02.09.1996

MusikMozart im Persilkarton

Im CD-Geschäft mit klassischer Musik geht es drunter und drüber: Neuaufnahmen mit Superstars sind Ladenhüter, der Handel mit den zeitlosen Evergreens lahmt. Statt dessen drängen immer mehr Billiglabels auf den Markt und sorgen für stolze Zahlen. Aber sie untergraben das Preisgefüge. Einer ganzen Branche droht der Kollaps.
Wird das ein Live! Cembalos sollen zirpen, Saxophone jaulen. Erlesene Ensembles werden Barockes streichen, ausgewachsene Klangkörper für volle Dröhnung sorgen.
Der Bayerische Musikrat öffnet Herz und Mund unter dem Motto "Junge Leute singen gern". Vom Sparzwang gebeutelte Schöngeister palavern am Runden Tisch unter dem Leidmotiv "Weinen hilft nicht!" Ein Akademiedirektor trägt gar zur Seinsfrage vor: "Wozu Musik?"
Doch all das Gedudel und Gerede ist nur Tamtam zum großen Branchentreff: Wenn am kommenden Freitag in der Kölner Messe die "Klassik Komm. 1996" eröffnet wird, geht es, wie auch anders, vor allem ums Geschäft, und da geben die Plattenmacher immer noch den Ton an. Vom Krauter bis zum marktführenden Konzern will die Tonträgerindustrie ihre Schlüsselrolle demonstrieren: Nur hier, auf CD, spielt wirklich die Musik.
Zur Feier des Tages hat der Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft noch rasch für Stimmung gesorgt: Nach der Statistik sind im ersten Halbjahr 1996 in Deutschland insgesamt 500 000 Klassik-CDs mehr verkauft worden als im gleichen Zeitraum des Vorjahres - ein sattes Plus von über sieben Prozent, mehr als im Pop-Geschäft. Eigentlich stolze Zahlen in schweren Zeiten.
Alles Tünche, alles Schönfärberei: In Wahrheit pfeift die Branche auf dem vorletzten Loch.
Die meisten Hochpreis-Novitäten, kostspielige Renommierprodukte totgespielter Repertoire-Hits, liegen in den Läden auf Halde. Das Publikum hat seine Lieblingsopern und Wunschkonzerte längst doppelt und dreifach im Schrank; für Mozart und Mahler in sinnloser Vervielfältigung fehlt die Nachfrage.
So läuft die tönende S-Klasse am Markt vorbei. Viele der Neuproduktionen zum Luxuspreis bringen es erst nach Jahren auf eine vierstellige Absatzzahl.
Doch auch die Idee, den künstlerisch wertvollen Fundus der Mono- und frühen Stereo-Ära in kräftig rabattierten Editionen neu zu verpacken, ist kommerziell ein - verbraucherfreundliches - Eigentor.
Die Callas als Schnäppchen zieht, mit gutem Grund, mehr Käufer an als eine heutige Durchschnittsdiva zum Spitzenpreis; ein wohlfeiler Furtwängler ist ungleich attraktiver als ein teurer Muti. Die Folge: Die Nachfrage nach günstigen Oldies drückt den Umsatz der Neuerscheinungen weiter.
Auf diesem verunsicherten Markt haben nur die Discounter leichtes Spiel. Einsteigern bieten sie die Standardnummern auch in durchaus diskutabler Qualität an; Sammler, die Ausgefallenes suchen, locken sie mit Entdeckungen in den Repertoire-Nischen.
Doch mittlerweile ist der billige auch oft ein zwielichtiger Jakob. Immer häufiger tauchen Aufnahmen mit Phantasieorchestern auf und mit Solisten unter erfundenen Namen. Vor allem aus osteuropäischen Ländern droht eine Schwemme von Produktionen zweifelhafter Herkunft und Güte.
Kurzum, auf dem Markt der Tonwaren geht es, zwischen Luxusgütern und Ramsch, drunter und drüber.
Zu viele CDs seien "entweder nicht interessant genug oder aus demselben begrenzten Repertoire", deutet Richard Lyttelton, Präsident von EMI Classic International, die sieche Szene. Das traditionelle Hochpreisgeschäft - nichts anderes als alter Wein in neuen Schläuchen - ist nach Ansicht des Decca-Präsidenten Roland Kommerell "in der Form, wie wir es bislang kannten, bestimmt nicht überlebensfähig".
Einen Grund für den Wandel sieht Hans-Joachim Schmidt von "City Music" in Berlin in der Tatsache, daß "sich das Klassikpublikum in den letzten Jahren stark verändert hat": "Wer sich da nicht anpaßt, geht schnell baden."
Was an der Kasse zählt, sind die wenigen Renner, die auch die Statistik des Phonoverbandes so blendend vergolden: Take that, was alle nehmen.
Ohne die Mitschnitte der drei Tenöre Pavarotti, Domingo, Carreras (weltweit über 23 Millionen), ohne die Klassikkapriolen der geigenden Exoten Nigel Kennedy (über 2 Millionen Vivaldi-"Jahreszeiten") und Vanessa-Mae (1,5 Millionen), ohne Karajans "Adagio"-Schmus, die zartbesaitete Glamour-Geigerin Anne-Sophie Mutter ("Romance") und den klösterlichen Singsang der Mönche aus Silos wäre das Klassikgeschäft längst im Keller. Nun steht der Einbruch ins Haus.
Noch stellen sich die Produzenten taub. Im Vertrauen auf die Zugkraft ihrer Stars und im prestigepusseligen Gerangel mit der Konkurrenz plustern sie den Katalog immer weiter auf. Doch noch ein Bach und noch ein Brahms verstärken nur den Verdruß beim längst überforderten Handel.
Für Werner Will, Abteilungsleiter klassische Musik bei Beck in München, "produzieren vor allem die großen Gesellschaften viel zuviel unverkäuflichen Mist". Von hundert neuen CDs seien gerade mal "zehn interessant und fünf anständig abzusetzen". Das Ganze sei "bescheuert", ein "Handel wie mit Persil".
Folge des Frusts: Die Händler führen das ausufernde Angebot nur noch lückenhaft, die Verkäufer - früher meist kenntnisreiche Liebhaber, heute oft hilflose Katalogwühler - geben auf: Bei mehr als 35 000 Klassiktiteln dreht sich der Kopf, und so mancher Geschäftsmann springt ganz ab.
Schon hat der englische Multi "Virgin" den Klassikladen am Berliner Ku''damm aufgegeben und auch die alteingesessene Firma Bote & Bock im Europa-Center ihre klassische Fundgrube dichtgemacht. Nächstes Frühjahr schließt auch Herder in Berlin.
Der Absturz trifft den Klassikmarkt nur scheinbar aus heiterem Himmel. Jahrelang, im Rausch des CD-Erfolgs,
boomte die Branche. Gleich stapelweise tauschten die Klassiksammler ihre schwarzen Langspielplatten gegen die neuen Silberlinge aus. Die Industrie konnte ihr ganzes Archivmaterial noch einmal zu satten Preisen umschlagen. Und da sie glaubte, das gehe immer so weiter, wurde auch munter drauflosproduziert - koste es, was es wolle.
Und es kostete immer mehr. Vor allem die Eliteorchester wie Wiens und Berlins Philharmoniker verlangten und erhielten ihren unbescheidenen Anteil aus den vollen Kassen. Das rächt sich jetzt:
* Die brandneue Aufnahme der Violinkonzerte von Brahms und Schumann mit dem Geiger Joshua Bell und dem Cleveland Orchestra unter Christoph von Dohnányi hat in der Produktion 150 000 Dollar und im Marketing 100 000 Dollar gekostet - macht, bei einem Jahresabsatz von vielleicht 3000 Stück, über Jahre nur Minus.
* In die von Sir Georg Solti dirigierte Strauss-Oper "Frau ohne Schatten", eher ein Kultstück unter Kennern als ein Knüller für die Masse, hat Decca 250 000 Dollar investiert - ein fast todsicheres Verlustgeschäft.
* EMI bot für die Neuproduktion von Beethovens zweitrangigem Tripelkonzert mit den Berliner Philharmonikern unter Daniel Barenboim eine halbe Million Mark auf - bei über einem Dutzend teilweise besserer Konkurrenzaufnahmen rausgeworfenes Geld.
* Die von Claudio Abbado und Berlins Philharmonikern produzierte Mussorgski-Oper "Boris Godunow", für den Dirigenten vor allem eine kostensenkende Vorbereitung auf seine szenische Einstudierung bei den Salzburger Osterfestspielen, war Sony Classical 1,2 Millionen Mark wert - ein verheerender Schlag ins Kontor.
Ohne Rücksicht auf den übersatten Markt, das schwindende Interesse des Publikums und - schlimmstes Kriterium - das heillose Mittelmaß in der künstlerischen Qualität sind die Gesellschaften ihren Promis immer noch zu Willen: Jeder Maestro und jedes Orchester will und darf mit jedem klassischen Evergreen in den Katalog - ein schlechter Witz bei mehr als 60 Editionen von Beethovens Neunter und über 80 von Mozarts "Kleiner Nachtmusik".
Jüngst hat Teldec mit dem Berliner Staatsopernchef Barenboim und den Philharmonikern noch einen Zyklus aller Bruckner-Sinfonien gestartet. Jede CD ist in der Produktion mit 250 000 Mark kalkuliert und künstlerisch so überflüssig wie ein Kropf.
Während derlei kostspielige Renommierprodukte, kaum veröffentlicht, schon als Ladenhüter verstauben, sind die Preisbrecher auf dem Vormarsch - kein Wunder, wenn ein Werk etwa unter dem Pultstar Lorin Maazel rund 40 Mark und, nicht mal viel schlechter, unter einem Mann zweiter Wahl gerade mal 5 Mark kostet. Vor allem junge Klassikfans schauen heute mehr auf die Mark als auf den Maestro.
Dem preisbewußten Nachwuchs in der Klassikklientel verdankt vor allem der in den Slums von Hongkong residierende Geschäftsmann Klaus Heymann, 59, seinen Bombenerfolg: "Ich kann alles verkaufen", sagt der vielseitig Gewiefte und übertreibt nicht: Von jedem der rund 1400 CD-Titel seines Preisbrecher-Labels "Naxos" setzt er wenigstens 30 000 Stück ab. Er produziert höchst kostenbewußt, bringt eine Vivaldi-Aufnahme mit 600 000 Exemplaren auch schon mal auf Rekordhöhe und wird sogar von Boulez-Klaviersonaten noch 25 000 Einspielungen los.
Heymanns Laden läuft so gut, daß ihm ein Großkonzern dafür schon einmal 100 Millionen Dollar geboten hat - zuwenig, als daß sich der Buhmann ausbooten ließe: "Erst will ich noch Branchenführer werden."
Gefährlicher als Heymanns niveauvolle Preisdrückerei sind fürs Geschäft auf Dauer jene Dunkelmänner, die mit klingendem Ramsch nur das schnelle Geld machen wollen und das gesamte Preisgefüge des Gewerbes untergraben. Vor allem auf dem US-Markt tummelt sich heute schon manch ominöse CD-Seilschaft.
All diesen Geschäftemachern tat sich über Nacht eine Goldgrube auf, als der Ostblock zusammenbrach und die Sowjetunion zerfiel. Auf einmal standen riesige, bis dahin unbekannte und unzugängliche Archive zur kommerziellen Nutzung offen - zu Ausverkaufspreisen.
Den Nachlaß des einstigen VEB "Deutsche Schallplatten", E-Musik-Sesam der DDR, verkaufte die Treuhand an den Autohändler, Grundstücksmakler und Schweinezüchter Ulrich Urban, und der glaubte: "Wer in Deutschland Autos verkaufen kann, der kann auch CDs verkaufen."
Doch die Sache lief anders. Urban schien weniger an seiner neuen "Deutschen Schallplatten Berlin GmbH" interessiert zu sein als an deren lukrativen Immobilien; der Plattenfundus wurde verzettelt; auch das Auffang-Label "Berlin Classics" kam nicht recht auf Touren.
Schwungvoller ließ sich dagegen der Handel mit einstmals sowjetischem Tongut an. Kaum war der alte Sowjetstaat zerstückelt, kursierten in den Kontoren westlicher Firmen geheimnisvolle Angebote aus der neurussischen Unterwelt: Von dem Komponisten Schostakowitsch am Klavier bis zu Pavarotti, vom Klaviervirtuosen Swjatoslaw Richter bis zum Klavierexegeten Glenn Gould war offenbar alles zu haben.
Doch die etablierten Firmen im Westen reagierten zögerlich: Die Fragen der Leistungs-, Schutz- und Urheberrechte schienen ungeklärt, die Quellen suspekt.
Um so selbstsicherer trat dafür Mister Tristan Del alias Arkady Shindelman aus Los Angeles auf den Plan, der, ein wendiger Medienmakler, beim früheren sowjetischen Staatssender Gosteleradio auf eine Goldader gestoßen war: Seine Entdeckung, posaunte er, sei "genauso wichtig wie der Fund der Schriftrollen am Toten Meer".
In einem abseits von Moskau gelegenen Lager hatte Del einen Schatz aufgetan, der erst 300 000, dann 400 000 Tonbänder enthalten sollte. Inhalt: klingende Juwelen mit der ganzen Interpreten-Nomenklatura der ehemaligen UdSSR, außerdem jede Menge Trouvaillen mit Megastars aus dem Westen. Wert: anfangs 500 Millionen, am Ende 7,5 Milliarden Dollar.
Juristisch durch einen Pulk von Anwälten unterstützt und körperlich durch versteckte Kameras in seinem Moskauer Hotelzimmer geschützt, hob Del, ein Virtuose wohl auch der Räuberpistole, seinen Schatz.
Mittlerweile will er, trotz heftiger Proteste in russischen Künstler- und Kaufmannskreisen, mit der Regierung eine faire Abmachung getroffen, auch eine Abgeltung für die noch lebenden Musiker verfügt und sogar ein vom KGB stammendes Gerät aufgetrieben haben, das - auf welche Weise auch immer - die alten Tonkonserven auffrischen könnte.
Doch auf dem Weltmarkt blieb es um Dels Fundstücke lange auffallend ruhig, und westliche Insider glaubten auch zu wissen, warum: Das rechtliche Geflecht sei weiterhin verworren.
Selbst der russische Meistercellist Mstislaw Rostropowitsch scheiterte an der wachsenden Skepsis westlicher Labels. Als der heimatabtrünnige Virtuose 1990 von seinem Moskauer Versöhnungskonzert nach London heimkehrte, hatte er 50 von ihm bespielte Bänder aus russischem Bestand im Gepäck und bot sie für 50 000 Dollar das Stück an. Aber den Gesellschaften war die Ware zu heiß.
Doch diese Woche kommen nun die ersten 30 von Dels Ausgrabungen zum Stückpreis von knapp 25 Mark in den europäischen Handel und sind nicht von Pappe: Arthur Rubinstein als Chopin-Spieler, der Geiger David Oistrach mit Brahms, Emil Gilels als Beethoven-Interpret - das Startangebot von "Telstar Records" kann sich hören lassen.
Und noch hat Del viel in der Hinterhand. Schon kündigt er - coming soon - Strawinski als Dirigent in eigener Sache, Prokofjew mit Prokofjew und Rostropowitsch mit dem ihm gewidmeten Cellokonzert von Benjamin Britten an.
Alle Achtung - und Gefahr im Verzuge: "Wenn die Schleusen im Osten erst einmal weit offen" sind, prophezeit ein Branchenkenner, "schlägt im Westen eine Bombe ein, und alles bricht zusammen".
* Mit Ehefrau Takako Nishizaki.

DER SPIEGEL 36/1996
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