02.09.1996

LeichtathletikDie Zukunft ist schwarz

Rekorde galten bisher als Marksteine menschlicher Entwicklungsfähigkeit. Doch ausgerechnet jetzt, wo das Sport-Business sie dringend benötigt, stagnieren die Leistungen. Wissenschaftler haben Belege dafür gefunden, daß der Mensch als Sportgerät ausgereizt ist: Das biologische System läßt sich nicht weiter tunen.
In einem kleinen Städtchen Kanadas am Rande der Niagarafälle formierte sich unter der Leitung des Werkstattbesitzers Mike Leskiw, 41, eine ungewöhnliche Bürgerinitiative. Die Einwohner von Oakville wollten grundsätzlich und für immer geklärt haben, wer der schnellste Mann im Universum ist.
In einer US-Talkshow war der Amerikaner Michael Johnson, Olympiasieger und Weltrekordler über 200 Meter in Atlanta, als "schnellster Läufer der Welt" vorgestellt worden. Die Oakviller sahen darin eine Herabwürdigung ihres Mitbürgers Donovan Bailey, der in Atlanta in Weltrekordzeit von 9,84 Sekunden die Goldmedaille über 100 Meter gewonnen hatte.
Die Antwort auf die amerikanische Herausforderung erfolgt diese Woche. Mit kostspieligen Anzeigen in US-Zeitungen verkünden die Provinzler der Weltöffentlichkeit, daß ohne jeden Zweifel "Donovan Bailey der schnellste Mann der Welt ist". Johnson habe zwar die letzten 100 Meter seines 200-Meter-Sprints in 9,20 Sekunden absolviert - aber gemessen worden sei eine Strecke, die er in vollem Tempo, also ohne Startphase gelaufen sei.
Der amerikanische Geschwindigkeitsstreit ist der Höhepunkt einer sommerlichen Rekordhysterie. Erst feierten die USA die "schnellsten Spiele aller Zeiten" (Atlanta Journal-Constitution). Dann wurde beim Zürcher Sportfest Kenias Langstreckenläufer Daniel Komen bejubelt, weil er den "Laufkaiser Haile Gebreselasie demontierte" (Sport, Zürich). Schließlich bedachten die Experten den "unfaßbaren Weltrekord" (Frankfurter Allgemeine) des Marokkaners Salah Hissou mit Superlativen. Und Jackie Delapierre, Direktor des Leichtathletik-Meetings von Lausanne, stellte sogar "Weltrekord-Hitparaden" auf.
Der anschwellende Rekordgesang beweist einmal mehr, wie sehr das Sport-Show-Business auf diese angeblichen Marksteine menschlicher Entwicklungsfähigkeit angewiesen ist.
Doch nur eine kleine Elite von Athleten, die sich, so der Kölner Biomechaniker Wolfgang Baumann, "regelrecht herausgemendelt hat", ist überhaupt noch in der Lage, den Anforderungen der auf Wachstum programmierten Industriegesellschaft standzuhalten. Mit Verschleißerscheinungen, die in diesem Jahr so häufig wie niemals zuvor auftraten, bezahlten die Leistungsprotagonisten für die Wettkämpfe im Grenzbereich.
In Wirklichkeit, wissen Sportmediziner, versuchen die Athleten nur noch, die Natur zu überlisten - mit eigens für den Sprint konstruierten Laufbahnen wie in Atlanta, mit immer genauer eingestellten Tempomachern, den sogenannten Hasen, oder durch winzige Verbesserungen der Ausrüstung. Geht es aber allein um die körperliche Leistungsfähigkeit, dann ist die Zeit der Rekorde in den meisten Disziplinen vorbei.
Funktionäre, Trainer und Wissenschaftler, die jahrzehntelang den Mythos der grenzenlosen Leistungssteigerung gepredigt hatten, werden bescheiden. "Manche Rekorde", sagt Frank Hensel, Leistungssportreferent des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, "werden für die Ewigkeit dort oben thronen."
Selbst als Lars Riedel, der überragende Diskuswerfer dieses Jahres, beim Sportfest in Zürich eine persönliche Bestweite aufstellte, konnte sich der Modellathlet nicht vorstellen, jemals den Weltrekord zu brechen: "Daran denke ich überhaupt nicht." Die Marke des Schweriners Jürgen Schult, geworfen in der Doping-Hochzeit vor zehn Jahren, liegt immer noch drei Meter über der Marke des Olympiasiegers von Atlanta.
Die flacher werdende Leistungskurve wird durch eine Studie der Abteilung Sportpädagogik an der Pädagogischen Hochschule in Heidelberg wissenschaftlich belegt. Eine Gruppe um Professor Gerhard Treutlein untersuchte die Topleistungen der letzten 40 Jahre und stellte dabei in vielen Sportarten Stagnation oder gar Rückschritt fest.
In der Leichtathletik stiegen die Leistungen bis Ende der achtziger Jahre steil an, die Ergebnisse der jeweils drei Weltbesten waren um rund 20 Prozent besser als Mitte der Fünfziger (siehe Grafik).
Doch 1988 setzte in den Frauen-Disziplinen eine radikale Wende ein, inzwischen sind die Resultate sogar auf das Niveau von 1978 abgesunken. Die Olympiasiegerin Swetlana Masterkowa mußte in der vorvergangenen Woche schon auf die so gut wie nie gelaufenen 1000 Meter ausweichen, um dem Publikum in Brüssel eine neue Weltbestmarke präsentieren zu können.
Etwas freundlicher sieht die Statistik bei den Männern aus. Der Durchschnittswert der drei Weltbesten hatte 1984 seinen Höhepunkt erreicht. Seitdem sinken tendenziell die Leistungen, wenngleich nicht in einem solchen Ausmaß wie bei den Frauen.
Treutlein hat für die Leistungseinbrüche nur eine "relevante Erklärung - die verschärften Dopingkontrollen". Für den Physiologen Jared Diamond steht dagegen auch so fest, daß die Rekorde "nicht für immer steigen". Der Professor an der University of California in Los Angeles untersuchte die körperliche Energieproduktion bei 37 Arten von Lebewesen.
Diamond kam zu dem für ihn überraschenden Ergebnis, daß die Menschen wie auch die meisten anderen Untersuchungsobjekte in Phasen höchster Belastung den Energieumsatz maximal auf das Siebenfache des Ruhewerts zu steigern in der Lage sind. Selbst hochmotivierte Athleten oder Soldaten konnten nicht mehr als 40 000 Kilojoule pro Tag umsetzen.
Da jede weitere Brennstoffzufuhr ohne Folgen bleibt, stößt der Mensch zwangsläufig irgendwann an die Grenze seines Leistungsvermögens. Denn im Gegensatz zu einem Motor, dem mit technischen Raffinessen mehr Leistung entlockt werden kann, läßt sich das biologische System nicht mehr tunen.
Der Mensch als Sportgerät scheint folglich ausgereizt. Lange galt etwa das Herz-Kreislauf-System als nahezu grenzenlos trainierbar. Während ein gewöhnliches Herz rund 300 Gramm schwer ist, wiegt ein Sportlerherz bisweilen über 500 Gramm. Mit diesem Turboorgan pumpen die Athleten bis zu 35 Liter Blut pro Minute durch den Körper - doppelt soviel wie ein Normaltrainierter.
Viele Sportmediziner hielten solche Extremorgane für ungefährlich. Doch in den USA häufen sich nach mehreren tödlich verlaufenen Kollapsen die warnenden Stimmen der Wissenschaftler.
Weniger die Größe als die Anfälligkeit gegenüber Viren scheint die übertrainierten Herzen zu belasten. Im Oktober vergangenen Jahres schwebte Chad Carvin, Weltranglistenzweiter über 200 und 400 Meter Kraulschwimmen, nach einer Entzündung der Herzkranzgefäße lange zwischen Leben und Tod.
Noch unzulänglicher ist der Bewegungsapparat auf die Extremsituationen im Stadion ausgerichtet. Alle menschlichen Bewegungen werden durch mechanische Kräfte ausgelöst. Dabei werden Muskeln, Bänder, Knochen und Gelenke Belastungen unterworfen, die im Sport um einige hundert Prozent größer sind als im Alltag. Nach sieben Läufen in Atlanta waren Johnsons Beine derart lädiert, daß er nicht mehr rennen konnte.
Enormen Druck haben besonders die Fußgelenke auszuhalten. Biomechaniker Baumann fand heraus, daß auf den Fuß eines Hochspringers, der beim Anlauf von einer Zehntelsekunde auf die andere den Schwerpunkt seines Körpers verändert, 50mal so große Kräfte einwirken wie bei einem Spaziergänger. Die Folge solcher Gewaltakte sind permanente Miniverletzungen: Gefäße werden zerstört, Zellgitter auseinandergerissen.
Zwangsläufig müssen die Athleten immer häufiger Verletzungspausen einlegen. Die Hochspringerin Heike Henkel wurde 1992, in ihrem erfolgreichsten Jahr, ständig von schmerzhaften Problemen im Fußgelenk verfolgt. Nach Computerberechnungen hätte die Olympiasiegerin längst Weltrekord springen müssen, doch ihre Blessuren verhinderten den Angriff auf die bestehende Bestmarke.
Die extreme mechanische Belastung hat auch die Rekordentwicklung im Sprint gestoppt. In den letzten 28 Jahren ist der Männer-Weltrekord gerade einmal um 11 hundertstel Sekunden verbessert worden; bei den Frauen wird die Marke von Florence Griffith-Joyner aus dem Jahre 1988 wohl ewig Bestand haben.
Baumann ermittelte, daß bei jedem Schritt eines Sprinters Kräfte auf die Beine einwirken, als würde auf ihnen ein VW Polo lasten: das Sprunggelenk wird mit 9000 Newton belastet, die Patellasehne immerhin noch mit 4000 Newton. Das entspräche den "Beanspruchungstoleranzen des biologischen Materials" - Sehnenrisse, Bänderdehnungen und Knochenbrüche sind also programmiert.
Leistungssportreferent Hensel sieht die Leichtathletik deshalb in einer Zwickmühle. Er weiß, daß die "Öffentlichkeit nach Rekorden förmlich schreit". Doch anzubieten hat er nur wenig. Am liebsten möchte er deshalb die Ansprüche ändern. Wichtiger als "sensationelle Einzelleistungen", verkündet er, müsse die Fähigkeit sein, "sich bei Sportfesten durchzusetzen".
Das ist so etwas wie eine Flucht nach vorn angesichts der Erkenntnis, daß vom Abendland ohnehin nicht mehr viel zu erwarten ist. "Wir sind fetter, bequemer und weniger fit als früher", erklärt Peter Keen, Mitglied des Sportwissenschaftlichen Instituts an der University of Brighton. Folglich schrumpfe der genetische Pool kontinuierlich, aus dem die Supertalente ausgewählt werden können. Auch das hat künftig erhebliche Konsequenzen für die generelle Leistungsentwicklung: weniger Masse, noch weniger Klasse.
Rettung kann allenfalls vom Schwarzen Kontinent oder aus der Karibik kommen, also aus leistungsfördernden Klimazonen mit einem großen Reservoir bisher noch nicht austrainierter Naturtalente. Als Indiz für diese Vermutung der Sportmediziner gilt: Alle Lauf-Weltrekorde der Leichtathletik dieses Jahres wurden von Farbigen aufgestellt. Schwarze, glaubt der britische Neurologe und ehemalige Weltrekordläufer Roger Bannister, hätten anatomische Vorteile: ein günstigeres Kraft-Gewicht-Verhältnis, weniger Unterhautfettgewebe, einen größeren Fersenknochen.
Leistungsschübe wie vor einigen Jahren, als die Läufer aus dem kenianischen Hochland den Langlauf revolutioniert haben, sind aber kaum mehr zu erwarten. Die ausdauerbegabten Athleten vom Stamm der Nandi finden in ihrer Heimat immer noch ideale Bedingungen vor: zwölf Monate im Jahr warmes Wetter, ein Höhenklima, das die Zahl der sauerstofftransportierenden roten Blutkörperchen steigert, weichen, federnden Boden, der Knochen schont und Muskeln stärkt.
Doch die inzwischen auch trainingsmethodisch bestens präparierten Naturläufer verzehren ihr Talent oft in wenigen Monaten. Angetrieben von findigen Managern und der Aussicht auf schnelles Geld, powern sie ihren Körper gnadenlos aus. Immer häufiger gleicht ihre Karriere, wie beim 10 000-Meter-Läufer Richard Chelimo, dem Flug einer Feuerwerksrakete: Sie erscheinen mit einem lauten Knall in der Weltspitze und verglühen, noch ehe das Staunen der Zuschauer vorbei ist. Zurück bleibt nicht selten ein von Alkoholproblemen geplagter Ex-Weltrekordler.
Einige wenige der Großen der Leichtathletik haben dagegen zur Demut zurückgefunden. Der neunmalige Olympiasieger Carl Lewis, der als Symbol ungebremsten Fortschrittsglaubens 16 Jahre die Bestmarke seines Landsmanns Bob Beamon jagte, den Weitsprung-Weltrekord letztlich aber nie brechen konnte, sammelt sich vor jedem Wettkampf in einer Kirche. Nur dort, sagt er, begreife er stets aufs neue, daß sein Können "allein gottgegeben ist".
[Grafiktext]
Leistungsentwicklung in Prozent
Frauen und Männer: Leichtathletik und Wurfdisziplinen
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 36/1996
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