09.09.1996

FestivalsMars im Beichtstuhl

Priester und Gebete, Himmel und ewige Verdammnis: Der Film hat bei den Festspielen von Venedig den Glauben wiederentdeckt.
Lieber Gott, wenn 's Dich gibt", betet die kleine Natascha beim Kirchgang, "dann mach, daß der Mann neben mir aufwacht." Der Schnarcher, dessen schlafschweres Haupt schon fast auf Nataschas Schulter gesunken ist, rappelt sich prompt auf. Ein himmlisches Zeichen? Oder nur ein Zufall?
Natascha jedenfalls wird vom Glauben verfolgt. Die Mutter redet zur Vorweihnachtszeit gern von der Unbefleckten Empfängnis und will der Siebenjährigen nicht so genau erklären, woher die Babys wirklich kommen. In Nataschas Kindskopf vermengen sich die abstrakten kirchlichen Vorstellungen mit ihren eigenen Erfahrungen: den vom Monatsblut der Mutter getränkten Unterhosen und den Pornoheften, die ihr eine Schulfreundin zeigt. Am Ende malt Natascha einer Madonnenstatue einen blutroten Schoß.
In "Die Frucht deines Leibes", ihrem Kurzfilm aus dem fernen Reich der Kindheit, zeigt die Wienerin Barbara Albert eindrucksvoll einfach, wie die Droge Katholizismus auf jemanden wirken kann, der sich noch nicht zu wehren weiß.
Neben diesem Werk lief bei den gerade zu Ende gegangenen Festspielen von Venedig eine überraschend große Zahl von Filmen, die das religiöse Seelenheil ihrer Helden auskundschaften. Es geht wieder um Schuld und Vergebung, Gottesfurcht, Gerechtigkeit und den Sinn des Lebens. Mit den alten Themen tauchen die alten Statthalter des Heils auf - mal kritisch gesehen, mal pietätvoll gefeiert: Wann gab es im Kino zuletzt mehr Soutanen als Sex zu sehen? Wann mehr Beichten als Schußwechsel? Und wann kam Gott gleich dutzendfach vor?
Mehrmals treten Priester in wichtigen Rollen auf: Sowohl Fabrizio Bentivoglio (im italienischen Beitrag "Pianese Nunzio 14 anni a maggio" ) wie auch Robert de Niro (in "Sleepers") spielen katholische Geistliche, die Jugendlichen in Problem-Stadtvierteln - ob in Neapel oder New York - seelischen Beistand leisten.
Anders als in den atheistischen Gewaltparabeln vergangener Jahre, als hip nur war, wer auf die Postmoderne und ihren Glaubenssatz des "Anything goes" schwor, bleiben Killer diesmal unterbeschäftigt. Kinder, Jugendliche und junge Frauen beherrschen die Leinwand. Oder auch ein großer unschuldig-schuldiger Tolpatsch wie Abel aus Volker Schlöndorffs "Unhold", nicht zufällig zum heiligen Christophorus stilisiert.
In Jacques Doillons Wettbewerbsbeitrag "Ponette" pflegt eine weitere Kleine heimliche Zwiesprache mit dem Allmächtigen. Ponette hat ihre Mutter bei einem Unfall verloren und versucht nun, in Gebeten die Wiederkehr der Toten zu beschwören. Mit Mutproben will sie sich gar in eine "Tochter Gottes" verwandeln. Aber erst als die Vierjährige beginnt, das frische Grab der Mutter aufzubuddeln, erbarmt sich der Film - und läßt Ponette (Victoire Thivisol) der Vermißten in einem Tagtraum begegnen. Selten ist auf der Leinwand derart geduldig die Trauer eines Kindes nachgezeichnet worden.
Auch in Abel Ferraras Gangsterstück "The Funeral" gab es einen Toten zu betrauern: Johnny, den Sproß eines New Yorker Mafia-Clans aus den dreißiger Jahren. Während er im Wohnzimmer aufgebahrt liegt und die Frauen den Rosenkranz beten, sinnen die Herren darüber nach, ob die ewige Vendetta ein Ende nehmen soll. Zweifelnd murmelt Johnnys Bruder Ray (Christopher Walken) etwas von Tod und Verdammnis - bis er dann doch den zitternden Mann vor seinem Revolverlauf erschießt.
Einen ganz anderen Blick auf die Erb- lasten einer italienisch-katholischen Auswandererfamilie wirft die Nachwuchsregisseurin Monica Pellizzari in "Fistful of Flies". Als ihre Eltern eines Tages ausgehen, macht die 16jährige Mars ihre ersten Masturbierversuche. Dabei ist sie so erfolgreich, daß ihr die Heimkehr der Eltern entgeht. Mars (Tasma Walton) wird erwischt und von der Mutter in die Kirche geschleppt. Die ist in diesem australischen Kaff kein Hort des Erbarmens, sondern der Heuchelei. Während Mars im Beichtstuhl kniet, schließt der Priester gleichzeitig per Handy Pferdewetten ab.
Ein einziger Film hatte Glaubensfragen als Thema erwarten lassen - und gerade der widmete ihnen kein einziges Bild. In Neil Jordans irischem Revoluzzerdrama "Michael Collins" geht es nicht darum, wer Katholik und wer Protestant, sondern nur darum, wer Ire und wer Engländer ist. Iren werden automatisch zu tragischen Helden in diesem nationalistischen Schmarren, und am tragischsten von allen ist die Titelfigur, ein Freiheitskämpfer aus den zwanziger Jahren, dargeboten vom mannhaften Recken Liam Neeson. Jordan hat eine Heldensage klassischer Bauart gedreht, ohne jeden Zweifel an der Richtigkeit seines Tuns. Bei ihm machen große Männer große Geschichte, und bei den Frauen (atemberaubend fehlbesetzt: Julia Roberts) ruhen sie sich aus vom Metzeln und Brandschatzen.
Bei Filmen wie diesem hilft tatsächlich nur noch Beten.

DER SPIEGEL 37/1996
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