16.09.1996

ZeitgeschichteAufstand gegen Honecker

In die nachweihnachtliche Behaglichkeit der Jahreswende 1977/78 platz- te ein publizistischer Paukenschlag: Am 2. Januar 1978 veröffentlichte der SPIEGEL unter der Überschrift "Wir sind gegen die Einparteien-Diktatur" den ersten Teil eines Textes, in dem ein "Bund Demokratischer Kommunisten Deutschlands" die Politik der SED-Spitze um Erich Honecker heftig kritisierte, Reformen in der DDR verlangte und die Wiedervereinigung Deutschlands forderte.
Die Redaktion bezeichnete das Papier als "Manifest der ersten organisierten Opposition in der DDR". Die Verfasser, die auf Anonymität Wert legten, seien "mittlere und höhere SED-Funktionäre". Eine Woche später erschien der zweite Teil der Schrift. Unter dem Titel "Korruption, wohin man blickt" enthielt er schwere persönliche Anschuldigungen gegen den Führungszirkel der SED.
Die SED-Spitze reagierte ungewöhnlich heftig. Am 6. Januar verweigerte sie dem neuen Ost-Berliner Korrespondenten des Magazins die bereits zugesagte Akkreditierung. Vier Tage später ließ sie das Büro des SPIEGEL in der ostdeutschen Hauptstadt schließen.
Auch in der Bundesrepublik hatte die Publikation beträchtliche Auswirkungen: Sie löste zwei kontroverse Debatten im Bundestag und eine breite Diskussion in den Medien aus.
Die Ansichten über Ziele und Motive der anonymen Autoren des Textes gingen von Anfang an weit auseinander. Die Bundesregierung sah in ihm ein gezieltes "Störmanöver" gegen ihre Entspannungspolitik. Die SED behauptete hingegen, es handele sich dabei "um ein elendes Machwerk, das in Wirklichkeit im Sitz des Bundesnachrichtendienstes ... ausgedacht worden ist".
Wie auf einer Blaupause waren in dem Papier, das der SPIEGEL im Januar 1978 veröffentlichte, die ökonomischen und politischen Schwierigkeiten abgebildet, in die Honeckers DDR seit Mitte der siebziger Jahre geraten war. Gleichzeitig enthielt der Text eine pointierte Begründung, wie es zu den Mißständen gekommen war: Die immer engere politische, wirtschaftliche und ideologische Orientierung an der UdSSR, welche die DDR unter der Führung Honeckers vollziehe, sei der entscheidende Grund für die aktuelle Krise. "Die DDR ist der Abklatsch einer 16. Unionsrepublik, wobei deren negative Seiten mit deutscher Gründlichkeit vergröbert sind."
Die praktischen Forderungen der Streitschrift deckten sich weitgehend mit
_ Ch. Links Verlag, Berlin.
den Gedanken der Eurokommunisten: In Anlehnung an deren Vorstellungen verlangte der Text die Einführung eines echten Mehrparteiensystems sowie Versammlungs-, Glaubens- und Pressefreiheit für die DDR. Wie sie wandte er sich gegen die Diktatur des Proletariats und den demokratischen Zentralismus. Wie sie wollte er einen von Moskau unabhängigen nationalen Weg zum Sozialismus.
Die "Manifest"-Autoren beschränkten sich bei ihrer Kritik an Honeckers politischer Linie nicht auf sachliche Argumente. Vielmehr gaben sie ihren Bemerkungen durch persönliche Angriffe auf einige Spitzenfunktionäre und deren Lebensstil in der Bonzensiedlung Wandlitz eine besondere Schärfe: "Keine herrschende Klasse Deutschlands hat jemals so schmarotzt und sich jemals so gegen das Volk gesichert wie jene zwei Dutzend Familien, die unser Land als einen Selbstbedienungsladen handhaben. Keine hat sich derart exzessiv goldene Gettos in die Wälder bauen lassen, die festungsgleich bewacht sind. Keine hat sich derart schamlos in Sonderläden und Privatimporten aus dem Westen, durch Ordensblech, Prämien und Sonderkliniken, Renten und Geschenke so korrumpiert und bereichert wie diese Kaste."
Bei der Darlegung ihrer Alternative zu Honeckers Strategie gingen die unbekannten Autoren von zwei Prämissen aus: Erstens war soziale Gerechtigkeit und die Verwirklichung eines demokratischen Kommunismus ihrer Meinung nach nur in einem Nationalstaat möglich. Zweitens sei die nationale Frage in Deutschland ungelöst, solange zwei deutsche Staaten existierten. Bis zu einer deutschen Wiedervereinigung bleibe trotz aller Entspannungspolitik ein gefährlicher Spannungsherd in Europa bestehen.
Die ideologischen Versatzstücke, aus denen das "Manifest" gezimmert war, fügten sich nicht zu einem geschlossenen Gedankengebäude. Doch nicht zuletzt wegen ihres eklektizistischen Charakters war die Streitschrift für Erich Honecker gefährlich. Das Sammelsurium von Argumenten und Ideologien erlaubte es allen möglichen Lesern, sich in ihrer Kritik am SED-Chef bestätigt zu sehen.
Daß sich die Verfasser der Streitschrift von allen in der DDR vertretenen Westmedien gerade den SPIEGEL aussuchten, um mit ihren Thesen an die Öffentlichkeit zu treten, hatte mehrere Gründe: Die Publikation im auflagenstarken SPIEGEL bot zum einen die Gewähr dafür, daß die Streitschrift für öffentliches Aufsehen sorgte.
Der SPIEGEL galt zum anderen wegen seines Eintretens für die Entspannungspolitik bei der SED als offiziöses Organ der sozialliberalen Koalition. Die Lektüre des vermeintlichen Sprachrohrs der Bundesregierung war lange Zeit Pflichtübung leitender Kader im Partei- und Staatsapparat. Auch wenn offiziell nur rund 200 Exemplare des Magazins jede Woche in die DDR geliefert wurden, war doch allen im SPIEGEL publizierten Nachrichten die Aufmerksamkeit der wichtigsten Funktionäre sicher.
Im Laufe des Jahres 1977 mehrten sich im SPIEGEL Artikel, die mit Detailkenntnissen über die parteiinternen, wirtschafts- und innenpolitischen Schwierigkeiten der SED gespickt waren. Diesen Berichten lagen offensichtlich Insider-Informationen aus dem Führungszirkel von Partei und Staat zugrunde. Der SPIEGEL verdankte sie einem Mann, der seiner Vita nach ein musterhafter SED-Funktionär zu sein schien: Hermann von Berg.
Von Berg, Professor für Politische Ökonomie an der Berliner Humboldt-Universität und lange Jahre wichtiger Unterhändler der DDR in den deutschdeutschen Beziehungen, glaubte an zwei Dinge: an den Sozialismus - und an Deutschland. Er gehörte zur Linken, war aber gleichzeitig ein deutscher Nationalist. Darin ähnelte er Egon Bahr, dem Chefunterhändler der westdeutschen Seite, der wie von Berg aus Thüringen stammte. Von Berg lag die gesamtdeutsche Perspektive der SED aufgrund seiner Herkunft aus der thüringisch-fränkischen Grenzregion besonders am Herzen.
Es war daher gewiß kein Zufall, daß gerade er im Auftrag des Zentralrats der FDJ schon während seines Studiums in Leipzig zwischen 1954 und 1959 Kontakte zu Studentenorganisationen in der Bundesrepublik und West-Berlin knüpfte. Die studentischen Kontakte paßten damals zu der Linie der SED, die Ende der fünfziger Jahre die Gemeinsamkeiten mit der Sozialdemokratie betonte und die Hoffnung auf ein sozialistisches Gesamtdeutschland nährte.
Die Kontakte wurden daher 1960 wieder abgebrochen, nachdem sich die Sozialdemokraten unmißverständlich zur Westbindung der Bundesrepublik bekannten.
Als sich die DDR-Führung nach dem Mauerbau in der Phase der beginnenden internationalen Entspannung durch Chruschtschow gedrängt sah, einen Beitrag zur Normalisierung der deutschdeutschen Beziehungen zu leisten, erinnerte man sich wieder an die abgebrochenen Gespräche der Studenten.
Die SED machte sich jetzt die Kontakte zunutze, die von Berg damals geknüpft hatte. Da einige der Studenten, die er zu jener Zeit kennengelernt hatte, inzwischen in der West-Berliner SPD und in westdeutschen Medien zu Einfluß gelangt waren, wurde von Berg als Sendbote nach West-Berlin geschickt, um anzudeuten, "daß sich manche bösen Mauerfolgen humanitär und pekuniär regeln ließen". Bei den Verhandlungen, die sich aus diesem Hinweis entwickelten und schließlich in die Berliner Passierscheinabkommen mündeten, diente er im Auftrag von Willi Stoph als Unterhändler.
Nicht zuletzt wegen seiner guten Beziehungen zu sozialdemokratischen Politikern und westdeutschen Journalisten wurde von Berg 1962 Abteilungsleiter für Internationale Verbindungen im Presseamt beim Vorsitzenden des Ministerrates. Diese Abteilung des Presseamts war damals eine der wichtigsten mit Kontakten zur Bundesrepublik beauftragten Institutionen der DDR.
Durch den ständigen Umgang mit West-Journalisten bei Empfängen, Reisen und Interviews ergaben sich zwanglos Gesprächsmöglichkeiten, die zur Weitergabe politischer Erklärungen der beiden Regierungen, zur Übermittlung von Hintergrundinformationen, aber auch zur gezielten Verbreitung von Hinweisen genutzt wurden.
Für Berg und seine Mitarbeiter gehörte die Zusammenarbeit mit dem Staatssicherheitsdienst zum Alltag. Sie mußten nicht nur die Partei und den Vorsitzenden des Ministerrates, sondern auch das MfS über alle Westkontakte informieren. Von Bergs Berichte wurden von der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA), der von Markus Wolf geleiteten Spionageabteilung des Ministeriums, gesammelt und ausgewertet.
Zwar schied von Berg bereits 1965 wieder aus dem Presseamt aus und wurde Aspirant am ZK-Institut für Gesellschaftswissenschaften. Als Sendbote der DDR-Führung hielt er jedoch den Kontakt zu westdeutschen Journalisten, Politikern und Vertretern der Wirtschaft: zu Hans Constantin Paulssen, dem Ehrenpräsidenten der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, und BDA-Pressechef Werner Mühlbradt, zu Dietrich Spangenberg, Horst Ehmke und anderen Sozialdemokraten, zu Karl-Hermann Flach, Hans-Dietrich Genscher und Karl Moersch von der FDP.
Er überbrachte Bundeskanzler Kiesinger Briefe von Ulbricht und Ministerpräsident Stoph. Er war an der Vorbereitung der Erfurter und Kasseler Treffen der beiden deutschen Regierungschefs beteiligt und traf sich, als der Grundlagenvertrag ausgehandelt wurde, regelmäßig mit Egon Bahr.
Nach der Paraphierung des Grundlagenvertrages im November 1972 mußte von Berg schrittweise von der politischen Bühne abtreten. "Danach wurde die Aufrechterhaltung der Kontakte auf ein Minimum beschränkt, und trugen, was führende Leute anbetrifft, nur noch sporadischen Charakter", notierte die HVA. Von Berg war in den Augen des neuen SED-Chefs Erich Honecker ein Mitglied der alten Mannschaft Ulbrichts und Stophs, der er nicht traute.
Doch von Berg, der sich nun als Professor in der wirtschaftswissenschaftlichen Sektion der Humboldt-Universität auf die Wissenschaft konzentrierte, hielt sowohl seine politischen Verbindungen nach Westen wie auch seine Kontakte zu den westdeutschen Journalisten aufrecht. Insbesondere mit dem SPIEGEL arbeitete er immer intensiver zusammen.
Schon seit den sechziger Jahren hatte er das Blatt zuverlässig mit deutschland- und wirtschaftspolitischen Interna der DDR versorgt. Doch im Spätsommer 1977 ging er einen entscheidenden Schritt weiter. Am 19. September rezensierte er unter Pseudonym das Werk "Die Alternative" des im August verhafteten SED-Dissidenten Rudolf Bahro für den SPIEGEL. Er stimmte dem Regimekritiker zwar nicht in allen Punkten zu, teilte jedoch dessen Ablehnung des "real-existierenden Sozialismus".
Vier Wochen später spielte von Berg dem SPIEGEL genaue Zahlen über die Misere des DDR-Außenhandels zu. 1976 habe das Land statt der geplanten 30 lediglich 9,6 Prozent seiner Ausfuhren ins nichtsozialistische Ausland geliefert. Die Prognose für 1977 sehe nicht viel günstiger aus, zumal die DDR inzwischen mit 13,3 Milliarden Mark im Westen verschuldet sei.
Seinen größten Coup landete Hermann von Berg im Dezember 1977. SPIEGEL-Korrespondent Ulrich Schwarz, dessen Zeit in Ost-Berlin am 31. Dezember 1977 ablief, hatte seine Koffer schon gepackt, als ihn kurz vor Weihnachten ein Telefonanruf von Bergs erreichte. Der Professor gab zu verstehen, daß er dem SPIEGEL "etwas Brisantes" anzubieten habe. Anders als in den Monaten zuvor bat er den Korrespondenten, ihn in seinem Haus in Schöneiche zu besuchen.
Dort empfing von Berg den Redakteur mit dem Angebot, er könne ihm die Erklärung eines "Bundes Demokratischer Kommunisten Deutschlands" diktieren, in der heftige Kritik an der DDR-Führung geübt werde. Diese Erklärung sei eine von ihm selbst formulierte Zusammenfassung verschiedener "Arbeitspapiere", die vorher innerhalb des "Bundes" zur Diskussion verbreitet worden seien.
Namen von Mitgliedern des oppositionellen "Bundes" nannte er nicht, warnte jedoch: "Falls ihr das veröffentlicht, ist das euer Ende in der DDR. Sie werden euer Büro dichtmachen und die ganze Sache westlichen Geheimdiensten in die Schuhe schieben."
An diesem Tag diktierte der Professor dem SPIEGEL-Korrespondenten nur den ersten Teil des Papiers. Dennoch entschied die Redaktion in Hamburg, den Text so bald wie möglich zu veröffentlichen, auch auf die Gefahr hin, den zweiten Teil niemals zu erhalten. Wenige Tage später reiste Schwarz nach Ost-Berlin zurück, um sich den zweiten Teil der Streitschrift diktieren zu lassen.
Unmittelbar nach den ersten Meldungen über das Manifest im West-Fernsehen ging die SED massiv gegen den SPIEGEL vor. Die offizielle Nachrichtenagentur ADN nannte die Nachricht sofort einen "schlechten Silvesterscherz" und deutete mögliche Konsequenzen an. Darüber hinaus bezichtigte ADN den SPIEGEL, er habe das "miserable Machwerk" gemeinsam mit dem BND ausgearbeitet, um die Beziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten zu stören. Damit stand die offizielle Sprachregelung fest.
Am 2. Januar, als der erste Teil des "Manifestes" im SPIEGEL abgedruckt war, bekräftigte ADN die These von der Verwicklung des BND: "Den zuständigen Stellen der DDR liegen Materialien vor, aus denen eindeutig ersichtlich ist, daß der Bundesnachrichtendienst der BRD die Aufgabe hat, eine ''sowjetische Gefahr'' an die Wand zu malen...und unter Anwendung der verschiedensten Mittel und Methoden den Aufbau des Sozialismus in der DDR zu sabotieren sowie den weiteren Entspannungsprozeß zu gefährden."
ZK-Sekretär Werner Lamberz machte sich bei Erich Honecker für die augenblickliche Schließung des Redaktionsbüros stark. Als das Politbüro am 10. Januar 1978, einen Tag nach der Veröffentlichung des zweiten "Manifest"-Teils, zur ersten Sitzung im neuen Jahr zusammenkam, setzte Honecker die Schließung durch.
Freilich reichte diese radikale Maßnahme allein weder aus, die Unruhe in der Bevölkerung zu beenden noch die Sowjetunion zu beruhigen. Die UdSSR war aus drei Gründen beunruhigt.
Einmal war die harsche Reaktion der SED dazu angetan, denjenigen im Westen Auftrieb zu geben, die für eine Politik der Konfrontation gegenüber dem Ostblock plädierten. Dies mußte ihre Verhandlungsposition bei der laufenden KSZE-Folgekonferenz in Belgrad verschlechtern.
Wichtiger war, daß die antisowjetische Stoßrichtung des "Manifests" Moskaus ohnehin virulenten Argwohn in bezug auf die Bündnistreue der DDR bestätigte. Vor allem aber verstärkte die SPIEGEL-Publikation in der Sowjetunion die Sorge, daß Honecker die innere Stabilität der DDR nicht mehr gewährleisten könne, die nach den Querelen um Biermann, Havemann und Bahro ohnehin gefährdet schien.
Um die argwöhnischen Sowjets zu beruhigen, schickte Honecker Hermann Axen nach Moskau. Zu seiner Erleichterung erfuhr dieser in Gesprächen mit Boris Ponomarjow, dem für die Bruderparteien im Westen verantwortlichen ZK-Sekretär, und Konstantin Russakow, zuständig für die an der Macht befindlichen kommunistischen Parteien, daß die Sowjets die Schließung des SPIEGEL-Büros keineswegs mißbilligten.
Da der UdSSR weniger an der Fortsetzung der Entspannungspolitik als an der Konsolidierung des Ostblocks gelegen war, nutzten Axens Gesprächspartner die Gelegenheit, die DDR auf einen strikteren Abgrenzungskurs einzuschwören.
Schwerer fiel es der DDR-Führung, den Argwohn hinsichtlich nationaler Sonderwege der Deutschen zu zerstreuen, der durch das im "Manifest" vorgetragene Neutralitätskonzept neue Nahrung erhalten hatte. Axen leugnete jede Sonderentwicklung in der DDR und versuchte, das neuerwachte Mißtrauen als eigentliches Ziel des "Manifests" darzustellen.
Auch Honecker selbst mußte sich Vorwürfe wegen des "Manifests" anhören. Leonid Breschnew persönlich soll ihn in einem Telefongespräch darauf hingewiesen haben, daß die Veröffentlichung im SPIEGEL kein Zufall gewesen sei. Sie müsse vielmehr im Zusammenhang mit Auflösungserscheinungen in der DDR gesehen werden. Dort beginne ein Teil der Bürger, von Klassenpositionen abzugehen und die Bundesrepublik nicht mehr als ideologischen Gegner zu sehen, sondern als reichen Verwandten, "mit dem es recht vorteilhaft ist, Verbindungen aufrechtzuerhalten und zu entwickeln".
Honeckers zweite Sorge war, daß an der Parteibasis Gerüchte über einen Bruch in der SED entstehen könnten, wie ihn der SPIEGEL vermeldet hatte. Die beiden Ausgaben des SPIEGEL mit dem "Manifest" wurden deswegen zu hochgefährlichem Sprengstoff erklärt, der sorgfältig unter Verschluß zu halten war. Den Abteilungsleitern im ZK wurde fortan die Lektüre des SPIEGEL verboten. Und sogar die Mitglieder und Kandidaten des Politbüros, an welche die beiden Nummern ausgegeben worden waren, wurden von der Büroleiterin des Politbüros aufgefordert, die Hefte gleich nach der Lektüre zurückzugeben.
Da die SED-Spitze jedoch davon ausgehen mußte, daß zahlreiche SPIEGEL-Hefte trotz dieser Sicherheitsvorkehrungen in die DDR eingeschmuggelt worden waren, führten SED-Funktionäre nach der Schließung des SPIEGEL-Büros auf unzähligen Bürgerforen, Betriebs- und Parteiversammlungen, in Rundschreiben und Zeitungsartikeln ideologische Schaukämpfe.
In fast allen Bezirken wurden den Parteifunktionären unliebsame Fragen gestellt. Aus Leipzig und Cottbus etwa meldeten die Bezirksleitungen, Genossen wie Nichtparteimitglieder beklagten, daß man über "das Machwerk" nicht diskutieren könne, solange sein Inhalt unbekannt sei.
Im thüringischen Suhl fragte ein SED-Genosse: "Warum wird das ''Manifest'' nicht bei uns veröffentlicht, wir könnten dann doch besser argumentieren." Auch in Potsdam wollten die Bürger wissen: "Was steht tatsächlich in dem SPIEGELArtikel drin?"
Der SPD kam die SPIEGEL-Veröffentlichung denkbar ungelegen. Eine öffentliche Diskussion über die Entspannungspolitik paßte der Partei nicht ins Konzept. Darüber waren sich die pragmatischen Deutschlandpolitiker um Bundeskanzler Schmidt ausnahmsweise mit denjenigen einig, die ein stärkeres deutschlandpolitisches Engagement der Bundesregierung forderten.
Der Grund für die ungewohnte Einmütigkeit war ein Brief, den der Bundeskanzler nicht zuletzt aufgrund des Drängens von Herbert Wehner und Bonns Ständigem Vertreter in Ost-Berlin Günter Gaus kurz vor Weihnachten an Honecker geschrieben hatte. Schmidt wollte jetzt doch selbst die deutschlandpolitische Initiative ergreifen und versuchen, die festgefrorenen Beziehungen durch einen Dialog auf höchster Ebene flottzubekommen.
Die deutschlandpolitischen Aktivisten der SPD, die vor allem in der von Wehner geführten Bundestagsfraktion saßen, fürchteten, dieser zarte Keimling eines deutsch-deutschen Gipfeltreffens könne durch eine emotionsgeladene öffentliche Diskussion über das SPIEGEL-Papier zertreten werden. Deshalb versuchten sie, die Bedeutung des Papiers möglichst herunterzuspielen.
Wehner war nicht nur wegen der Gefährdung eines - noch nicht einmal vereinbarten - Gipfeltreffens besorgt. Das "Manifest" bereitete ihm auch aus anderen Gründen Kopfzerbrechen: Zum einen war er sicher, daß Honecker dadurch in erhebliche Bedrängnis geraten würde. Honecker war jedoch nach Wehners Ansicht der einzige Garant für den Fortgang der deutsch-deutschen Entspannung.
Zum anderen war Wehner besorgt, daß man ihn persönlich mit dem SPIEGEL-Papier in Zusammenhang bringen könnte. Glich der Text nicht fast wörtlich Wehners eigenen Wiedervereinigungsideen aus den fünfziger Jahren?
Aus diesen Gründen hielt es der SPD-Fraktionsführer für notwendig, sich in schroffer, ja spektakulärer Weise von dem Text zu distanzieren. In einem Interview im Hessischen Rundfunk erklärte er: "Diejenigen, die diese Provokation gemixt haben, den Explosivstoff gemixt haben, können sich heute nicht nur die Hände, sondern auch noch andere Körperteile reiben, weil es ihnen gelungen ist, die Pseudo-Debatte hier zu beherrschen." Eine Woche später bekräftigte er vor dem Bundestag seine barsche Ablehnung.
Die Ermittlungen des MfS auf der Suche nach den Urhebern des "Manifests" begannen erfolgreich: Sehr bald stieß man auf von Berg.
Schon vor der "Manifest"-Veröffentlichung hatte sich in den Akten belastendes Material gegen ihn angesammelt. In einem Bericht über die Beschattung von Ulrich Schwarz hatte die Abteilung HA II Anfang Dezember "trotz lückenhafter Kontrollmaßnahmen" im Zeitraum von Dezember 1976 bis Oktober 1977 allein 14 Begegnungen zwischen dem SPIEGEL-Korrespondenten und von Berg registriert. Am 15. Dezember hatten die Abwehrexperten dann ein Telefongespräch abgehört, in dem die beiden für denselben Tag ein Treffen in der Ost-Berliner Innenstadt vereinbarten.
Im Rahmen der Fahndungsaktion, die nach der Veröffentlichung des ersten "Manifest"-Teils anlief, kam ein neuer Beweis hinzu, der von Berg stark belastete. Den abgehörten Telefongesprächen des ehemaligen SPIEGEL-Korrespondenten Mettke entnahm die HA II, daß dieser von Berg für den Informanten des Magazins hielt. Das genügte den unter Erfolgsdruck stehenden MfS-Offizieren.
Am Tag, an dem der SPIEGEL den zweiten Teil des "Manifests" abdruckte, erwarteten von Berg am Hinterausgang der Humboldt-Universität zwei Staatssicherheitsoffiziere, die ihn zu einem wartenden Auto lotsten und in eine außerhalb Berlins gelegene MfS-Villa brachten. Dort wurde er unter Hausarrest gestellt und wochenlang verhört.
Die Ermittlungen, über deren Fortgang sich Erich Mielke und sein Erster Stellvertreter Bruno Beater regelmäßig unterrichten ließen, übernahm Oberstleutnant Krüger von der HA IX, dem "Untersuchungsorgan" des MfS.
Krüger mußte freilich die Entdeckung machen, daß es selbst mit dem aufgeblähten Sicherheitsapparat der DDR nicht möglich war, jede oppositionelle Regung bis zu ihrem Ursprung zurückzuverfolgen. Es gelang ihm nicht, die Hintergründe der "Manifest"-Veröffentlichung aufzuklären.
Da von Berg alle Papiere und Notizen, die ihn belasten konnten, verbrannt hatte, fand die Staatssicherheit bei drei Hausdurchsuchungen "nicht den geringsten Anhaltspunkt eines Beweises", so von Berg später. Krügers Hoffnung, wenigstens in den HVA-Unterlagen Indizien für dessen Schuld zu finden, wurde ebenfalls enttäuscht: Die Akten bestätigten die Aussage des Verhafteten, er habe den Umgang mit West-Journalisten mit Wissen der HVA gepflegt und jede Preisgabe von Informationen sei mit HVA-Offizieren abgesprochen gewesen.
Krüger blieb nur die Hoffnung, daß von Berg seine Schuld selbst gestand. In wochenlangen Verhören versuchte er, ihm ein Geständnis abzupressen. Als auch dies mißlang, gerieten die Ermittlungen in eine Sackgasse.
Anfang Februar notierte Krüger: "Zusammenfassend muß eingeschätzt werden, daß von Berg gegenwärtig keine Straftat bewiesen werden kann und keine Möglichkeiten bestehen, kurzfristig zu derartigen Beweisen zu gelangen."
Krüger schlug deshalb vor, von Berg einen Handel anzubieten: Das MfS werde ihn freilassen, wenn er sich dazu verpflichte, absolutes Stillschweigen über seine Haft zu bewahren und alle Kontakte zu Westdeutschen abzubrechen.
Der Vorschlag wurde zunächst abgelehnt. Honecker, der sich von Mielke über den Fortgang der Untersuchungen unterrichten ließ, war nicht gewillt, einen Mann, der im Verdacht stand, die Macht der SED-Führung zu unterminieren, nur deswegen freizulassen, weil man seine Schuld nicht eindeutig beweisen konnte.
Seiner Bekanntheit im Westen verdankte es von Berg, daß er schließlich doch nicht verurteilt wurde. Das Verschwinden eines Menschen, der über so enge Kontakte zu Westdeutschen verfügte, war auch in der DDR nicht mehr zu verheimlichen.
Schon Mitte Januar hatte Krüger befürchtet, "daß die Journalisten der BRD von einer Inhaftierung bald Kenntnis erhalten und diese zur Forcierung ihrer Hetze ausnutzen, insbesondere versuchen werden, damit die Rolle des BND als Verfasser des SPIEGEL-Machwerks in Abrede zu stellen". Um dem vorzubeugen, hatte die Staatssicherheit die Legende verbreitet, von Berg befinde sich auf einer längeren Dienstreise in Moskau.
Dennoch verbreitete sich im Westen das Gerücht, von Berg sei entführt worden. Am 8. März meldete die Nachrichtenagentur Reuter, der Ost-Berliner Wirtschaftsprofessor von Berg sei seit Wochen unauffindbar, sein Verschwinden stehe offensichtlich im Zusammenhang mit dem SPIEGEL-"Manifest". Am nächsten Tag waren die westdeutschen Tageszeitungen voll von Spekulationen über das Verschwinden des Professors.
Reuter hatte für die Verbreitung der Nachricht einen taktisch günstigen Zeitpunkt ausgewählt. Gerade in jenen Tagen konnte sich Honecker neue negative Schlagzeilen über die DDR nicht leisten, fand doch am 9. März im Bundestag die Debatte über den jährlichen Bericht zur Lage der Nation statt, die von der Opposition in der Regel für eine Abrechnung mit der Deutschlandpolitik der Regierung genutzt wurde. Wenn in der DDR immer noch Menschen einfach verschwinden konnten, gab dies schließlich denjenigen recht, die glaubten, das ostdeutsche Regime habe sich seit Ulbrichts Zeiten im Prinzip nicht verändert.
Was blieb zu tun? Den Professor weiterhin in Haft zu behalten und abzuwarten, bis er mürbe würde, war wegen des Pressewirbels in der Bundesrepublik nicht länger möglich. Für einen öffentlichen Prozeß gegen von Berg reichten jedoch die Beweise nicht aus. Notgedrungen griff man daher auf Krügers Vorschlag zurück, von Berg einen Handel anzubieten: Haftentlassung gegen Kooperation.
Nachdem von Berg sich bereit erklärt hatte, in Zukunft alle Kontakte zu Westjournalisten abzubrechen und in der Öffentlichkeit die Geschichte über seine angebliche Dienstreise zu bestätigen, wurde er noch am Abend des 9. März zurück in sein Haus gebracht.
Von dort aus mußte er im Beisein eines MfS-Offiziers in der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin anrufen, um die Gerüchte über seine Verhaftung zu dementieren. Dem ARD-Korrespondent Pleitgen, der vom MfS einen Wink erhalten hatte, wann er von Berg vor dessen Haus abfangen könne, erzählte der Professor am folgenden Tag die gleiche Geschichte: Er wisse nicht, was das Gerede von seinem Verschwinden zu bedeuten habe. Er sei gestern von einer Dienstreise aus Moskau zurückgekommen, zu der er plötzlich aufbrechen mußte.
Mit seiner Entlassung aus der Haft war die Leidenszeit für von Berg jedoch nicht zu Ende. Auf Druck der Kaderabteilung des ZK und der Bezirksparteikontrollkommission betrieb der damalige Prorektor für Gesellschaftswissenschaften an der Humboldt-Universität Dieter Klein später seine Versetzung von der wirtschaftswissenschaftlichen in die politisch weniger bedeutende historische Sektion. Auf seinem Hauptinteressengebiet, der EG-Forschung, durfte von Berg nicht mehr arbeiten. Die Universitätsleitung schränkte seine Lehrmöglichkeiten und wissenschaftlichen Kontakte erheblich ein, machte Dienstreisen und Publikationen innerhalb der DDR unmöglich.
Acht Jahre später gab von Berg entnervt auf. Als sich ihm durch die Fürsprache Brandts und Bahrs die Möglichkeit bot, in die Bundesrepublik auszureisen, verließ er im Mai 1986 die DDR.
Von Bergs Aussagen über seine Mitstreiter beim "Manifest" sind bis heute widersprüchlich: Zwei Jahre nach seiner Übersiedlung in die Bundesrepublik behauptete er lediglich, einige leitende Genossen aus dem "Bund" zu kennen, die ihn gebeten hätten, "für ihre ''Erklärung'' den Weg zum SPIEGEL freizumachen". Mitglied ihres Zusammenschlusses sei er nicht gewesen.
Erst im Mai 1995 nannte er der Berliner Zeitung "diejenigen, die sich als seine Mitstreiter im BDKD verstanden": Gerhard Weiß, ein ehemaliger Stellvertreter von Ministerpräsident Stoph, Peter-Bernd Schulz, Philosoph und Jurist an der Humboldt-Universität, Kurt Heuer, ehemals Sektionschef für Marxismus-Leninismus an derselben Universität, der Leipziger Historiker Heinz Niemann, der 1983 in den Westen geflohene Philosoph Franz Loeser und ein Berliner Physiker mit Namen Wolfgang Decker. Verbindungen hatte die Gruppe von Berg zufolge auch zu einem Oberstleutnant der Militärakademie "Friedrich Engels".
Zusammen mit diesen Vertrauten habe er die Unzulänglichkeiten des östlichen Wirtschaftssystems, den schleichenden Zerfall des Staates und die Trägheit des Funktionärsapparates diskutiert, so von Berg. "Wir versuchten, jeder in seinem Wirkungsbereich, unsere Ideen weiter zu vermitteln, um mehr Menschen zum konstruktiven Nachdenken und Verändern zu ermutigen. Uns einte die Idee eines Deutschlands unter linkssozialdemokratischer Führung."
Ob die genannten SED-Mitglieder darüber hinaus wirklich in einem organisierten oppositionellen "Bund" zusammengeschlossen waren und sich gemeinsam zu einer Publikation ihrer Thesen im SPIEGEL entschlossen hatten, erscheint äußerst zweifelhaft.
Zum einen macht die Tatsache stutzig, daß ein "BDKD" weder vor noch nach der SPIEGEL-Veröffentlichung öffentlich von sich reden gemacht hat.
Für die Zeit bis 1990 ist diese Zurückhaltung verständlich, wenn man bedenkt, wie groß das Risiko oppositioneller Äußerungen in der DDR bis zum Schluß war und wie skeptisch die westdeutsche Öffentlichkeit insgesamt auf die SPIEGEL-Publikation reagiert hat. Unverständlich bleibt jedoch, wieso sich auch nach dem Ende der SED-Herrschaft außer Hermann von Berg niemand zu einer Mitgliedschaft im "BDKD" bekannt hat, als ein soches Bekenntnis nicht nur gefahrlos war, sondern überdies den Lorbeer des Regimekritikers eingebracht hätte.
Darüber hinaus wirkt es merkwürdig, daß vier der sechs Personen, die von Berg der Berliner Zeitung im Mai 1995 als seine Mitstreiter im "BDKD" genannt hat, bereits vor dem Ende der DDR gestorben sind: Peter-Bernd Schulz hatte bereits am 5. Januar 1975 Selbstmord begangen. Gerhard Weiß starb 1986, Kurt Heuer 1987 und Franz Loeser im Januar 1990.
Der frühere Leipziger Geschichtsprofessor Heinz Niemann hat sich 1991 im Deutschland Archiv und 1994 im Neuen Deutschland zu seiner Beteiligung an der Entstehung des "Manifests" geäußert. Seine Aussagen sind die einzige Ergänzung zu der Schilderung von Bergs.
Anders als von Berg bezeichnete Niemann den kleinen Zirkel, in dem die später in der SPIEGEL-Streitschrift publizierten Ideen diskutiert wurden, nicht als "Bund". Er sprach statt dessen von einem "informellen Geflecht, aus dem Informationen und alternative Schlußfolgerungen stammten". Niemann nannte die im SPIEGEL veröffenlichten Thesen "heterogene, nicht abgeschlossene Diskussionsergebnisse", zu denen er selbst die Passagen zur Geschichte der Arbeiterbewegung, zum Eurokommunismus und zur westdeutschen Sozialdemokratie beigetragen habe.
Die polemischen Formulierungen des Textes habe von Berg nicht mit ihm abgestimmt. Die Entscheidung, mit der Publikation im SPIEGEL an die Öffentlichkeit zu treten, sei ein "Alleingang von Bergs" gewesen.
Daß es keinen organisierten "Bund" gab, bedeutet jedoch nicht automatisch, daß die Aussagen von Bergs über seine Gesinnungsgenossen nicht der Wahrheit entsprechen. Die Zusammensetzung des Diskussionskreises beschrieb auch Niemann als "ganz kleine Gruppe von Parteiintellektuellen und Funktionären aus der SED", deren Kontaktmann in der Regierung neben Gerhard Weiß der stellvertretende Außenhandelsminister Heinz Behrendt gewesen sei.
Selbstverständlich läßt diese Deutung der Ereignisse Fragen offen: Von Berg waren die Überwachungsmaßnahmen, die das MfS gegen ihn eingeleitet hatte, nicht verborgen geblieben. Er konnte deswegen nicht darauf hoffen, daß sein Tun folgenlos bleiben würde. Der Autor des "Manifests" habe nach DDR-Strafrecht "Hochverrat" begangen, urteilte damals etwa ein Gutachter des Ministeriums für innerdeutsche Beziehungen. "Lebenslänglich Bautzen" habe von Berg riskiert, bestätigte auch Markus Wolf nach der Wende.
Kannte Berg die Machtverhältnisse in der DDR nicht gut genug, um zu wissen, daß die verzweifelte Tat eines einzelnen außer dessen Inhaftierung nichts bewirken würde? War er trotz allem nicht doch "ein typischer Funktionär", wie Schwarz im Rückblick meint, und "kein Kamikaze", der seine gesicherte Existenz und das Wohlergehen seiner Familie leichtfertig aufs Spiel setzte?
Wer derartige Überlegungen anstellt, wirft unweigerlich die Frage auf, ob die Attacke auf Honecker nicht von einflußreicher Seite unterstützt wurde. Da von Berg sowohl zum Regierungsapparat Willi Stophs als auch zu Markus Wolfs HVA Beziehungen unterhielt, sind gleich zwei mögliche Hintermänner denkbar.
Während es für die Beteiligung Stophs bislang keine deutlichen Hinweise gibt, legen Berichte ehemaliger HVA-Offiziere den Verdacht nahe, daß die HVA an der Entstehung des "Manifests" beteiligt gewesen sein könnte. Zwei Mitarbeiter der HVA-Abteilung X, die von Bergs Berichte verwaltete, deuteten nach der Wende an, "daß bestimmte Hardliner im MfS ein Interesse an einer solchen Veröffentlichung hatten". Sie berichteten außerdem, daß Mielke nach der Verhaftung von Bergs interne Untersuchungen gegen die HVA eingeleitet habe.
Markus Wolf war jedoch - wie auch Willi Stoph - ein in der Wolle gefärbter kommunistischer Funktionär. Es ist unwahrscheinlich, daß er aus eigenem Antrieb und ohne Rückendeckung aus Moskau gehandelt hat. Wenn von Berg seinen Text dem SPIEGEL wirklich im Auftrag Wolfs zugespielt haben sollte, wären die wirklichen Drahtzieher daher mit großer Wahrscheinlichkeit in Moskau zu suchen.
Könnte von Berg mit sowjetischen Befürwortern einer deutschen Wiedervereinigung in Verbindung gestanden haben, die ein wirtschaftlich starkes und neutralisiertes Gesamtdeutschland einer maroden DDR vorzogen? Könnten diese Kreise in der schweren Erkrankung des sowjetischen Staats- und Parteichefs im Winter 1977/78 das Ende der Breschnew-Ära erblickt und eine außenpolitische Wende der UdSSR für möglich gehalten haben? Könnte das "Manifest" als Testballon gedacht gewesen sein, wie die Deutschen in Ost und West auf ein derartiges Wiedervereinigungangebot reagieren würden?
Ohne Zweifel stand Hermann von Berg mit Wjatscheslaw Daschitschew in Kontakt, dem Abteilungsleiter für Internationale Beziehungen am Moskauer Institut für die Wirtschaft des Sozialistischen Weltsystems. Daschitschew war einer jener "gesamtdeutschen" Russen, die glaubten, der Status quo in Mitteleuropa widerspreche den sowjetischen Interessen. "Es wäre falsch, die Wiedervereinigung und die Neutralisierung Deutschlands nur als Preisgabe von Positionen des Sozialismus in der DDR zu betrachten", schrieb er 1987 in einem Gutachten. Vielmehr könne die "Variante des geeinten neutralen Deutschlands (...) vom Standpunkt der nationalen Interessen der Sowjetunion als insgesamt sehr vorteilhaft betrachtet werden".
Nach dem Untergang der UdSSR behauptete Daschitschew, er habe schon seit Mitte der siebziger Jahre versucht, "den gefährlichen antinationalen Charakter der sowjetischen Außenpolitik den politischen Kreisen in Moskau in vertraulichen Denkschriften und Gutachten allmählich klarzumachen und einen Wandel in dieser Politik herbeizuführen".
Das Konzept des sowjetischen Wissenschaftlers ähnelt den deutschlandpolitischen Passagen des "Manifests" auf verblüffende Weise. Doch wirft die These, von Berg habe mit gesamtdeutsch orientierten Kreisen in der UdSSR Verbindung gehalten, mehr Fragen auf, als sie beantwortet: Wie stark war die gesamtdeutsche Fraktion in der UdSSR zu dieser Zeit? Bestand sie nur aus wenig einflußlosen Wissenschaftlern wie Daschitschew? Oder gab es Verbindungen zur Partei- und Staatsspitze? Wer waren die Vertrauensleute dieser Gruppe in der DDR? Bestanden neben den Kontakten mit von Berg auch Verbindungen zu wirklichen Spitzenfunktionären?
Fest steht nur so viel: Falls Hermann von Berg die Veröffentlichung des "Manifests" tatsächlich mit gesamtdeutsch orientierten Kreisen in der Sowjetunion abgesprochen hat, haben er und seine Gesinnungsgenossen die Situation falsch eingeschätzt.
Ist es eine zufällige Kapriole der Geschichte oder der späte Triumph tieferer Einsicht, daß Hermann von Bergs "Manifest" heute wie eine hellsichtige Prophezeiung des Untergangs der DDR anmutet?
Von Berg hatte recht, wenn er schrieb, daß sich bereits 1977/78 der wirtschaftliche Bankrott des Honecker-Regimes abzeichnete. Er hatte recht mit der Feststellung, daß die deutsche Frage noch nicht erledigt war. Er hatte recht, wenn er die Wirtschaftspolitik des SED-Chefs als irrational und seine Deutschlandpolitik als kurzsichtig bezeichnete.
Wer auf dem Tiger reitet, darf nicht absteigen, sagt ein altes chinesisches Sprichwort, das Honecker als Leitmotiv seiner Politik gedient haben könnte. Daß der Ritt auf dem Tiger am Abgrund enden würde, hat Hermann von Berg früher erkannt als die meisten anderen. Es im SPIEGEL-Manifest laut und vernehmlich ausgesprochen zu haben ist sein historisches Verdienst.
_ Ch. Links Verlag, Berlin. * FDJ-Vorsitzender Egon Krenz, Leonid Breschnew und Willi Stoph bei der 25-Jahr-Feier der DDR 1974. * Bei seiner Ausreise aus der DDR im Mai 1986. * Oben: 1979 in Ost-Berlin; unten: 1973 in der Schorfheide bei Berlin, rechts der damalige FDP-Fraktionsvorsitzende im Bundestag Wolfgang Mischnick. * Die Politbüromitglieder Erich Honecker, Günter Mittag und Erich Mielke nach der Jagd.
Von Dominik Geppert

DER SPIEGEL 38/1996
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