stark genug, das Krankenhaus zu verlassen. Er wirkte recht beängstigend mit seinem dunklen, hageren Gesicht und den stacheligen schwarzen Haarstoppeln. Auf der rechten Backe hatte er eine große sternförmige Narbe, und die Wunden auf seinem Kopf waren noch sichtbar. Seine Vitalität kehrte zurück, aber nicht mehr in der übermütigen, sprudelnden Weise wie vorher. Und da war eine Bitterkeit, die ich nie zuvor bei ihm erlebt hatte. Er sah die Umwelt nun mit anderen Augen.
Dr. Schulze schlug vor, Rudi solle sich in einem Sanatorium auskurieren. Mit Hilfe von Gollwitzer fanden wir eines in der Schweiz, das so mutig war, Rudi aufzunehmen.
Thomas wohnte mit seiner Freundin Nana ebenfalls im Sanatorium. Das bezahlten wir mit dem Geld aus den vielen Spenden, die wir nach dem Attentat bekommen hatten.
Weil Rudi die Hälfte seines Gesichtsfeldes verloren hatte, schlug Thomas vor, daß Rudi Tischtennis spielen sollte, um zu lernen, bewußt nach rechts zu gucken. Rudi spielte gern, er war ein ehrgeiziger Wettkämpfer und wollte nie verlieren.
Keinen von uns drängte es zurück nach West-Berlin, als der Sanatoriumsaufenthalt vorbei war. Rudi war noch lange nicht stark genug, um in die Politik zurückzukehren. Auf Gastons Betreiben bot Hans Werner Henze uns an, in seiner Villa La Leprara in Italien zu wohnen.
Von seinem imposanten Anwesen waren wir beeindruckt. Jedes der vielen Badezimmer war mit unterschiedlichen exquisiten Fliesen gekachelt. Es gab ein riesiges Wohnzimmer mit dunkelroten Teppichen und zwei Flügeln, das Ganze verschwimmt in meiner Erinnerung zu einer unfaßbaren Phantasie von Reichtum und Eleganz.
Nach der Besichtigung erschien Henzes Sekretär und Lebensgefährte an der Tür, ein langer, dünner, dunkler italienischer Mann, bekleidet mit einem glitzernden Goldanzug. Er glitt auf Zehenspitzen vorwärts, als ob er ein Tanzstück vorführen würde. Vor uns hielt er an und verbeugte sich. "Das ist Fausto", sagte Henze. Fausto begrüßte die Männer inklusive Hosea, der sechs Monate alt war. Er musterte Nana, um zu sehen, ob sie Mann oder Frau war, entschied sich für Frau und beachtete sie nicht mehr.
Am Anfang lebten wir in La Leprara wie Neureiche und ließen uns von Henzes Personal verwöhnen. In dieser merkwürdigen Weltabgeschiedenheit war es schwer, an die Kämpfe in den Städten zu glauben. Aber nach einer Weile begann sich das traumhafte Leben zu trüben. Viele von Rudis Freunden wußten inzwischen, wo wir waren. Auch italienische Genossen erfuhren von unserem Aufenthaltsort und meldeten sich.
Es geschah, was geschehen mußte. Jemand, wohl ein Bekannter von uns, hatte für viel Geld geplaudert. Eines Tages saßen wir im Garten zum Nachmittagskaffee. Thomas hörte es zuerst, es war ein leises Rascheln von Blättern in den Weinstöcken hinter uns. Er sprang auf und schrie: "Sie schießen! Verschwindet!" Ich riß Hosea aus seinem Bett und lief zum Haus. Thomas und Rudi rannten zu den Weinstöcken und stellten die Angreifer, die nicht mit Pistolen, sondern mit Kameras bewaffnet waren. Es gelang ihnen aber nicht, den Eindringlingen die Fotoapparate wegzunehmen, um die Filme zu zerstören.
In der nächsten Ausgabe vom Stern stand dann der Artikel, garniert mit Bildern von uns im Garten: "Tageslauf wie im gutbürgerlichen Urlaub: regelmäßige Mahlzeiten, Rasenspiele, Tischtennis und Fortschritte mit der Doktorarbeit."
Kurz danach erschienen einige italienische Journalisten an der Tür und forderten ein Interview. Sie drohten, daß alle Journalisten Italiens anrücken würden, wenn wir dazu nicht bereit wären. Und sie hielten Wort. Eine Woche später kamen Hunderte von Journalisten, die klingelten unaufhörlich an der Tür, und das Telefon stand nicht mehr still.
In Italien konnten wir nicht bleiben. Wir machten uns Sorgen: Rudis Gesundheitszustand hatte sich wieder verschlechtert. So entschieden wir uns, nach England zu gehen. Rudi rief Erich Fried an, der sich sofort bereit erklärte zu helfen. Ich reiste mit Hosea voraus, um in London alles vorzubereiten.
Mir wurde ein Neurologe empfohlen, der sich bereit zeigte, Rudi zu behandeln. Ich erklärte Dr. Ian MacDonald, daß er für Rudi bürgen müsse, damit dieser nach England einreisen konnte. Alles klappte. Wir konnten im Haus von Erich Frieds Schwager wohnen, der für einen Monat in Südafrika war. Rudi kam am 10. Dezember 1968 in England an.
Am ersten Morgen nach Rudis Ankunft versuchte ich frierend, herauszufinden, wie die Heizung funktionierte. Rudi war erschöpft von der Reise und nervös wegen des anstehenden Termins bei Dr. MacDonald. Als ich nach Brennstoff suchte, begann Hosea zu schreien. Ich ging ins Nachbarzimmer, um nachzusehen - da lag Rudi verkrampft und bewußtlos auf dem Boden.
Im Schock rannte ich hinaus auf die Straße und fragte Passanten, ob sie wüßten, wo ich Hilfe bekommen könne, einen Arzt, irgend jemanden, der etwas tun konnte. Sie schauten mich an, als ob ich verrückt wäre. Glücklicherweise erreichte ich Dr. MacDonald am Telefon. Er bat mich zu beschreiben, wie Rudi aussah: "Machen Sie sich keine Sorgen. Er liegt nicht im Sterben, und er wird bald wieder in Ordnung sein. Er soll nur eine Stunde schlafen und dann mit Ihnen sofort in meine Praxis kommen."
Als Rudi aufwachte, war er etwas durcheinander, aber nicht so bestürzt wie ich. Bei Dr. MacDonald beantworteten wir zuerst die üblichen Fragen. Dann fragte der Arzt, was die Ursache von Rudis Beschwerden sei. Das verblüffte mich, da ich glaubte, jeder müsse die Geschichte kennen, und außerdem sollte der Arzt doch wissen, für wen er gebürgt hatte. Ich erklärte ihm, daß ein Attentäter Rudi in den Kopf geschossen habe. Jetzt klickte es im Hirn von Dr. MacDonald.
Ich sah mit Entsetzen, wie sein Gesicht bleich und grau wurde. Er drohte zusammenzuklappen. Abrupt drehte er sich um und lief aus dem Zimmer. Nach zehn Minuten kam er gefaßt wieder und setzte die Befragung fort, als ob nichts geschehen wäre. Danach untersuchte er Rudi allein. Das Resultat nach dem langen Gespräch mit dem "phantastischen" Arzt hielt Rudi schriftlich fest: "1) Ich bin überhaupt nicht mehr krank, bin aber auf gefährlichem Weg. 2) Aus Nervosität wird Neurose. 3) Aus Todesangst wird Rückschlag. 4) Aus den traumatischen Erfahrungen der Schüsse muß ich heraus: ich habe 2 Chancen - Friedhof - völlige Gesundheit in 3-5 Monaten. 5) Nur wenn ich Ruhe und Sicherheit und Selbsttätigkeit wieder entwickele. Gretchen: Wir sind beide ziemlich abhängig voneinander, unsere Liebe, unsere Vergangenheit, unser Ho, unsere Vorstellungen der nächsten Zeit - wir wollen endlich klarkommen, darum darf es keine Rückschläge geben."
Es war ein schwerer Schlag, als Rudi erkennen mußte, daß er zu epileptischen Anfällen neigte. Er spürte, wenn sich ein Anfall anmeldete. Wenn er dann meinen Namen schrie, voller Angst wie einer, der schwer gefoltert wird, dann ging mir das jedesmal an die Nieren. Ich konnte mich an das immer wiederkehrende Schreien nicht gewöhnen, und mein Bauch zog sich jedesmal krampfartig zusammen.
Die Epilepsie brachte Unberechenbarkeit in sein Leben und machte ihm immer wieder die Mängel seines körperlichen Zustandes bewußt. Sie beeinträchtigte seine Arbeits- und Denkfähigkeit und verursachte die große Angst vor dem nächsten Anfall. Er leugnete diese Angst nicht mehr. Er mußte lernen, mit der Schwäche zurechtzukommen, aber es war nicht leicht.
Ein Genosse schickte Rudi einen Brief: "Die Apo hat sich in ca. 12 Fraktionen gespalten: Du bist in London, Krahl ist tot, Meinhof, Kunzelmann nach Arabien emigriert, Semler/Neitzke/Horlemann spielen sich als Mini-Stalins auf, jede Gruppe sieht ihre Konzepte als die einzig richtigen an. Was tun?"
Fast resigniert schrieb Rudi an Marcuse: "Eine ,objektive Notwendigkeit'' dieser Erscheinung ist nicht zu sehen."
Aus West-Berlin berichtete Horst Mahler: "Die haßvolle Atmosphäre ist entnervend. Die Genossen bringen sich alle zur Zeit noch verbal gegenseitig um. Die schlimmsten Mißverständnisse werden zum Ausgangspunkt immer neuer ,Fraktionierungen''. Das Ganze bekommt mehr und mehr operettenhafte Züge."
Nicht alle ehemaligen Antiautoritären landeten in stalinistischen oder maoistischen Kaderorganisationen. Der Untergrund schien eine Alternative zu sein. Nach dem Bachmann-Attentat hatten Rudi und viele andere den Glauben an eine demokratische Wandlung in Deutschland verloren. Nun war auch Rudi bereit, in den Untergrund zu gehen, falls die Bedingungen dafür gegeben waren. Er interpretierte die illegale Arbeit maoistisch: "im Volke wie Fische im Wasser schwimmen".
Die Menschenverachtung der Terroristen war ihm zuwider. Er lehnte den Terrorismus, im Gegensatz zu illegalen Aktionen, von vornherein ab. Doch wie diese Illegalität aussehen sollte, blieb eine ungelöste Frage.
Einige Freunde hatten weder Hemmungen, menschliches Leben zu gefährden, noch den Blick für die Realität. Sie wählten den Terror. Von den ersten RAF-Mitgliedern kannte Rudi einige gut: Horst Mahler am besten (er war Rudis Anwalt), Ulrike Meinhof und Jan-Carl Raspe auch. Mahler besuchte Rudi im September 1969 in London. Er war verzweifelt über die Lage in Deutschland: "Ich glaube, wir haben einen Punkt erreicht, wo man sich nicht mehr um die Konsequenzen drücken kann. So wie die Dinge heute liegen, wird es notwendig sein, dir auf die Bude zu rücken, um über diese Konsequenzen zu reden." Es war nichts Genaues, aber Rudi ahnte, was dahintersteckte, und sagte: "Meiner Meinung nach sollten wir nicht in den Untergrund gehen." Aber kurz darauf war Horst abgetaucht.
Heiligabend, am 24. Dezember 1979, starb Rudi in Dänemark an einem epileptischen Anfall, den er in der Badewanne erlitt.
Wo Rudi begraben werden sollte, war keine Frage: in Berlin. Dorthin gehörte er. Aber wo dort? Es war Gollwitzer, der uns am Anfang zusammengebracht hatte und uns nun am Ende begleitete. Gollwitzer, der der Bekennenden Kirche angehört hatte, kannte Dietrich Bonhoeffer und seine Familie. Bonhoeffer hatte ebenfalls zur Bekennenden Kirche gezählt und war kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs von den Nazis hingerichtet worden. Bonhoeffer ist auf einem Berliner Friedhof in der Nähe der Friedrichstraße begraben. So war es aber nicht vorgesehen gewesen. Er sollte eigentlich in einem Familiengrab auf dem Friedhof der St.-Annen-Kirche in Dahlem bestattet werden, und nun war dieses Grab leer.
St. Annen war die Pfarrei Martin Niemöllers und die Gemeinde Dahlem Geburtsort der Bekennenden Kirche. Hier wurde in den Jahren der Naziherrschaft Tag für Tag für die Opfer gebetet und, wo möglich, geholfen. Viele Angehörige der Bekennenden Kirche sind dort beerdigt. In dem eigentlich für Bonhoeffer bestimmten Grab im Schatten der kleinen Kirche aus dem Mittelalter wurde Rudi bestattet. Es gibt merkwürdige Verstrickungen in der bitteren deutschen Geschichte.
Die Beerdigung war am 3. Januar 1980. Ich fuhr mit den Kindern nach West-Berlin. Als wir auf den Friedhof mußten, fanden wir Hosea nicht. Er hatte sich im Bett versteckt, den Kopf mit dem Kissen bedeckt, und als ich ihm das Kissen wegzog, sah ich, daß er sich Watte in Ohren und Nase gestopft hatte.
Es war ein kalter grauer Tag, die Menschen glitten wie Gespenster an mir vorbei. Am Friedhofstor ließen die Ordner uns ein. Es war alles überfüllt, alles schwarz und grau, die Gräber, die Menschen, die erstarrt und verfroren dort standen. Als wir die Kirche betraten, sahen wir den Sarg, bedeckt von bunten Blumen, wie eine Explosion im Dunkeln.
Gollwitzer begann zu predigen: "Der Tote ist allein, und wir sind allein, und daß alles Leben zum Tode verurteilt zu sein scheint, das droht uns nichtig zu machen, was uns doch wichtig ist: dieses irdische Leben mit seinen Freuden und seinen Verantwortungen, auch diesen Kampf für das Leben, gegen seine Erniedrigung, Verkümmerung und Massentötung, diesen Kampf, in dem wir uns mit Rudi gefunden haben, in dem er uns mitgerissen hat durch seine Leidenschaft, und in dem er uns nun bitter fehlen wird. Gott hat es gut gemeint mit Rudi. Durch den Tod hat er ihn, wie es uns allen verheißen ist, dorthin geführt, wo er mit uns allen von Angesicht zu Angesicht ihm dankt: Du hast es gut gemeint und gut gemacht."
"Nein", habe ich gedacht. "Das ist nicht wahr, wieso sagst du das?", und ich begann zu weinen.
Golli redete weiter: "Er wurde wieder einer unter vielen, umstritten und kritisiert, wie es sich unter uns gehört. Der Ruhm machte ihm Spaß, aber Führer zu sein, Chefideologe, Autorität, danach stand ihm nicht der Sinn. Für ihn galt, was Che Guevara in dem Abschiedsbrief an seine Eltern von sich sagt: Er war ,einer von denen, die ihre Haut hinhalten, um ihre Wahrheiten zu beweisen''. So steht er in der Reihe jener Revolutionäre, die auf dieser Erde nicht alt geworden sind. Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg, Gustav Landauer ließ man keine zehn Jahre älter werden als ihn, Georg Forster starb wie Rudi 39jährig im Exil, Camilo Torres und Che Guevara fielen in seinem Alter."
Für die Leute, die draußen standen, sollte Gollwitzers Predigt über Lautsprecher übertragen werden, aber die Anlage funktionierte nicht. Nur Satzfetzen hallten sinnlos durch die Luft. Irgendwann begannen einige leise, die "Internationale" zu singen, und manche weinten.
Ende
_ 1996 Kiepenheuer & Witsch, Köln. Der ungekürzte Text erscheint diese Woche als Buch unter dem Titel: "Wir hatten ein barbarisches, schönes Leben. Rudi Dutschke - eine Biographie". 512 Seiten; 45 Mark. * Auf dem Kurfürstendamm in Berlin; vorn liegen die Schuhe des Schwerverletzten, hinten sein Fahrrad und seine Aktentasche.

DER SPIEGEL 35/1996
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