26.08.1996

„Hattu Probleme, Opa?“

SPIEGEL: Herr Schubert, Ihre neue Serie heißt "Mit einem Bein im Grab". Erste Feindberührung mit Freund Hein?
Schubert: Ja, kann man so sagen. Mit gut 70 muß man darauf gefaßt sein. Der Titel ist die wörtliche Übersetzung der Originalserie in der BBC.
SPIEGEL: Worum geht es bei diesem Gruben-Stück?
Schubert: Um einen Pförtner in einem großen Industriebetrieb, der aus Rationalisierungsgründen vorzeitig in die Rente geschossen wird. Dieser Viktor Bölkoff sitzt mißmutig zu Hause und versucht verzweifelt, das Beste aus seiner Lage zu machen. Das geht meistens schief.
SPIEGEL: Und aus Kummer betrinkt sich dieser Bölkstoff?
Schubert: Der Mann heißt Bölkoff, meine Herren! Er ist ein liebenswerter, aber manchmal nörgeliger Spießer, der keine kleinen Kinder und Hunde mag, wie der berühmte amerikanische Filmkomiker W. C. Fields. Viktor ist seit 27 Jahren mit einer geduldigen Margret verheiratet. Für diesen Part habe ich mir die Kollegin Brigitte Böttrich gewünscht. Die beiden leiden am meisten unter der gräßlichen Nachbarin Lisbeth Albermann, gespielt von Irm Hermann. Seit ihren Auftritten in Fassbinder-Filmen ist Irm ja die Idealbesetzung für greuliche Nervensägen.
SPIEGEL: Sie sind doch auf die Rolle des gnatterigen Kleinbürgers abonniert.
Schubert: Was soll ich sonst spielen? Als ich zum erstenmal eine Bühne betrat, war mir schon klar, daß ich mit meinen 1,58 keinen stolzen Aristokraten oder blonden Recken spielen konnte. Ich komme aus dem Milieu der kleinen Leute. Warum muß ich mich mit Gewalt einer Figur ausliefern, zu der ich keinen Bezug habe?
SPIEGEL: Soll mit dem Petit Bourgeois Bölkoff das gute, alte Ekel Alfred wieder
auferstehen und für erfreuliche Quoten sorgen?
Schubert: Auf Einschaltrekorde pfeifen wir. Viktor ist nicht so ein reaktionärer Kotzbrocken wie Tetzlaff, nur ein sehr entfernter Verwandter. Wir waren damals in der Serie "Ein Herz und eine Seele" rotzfrech und haben verbal schwer gewütet. Über Willy Brandt sagte ich zum Beispiel: "Frahm, dieses norwegische Kellerkind." Als ich Brandt später einmal vorgestellt wurde, guckte er prompt sehr skeptisch auf mich herab, während mir Egon Bahr und Horst Ehmke augenzwinkernd die Hand schüttelten. Ich will damit aber nicht behaupten, daß der verehrte Willy den satirischen Witz der Serie nicht begriffen hätte.
SPIEGEL: Dürfte man seine Frau im Fernsehen heute ungestraft ständig "dusselige Kuh" nennen?
Schubert: Ich hoffe es doch. Aber, ob es nun eingefleischten Feministinnen paßt oder nicht: Wie Alfred denken und reden immer noch genug Männer. Vor 20 Jahren jedenfalls konnte man das auf dem Bildschirm noch offen aussprechen. Helmut Kohl hat sogar anfragen lassen, ob ich als Tetzlaff Wahlhilfe für die CDU machen wolle. Es war doch ein Verdienst der Serie, daß sie die Ideologie der schweigenden Mehrheit entlarvte.
SPIEGEL: Und was enthüllt das Fernsehen heute?
Schubert: Vor allem die eigene Blödheit. Es ist ängstlich, flach und feige. Obwohl die Öffentlich-Rechtlichen sich an die Kommerziellen angepaßt haben, fühle ich mich da noch am wohlsten. Mit dem alerten Personal bei den Kommerzsendern will ich nichts zu tun haben. Die Leute, die in diesen Seifenopern auftreten, sind keine Schauspieler, sondern Selbstdarsteller. Im Theater würden die scheitern.
SPIEGEL: Empfinden Sie den neuen deutschen Film auch als so eine kommerzielle Wüste?
Schubert: Ganz und gar nicht. Detlev Bucks Komödie "Wir können auch anders" habe ich fünfmal gesehen, ein grandioser Film. Was der und Sönke Wortmann machen, finde ich überragend und überraschend. Da sehe ich eine große Chance für den deutschen Film. Diese Jungen arbeiten aus dem Bauch heraus, ganz anders als die kopflastigen Autorenfilmer der siebziger Jahre, die das Publikum massenhaft in die Flucht schlugen.
SPIEGEL: Wirken diese Leichtfüße auf einen gelernten Brecht-Schauspieler wie Sie nicht eher befremdlich?
Schubert: Kein bißchen. Das Brechtsche Theater war überhaupt nicht, wie alle jetzt behaupten, kalt und lehrhaft. Es war durchaus emotional und kulinarisch. Denn auch der Verfremdungs-Theoretiker hatte begriffen, daß Theater der Unterhaltung dient. Übrigens: Das berüchtigte Wort "Verfremdung" ist auf den Proben beim Meister nie gefallen.
SPIEGEL: Wie sind Sie dem großen B. B. begegnet?
Schubert: Das war 1950 und sehr kurios. Mein Schauspiellehrer hatte mich eines Abends mal in die "Möwe", den legendären Ost-Berliner Künstlerklub, geschleppt. Da trafen wir ihn. Beim Rausgehen zeigte mein Mentor auf mich: "Brecht, können Sie den gebrauchen?" Er murmelte: "Ja, ja, kommen Sie mal morgen." Und damit war ich engagiert. Am nächsten Tag ging ich mit zitternden Knien zum Berliner Ensemble und wurde gleich in eine laufende Probe reingesteckt. Da standen alle die Großen um mich herum: Ernst Busch, Helene Weigel, Erwin Geschonneck. Ich blieb über zehn Jahre - meine schönste Zeit.
SPIEGEL: Wie hat Brecht seine monumentalen Modell-Inszenierungen gestemmt?
Schubert: In aller Ruhe. Es gab keinen Premierenstreß wie heute. Wir haben bis zu neun Monaten probiert und uns peu à peu an die Rollen rangearbeitet. Selbst in der 100. Vorstellung saßen da Abendregisseure im Zuschauerraum, die uns genau beobachteten. Wir bekamen dann Notate, auf denen stand zum Beispiel: "Aufgepaßt, bei dir ist stellenweise die Poesie verlorengegangen." Oder: "Du hast den Sprechrhythmus verschlampt."
SPIEGEL: Diese Präzision ist bei heutigen Regie-Berserkern längst passé. Beenden Sie deshalb Ihre erfolgreiche Theaterkarriere?
Schubert: Deswegen nicht. Mit meinen Regisseuren Peter Zadek, Wilfried Minks oder Jérôme Savary hatte ich Glück. Die stellen ihre Schauspieler nicht auf den Kopf. Aus heutiger Sicht wirken sie ziemlich brav, fast schon bieder. Nein, ich habe überhaupt keine Lust mehr, auf irgendeiner Bühne zu stehen. Komme, was wolle. Ich spiele seit über 45 Jahren, fast nur an Staatstheatern. Dieser saturierte Betrieb ging mir schwer auf die Nerven. Da kommen und gehen die Intendanten und Regisseure. Sie benutzen den Schauspieler und verschwinden dann wieder.
SPIEGEL: Sie sind auf eine andere Bühne ausgewichen.
Schubert: Sie meinen meine Foto-Leidenschaft für Schaufensterpuppen. Inzwischen habe ich 23 000 Aufnahmen. Das ist mein Theater, da bin ich mein Intendant, mein Regisseur.
SPIEGEL: Was reizt Sie denn an den Figuren?
Schubert: Nicht das Preisschild, das interessiert nur meine Frau. Diese "window dummies", wie sie genannt werden, sind für mich Kollegen aus Kunststoff. Ein Schaufenster ist wie eine Bühne. Da stehen wortlos Darsteller in Kostüm und Maske, geschminkt und ausgeleuchtet. Sie tragen absurde, manchmal makabre Kleidung. Für mich verkörpern sie die Deformation des Menschen.
SPIEGEL: Wo finden Sie die stummen Dummies?
Schubert: In den Schaufenstern der ganzen Welt - von Castrop-Rauxel bis Auckland, Neuseeland. Neulich bin ich sogar wegen der Puppen nach Sidney und Hongkong geflogen. Einmal hab'' ich mich nach New York aufgemacht, weil ich gehört hatte, daß im Kaufhaus Bloomingdale''s aufregende Dekorationen zum Thema Sex and Crime ausgestellt waren. Als ich ankam, waren die Fenster leider schon umgestaltet, weil sich etliche Kunden beschwert hatten.
SPIEGEL: Suchen Sie auch Erotik im Tal der Puppen?
Schubert: Suchen nicht, aber finden. Manche haben einen wunderbaren Sex- appeal. In Frankreich sind die Puppen ein wenig zierlicher in der Taille. Die Deutschen mögen dagegen einen etwas üppigeren Busen. Neuerdings ist ein neuer, androgyner Typ in Mode gekommen. Ein Dummy, den ich heute als Frau fotografiert habe, kann morgen schon als Mann ausstaffiert sein. Wie ich höre, soll den Kerlen demnächst ein primäres Geschlechtsteil angepappt werden. Bisher wird der Schamtrakt noch mit Papier ausgestopft.
SPIEGEL: Finden Passanten es eigentlich puppenlustig, wenn ein älterer Herr mit der Kamera vor einem Schaufenster hantiert?
Schubert: Da gibt es sonderbare Erlebnisse. In München hat mich mal so ein Halbwüchsiger angemacht: "Hattu Probleme, Opa?" In der Hamburger Mönckebergstraße hielt mich einer für einen Trittbrettfahrer: "Na, Sie wollen wohl dem Schubert Konkurrenz machen?" Und ein Ausländer radebrechte: "Du abnorm?"
SPIEGEL: Kann es auch mal gefährlich werden?
Schubert: Ein bißchen schon. Wenn man in Paris die neuen Kollektionen im Schaufenster knipst, wird man schnell für einen Modespion gehalten. Und während der RAF-Zeit, 1978, mußte ich mich in Köln ausweisen, weil ich in einem Sexshop eine Puppe mit ekelhaften Accessoires wie Knebeln, Ketten und Fesseln fotografiert habe. Das Ärgernis war also ich.
SPIEGEL: Ekel Alfred als Pornograph enttarnt.
Schubert: Das sind die Schlagzeilen, die ich von Ihren Kollegen gewohnt bin: "Ekel Alfred wird 70" oder "Ekel Alfred räumt die Hafenstraße auf". Ich wäre der Presse dankbar, wenn man hinter meinem Namen nicht mehr Ekel Alfred, sondern Viktor Bölkoff schreiben würde.
SPIEGEL: In diese Figur haben Sie sich offenbar richtig verliebt.
Schubert: Stimmt. Sie ist ein Stück von mir und eine Bombenrolle.
SPIEGEL: Und was wünscht sich Heinz Schubert, bevor er beidbeinig ins Grab sinkt?
Schubert: Er ist so auf diesen großen Eigenbrötler und -Blödler Viktor fixiert, daß er ihn noch in vielen Serienfolgen spielen möchte.
SPIEGEL: Herr Schubert, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* Peter Stolle und Joachim Kronsbein auf Sylt. * In der WDR-Serie "Mit einem Bein im Grab".
Von Peter Stolle und Joachim Kronsbein

DER SPIEGEL 35/1996
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